Die Morgensonne drang durch die Jalousien. Juno streckte sich im Bett und lächelte. In wenigen Stunden würde sie ihrem Traum entgegenfliegen: zwei Wochen an der Amalfiküste mit dem Mann, den sie über alles liebte – Silas, dem Ehemann ihrer Chefin Kosima. Vor einem halben Jahr hatte die Affäre auf der Firmenfeier begonnen.

Silas hatte ihr damals gestanden, unglücklich zu sein, dass Kosima nur an Karriere denke und er ihr egal sei. Juno hatte ihm geglaubt. Seitdem trafen sie sich heimlich, löschten Nachrichten sofort und riefen nur vom Diensttelefon an. Am Flughafen angekommen, vibrierte ihr Telefon.
Eine fremde Frauenstimme meldete sich: „Frau Keller möchte, dass Sie die Zahlen im Jahresbericht noch einmal prüfen, bevor Sie in den Urlaub gehen. “ Juno lehnte ab. Doch dann rief Silas an: Kosima habe die Reise nach Singapur abgesagt, sie schöpfe Verdacht und stelle merkwürdige Fragen. „Vielleicht sollten wir die Reise verschieben.
“ Junos Herz zog sich zusammen. Während sie am Flughafen auf Silas wartete, setzte sich eine junge Wahrsagerin neben sie. „Du fliegst mit dem Ehemann einer anderen“, sagte sie. „Du denkst, du liebst ihn, aber er führt dich in eine Falle.
Gib das Ticket zurück. Geh zurück zur Arbeit und sieh in dein Büro. Dort wirst du Antworten finden. “ Dann verschwand sie in der Menge.
Kurz darauf schrieb Silas: Er könne nicht kommen, Kosima lasse ihn nicht gehen. Juno entschied sich, der Warnung zu folgen. Sie stornierte ihren Flug und fuhr ins Büro. In ihrem Zimmer entdeckte sie eine Kamera an der Decke und eine Wanze unter dem Schreibtisch.
Ihr Passwort war geändert worden. Da stand Kosima in der Tür. „Ich weiß alles“, sagte sie eiskalt. „Von deiner Affäre mit Silas, von eurer geplanten Reise.
Ich habe euch monatelang überwacht. “ Juno stand wie erstarrt. Kosima zeigte ihr ein Video von ihr und Silas im Büro. „Ich habe hunderte solcher Aufzeichnungen.
Ihr seid nur Figuren in meinem Spiel gewesen. “ Sie drohte, Juno zu vernichten, wenn sie nicht sofort verschwinde. Juno blieb zurück, gedemütigt und am Boden. Sie umging die Sicherheit ihres Computers und fand Unstimmigkeiten in den Berichten: Gelder flossen auf Konten von Firmen, die nicht auf der offiziellen Lieferantenliste standen.
Finanzmanipulationen. Plötzlich stand Silas in der Tür. „Kosima wäscht über die Firma Geld“, gestand er. „Ich habe es vor einem halben Jahr herausgefunden.
“ Juno verstand: Ihre Affäre war von Kosima arrangiert worden, damit Silas sich ihr nähern konnte – Juno sollte ihm helfen, Beweise zu finden. „Sie hat mich beauftragt, dich zu verführen. Aber dann habe ich mich wirklich in dich verliebt. “
Juno war wütend, aber ohne Job und ohne Beweise blieb ihr keine Wahl.
Gemeinsam drangen sie in Kosimas Büro ein, umgingen die Zwei-Faktor-Authentifizierung und kopierten alles: Offshore-Verträge, Korrespondenz mit einem gewissen Sergei Wolf, Details zum „Projekt Phönix“ – Kosima plante, die Firma zu liquidieren und Silas und Juno als Sündenböcke zurückzulassen. Kosima kam früher zurück als erwartet, begleitet von zwei Schlägern. Silas und Juno flohen über das Dach, balancierten über eine schmale Brücke zwischen zwei Hochhäusern, während die Verfolger hinter ihnen her waren. Sie entkamen und tauchten in der Wohnung eines Freundes von Silas unter.
Silas kontaktierte einen Investigativjournalisten namens Ferdinand, dem sie die Festplatte mit allen Beweisen übergaben. Ferdinand versprach, die Story in drei Tagen zu veröffentlichen. Sie warteten in einem abgelegenen Ferienhaus. Am dritten Tag kam Ferdinand mit der Nachricht, der Artikel erscheine am nächsten Morgen – und Kosima sei geflohen.
Doch in der Früh stand die Polizei vor der Tür. Nicht wegen Kosima, sondern wegen Juno und Silas: Sie wurden wegen schweren Betrugs und betrügerischer Herbeiführung des Bankrotts verhaftet. „Es gibt keinen Journalisten namens Ferdinand“, erklärte Kriminalhauptkommissar Gruber. „Kosima hat Anzeige erstattet, dass ihr wichtige Geschäftsunterlagen gestohlen habt.
“ Juno verstand: Ferdinand hatte sie verraten. Die Beweise waren verschwunden. In der Zelle suchte sie nach einer Erklärung. Dann erschien eine Anwältin, Elisa Wagner, von einem gewissen Oscar Reuter geschickt – dem angeblichen Journalisten.
„Oscar arbeitet für das BKA, Abteilung Wirtschaftskriminalität“, erklärte sie. „Er ermittelt seit zwei Jahren gegen Kosima und ihre Gönner. Die Verhaftung war zu eurer eigenen Sicherheit. “ Kosima war tatsächlich festgenommen worden, als sie nach Doha fliehen wollte.
Die Anklagen wurden fallen gelassen. Juno und Silas wurden freigelassen. Oscar Reuter entschuldigte sich für die Inszenierung: „Es war die einzige Möglichkeit, eure Sicherheit zu gewährleisten. “ Ihre Beweise hatten ein ganzes Netzwerk von Geldwäscheunternehmen aufgedeckt.
Silas gestand Juno später, dass er die Wahrsagerin engagiert hatte – eine Schauspielerin, die sie vor der Gefahr warnen sollte. „Ich wusste, dass Kosima etwas plante, konnte dich aber nicht direkt warnen. “ Juno war hin- und hergerissen. Sie brauchte Zeit.
Drei Monate später hatte sich das Leben normalisiert. Die Nordsternag wurde reorganisiert, Kosima wartete auf ihren Prozess, mehrere hochrangige Personen standen unter Anklage. Silas und Juno trafen sich regelmäßig, nahmen ihre Beziehung aber nicht wieder auf. Silas erhielt ein Angebot, als Berater in Europa zu arbeiten – und schlug vor, Juno dafür zu empfehlen.
Juno zögerte, doch am Ende wählte sie Silas Nummer. „Ich möchte mehr über das Unternehmen erfahren. Schick ihnen meinen Lebenslauf. “ Sie war bereit für einen Neuanfang.
Dieses Mal wollte sie selbst entscheiden, wem sie vertraute.


