Die Jahregala der Firma war in vollem Gange, als Markus sich das Mikrofon von einem Kollegen schnappte und lallend in die Menge rief: „Will irgendjemand diese Last da drüben gegen meine Frau eintauschen? Ich hab genug von ihr. Lena ist nur noch eine Last. ”
Der Festsaal eines Fünf-Sterne-Hotels verstummte schlagartig.

Hunderte Augen richteten sich auf Lena, die am Rand saß, den Saum ihres schlichten Kleides umklammerte und die Tränen hinunterschluckte. Sie hatte sich für ihn schick gemacht, so gut sie konnte, aber neben den glitzernden Kleidern der anderen Frauen wirkte sie blass und unscheinbar. Markus stand da, das Gesicht gerötet, ein Glas Rotwein in der Hand, und grinste überheblich. An seiner Seite hing Verena, seine Arbeitskollegin, die ihm ständig etwas ins Ohr flüsterte und dabei immer wieder giftige Blicke in Lenas Richtung warf.
Lena konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Der Mann, der sich zu Hause immer über Müdigkeit beklagte, der seit Jahren kaum Zeit für sie fand, stand hier vor all ihren Kollegen und machte sie zur Lächerlichkeit. Sie wollte aufstehen, gehen, einfach verschwinden. Aber ihre Beine gehorchten ihr nicht.
Sie blieb sitzen, starrte auf ihre Hände und wartete darauf, dass der Boden sich auftat. Dann geschah etwas Unerwartetes. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, ein Mann, der für seine Härte bekannt war und den niemand je scherzen sah, erhob sich langsam von seinem Platz am Kopfende der Tafel. Er rückte seinen Anzug zurecht und ging mit ruhigen, bestimmten Schritten zur Bühne.
Er nahm Markus das Mikrofon aus der Hand, was Markus vor Schreck erstarren ließ. Der Vorstandsvorsitzende, ein Mann in den Siebzigern, grauhaarig und mit scharfem Blick, richtete seine Augen direkt auf Lena und sagte laut und deutlich, dass es jeder im Saal hören konnte:
„Ich nehme sie an. Ich nehme sie von diesem Tag an als meine Frau an. ”
Ein Raunen ging durch die Menge.
Markus lachte unsicher, dachte, es sei ein Scherz. Aber der Vorstandsvorsitzende machte keine Anstalten, das Gesagte zurückzunehmen. Er ging zu Lena, reichte ihr die Hand und half ihr auf. Lena, völlig benommen, ließ sich führen.
Sie konnte nicht glauben, was geschah. Der Mann, der vor ihr stand, war nicht nur ihr Chef, er war einer der mächtigsten Männer des Landes. Und er hatte sie gerade vor Hunderten von Menschen als seine Frau beansprucht. Die nächsten Tage waren ein Wirbelsturm.
Lena verließ die Wohnung, die sie mit Markus geteilt hatte, und zog in eines der Anwesen des Vorstandsvorsitzenden, den sie nun einfach Karl nannte. Karl, der eigentlich nur ein Geschäftspartner von Markus’ Firma war, hatte Lenas Situation erkannt. Er behandelte sie mit einer Respekt, die sie von Markus nie erfahren hatte. Er ließ ihr neue Kleider schneidern, führte sie in feine Restaurants aus, schenkte ihr Schmuck, den sie nie besessen hatte.
Aber er fragte nie nach etwas im Gegenzug. Es war eine seltsame, aber friedliche Koexistenz. Markus dagegen verlor alles. Am Tag nach der Gala stand er ohne Stellenangebot da.
Die Firma, die ihn einst gefeiert hatte, wandte sich von ihm ab. Er versuchte, Kontakt zu Lena aufzunehmen, schrieb ihr Nachrichten, rief an, bat um Vergebung. Er flehte sie an, zurückzukommen. Er schrieb, dass er sich schäme, dass er betrunken war, dass er nicht wusste, was er tat.
Lena las jede Nachricht, aber sie antwortete nicht. Sie hatte das Gefühl, dass jedes Wort, das sie ihm schrieb, alte Wunden wieder aufreißen würde. Eines Abends saß sie mit Karl auf der Terrasse seines Anwesens. Die Sonne ging unter, das Meer glitzerte in der Ferne.
Karl trank seinen Whiskey und sah sie an. „Du hast die Wahl, Lena”, sagte er ruhig. „Ich will dich nicht zwingen. Ich weiß, dass du immer noch Gefühle für ihn haben könntest.
Aber ich will, dass du verstehst, was du wert bist. ”
Lena sah auf ihre Hände. Sie dachte an die Jahre mit Markus. An die Demütigungen, die sie still geschluckt hatte.
An die Nächte, in denen er zu spät nach Hause kam und sie mit Ausreden abspeiste. An seine Gleichgültigkeit, seine Arroganz, seine Grausamkeit bei der Gala. Sie schüttelte den Kopf. „Ich will nicht zurück”, sagte sie leise.
„Ich will ein neues Leben. ”
Lena ließ sich scheiden. Sie nahm nichts von Markus an, keinen Cent, keinen Gegenstand. Sie wollte keine Erinnerungen an diese Jahre.
Markus dagegen versank immer tiefer. Ohne Job, ohne Geld und ohne Ansehen verlor er nach und nach alle Kontakte. Seine Schulden wuchsen, seine Wohnung verlor er. Monate später traf sie ihn zufällig auf der Straße, als sie mit Karl aus einem Restaurant kam.
Er war abgemagert, trug einen zerknitterten Anzug und schlich geduckt dahin, als wollte er sich unsichtbar machen. Er sah sie, blieb stehen, aber er sagte nichts. Lena sah ihn einen Moment an, spürte aber keinen Schmerz mehr, keine Wut, keine Sehnsucht. Sie nickte ihm kurz zu und ging weiter.
Karl nahm ihre Hand. „Bist du okay? “, fragte er. „Ja”, sagte Lena und lächelte zum ersten Mal wieder leicht.
„Ich glaube, ich bin das zum ersten Mal wirklich. ”
Sie ließ Markus hinter sich, ohne sich je umzudrehen.


