Marlene stand mit einer Tupperdose in meiner Tür, und ich wusste sofort, dass dieser Besuch nichts mit Keksen zu tun hatte. Sie setzte sich, trank Tee, redete über das Wetter, und dann stellte sie…

Marlene stand mit einer Tupperdose in meiner Tür, und ich wusste sofort, dass dieser Besuch nichts mit Keksen zu tun hatte. Sie setzte sich, trank Tee, redete über das Wetter, und dann stellte sie...

Marlene stand mit einer Tupperdose in der Hand in meiner Tür, und ich wusste sofort, dass hinter diesem Besuch mehr steckte als nur Kekse. Sie hatte diesen Blick, den man aufsetzt, wenn man etwas sagen muss, aber nicht weiß, wie. Also setzten wir uns ins Wohnzimmer, tranken Tee und redeten über das Wetter, über die Nachbarn, über nichts. Irgendwann stellte sie die Tasse ab und sah mich an.

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„Mama ist vor drei Wochen gestorben“, sagte sie leise. Ich hatte Luisa Sommer kaum gekannt. Wir hatten uns ein paar Mal bei Familientreffen gesehen, höfliche Worte gewechselt, aber mehr nicht. Sie war eine ruhige, elegante Frau gewesen, mit einer tiefen Traurigkeit in den Augen, deren Ursprung ich nie gekannt hatte.

Ich drückte mein Beileid aus, so gut ich konnte, und fragte vorsichtig, wie Marlene es schaffte. „Wir verkaufen ihre Sachen“, sagte Marlene und strich sich eine Strähne hinters Ohr. „Das Haus, die Möbel, das Auto. Und da habe ich an dich gedacht.

Ich weiß, dass deins seit einem halben Jahr kaputt ist. “ Sie machte eine Pause. „Ich möchte, dass es jemand bekommt, der sich darum kümmert. Jemand aus der Familie.

Mein erstes Gefühl war Dankbarkeit. Meines war vor sechs Monaten auf der Autobahn liegen geblieben und seitdem war ich auf Taxis angewiesen oder musste meine Kinder um Mitfahrgelegenheiten bitten, was ich hasste. Ich mochte es nicht, zur Last zu fallen. Ich mochte es nicht, jemanden zu brauchen.

Marlene nannte mir den Preis: 3. 000 Euro. Für ein Auto, das sicher das Doppelte wert war. Ich wollte protestieren, aber sie hob die Hand.

„Mama hätte es so gewollt“, sagte sie einfach. Ich sagte zu, ohne lange nachzudenken. Es war einfacher, ja zu sagen, als zu erklären, warum ich zögerte. Wir unterschrieben die Papiere noch in derselben Woche.

Marlene übergab mir die Schlüssel mit einem traurigen Lächeln. „Mama hat es sehr gepflegt“, sagte sie. „Ich hoffe, es leistet dir gute Dienste. “ Ich nickte, bedankte mich und fuhr mit einem Auto nach Hause, das immer noch nach dem Parfüm einer Toten roch.

Die ersten Tage benutzte ich es nur für das Nötigste. Supermarkt, Apotheke, sonntags die Kirche. Es war ein gutes Auto, eine graue Limousine, bequem, leise, mit einem integrierten Navigationssystem. Mein altes Auto hatte so etwas nie gehabt.

Anfangs beachtete ich das Navi nicht – ich fuhr nirgendwohin, wo ich eine Anleitung gebraucht hätte. Aber eines Nachmittags, als ich auf dem Parkplatz der Bank saß und auf einen Regenschauer wartete, begann ich gelangweilt an den Knöpfen herumzudrücken. Ich schaltete das GPS ein und blätterte durch die Menüs. Und dann sah ich es.

Es gab genau eine gespeicherte Adresse. Einen Namen hatte ihr jemand gegeben: „Rückzugsort. “

Ich dachte zuerst, es sei das Sommerhaus von Luisas Schwester oder etwas in der Art. Ältere Leute speichern manchmal solche Sachen ab und vergessen sie dann.

Ich wollte es schon wieder löschen, aber meine Finger klickten stattdessen auf „Route anzeigen“. Eine Wegbeschreibung nach Zell am See, mitten in die Berge. Ich weiß nicht, warum ich annehme, dass es bloße Neugier war. Vielleicht war es mehr.

Vielleicht war es dieses eine Mal, dass ich nicht einfach funktionieren wollte, sondern etwas tun wollte, was nur mir gehörte. Am nächsten Morgen, mitten in der Woche, setzte ich mich ins Auto und drückte auf „Zielbestätigung“. Die Stimme des Navis sagte freundlich: „Berechnen der Route. “

Ich hatte nichts gepackt.

Keine Tasche, keine Flasche Wasser, nichts. Nur meine Handtasche und einen vergessenen Apfel vom Küchentisch. Es fühlte sich falsch an, so ungeplant loszufahren, aber es fühlte sich auch richtig an, zum ersten Mal seit Monaten einen Entschluss gefasst zu haben. Die Fahrt dauerte etwas über eine Stunde.

Ich fuhr an Feldern vorbei, dann an Wäldern, dann wurde die Straße kurviger und fing an zu steigen. Der Himmel war hell und klar, und die Berge wirkten so groß, dass ich mich klein fühlte, aber nicht in einer schlechten Art. Das Navi führte mich von der Hauptstraße auf einen schmalen, geteerten Weg, dann auf einen Schotterweg, der immer steiler wurde. Am Ende kam ich auf einem kleinen Aussichtspunkt an.

Ein Holzzaun, ein paar Bänke, eine wunderschöne Aussicht auf das Tal unter mir. Und mitten davor stand ein Mann. Er war alt, vielleicht Ende siebzig, mit grauem, dichtem Haar und einem faltigen Gesicht, das viele Geschichten erzählte. Er trug eine abgewetzte Cordjacke und hielt eine Schirmmütze in den Händen.

Als ich ausstieg, sah er auf, und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass er mich erwartet hatte. Aber das war absurd. Ich hatte niemandem von meiner Fahrt erzählt. Nicht einmal mir selbst hätte ich sagen können, warum ich hier war.

„Hallo“, sagte ich zögerlich und blieb neben der Autotür stehen. Er nickte. „Sie sind den weiten Weg gefahren, nur um nach dem Rechten zu sehen? “, fragte er, und seine Stimme war überraschend kräftig.

„Ich weiß nicht, wonach ich suche“, gab ich zu. „Ich habe diese Adresse in dem Auto gefunden. Es gehörte früher Luisa Sommer. Kennen Sie sie?

Der Mann wurde sichtbar still. Er drehte die Mütze in den Händen und starrte eine Weile ins Tal hinunter. Als er wieder sprach, zitterte seine Stimme ein wenig. „Ja“, sagte er.

„Ich kannte Luisa. Sehr gut sogar. “ Er drehte sich zu mir um, und seine Augen waren feucht. „Sie sind nicht zufällig hierhergekommen.

Diese Adresse war nicht gespeichert, damit irgendjemand sie findet. Sie war für den Fall gedacht, dass ich sie eines Tages nicht mehr hier treffen könnte. “

Ich verstand nicht. Ich sah ihn fragend an, und er seufzte tief.

„Setzen Sie sich“, bat er und deutete auf die Bank. „Wenn Sie wirklich wissen wollen, was das hier war, dann muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von mir und Luisa, und warum ich mein halbes Leben damit verbracht habe, hier auf sie zu warten. “

Ich hätte gehen können.

Ich hätte mich bedanken und sagen können, dass ich nur einen Irrläufer aus dem Navi entfernen wollte, und wieder nach Hause fahren können. Aber etwas in seiner Stimme, in der Art, wie er die Worte „auf sie warten“ aussprach, hielt mich fest. Ich setzte mich auf die Bank und wartete. Er setzte sich neben mich, hielt die Mütze im Schoß und begann zu erzählen.

„Ich heiße Jakob. Jakob Brenner. Und ich kenne Luisa, seit wir beide zwanzig waren. Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen habe.

Sie arbeitete in der Bäckerei am Marktplatz, und ich kam jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit vorbei, nur um sie zu sehen. Irgendwann traute ich mich, sie anzusprechen. “ Er lächelte wehmütig. „Ich war schüchtern.

Ich habe wahrscheinlich die ganze Zeit rot wie eine Tomate geglüht. Aber sie fand das süß. Sie sagte, ich sei der Einzige, der sie nicht nur angestarrt, sondern richtig angesehen habe. “

Luisa und Jakob wurden ein Paar.

Zwei junge Leute, verliebt bis über beide Ohren, mit Plänen für die Zukunft. Er arbeitete in einer Schreinerei, sie in der Bäckerei, und sie sparten für eine kleine Wohnung. „Aber dann kam der Krieg“, sagte Jakob leise. „Als die Zwanzigjährigen eingezogen wurden, wurde ich auch eingezogen.

Luisa weinte an meiner Schulter, als ich den Zug bestieg. Sie versprach mir, auf mich zu warten. Sie versprach es mir jeden einzelnen Tag, bis ich zurückkam. Und ich glaubte ihr.

Ich glaubte ihr so sehr, dass ich mir nie Sorgen machte. Ich hatte ein Foto von ihr in meiner Uniformjacke, und ich schaute es jeden Abend an. Das hat mich durchgehalten. Dieses Foto und die Vorstellung, nach Hause zu kommen und sie zu heiraten.

Ich hielt den Atem an. Ich wusste nicht, worauf das hinauslief, aber ich ahnte, dass es keine gute Wende nehmen würde. Jakob rieb sich die Augen und starrte geradeaus. „Ich war vier Jahre lang weg“, sagte er schließlich.

„Vier Jahre, in denen ich oft nicht wusste, ob ich jemals wieder nach Hause kommen würde. Ich schrieb ihr Briefe, aber die meisten kamen zurück. Unbekannt verzogen. Ich habe mir nichts dabei gedacht.

Die Post war im Krieg unzuverlässig, das wusste jeder. Ich dachte, sie wäre aus ihrer Wohnung gezogen, weil ihre Eltern krank waren oder aus einem anderen Grund, den sie mir erklären würde, wenn ich zurück war. “

Als der Krieg endete und Jakob nach Hause kam, war er ein anderer Mensch. Er lief auf die Bäckerei zu, aber sie war zerstört, ein ausgebranntes Gerippe.

Niemand konnte ihm sagen, wohin Luisa gegangen war. Ihre Eltern waren tot, ihre Schwester nach Österreich gezogen. Er fragte alle, die er kannte, aber es war, als hätte sich die Erde hinter ihr geschlossen. „Ich habe sie überall gesucht“, sagte er.

„Ich habe Anzeigen aufgeben lassen, habe Briefe an Ämter geschrieben. Einmal, Jahre später, glaubte ich, sie auf der Straße gesehen zu haben, und ich bin ihr eine Viertelstunde hinterhergelaufen, bis sie sich umdrehte und ich sah, dass sie es nicht war. Ich habe sie nie wiedergefunden. “

Jakob schwieg.

In der Ferne krächzte ein Vogel, und ich hörte, wie der Wind durch die Kiefern fuhr. Ich wollte etwas Tröstendes sagen, aber ich wusste nicht, ob es angebracht war. Also schwieg ich. „Irgendwann habe ich aufgegeben“, fuhr er fort.

„Ich habe eine andere kennengelernt, habe geheiratet, Kinder bekommen. Ich war nicht unglücklich, das muss man verstehen. Aber zu wissen, dass ein Teil von mir immer bei Luisa bleiben würde, das hat sich nie geändert. Meine Frau wusste es.

Sie war ein guter Mensch, und sie hat mich nie gefragt, nachts, wenn ich wach lag und auf die Decke starrte. “

Ich fragte: „Und Luisa? Haben Sie jemals erfahren, was mit ihr passiert ist? “

Ein trauriges Lächeln breitete sich auf Jakobs Gesicht aus.

„Das ist das Seltsame“, sagte er. „Genau erkannt habe ich sie erst, als es zu spät war. “ Er deutete auf das Auto, in dem ich hergefahren war. „Das da, ihr Auto, das im Schloss aufgetaucht ist, das war ein Zeichen.

Es war das Zeichen, auf das ich ein Leben lang gewartet hatte, obwohl ich es nicht wusste. “

Ich runzelte die Stirn. Es musste irgendein Missverständnis über Marlenes Eltern geben, dachte ich, eine Verwechslung, die nur darauf wartete, entwirrt zu werden. Eine Erklärung, bei der Luisa nie etwas mit diesem Mann zu tun hatte.

Jakob allerdings fuhr ungerührt fort. „Ein paar Jahre nach dem Krieg bin ich zum ersten Mal wieder in die Stadt gefahren, nur um durch die alten Straßen zu laufen, aus schierer Erinnerungslust. Und da sah ich sie. Ich war mir ganz sicher, in dem Moment: Sie war eine wunderschöne Frau, ein Kind auf dem Arm, und sie ging über den Marktplatz, ohne mich zu bemerken.

Nichts wäre mir mehr in den Sinn gekommen, als sie anzusprechen. Aber dann fiel mir mein Hochzeitsring auf und ich hielt inne. “

Er drehte sich zu mir, und seine Stimme wurde leise. „Ich habe gehört, dass ihr Mann ihr keine Fragen gestellt hat.

Dass man ihr keine Vorwürfe gemacht hat, als sie zurückkam. Sie war eine respektable Ehefrau, Mutter, Bäckersfrau. Ich habe geschwiegen. Ich habe mich zurückgezogen.

Ich habe weitergelebt, und sie auch. “

„Bitte, Jakob“, sagte ich. „Was hat das mit mir zu tun? Warum bin ich hierhergekommen?

„Weil mein Name Jakob ist“, sagte er ruhig. „Und weil ihr Name, bevor sie geheiratet hat und zu der Frau wurde, die Sie kannten, Luisa Sommer war. Dieselbe Luisa Sommer, die mir einst versprochen hat, mich zu heiraten. Die mich geliebt hat und von der ich mein Leben lang geglaubt habe, sie hätte mich vergessen, mich fallen gelassen, mich verraten.

Er stand auf, trat an den Zaun und legte beide Hände darauf. „Irgendwann, vor etwa drei Monaten, bekam ich einen Brief. Absenderin Marlene Sommer. Ich bin geschockt, wie sie meine Adresse herausgefunden hat, bis ich sehe, dass meine alte Anschrift darauf steht, mit einem Vermerk in unsicherer Schrift.

Der Postbote hat mir den Brief, der seit Jahren herumgelegen ist, persönlich vorbeigebracht. Marlene schreibt mir, dass ihre Mutter gestorben ist und dass sie beim Entrümpeln eine Kiste mit alten Sachen gefunden hat. Darin war ein Paket mit meinem Namen darauf, mit einem Brief, den Luisa nie abgeschickt hat. “

Er zog einen zerknitterten Umschlag aus der Innentasche seiner Cordjacke.

Das Papier war vergilbt, die Tinte verblasst. Er hielt ihn mir vorsichtig hin. „Lesen Sie“, sagte er. „Bitte.

Ich habe es selbst schon so oft gelesen, dass ich es auswendig kann. Aber vielleicht erklärt es Ihnen einiges. “

Ich nahm den Brief. Der Duft von altem Papier, Staub und etwas Blumigem, Vergangenem schlug mir entgegen.

Ich faltete ihn vorsichtig auf. Die Handschrift war klein und sauber, die Striche filigran. „Lieber Jakob“, begann ich laut zu lesen, dann stockte ich. „Lesen Sie weiter“, drängte der alte Mann mit heiserer Stimme.

„Bitte. “

Ich räusperte mich und las. „Lieber Jakob, ich weiß nicht, wo du bist, ich weiß nicht, ob du noch lebst, aber ich muss die Wahrheit niederschreiben, bevor sie mich unter der Erde weiß. Ich weiß nicht, wie du zu diesen Zeilen stehst, vielleicht verabscheust du mich, und du hättest jedes Recht dazu.

Du hast mir einmal gesagt, dass man uns beide nicht trennen kann, und ich bin dir immer gefolgt, bis einen falschen Telefonanruf mein ganzes Leben verändert hat. Es ist ein Fehler passiert, als wir uns das letzte Mal trafen, bevor du gingst, hast du mir gesagt, ich solle auf dich warten und ich habe auf dich gewartet, aber jemand hat mir gesagt, dass du nicht zurückkommst. Jemand hat mir gesagt, dass du meine Briefe nie erhalten hast, weil deine Einheit vermisst wurde und dass ich mich nicht mehr an dich klammern solle. Und ich, dumm und verzweifelt und schwanger, habe ihnen geglaubt.

Ich habe nicht gewusst, dass ich dich wiedersehen würde, nicht so. Ich habe meine Ehe nicht aus Liebe geschlossen, sondern aus Not und aus Angst. Und ich habe sie bereut, jeden Tag meines Lebens. In all den Jahren habe ich dich irgendwo in mir getragen, habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn wir uns gegenüberstünden, was du sagen würdest.

Und jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, bin ich alt und müde, und das Leben ist zu schnell an mir vorbeigezogen, als dass ich es hätte ändern können. Weißt du noch, wie wir immer hierhergekommen sind? Wie wir die Sterne beobachtet haben, wenn es dunkel wurde, und du gesagt hast, dass du mit mir alt werden willst? Ich habe mit dir alt werden wollen.

Ich wollte nur mit dir alt werden. Und ich habe nie aufgehört. Ich möchte, dass du weißt, dass ich immer gewusst habe, dass da etwas war, das du mir nicht sagen konntest. Dass du aus tiefster Seele gelitten hast, und ich wünschte, es wäre ich gewesen, die es dir fortgenommen hätte.

Verzeih mir, wenn du kannst. Wenn du das liest, weißt du vielleicht schon, dass ich nicht mehr da bin. Ich hinterlasse dir das Einzige, das ich sicher für dich hüten konnte. Alles andere ist längst verweht.

Pass auf dich, Jakob. Ich habe dich immer geliebt. Und ich warte auf dich, so oder so, auf der anderen Seite, wo es keine Zeit und keine Kriege und keine Lügen mehr gibt. Ewig deine Luisa.

Meine Hände zitterten. Die Welt um mich herum fühlte sich auf einmal seltsam weit weg an. Ich sah auf und blickte in Jakobs nass glänzende Augen. „Sie haben es gewusst“, sagte er leise.

„Dieser Brief. Sie ging in all den Jahren davon aus, dass ich wusste, dass sie schwanger war, und dass ich sie trotzdem gegangen habe. Sie hat nie geahnt, dass man auch mir erzählt hat, sie hätte mich vergessen und neu geheiratet. Sie hat nie geahnt, dass ich sie geliebt habe, bis zu dem Punkt, an dem mir die Rippen gebrochen sind, und dass ich mein Leben lang geglaubt habe, ich wäre der letzte, der sie betroffen hat.

Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und zeigte dann auf das Auto. „Marlene hat mir diesen Brief zusammen mit dem Auto-Chip gegeben“, sagte er. „Sie sagte, ihre Mutter habe klargestellt, dass das Auto, ihr geliebtes Auto, den Weg zu mir finden soll. Das Navi, die Adresse, das war unsere Adresse, unser Rückzugsort.

Sie hat hier blühen und sterben sehen. Es war ihr Ort, über Jahre hinweg, nach dem Tod ihres eigenen Mannes. Hier hat sie den Aussichtspunkt und die Bänke und den Zaun allein kennengelernt, genauso wie ich sie in den letzten zwanzig Jahren gekannt habe. “

Ich starrte ihn an, fassungslos.

„Sie hier kennengelernt? Sie haben sich also treffen können? “

Jakob lächelte traurig. „Ich hoffe, Sie verzeihen eine alte Frau, die zu viel Angst hatte, die Wahrheit zu sagen, und einen alten Mann, der zu viel Angst hatte, sie zu fragen.

Meine Frau war noch am Leben, als ich damals hierherzog. Ich wusste nicht, dass Luisa in der Stadt wohnte. Ich wusste nur, dass ich einen Ort zum Nachdenken und einen Gefallen an den Bergen gefunden hatte. Dies hier war mein Ort, seit zwanzig Jahren.

Vor fünf Jahren, als Luisa dann auch Witwe war, bin ich ihr eines Tages hier oben über den Weg gelaufen. Sie saß auf derselben Bank, auf der Sie jetzt sitzen, und als sie sich umdrehte, erkannte ich sie sofort wieder. “

Er schloss die Augen. „Es waren die ungläubigsten Momente meines Lebens.

Zehn Jahre lang sind wir uns in trauter Zweisamkeit Ruhe und Zugewandtheit begegnet. Sie wollte nie den Schritt wagen, sich mir in der Stadt zu zeigen, und ich wollte sie nie zwingen. Wir haben uns hier getroffen, an diesem Rückzugsort, und haben getan, was wir nie tun konnten: Wir haben uns das Leben erzählt, das wir hätten führen können. “ Er öffnete die Augen.

„Dann kam ihre Krankheit. “

Ich saß wie betäubt auf der Bank. Das hier war keine zufällige Begegnung. Nichts an diesem Tag war zufällig.

Das Auto, die Adresse, der Brief, der alte Mann, der ein halbes Leben lang an diesem Ort gewartet hatte. „Sie hat gewollt, dass Sie herkommen“, sagte ich mit belegter Stimme. „Das Auto, der Eintrag im Navi. Sie hat gewusst, dass ihr Enkel oder wer auch immer das Auto fährt, diese eine gespeicherte Adresse findet.

Und dass dann jemand danach fragt. “

„Ganz genau“, sagte Jakob. „Sie hat Marlene auf dem Sterbebett versprochen, dass sie das Auto verkauft, und zwar an jemanden, der die Route dorthin braucht, der sie nachvollziehen kann. Sie hatte Angst, dass mit ihr ein Brief und ein Ort weggeworfen wird.

Dass es niemanden mehr kümmert, was hier war. Sie wollte eine letzte Zeugin für das, was wir waren, sicherstellen. Und Sie waren diejenige, die dieses Zeugnis weiterträgt. “

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

All die Jahre hatte ich in meinem eigenen Schatten gelebt, mich gefühlt, als wäre meine Geschichte längst vorbei, als wäre das Leben, das Wertvollste, was es gibt, an mir vorbeigezogen, während ich es nicht bemerkt habe. Und hier saßen zwei Menschen, deren Liebe ein Leben lang gewartet hatte, die sich nie verraten durften, aber die es geschafft hatten, sich jeden Tag für das zu entscheiden, was sie waren. Ich dachte an Marlenes Mutter, so ruhig und elegant, mit dieser tiefen Traurigkeit in den Augen. Jetzt verstand ich diese Traurigkeit.

Es war die Traurigkeit einer stillen, unausgesprochenen Liebe, die nie ihren Frieden gefunden hatte. Ich saß noch eine Weile mit Jakob auf der Bank, während die Sonne langsam höher stieg und die Schatten kürzer wurden. Er erzählte mir von Luisa, von ihren gemeinsamen Treffen hier oben, von den Gesprächen, den Verspätungen, den heimlichen Blicken. Und ich hörte zu, ohne zu unterbrechen, weil das, was er sagte, wichtiger war als alles, was ich in den letzten fünf Jahren gehört hatte.

Bevor ich ging, drehte ich mich noch einmal um. „Und jetzt? “, fragte ich. „Was werden Sie tun?

Jakob lächelte und deutete auf das Tal unter uns. „Ich komme weiterhin hierher“, sagte er. „Aber jetzt weiß ich, dass es einen Grund gibt, zu bleiben. Dass es nicht umsonst war.

Dass das, was zwischen mir und Luisa war, nicht nur ein halbes Leben des Wartens war, sondern etwas, das es wert war, gewartet zu werden. “

Ich fuhr nach Hause in dem Auto, das noch nach Luisas Parfüm roch. Als ich es in meiner Einfahrt abstellte, blieb ich lange sitzen und starrte durch die Windschutzscheibe auf den Abendhimmel. Zum ersten Mal seit Jahren spürte ich so etwas wie eine Leichtigkeit, die ich nicht einordnen konnte.

Ich ging hinein, setzte Kaffee auf und wählte, statt wie üblich den Fernseher einzuschalten, die Nummeiner Tochter. „Hallo Marlene“, sagte ich, als sie abnahm. „Ich wollte mich nochmal bedanken. Wegen dem Auto.

Und… vielleicht könntest du mir morgen zeigen, wie man da am Navi Adressen löscht. Ich habe da etwas gefunden, das ich nicht mehr brauche. “

Auf der anderen Seite der Leitung war es einen Moment still.

Dann sagte Marlene mit Tränen in der Stimme: „Gerne, Elsa. Das mache ich. “

Als ich auflegte, schaute ich aus dem Fenster. Der Abendhimmel war rosa und orange, und ich dachte an die beiden alten Menschen auf dem Berg, an ihre ungesagten Worte und daran, dass es für sie geklappt hatte, weit über den Tod hinaus.

Ich beschloss, sie nicht als etwas zu begraben. Ich trocknete meine Augen, ging in die Küche und setzte nochmal Teewasser auf, diesmal für zwei Tassen, obwohl ich allein war. Vielleicht schaute ich morgen bei der Nachbarin vorbei, um mir etwas Zucker zu leihen. Vielleicht auch erst übermorgen.

Das Auto konnte sich geduldig in der Einfahrt parken. Ich zum ersten Mal seit Jahren auch.