Prozesstag 26 im Fall von Fabian aus Güstrow, die Zusammenfassung

Prozesstag 26 im Fall von Fabian aus Güstrow, die Zusammenfassung

Prozesstag 26 im Fall Fabian: Kinder sagen aus, Widersprüche und neue Fragen zur Beweislage

GÜSTROW – Im Mordfall des zehnjährigen Fabian aus Güstrow hat der 26. Verhandlungstag vor dem Landgericht neue, teils widersprüchliche Erkenntnisse gebracht und die Verteidigung sieht sich in ihrer Strategie bestätigt. Drei Kinder wurden als Zeugen vernommen, die den Jungen am Tag seines Verschwindens gesehen haben wollen – doch ihre Aussagen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Besonders die zeitliche Einordnung der Sichtungen erweist sich als problematisch, da sie teilweise in einen Zeitraum fallen, in dem Fabian nach Überzeugung der Ermittler bereits tot gewesen sein muss.

Der Vormittag begann zunächst mit einer Reihe von Verfahrensfragen. So wurde bekannt, dass die Bewegungsdaten des Handys des Zeugen Christian D. – eines Bekannten der Angeklagten Gina H.

– vorerst nicht ausgewertet werden können. Auf dem Gerät befindet sich eine neue Software, die für die Ermittler des Landeskriminalamtes derzeit nicht zugänglich ist. Richter Holger Schütt merkte dazu an, dass eine Auswertung möglicherweise erst in einem halben Jahr möglich sei, was Spekulationen über eine mögliche Revision des Urteils und ein anschließendes neues Verfahren aufkommen ließ.

Der Zeuge hatte sein Handy am Mittwoch freiwillig abgegeben, nachdem das Gericht beschlossen hatte, auch seine Bewegungsdaten vom 9. und 10. Oktober zu analysieren.

Zudem wurden fünf E-Mails der Rechtsanwältin Beta an das Gericht thematisiert, die Videos der Zeugin Rafaela J. enthalten sollen. Diese Videos, die bereits in den vergangenen Tagen für Gesprächsstoff gesorgt hatten, stehen im Zusammenhang mit den Stichworten „Klein Opa“ und „Groß Opa“ und könnten für die weitere Beweisaufnahme von Bedeutung sein.

Im Anschluss wurde der erste Zeuge vernommen: ein zehnjähriger Junge aus Güstrow, der die gleiche Schule wie Fabian besucht hatte und eine Klasse über ihm war. Wegen seines jungen Alters wurde die Vernehmung audiovisuell durchgeführt; der Junge saß in einem separaten Raum, während Richter Schütt ihm die Fragen stellte. Der Junge gab an, Fabian gekannt und gelegentlich mit ihm gespielt zu haben.

Auf die Frage, ob er eine Frau Gina H. kenne, verneinte er dies jedoch eindeutig.

Kern der Befragung war die Frage, ob und wann er Fabian gesehen habe. Zunächst zeigte sich der Junge unsicher, ob dies am Donnerstag, dem 9. Oktober, oder am Freitag, dem 10.

Oktober, gewesen sei. Er berichtete, Fabian gegen 13:30 Uhr bis 14 Uhr in der Nähe einer Bäckerei schräg gegenüber der Schule gesehen zu haben. Fabian sei mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und habe ein T-Shirt, eine Jeans sowie einen Pullover getragen.

Ob er den Pullover anhatte, konnte der Junge nicht mehr sagen. Auf erneute Nachfrage des Richters tendierte der Zeuge schließlich zum Freitag als Tag der Sichtung.

.

Die Staatsanwaltschaft dürfte diese Aussage jedoch kritisch sehen, da eine Sichtung am Freitag nicht in das bisherige Ermittlungsbild passen würde. Bereits in der Vergangenheit hatte es ähnliche Unstimmigkeiten gegeben, etwa bei der Sichtung des Fahrzeugs der Angeklagten in der Ulmenstraße, bei der sich ein Zeuge ebenfalls nicht sicher war, ob er das Auto am 9. oder 10.

Oktober gesehen hatte. Die Behörden hatten damals den 9. Oktober als Tag der Sichtung festgelegt, was von Beobachtern als Anpassung an die Ermittlungshypothese gewertet wurde.

.

Nach einer Pause, die dazu diente, dem ersten Jungen die Angst zu nehmen und ihn auf seine Aussage vorzubereiten, wurde der zweite Zeuge vernommen. Auch dieser Junge, ebenfalls zehn Jahre alt und in der fünften Klasse, wurde per Video befragt. Er gab an, mit Fabian befreundet gewesen zu sein, merkte jedoch an, dass Fabian in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden weniger mit ihm gesprochen habe.

Auf die Frage nach dem letzten Treffen antwortete der Junge: „An dem Tag, wo er vermisst wurde, wo ich mit dem anderen Jungen vom Hort nach Hause gehen wollte. Da habe ich ihn mit dem Fahrrad am Bäcker noch gesehen vor der Schule. “ Fabian sei aus Richtung der Stadt gekommen, habe nur „Hallo“ gesagt und sei dann weitergefahren.

Der Junge konnte sich nicht mehr an die Farbe des Fahrrads erinnern, obwohl er bei der Polizei angegeben hatte, es sei orange gewesen. Auch an Fabians Kleidung konnte er sich nicht mehr genau erinnern; bei der Polizei hatte er von einem Pullover und einer Jogginghose gesprochen. Auf Nachfrage des Richters bestätigte der Junge diese Angaben jedoch mehrfach bestimmt.

Er meinte, Fabian zwischen 12:30 Uhr und 13:30 Uhr gesehen zu haben, wobei er annahm, dass es sich um einen Freitag handelte, da er an diesen Tagen immer fünf Stunden Unterricht hatte. Der Weg von der Schule zum Hort betrage etwa fünf Minuten.

Die Aussagen der beiden Jungen decken sich nicht in allen Punkten. Während der erste Zeuge angab, dass sich die beiden Jungen auf dem Heimweg getrennt hätten, erklärte der zweite Zeuge, er sei gemeinsam mit dem anderen Jungen nach Hause gegangen. Diese Diskrepanz dürfte auf die lange verstrichene Zeit zurückzuführen sein.

Zudem stellte Richter Schütt die Frage, ob es sein könnte, dass der Vater des zweiten Jungen erst einen Tag später von Fabians Verschwinden erzählt habe. Dies verneinte der Junge jedoch. Fabians Mutter Dorina L.

hatte nach bisherigen Erkenntnissen erst um 15:25 Uhr bemerkt, dass ihr Sohn nicht in der Wohnung war, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Zudem war zunächst berichtet worden, dass sie Fabian erlaubt hatte, an diesem Nachmittag nach draußen zu gehen; diese Darstellung wurde später jedoch revidiert, offenbar aufgrund fehlerhafter Kommunikation zwischen Polizei und Medien. Fabian musste in der Regel um 18 Uhr zu Hause sein.

Als dritte Zeugin wurde ein zwölfjähriges Mädchen vernommen, das in der Schweriner Straße wohnt, also in der Straße, in der auch Fabian lebte. Auch sie wurde per Video befragt. Sie gab an, Gina H.

aus den Nachrichten zu kennen, Fabian jedoch nur vom Sehen. Sie habe nie mit ihm gesprochen, ihn aber manchmal mit dem Fahrrad gesehen. Auf die Frage, wann sie Fabian das letzte Mal gesehen habe, antwortete sie: „An dem Freitag, das sei so um 14 oder 15 Uhr gewesen.

“ Sie habe ihn schräg gegenüber von ihrer Haustür in der Schweriner Straße gesehen, als er zu Fuß unterwegs gewesen sei. Es sei noch hell gewesen. Auf die Frage, ob Fabian alleine unterwegs gewesen sei, antwortete das Mädchen zunächst mit Ja, fügte dann jedoch hinzu, dass hinter ihm zwei Männer mit Händen in den Hosentaschen gegangen seien.

Diese seien etwa zehn Schritte hinter ihm geblieben und schneller gelaufen, sobald Fabian schneller gegangen sei. Fabian sei nicht nach Hause gegangen, sondern in eine Seitenstraße abgebogen. Die Männer hätten schwarze Haare und einen leichten Bart gehabt.

Fabian habe eine Jacke und eine Jogginghose getragen. Auf Nachfrage verneinte das Mädchen jedoch, dass die Männer Fabian angesprochen oder angefasst hätten, zumindestens solange sie hingeschaut habe. Bei der Polizei hatte sie zunächst von einem einzelnen Mann gesprochen und angegeben, dass dieser Fabian angefasst habe.

Diese Angaben revidierte sie nun jedoch.

Die Staatsanwaltschaft wertete die Aussagen der beiden Jungen als stimmig mit den bisherigen Ermittlungen. Staatsanwalt Oliver Schlei sagte, die beiden Jungen hätten naheliegend eine solche Situation beobachtet. Die zeitliche Einordnung der Zeugen sei jedoch inkonstant.

Bei der Aussage des zwölfjährigen Mädchens konstatierte er erhebliche Widersprüche. So habe sie bei der Polizei noch von einem Mann gesprochen, nun von zwei Männern. Auch die Angabe, dass der Mann Fabian angefasst habe, sei heute verneint worden.

Die Verteidigung hingegen betonte die Glaubwürdigkeit der Kinder. Gina HS Verteidiger sagte, die beiden Jungen seien ersichtlich bemüht gewesen, die Wahrheit zu sagen, und hätten deutlich gemacht, wenn sie sich nicht erinnern könnten. Die Grundaussage, dass die beiden Fabian am 10.

Oktober gesehen hätten, sei sehr überzeugend gewesen. Insbesondere der zweite Junge sei sich beim Freitag relativ sicher gewesen. Als sehr interessant bezeichnete der Verteidiger zudem eine Sprachnachricht von Olaf K.

, die das verschwundene Messer betraf. Diese passe nicht gut zu dem, was bisher in der Hauptverhandlung festgestellt worden sei.

Im Anschluss an die Zeugenvernehmungen wurde die ergänzende Einlassung der Angeklagten Gina H. vom 24. August verlesen.

Diese war zusammen mit ihren Anwälten erarbeitet worden und wurde von Rechtsanwalt Thomas Löcker vorgetragen, da Gina H. sich nicht in der Lage sah, selbst zu sprechen. In der Ergänzung ging es zunächst um die Frage, wo Gina H.

am 10. Oktober für angebliche Geschäfte bei der VR-Bank für ihre Großmutter geparkt habe. Sie gab an, ihren Pickup in der Nähe des Walls in Güstrow geparkt zu haben, da man in der Stadt oft keine Parkplätze finde.

Der Fußweg zur Bank habe fünf Minuten betragen. Vermutlich handelte es sich um einen Parkplatz in der Nähe einer Apotheke am Wall, auf dem man nach Ziehen eines Parkscheines parken darf. Ob sie einen Parkschein gelöst hatte, wurde nicht thematisiert.

Des Weiteren ging es um ihr Chatverhalten beim Treffen mit ihrem Bekannten Christian D. Sie erklärte, dass sie generell häufig ihr Handy nutze, auch bei Treffen mit anderen. Man habe nicht die ganze Zeit geredet, sondern auch Nachrichten hin und her geschickt, obwohl man unmittelbar nebeneinander gesessen habe.

Auch Christian D. habe schwer auf sein Handy verzichten können. Die Ermittler hatten aus der starken Handynutzung abgeleitet, dass das Treffen zwischen den beiden bereits beendet gewesen sei.

Ein letzter Punkt der Ergänzung betraf den Bruder von Fabians Vater, Markus R. Gina H. beschrieb ihn als 33 Jahre alt, geistig eingeschränkt, mit Behindertenausweis und ohne Führerschein.

Er fahre mit seinem Traktor, sei oft einsam gewesen und habe noch nie eine Beziehung gehabt. Im Gegensatz zu seinem Bruder Matthias sei er nie aufbrausend und laut gewesen. Er habe gut mit Fabian und ihrem leiblichen Sohn verstanden.

Dieser Punkt soll für einen folgenden Beweisantrag der Verteidigung von Bedeutung sein.

Nach der Verlesung bestätigte Gina H. auf Nachfrage des Richters, dass die vorgetragenen Ausführungen ihre ergänzende Einlassung wiedergeben. Anschließend stellte Rechtsanwältin Habeta einen Beweisantrag.

Sie beantragte, dass Rafaela J. , die beste Freundin von Fabians Mutter, als Zeugin geladen werde. Die Angeklagte habe am 13.

Oktober 2025 ein oder zwei Beiträge mit dem Hinweis auf Klein- oder Groß Opa gesehen. Die Verteidigung möchte nun, dass Rafaela J. anhand der vorgelegten technischen Daten erkläre, dass es sich bei dem betreffenden Video um einen Ausschnitt eines von ihr erstellten Videos vom 18.

Oktober 2025 handele. Der zweite Aufruf habe keineswegs der Suche nach dem Kind gedient, sondern der Suche nach dem Täter.

Abschließend wurden Sprachnachrichten vom 20. und 21. Oktober 2025 abgespielt, die zwischen Matthias R.

und Gina H. gewechselt worden waren. In diesen tauschten sie sich darüber aus, dass die Pressepräsenz ein Treffen unmöglich mache.

Gina sagte, es wäre einfach schön, wenn wir uns sehen könnten. Matthias verwies darauf, dass er noch viele schwere Gänge vor sich habe, die Beerdigung, die Trauerfeier und so weiter. Gina antwortete daraufhin: „Ich werde auf jeden Fall nicht kommen, auch wenn ich gerne würde.

Ich stelle mich da nicht an den Pranger. Du bist ja nicht alleine. Du brauchst mich sowieso nicht dabei, so wie es schon immer eigentlich war.

Du brauchst mich eigentlich gar nicht. Ich war noch nie so wichtig für dich, wie du für mich warst. “ Matthias wies darauf hin, dass die Beerdigung nur im Familienkreis durchgeführt werden solle.

Später ärgerte sich Gina darüber, dass Matthias ihr den Termin der Beerdigung nicht verriet. In weiteren Nachrichten ging es um das verschwundene Messer von Olaf K. Gina und Olaf sprachen darüber, wo es sein könnte, und Olaf überlegte, ob er die Polizei informieren solle.

Er äußerte jedoch Bedenken, dass er dann in Schwierigkeiten kommen könnte. Gina fragte ihn, ob er seine Kameras auf dem Hof ausgewertet habe und ob er den Beamten davon erzählt habe.

Der Prozess wird am 10. September 2026 mit Prozesstag 27 fortgesetzt. Dann wird Gina H.

bereitstehen, um auf Fragen zu ihrer Einlassung zu antworten. Die bisherigen Verhandlungstage haben gezeigt, dass der Fall weit komplexer ist als ursprünglich angenommen, und die jüngsten Zeugenaussagen haben die Beweislage keineswegs vereinfacht. Es bleibt abzuwarten, wie das Gericht die widersprüchlichen Angaben der Kinder bewerten wird und welche Rolle die neuen Beweisanträge der Verteidigung spielen werden.