Der Druck an ihrem Hals ließ nach. Sie keuchte, hustete, rang nach Luft – und dann klingelte es scharf an der Tür. “Hier ist die Polizei. Öffnen Sie sofort!

” Anskas Griff löste sich, sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Jule sackte zu Boden, griff sich an den Hals, während er zur Tür ging. “Guten Abend”, hörte sie seine Stimme, plötzlich wieder höflich und zuvorkommend. “Was gibt es denn?
” Dann: “Enno Fogt, Sie sind wegen Mordverdachts verhaftet. ” Kampfgeräusche, dumpfe Schläge. Ein Polizist stürmte ins Zimmer und kniete neben ihr nieder. “Frau Siebert, ist alles in Ordnung?
”
Im Türrahmen erschien eine bekannte Silhouette. “Arne”, hauchte sie. Er eilte zu ihr und umarmte sie. “Mein Gott, Jule.
Ich hatte solche Angst, zu spät zu kommen. ” Tränen liefen über ihr Gesicht, während er ihr half, sich aufs Sofa zu setzen. “Du hattest recht”, sagte er ernst. “Dein Anska ist Enno Fogt, den wir seit fünf Jahren suchen.
Er hat seine erste Frau getötet und ist mit seiner Geliebten geflohen. ” Jule fühlte, wie ihr schwarz vor Augen wurde. “Du warst seine Geliebte”, fuhr Arne fort. “Aber du wusstest es nicht.
Er hat deine Gewohnheiten studiert, dein Profil erstellt – alles war geplant. ” Greta Klein, die Frau, die sie erwähnt hatte – auch sie war eine seiner Geliebten gewesen. Und dann seine vierte Ehefrau. “Er hat alle seine Frauen getötet.
Er ist psychisch krank. ”
Diese Worte trafen sie wie ein Schlag. “Er hätte auch mich getötet. ” Arne nickte.
“Heute sollte die letzte Nacht deines Lebens sein. ” Sie hätte sterben können – durch die Hand des Mannes, den sie für ihren Ehemann gehalten hatte. Ein Polizist trat zu ihnen. “Wir brauchen die Aussage von Frau Siebert, wenn sie bereit ist zu sprechen.
” Jule nickte, ihre Stimme war heiser. “Er wusste, dass ich von Greta erfahren hatte. Er hat gesagt, er hieße nicht Anska. Dann hat er versucht, mich zu erwürgen.
”
Ein paar Tage später saß Jule auf der Veranda des Hauses ihrer Eltern, in der kleinen Stadt, in der sie aufgewachsen war. Ihre Mutter brachte ihr Tee, ihr Vater arbeitete schweigend im Garten. Die blauen Flecken an ihrem Hals waren noch nicht verheilt, und jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Arne kam jedes Wochenende vorbei.
Eines Tages saßen sie am Ufer des Sees, wo sie als Kind oft gespielt hatte. “Ich habe verstanden, dass wahre Liebe nicht über Nacht entsteht”, sagte sie leise. “Was ich für Liebe hielt, war nur Manipulation. ” Arne nahm ihre Hand.
“Du bist nicht schuld an dem, was passiert ist. ”
Monate später fand Jule Arbeit in der örtlichen Bibliothek. Das ruhige Leben ihrer Heimatstadt half ihr, sich zu erholen. Sie suchte keine Abenteuer mehr in Dating-Apps, eilte zu keinen Verabredungen.
“Die Liebe wird kommen, wenn ich bereit bin”, sagte sie sich. Bis dahin hatte sie ihre Familie, ihre Freunde – und eine zweite Chance auf Leben, die sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen wollte.


