„Wir könnten hier einen Riesen erwischen. “ Ich werfe die Rute aus und beobachte, wie der Köder auf das Wasser klatscht. Der Wind reißt an der Schnur, die Wellen schlagen ans Ufer, aber ich bin voller Hoffnung. Das ist das Schöne am Angeln: Beim nächsten Wurf kann alles passieren.

Ian steht neben mir, hält das Handy und schafft es nicht mal, grade zu halten. „Kannst du nicht einfach stillhalten? “, frage ich. Er grinst.
„Ich kann nicht, Lauren. “
„Perfekter Wurf. Perfekter Wurf bei perfektem Wind. “
Ich schnaube.
Und dann spüre ich etwas Scharfes in der Shorts. „Ich habe Dreck in meiner Shorts“, sage ich. „Dreck. In meiner Shorts.
“
So läuft der Tag. Der Livestream läuft seit einer Stunde, und wir haben nichts gefangen. Die Zuschauer bekommen eine Meisterklasse im Nichtsfangen. Ich versuche zu lächeln, aber die Kiefermuskeln sind angespannt.
Der Topwater-Köder tanzt auf dem Wasser, die Wellen schlucken ihn immer wieder, und kein einziger Fisch interessiert sich dafür. „Es ist zu windig“, sage ich. „Das ist alles. Zu windig für Topwater.
“
Normalerweise bin ich die Ruhe selbst. Angeln heißt für mich: atmen, warten, beobachten. Aber heute hat der Wind meine Geduld aufgefressen. Übrig ist eine Frau, die mit einem Plastikköder auf einen See einhackt, der nicht antwortet.
„Ich packe zusammen“, sage ich in die Kamera. „Wir ziehen um. “
Die Zuschauer fragen, ob ich sicher bin. Nein, bin ich nicht.
Aber hier ist nichts mehr zu holen. Ich räume mein Zeug zusammen und schaue kurz zu Bonzi, meinem kleinen Baum, der langsam wächst. „Ich hätte gern so einen Bananenbaum“, murmle ich. „Die mit den großen Blättern.
Sieht richtig schön aus. “
Jetzt ist aber nicht die Zeit für Pflanzen. Der Shrimp liegt bereit, die Würmer sind dabei, und der Topwater-Köder hat noch keinen einzigen Zentimeter Erfolg gebracht. „Wir gehen zu den Bluegills“, sage ich.
„Wenn sie noch da sind, fange ich sie. Wenn nicht, hauen wir ab. “
Ich laufe das Ufer entlang und versuche, leise zu sein. „Ich wechsle den Spot“, sage ich.
„Das ist kein Aufgeben. Das ist Strategie. “
Irgendwer schreibt etwas, das ich nicht lesen will. Ich blockiere ihn.
„Das war nicht okay“, sage ich. „Das war wirklich nicht okay. “
Dann schaue ich auf das Wasser. Trüb, dreckig, ungemütlich.
Ein Zuschauer schreibt: „Kopfsprung! “ Ich lache – zum ersten Mal an diesem Tag. „Klar. Kopfsprung in die Brühe.
Genau das, was ich jetzt brauche. “
Ich werfe die Rute aus. Warte. „Ich dachte, ich hätte da etwas gesehen“, murmle ich.
Eine Minute vergeht. Dann noch eine. Nichts. „Sie sind weg“, sage ich.
„Die Bluegills sind weg. “
Die Wut steigt hoch. Ich hätte fast ein schlechtes Wort gesagt. Und dann passiert es: Das Handy rutscht mir aus der Hand.
Ich fange es ab, gerade noch, ein paar Zentimeter über dem Wasser. „Das wäre wirklich übel gewesen“, sage ich. „Das Handy im See. Nach so einem Tag.
“
Die Zuschauer lachen. Ich nicht. „Da drüben ist ein Fisch“, sage ich plötzlich. Ich starre auf eine Stelle, an der sich etwas bewegt hat.
Oder war es nur der Wind? Ich will es so sehr, dass ich anfange, Dinge zu sehen, die nicht da sind. „Komm schon, Fisch. Komm schon.
“
Nichts. Okay. Das war’s. Jetzt bin ich wirklich fertig.
„Ich packe zusammen. Wir verschwinden. Ich gehe zum Auto, hole mein anderes Handy – dieses hier hat kaum noch Akku – und dann suchen wir uns einen Platz, wo es klappt. Das hier ist inakzeptabel.
“
„Yelp-Bewertung: ein Stern. Keine Fische. “
Dann fällt es mir ein: Ich habe heute nichts gegessen. Kein Essen dabei, nichts.
Das erklärt vermutlich die Kopfschmerzen und die Gereiztheit. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Sandwiches. Erst Auto, dann Handy, dann vielleicht etwas zu essen. Ich verstaue die Rute und mache mich auf den Weg.
Es ist eine lange Strecke bis zum Auto. Ich laufe an Bonzi vorbei, an der Stelle, an der ich beinahe mein Handy verloren hätte, an all den Würfen, die heute nichts gebracht haben. Die Zuschauer begleiten mich. Einer will meine Stiefel sehen.
„Warum wollt ihr meine Stiefel sehen? “, frage ich. „Was ist daran interessant? “
Sie schreiben irgendetwas von Füßen.
Ich schüttle den Kopf. „Ihr seid komisch. “
Aber irgendwie ist es auch schön. Sie sind da, sie gehen mit, sie sind Teil davon – auch wenn ich nichts fange.
„Wisst ihr was? “, sage ich. „Ihr seid technisch gesehen mit mir hier draußen. Das ist schon irgendwie cool.
“
Das Handy zeigt noch fünfzehn Prozent. Ich hoffe, das andere Handy liegt wirklich im Auto. Hoffen ist im Moment alles, was ich habe. Der Wind hat komplett nachgelassen, als ich am Auto ankomme.
Der See liegt glatt da, wie ein Spiegel. Jetzt. Jetzt ist das Wetter perfekt. Jetzt, wo ich aufgeben will.
Und dann sehe ich sie. Kleine Baby-Barsche, vielleicht zwei Zentimeter groß, die dicht unter der Oberfläche schwimmen. Direkt vor mir. Als wüssten sie, dass ich keine Rute mehr in der Hand habe.
Als würden sie mich veräppeln. „Ich sehe euch“, sage ich. „Ich sehe euch. Ich sehe euch.
“
Sie zucken weg und verschwinden in der Tiefe. Ich bleibe stehen. Die Sonne knallt auf das Wasser, der Eimer mit dem Shrimp hängt noch an meiner Hand, und keiner von den Fischen hat mich heute für voll genommen. „Ich bin so wütend“, sage ich leise.
„So wütend. “
Ich atme tief durch. Schau auf das leere Wasser. Dann auf das Auto.
Egal.


