„Halt die Rute so. Den Köder wechselst du besser. Die Fische stehen da drüben. “
Ich stand am Wasser, die Rute in der Hand, den Köder längst in der Strömung – und hörte zu.

Freundlich. Hilfsbereit. Endlos. Der Mann neben mir redete auf mich ein, ohne Punkt und Komma, als hätte ich noch nie eine Angel gehalten.
Als würde ich das Ganze nur faken. Er meinte es nicht böse. Das war das Ärgerliche daran. Es war nicht das erste Mal.
Es war nicht das zehnte Mal. Dabei hatte ich schon Haie gefangen. Riesige Fische, mit eigenen Händen, eigenen Ködern, eigenen Entscheidungen. Aber das interessierte in diesem Moment niemanden.
Und je öfter mir das passierte, desto lauter wurde die Frage in mir: Würden sie genauso reden, wenn ich ein Mann wäre? An diesem Morgen saß ich vor der Kamera, die Haare zerzaust, kein Make-up im Gesicht, und versuchte gleichzeitig, meine Sachen zu finden, mich einzucremen und den Chat im Blick zu behalten. Wir waren gerade erst live gegangen – auf Twitch und YouTube. Mein Angelzeug lag noch halb zusammengepackt in der Ecke.
Ich sah aus, als wäre ich gerade aufgewacht und direkt in den Stream gestolpert. „Bear with me“, sagte ich in den Chat. „Ich sehe gerade wirklich chaotisch aus. “
Sofort kam die Antwort: „Da ist ein Bär bei dir?
“
Ich musste lachen. „Nein. Ich meinte: habt Geduld mit mir. Aber guter Witz.
“
Ein Zuschauer spendete. „Dein Shirt ist mein Lieblingsshirt“, schrieb er. Rot und Weiß, meins. Nett.
Wirklich nett. Aber ich wollte über etwas reden, das mir seit Wochen im Kopf herumging. Also wartete ich, bis mehr Leute da waren. Fünf Minuten.
Vielleicht zehn. Dann holte ich Luft. „Ich hab da eine Videoidee“, sagte ich. „Ich weiß nicht, ob sie kontrovers ist.
Deshalb will ich eure Meinung hören, bevor ich irgendetwas anstelle. “
Ich sah in den Chat. Ein paar Leute schrieben, ich solle einfach loslegen. „Also.
Es ist so: Immer wieder passiert mir beim Angeln, dass Männer mir die ganze Zeit erklären wollen, wie es geht. Sie meinen es nett. Das ist das Blöde. Sie reden auf mich ein, als wüsste ich nichts.
Und wenn ich dann einen Fisch fange, schauen sie doof aus der Wäsche. “
Ich machte eine Pause. „Jetzt die Idee: Was, wenn ich mich als Mann verkleide und zum Angeln gehe? Ich filme alles.
Und mitten drin, wenn ich einen Fisch gefangen habe, ziehe ich die Verkleidung aus. “
Der Chat explodierte. „Mach das“, schrieb einer. „Das wird der Hammer.
“
„Sozialexperiment, ich bin dabei. “
„Mach eine Umfrage, lass uns abstimmen. “
Ich schnaubte. „Ich weiß nicht mal, wie man auf Twitch eine Umfrage macht.
Das Ding macht mich wahnsinnig. “
Aber die Begeisterung war ansteckend. Trotzdem wollte ich sichergehen. „Moment“, sagte ich.
„Ich will niemanden vor den Kopf stoßen. Ich will nicht provozieren, nur um zu provozieren. Ich will einfach zeigen, wie es ist. Deshalb frage ich ja euch, ob das okay ist.
“
Der Chat war sich einig: Mach es. Einer schrieb: „Ich glaube, du siehst einfach zu sehr nach Frau aus, um als Typ durchzukommen. “ Meine Mutter hatte genau dasselbe gesagt. „Die merken sofort, dass du kein Mann bist.
“
„Wahrscheinlich“, gab ich zu. „Aber ein Versuch ist es wert. “
Ich hatte mir schon Gedanken gemacht. Skimaske, Mütze, Haare nach hinten gebunden.
Lange Ärmel, Camouflage-Hose. Eine Sonnenbrille, die ein Typ tragen würde. Vielleicht ein falscher Schnurrbart. Ich wollte an einen Spot, an dem immer dieselben Typen standen – mit einer Angel, die ich selbst zusammengebaut hatte.
Ich wollte sehen, wie sie mit mir redeten, wenn sie dachten, ich wäre einer von ihnen. Ob sie mich endlich in Ruhe fischen ließen. Ob sie mir keine Tipps mehr gaben, die ich nicht brauchte. „Glaubt mir“, sagte ich.
„Wenn ich als Frau ans Wasser gehe, behandeln die mich anders. Nicht alle. Aber genug. Beim Angeln, beim Jagen, beim Golfen.
Überall. Das ist die Realität. Ich will sie einfach mal festhalten. “
Im Chat meldete sich jemand, der es selbst erlebt hatte.
„Ich war schon mit einem Haufen Typen angeln. Keiner hat mit mir geredet. Aber ratet mal, wer an dem Tag den größten Fisch gefangen hat. “
„Ich“, schrieb jemand anderes.
„Mir geht es genauso. “
Ich nickte. Genau das meinte ich. Es ging nicht darum, keine Tipps anzunehmen.
Es ging darum, ernst genommen zu werden. Ich sah eine Nachricht von Nick und erinnerte mich, dass er heute ein Vorstellungsgespräch hatte. „Nick, du schaffst das“, sagte ich. „Viel Glück.
Du wirst großartig sein. “ Dann las ich weiter. „Ich hab übrigens schon mit dem Typen gesprochen, der den See verwaltet“, sagte ich. „Er meint, ich darf dort filmen.
Öffentliches Gelände, ich kann machen, was ich will. “
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich muss nur niemanden ins Bild nehmen, der nicht gefilmt werden will. Werde ich auch nicht.
“
Der Plan stand. Wir redeten noch über die Details – die Enthüllung in der Mitte, die ich mir wie eine Filmszene vorstellte. Mütze ab, Sonnenbrille runter, lächeln. Die Typen am Ufer würden nicht kapieren, was gerade passiert.
Dann würden sie lachen. Oder schweigen. Egal. Hauptsache, es war dokumentiert.
Gestern hatte ich übrigens eine Blitzforelle gesehen. Wenn der Spot passte, würde ich vielleicht genau dort hingehen. „Wenn es schiefgeht“, sagte ich, „wenn das ganze Ding in die Hose geht, dann stelle ich es auf Patreon. Ganz günstig, damit es trotzdem alle sehen können.
“
Der Chat feuerte mich an. „Mach es. Mach es. Mach es.
“
Ich lachte und griff nach der Sonnencreme. Sonnenschutzfaktor 50, mit Aloe, das Zeug, das ich immer benutzte, bevor die Sonne mich wieder erwischte. Ich verteilte es auf den Schultern und sah mich im Spiegel an: zerzauste Haare, nacktes Gesicht, ein Grinsen, das ich nicht kontrollieren konnte. „Okay“, sagte ich.
„Wir machen es. “
Draußen wartete der See. Die Männer am Ufer hatten keine Ahnung, was gleich auf sie zukam. Ich wollte es wissen.
Einfach nur wissen.


