Der Rucksack stand noch an dem Tisch, an dem ich gesessen hatte. Eigentlich hätte ich längst gehen sollen. Aber ich war so durcheinander gewesen nach diesem Vorstellungsgespräch, so enttäuscht und so müde, dass ich ihn einfach stehengelassen hatte. Mit siebenundsechzig einen Job zu finden, dachte ich, während ich durch die kalten Straßen der Hamburger Innenstadt lief, ist wie mit bloßen Händen einen Berg versetzen zu wollen.

Die meisten Personalchefs sehen dich an, als wärst du ein wandelnder Grabstein. Aber ich wollte leben, verdammt noch mal, und dazu brauchte ich meine Medikamente, diese lästigen Pillen, die ich seit meinem Herzinfarkt vor zwei Jahren nehmen musste. Ohne sie wurde mir schwindelig, ohne sie fühlte ich mich elend. Also drehte ich um und ging zurück in das Bürogebäude.
Der junge Wachmann hinter dem Schalter grinste, als er mich sah. „Was ist los? Haben Sie was vergessen? ”, fragte er, als hätte er selbst noch nie etwas vergessen in seinem Leben.
Ich nickte nur. Mit siebenundsechzig erklärt man sich nicht mehr jedem Zwanzigjährigen. Ich zeigte ihm meine Besucherkarte und schob mich an ihm vorbei. .
. Die Cafeteria im Erdgeschoss war fast leer geworden. Nur noch ein Mann stand da, der Manager der Personalabteilung, Herr Kellmann, der mich vor einer Stunde freundlich aber bestimmt abgelehnt hatte. Er telefonierte, den Rücken halb zu mir gedreht, und er sah mich nicht.
Ich schlich zu meinem Stuhl, griff nach meinem Rucksack, und dann hörte ich meinen Namen. „Ja, die Sache mit der Bergemann-Tochter läuft perfekt”, sagte Kellmann leise ins Telefon. Aber in der Stille der leeren Cafeteria trug jedes Wort. „Sie hat den Vertrag schon unterschrieben.
Der alte Mann hat keine Ahnung. ”
Mein Herz begann zu hämmern, so heftig, dass ich einen Moment dachte, es würde mich einfach so umbringen, hier auf der Stelle, ohne Hilfe von niemandem. Bergemann, das bin ich, Werner Bergemann. Und die einzige Tochter, die ich habe, ist Sabrina.
Kellmann drehte sich weiter zum Fenster, sprach jetzt leiser, aber ich hörte jedes Wort. „Die Immobilie in Blankenese ist gold wert. Vier Millionen mindestens. Und sie bekommt alles, sobald der Alte…”, er machte eine Pause.
„Du weißt schon. ”
Ich duckte mich hinter den Stuhl, obwohl er mich gar nicht sehen konnte. Das Herz raste mir bis zum Hals. Was für ein Vertrag?
Welche Immobilie in Blankenese? „Die Tochter ist clever”, fuhr Kellmann fort. „Hat alles durchgeplant. Vollmacht, Testament.
Sogar ein Pflegeheimplatz ist schon reserviert. Lübecker Weg fünfzehn. Sie sagt, er wird nicht lange durchhalten bei seinem Herzen. ”
Lübecker Weg fünfzehn.
Das Pflegeheim, über das Sabrina letzte Woche so beiläufig gesprochen hatte. „Nur zur Information, Papa, falls du mal Hilfe brauchst. ” Ihre Stimme, so harmlos, so fürsorglich. Meine Hände zitterten, als ich den Rucksack an mich drückte, als wäre er ein Rettungsanker.
Kellmann lachte leise ins Telefon, ein kaltes, geschäftliches Lachen. „Sie hat sogar medizinische Unterlagen gefälscht. Demenz, beginnende Alzheimer. Der perfekte Grund für eine Entmündigung.
Der Richter wird ihr gar nicht widersprechen können. ”
Entmündigung. Das Wort traf mich wie ein Hammerschlag. Sabrina, meine Tochter, wollte mich entmündigen lassen.
Sie wollte mich für verrückt erklären lassen, um an mein Erbe zu kommen. Ich schlich rückwärts zur Tür, jeder Schritt eine Ewigkeit. Kellmann telefonierte weiter, ahnte nicht, dass er gerade mein Leben zerstört und in derselben Minute wieder zusammengesetzt hatte. In einem einzigen Telefongespräch hatte ich erfahren, was meine eigene Tochter gegen mich plante.
Das Haus in Blankenese. Das Haus, für das meine verstorbene Frau Margarete und ich vierzig Jahre lang gearbeitet hatten. Sabrina war dort aufgewachsen, hatte ihre ersten Schritte auf den Eichendielen gemacht, hatte dort Geburtstage gefeiert und Weihnachten und jetzt wollte sie mich in ein Heim abschieben, um alles zu verkaufen, um mit dem Geld zu verschwinden. Draußen auf der Straße atmete ich die kalte Novemberluft ein, aber meine Lungen fühlten sich trotzdem wie zugeschnürt an.
Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Sabrina: „Papa, kannst du heute Abend zum Essen kommen? Ich möchte etwas Wichtiges mit dir besprechen. ” Jetzt wusste ich, was das Wichtige war.
Ich setzte mich auf eine Bank und starrte auf das Display, bis die Buchstaben verschwammen. Sabrina, meine kleine Prinzessin, die ich groß gezogen hatte, nachdem Margarete gestorben war. Sie war damals siebzehn gewesen, mitten in der Pubertät, mitten im Chaos, und ich hatte zwei Jobs angenommen, um ihre Schulausbildung zu finanzieren. Später das Studium, die Wohnung, das Auto, alles für sie.
Ich hatte nie gezögert, nie etwas bereut. Und jetzt das. Ich wollte nicht glauben, was ich gehört hatte, aber ich konnte es nicht wegwischen. Es war real, so real wie der kalte Stein unter mir.
Das Telefon klingelte erneut. Sabrina„Papa, kommst du heute Abend? Ich koche dein Lieblingsgericht. ” Ihre Stimme klang so fürsorglich, so liebevoll, wie sie es immer tat, wenn sie etwas von mir wollte.
„Natürlich”, sagte ich, und meine Stimme zitterte nicht einmal. „Ich freue mich schon darauf. ” Sie wusste nicht, dass ich es wusste. Das war mein einziger Vorteil, und ich würde ihn nutzen.
Zu Hause in Blankenese ging ich zuerst in mein Arbeitszimmer. Die Unterlagen lagen alle ordentlich in den Aktenordnern, wie Margarete es mir beigebracht hatte. Testament, Vollmachten, Bankdokumente, alles sauber beschriftet und chronologisch geordnet. Ich öffnete die Schublade mit den wichtigsten Papieren.
Das Testament war noch da, aber etwas stimmte nicht. Die Seiten waren nicht mehr richtig ausgerichtet, als hätte jemand sie durchgeblättert und nachlässig zurückgelegt. Sabrina hat einen Schlüssel. Natürlich hat sie einen.
Sie ist meine Tochter. Ich prüfte die Vollmacht. Sie war gefälscht. Nicht meine Unterschrift, aber eine verdammt gute Nachahmung.
Sabrina hatte schon als Teenager meine Unterschrift imitieren können, um sich Entschuldigungen für die Schule zu schreiben, und ich hatte es immer für harmlos gehalten. Ich ging zum Safe hinter dem Bücherregal. Der Zahlencode war unverändert, Margaretes Geburtstag. Aber als ich ihn öffnete, war er leer.
Sogar die Goldmünzen, die ich für Notfälle aufbewahrte, waren verschwunden. Sabrina war gründlich gewesen, aber sie hatte einen Fehler gemacht, einen einzigen, aber entscheidenden Fehler. Ich ging zum Schreibtisch und zog die unterste Schublade heraus. Dahinter, in einem versteckten Fach, das nur Margarete und ich gekannt hatten, lagen die Kopien von allem.
Margarete hatte darauf bestanden: „Vertrauen ist gut, Werner, aber Absicherung ist besser. ” Die echten Bankvollmachten, die echten Testamente,die Eigentumsurkunden,alles war da. Und noch etwas anderes, die Videoüberwachungsanlage. Sabrina wusste nicht, dass ich vor einem Jahr Kameras installiert hatte, diskret, fast unsichtbar, nach einem Einbruch in der Nachbarschaft, kurz vor Margaretes Tod.
Ich schaltete den Computer an und öffnete die Aufzeichnungen der letzten Wochen. Und da war sie, Sabrina, die durch mein Haus schlich, während ich beim Arzt war. Sabrina,die meinen Safe öffnete, die Dokumente fotografierte und andere verschwinden ließ. Aber das Beste kam noch.
Ein Video vom letzten Donnerstag. Sabrina mit einem Mann, den ich nicht kannte, saßen in meinem Wohnzimmer und gingen Papiere durch. „Der Alte merkt nichts”, sagte sie zu ihm. „Er wird freiwillig ins Heim gehen, wenn ich ihm sage, dass es zu seinem eigenen Schutz ist.
” Der Mann lachte. „Und wenn nicht? ” „Dann helfen die gefälschten Arztberichte nach. Dr.
Clemens macht alles für das richtige Honorar. ” Dr. Clemens, mein Hausarzt seit Jahren. Auch er war Teil der Verschwörung.
Ich speicherte alle Videos auf USB-Sticks, drei Kopien, eine für mich, eine für die Polizei, eine für meinen Anwalt. Es war Zeit, dass Sabrina lernte, mit wem sie es zu tun hatte. Um achtzehn Uhr fuhr ich zu ihrer Wohnung in der HafenCity. Luxus pur, natürlich, bezahlt mit dem Geld, dass sie über die Jahre aus meinen Konten abgezweigt hatte.
Ich hatte immer gedacht, sie sei einfach nicht gut mit Geld umgehen. Jetzt wusste ich es besser. Sie empfing mich mit einer Umarmung,die sich echt anfühlte, warm und fest. Vielleicht war sie das sogar, vielleicht hatte sie sich wirklich eingeredet, dass das, was sie tat, richtig war, dass es mir helfen würde, dass es das Beste für mich sei.
Das machte es nicht besser. Das machte es schlimmer. „Papa, du siehst müde aus”, sagte sie und führte mich ins Wohnzimmer. „Setz dich, das Essen ist gleich fertig.
” Sauerbraten mit Rotkohl, genau wie Margarete ihn gemacht hatte. Sabrina hatte das Rezept ihrer Mutter gelernt, bevor diese starb, und sie hatte es perfektioniert. Wir aßen schweigend. Sabrina wirkte nervös, spielte mit ihrem Weinglas, schaute immer wieder zur Küche, als würde sie auf etwas warten.
„Papa”, sagte sie schließlich, „ich mache mir Sorgen um dich. ” Da war es, der Beginn ihrer Show. „Sorgen? ” Fragte ich unschuldig, als hätte ich keine Ahnung, was kommen würde.
„Du vergisst so viel in letzter Zeit. Termine, Namen, manchmal sogar wo du hin wolltest. ” Sie griff nach meiner Hand, ihre Finger kühl und fest. „Ich denke, es wäre besser, wenn du nicht mehr allein wohnen würdest.
” Ich nickte nachdenklich, als würde ich wirklich darüber nachdenken. „Du hast vielleicht recht. ” Sie sah überrascht aus. Das hatte sie nicht erwartet, so schnelle Zustimmung.
„Wirklich? Du würdest über einen über eine betreute Wohnform nachdenken? ” „Natürlich”, sagte ich. „Ich vertraue dir vollkommen.
” Ihr Gesicht hälte sich auf, ein Strahlen, das ich früher geliebt hätte, das ich jetzt nur noch beobachtete. Sie ahnte nicht, dass ich jedes Wort ihres Telefongesprächs mit Dr. Clemens aufgezeichnet hatte, dass ich wusste, wer der Mann in meinem Wohnzimmer gewesen war, ihr neuer Freund, ein Immobilienmakler, der schon potenzielle Käufer für mein Haus kontaktiert hatte. „Es gibt da ein sehr schönes Heim”, sagte sie schnell.
„Lübecker Weg fünfzehn. Ich war schon dort. Die Zimmer sind hell, das Personal freundlich. ” „Klingt wunderbar”, sagte ich.
„Wann könnten wir es besichtigen? ” Sie strahlte. „Schon morgen, wenn du möchtest. ” Natürlich hatte sie schon einen Termin vereinbart, natürlich hatte sie alles arrangiert.
Ich lächelte. Nach dem Essen brachte sie mir Tabletten, zwei weiße Pillen auf einem kleinen Teller. „Für dein Herz”, sagte sie. „Dr.
Clemens hat sie verschrieben. ” Ich schluckte sie, aber spuckte sie heimlich in die Serviette, als sie nicht hinsah. Diese Tabletten hatte Dr. Clemens nie verschrieben, ich erkannte sie nicht, aber ich wusste, dass sie nicht für mein Herz waren.
Sabrina beobachtete mich genau. „Wie fühlst du dich? ” „Ein bisschen müde”, log ich. „Vielleicht sollte ich nach Hause fahren.
” „Nein”, sagte sie zu schnell. „Ich meine, du solltest nicht mehr Autofahren, wenn du müde bist. Ich bringe dich nach Hause. ” Auf der Fahrt redete sie pausenlos über das Pflegeheim, über meine Gesundheit, über die Zukunft, über alles, was sie sich erträumt hatte.
Ich hörte nur halb zu. In meinem Kopf formte sich bereits ein Plan, ein Plan, der Sabrina alles kosten würde, was sie sich so sorgfältig zusammengestohlen hatte. Sie setzte mich vor meinem Haus ab. „Bis morgen, Papa.
Und denk daran, kein Autofahren mehr. ” „Ja”, nickte ich gehorsam. „Natürlich nicht, meine Liebe. ” Als die Rücklichter im Dunkeln verschwanden, huschte zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Lächeln über mein Gesicht, ein kaltes, ruhiges Lächeln.
Die Jagd konnte beginnen. Die Nacht verging schnell, aber sie war produktiv. Während Sabrina sich wahrscheinlich vorstellte, wie sie mein Vermögen verschwenden würde, saß ich in meinem Arbeitszimmerund bereitete meinen Racheplan vor. Um drei Uhr morgens war der erste Teil fertig.
Ich rief meinen alten Freund Klaus an, wir kannten uns seit vierzig Jahren, und vor seiner Pensionierung hatte er als Privatdetektiv gearbeitet. Klaus war mir einen Gefallen schuldig, weil ich seiner Tochter einen Job in meiner Firma verschafft hatte. „Werner, ist es wirklich mitten in der Nacht? ” Seine Stimme klang verschlafen, aber neugierig.
„Klaus, ich brauche deine Hilfe. Es ist dringend. ” Eine Stunde später saß er in meiner Kücheund sah sich die Videos an. Sein Gesicht wurde immer düsterer, wurde kreidebleich, als er Sabrina erkannte.
„Deine eigene Tochter”, murmelte er und schüttelte den Kopf. „Werner, das ist nicht nur eine Täuschung. Das ist ein Versuch, dich komplett zu vernichten, deinen Ruf zu ruinieren und dich aus der Realität zu löschen. Und die Tabletten, die sie dir gibt, die sind nicht für dein Herz, die sind dafür, dass du…” Er brach ab.
Ich nickte. „Deshalb brauche ich dich. Du hast immer noch Bekannte bei der Polizeiund bei den Gerichten. Wenn ich handle, möchte ich, dass alles perfekt läuft.
” Klaus rieb sich das Kinn. „Was hast du vor? ” Ich lächelte, es war kein warmes Lächeln. „Ich gebe ihr, was sie will, aber nicht so, wie sie es sich vorstellt.
” Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon pünktlich um acht Uhr. Sabrina,strahlende Stimme. „Guten Morgen, Papa. Bereit für die Besichtigung?
” „Mehr als bereit”, sagte ich. „Ich habe schon gepackt. ” Stille. „Gepackt?
” „Nur das Nötigste. Wenn das Heim so schön ist, wie du sagst, möchte ich gar nicht mehr nach Hause. ” Ihre Stimme zitterte vor Aufregung, kaum unterdrückt. „Das ist wunderbar, Papa.
Ich hole dich in einer Stunde ab. ” Ich packte tatsächlich einen kleinen Koffer, aber nicht für das Pflegeheim. Sabrina kam mit ihrem Freund, er stellte sich als Markus vor, der Immobilienmakler, ein glatter Typ mit teurer Uhr und noch teurerem Lächeln. „Herr Bergemann”, sagte er und schüttelte mir die Hand.
„Sabrina hat mir so viel von ihnen erzählt. ” „Nur Gutes, hoffe ich”, antwortete ich und beobachtete, wie er nervös lachte. Das Pflegeheim war tatsächlich schön. Zu schön, um wahr zu sein.
Die Leiterin, Frau Weber, führte uns durch strahlend saubere Gänge, zeigte uns ein Musterzimmer mit Blick auf einen gepflegten Garten. „Wir haben noch einen Platz frei”, sagte sie zu Sabrina. „Aber der Herr müsste noch heute entscheiden, sonst ist er weg. ” „Ich entscheide mich”, sagte ich schnell.
„Wann kann ich einziehen? ” Frau Weber strahlte. „Sofort, wenn Sie möchten. Wir haben alle Papiere vorbereitet.
” Natürlich hatten sie das. Sabrina hatte alles im Voraus arrangiert, jeden Schritt, jede Unterschrift, jeden Betrug. Während Frau Weber die Dokumente holte, flüsterte Sabrina Markus zu: „Sobald er hier ist, können wir das Haus auf den Markt bringen. In zwei Wochen ist alles erledigt.
” Ich tat so, als hätte ich nichts gehört. Die Papiere waren umfangreich. Aufnahmevertrag, Betreuungsvereinbarung, Vollmacht für medizinische Entscheidungen, alles zugunsten von Sabrina. Ich unterschrieb ohne zu zögern.
„Papa”, sagte Sabrina mit tränenfeuchten Augen, „du bist so tapfer. ” Ich umarmte sie, kurz und fest. „Du hast mir keine andere Wahl gelassen, meine Liebe. ” Sie verstand die wahre Bedeutung meiner Worte nicht.
Am Abend war ich offiziell Bewohner des Pflegeheims Lübecker Weg. Sabrina und Markus fuhren nach Blankenese, um das Haus zu sichern, wie sie es nannten. Ich wartete bis Mitternacht, dann verließ ich das Pflegeheim durch den Notausgang, leise, ohne dass jemand mich sah. Klaus wartete mit seinem Auto.
„Läuft alles nach Plan? ” Fragte er. „Perfekt. Sie sind gerade dabei, sich selbst zu vernichten.
” Wir fuhren nach Blankenese. Das Haus lag im Dunkeln, aber ich sah Licht in meinem Arbeitszimmer. Sabrinaund Markus durchsuchten meine Sachen, suchten nach weiteren Wertgegenständen, nach versteckten Safes, nach Schweizer Konten. Ich schlich mich durch die Hintertür hinein.
Sie hatten vergessen,die Alarmanlage zu aktivieren. Typisch für Amateure. Leise stellte ichdie versteckten Kameras scharf und aktivierte die Tonaufzeichnung. Dann wartete ich im Flur, im Schatten, unsichtbar.
„Hier muß noch mehr sein”, hörte ich Markus sagen. „Ein Haus wie dieses, und er hatte nur zweihunderttausend auf dem Konto? ” „Er ist alter als ich dachte”, antwortete Sabrina, ihre Stimme kaltund ungeduldig. „Aber da ist bestimmt mehr.
Versteckte Safes, Schweizer Konten. Reiche Leute sind alle paranoid. ” „Wir haben Zeit”, sagte Markus. „Sobald er tot ist.
” „Markus”, Sabrinas Stimme war scharf. „So reden wir nicht. ” „Komm schon, Sabrina. Der Alte hat ein schwaches Herz.
Die Tabletten,die du ihm gibst,werden das Problem bald lösen. ” „Tabletten? ” Also waren es nicht nur Beruhigungsmittel gewesen. Es war schlimmer, viel schlimmer.
„Dr. Clemens sagt, es dauert noch ein paar Wochen”, flüsterte Sabrina. „Dann sieht es aus wie ein natürlicher Herzinfarkt. ” Jetzt hatte ich alles,was ich brauchte.
Ich schlich zurück nach draußenund rief Klaus an. „Es ist Zeit für Phase zwei. ” Am nächsten Morgen erwachte Sabrina in ihrer Wohnung mit einem Schock. Ihr Bankkonto war leer, komplett leer.
Sie riefdie Bank an, schrie den armen Sachbearbeiter an, der nur seine Arbeit machte. „Das muss ein Fehler sein. Wo ist mein Geld? ” „Entschuldigung, aber gemäß den uns vorliegenden Vollmachten wurde das gesamte Guthaben auf ein Treuhandkonto überwiesen.
” „Welche Vollmachten? Ich habe keine Vollmachten erteilt! ” „Die Vollmachten ihres Vaters, Frau Bergemann. Er ist als Hauptkontoinhaber eingetragen.
Haben Sie das vergessen? ” Sabrina wurde kreidebleich. Vor Jahren, als sie ihr erstes Geschäft aufbauen wollte, hatte ich ihr geholfen, indem ich als Bürge aufgetreten war. Dabei hatte ich mich als Mitinhaber ihrer Konten eintragen lassen.
„Nur für den Notfall”, hatte ich damals gesagt. Der Notfall war eingetreten. Markus war der nächste Schock. Sabrina rief ihn an, aber eine fremde Stimme nahm ab.
„Polizei Hamburg, Betrugsdezernat. ” „Ich suche Markus Hoffmann. ” „Herr Hoffmann befindet sich in Untersuchungshaft. Darf ich fragen, wer Sie sind?
” Sabrina legte auf. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie das Telefon kaum halten konnte. Der dritte Schock kam per Einschreiben. Eine Vorladung zum Amtsgericht Hamburg.
Anklage: Betrug, Urkundenfälschung, versuchter Mord. Sabrina las das Dokument dreimal, bevor sie es begriff. Es gab Zeugen, Videoaufzeichnungen, Tonbandmitschnitte. Alles war da.
Jede ihrer Lügen, jede gefälschte Unterschrift, jeder Plan, jedes geflüsterte Wort, alles war da. Sie rief mich an. Zum ersten Mal seit Monaten hörte sich ihre Stimme wirklich verzweifelt an, nicht gespielt, nicht manipuliert, sondern echt. „Papa, Papa, wo bist du?
” „Hallo Sabrina. Ich bin im Pflegeheim, wo du mich hingebracht hast. ” „Papa, es gibt ein Missverständnis. Die Polizei denkt, ich hätte…” „Was denkst du denn, Sabrina?
Da ich altund verwirrt bin, dass ich nicht merke, wenn meine eigene Tochter versucht, mich umzubringen? ” Stille. „Papa, ich…” „Du hast mir Tabletten gegeben, die mein Herz zum Stillstand bringen sollten. Dr.
Clemens hat gestanden. Alles. ” „Das war nicht meine Idee. Das war Markus.
” „Ach so. Du warst nur dabei, als ihr geplant habt, wann ich sterben soll. ” Sabrina begann zu weinen, aber es waren nicht die manipulativen Tränen,die ich jahrelang gesehen hatte. Es war echte Verzweiflung, roh und ungeschönt.
„Papa, bitte. Ich bin deine Tochter. ” „Nein”, sagte ich ruhig. „Meine Tochter ist vor langer Zeit gestorben.
Du bist nur noch ein Fremder,der aussieht wie sie. ” Am Tag der Gerichtsverhandlung saß ich in der ersten Reihe. Sabrina wurde in Handschellen hereingeführt. Sie hatte abgenommen, ihre Haare waren ungekämmt, ihre Augen rotund leer.
Sie sah zu mir herüber, aber ich wandte den Blick ab. Der Richter las die Anklageschrift vor, Betrug in elf Fällen, Urkundenfälschung, versuchter Mord. Die Beweise waren erdrückend. Sabrinas Anwalt versuchte auf Notwehr zu plädieren, auf psychische Belastung, auf einen kranken Vater, der sie überfordert hätte, aber die Videoaufzeichnungen sprachen eine deutliche Sprache, jede Szene, jedes Wort, jede geflüsterte Absprache zwischen Sabrinaund Markus, die Tabletten, das Pflegeheim, der Plan.
Das Gericht verurteilte die Angeklagte zu acht Jahren Haft ohne Bewährung, verkündete der Richter, und seine Stimme hallte durch den Saal. Sabrina brach zusammen, schluchzte, rief meinen Namen, aber ich stand auf und ging hinaus, ohne zurückzublicken. Draußen wartete Klaus. „Zufrieden?
” Fragte er. Ich dachte einen Moment nach, spürte die kalte Luft auf meiner Haut, hörte die Stadt hinter mir summen. „Weißt du, Klaus, ich hatte erwartet, dass es sich gut anfühlt. Gerechtigkeit, Rache, wie auch immer man es nennt.
” „Und tut es das? ” „Nein. Es fühlt sich nur leer an. ” Aber dann dachte ich an Margarete, an unser Haus, an die Jahre harter Arbeit,die Sabrina so leichtfertig zerstören wollte, an die Tabletten,die mein Herz zum Stillstand bringen sollten, an die Stimme meiner Tochter,die mich Papa nannte, während sie meinen Tod plante.
„Andererseits”, sagte ich zu Klaus, „hätte sie gewonnen, wenn ich nichts getan hätte. Dann wäre ich jetzt tot,und sie würde mit meinem Geld ein schönes Leben führen. ” Klaus nickte. „Manchmal gewinnt man nicht, weil es sich gut anfühlt.
Manchmal gewinnt man einfach, weil man muss. ” Ein Jahr später lebt Sabrina noch immer im Gefängnis. Sie hat mir dreimal geschrieben, aber ich habe die Briefe ungeöffnet zurückgeschickt. Das Haus in Blankenese gehört immer noch mir.
Ich habe es renovieren lassen, und ein Zimmer zu einem kleinen Museum für Margarete gemacht. Ihre Fotos, ihre Bücher, ihre Sachen, alles da, alles bewahrt. Manchmal, wenn ich in ihrem Sessel sitzeund Kaffee trinke, denke ich daran, was passiert wäre, wenn ich meinen Rucksack an dem Tag nicht vergessen hätte. Wenn ich nicht zurückgegangen wäre, wenn ich nie Herrn Kellmanns Telefongespräch gehört hätte, dann wäre ich jetzt tot,und Sabrina würde in meinem Haus leben, mit meinem Geld, mit meinem Erbe, mit meinem Leben.
Aber ich vergaß meinen Rucksack, und manchmal sind es die kleinsten Zufälle,die das größte Unheil verhindern. Die Gerechtigkeit hat viele Gesichter. Manchmal trägt sie das Gesicht eines vergesslichen alten Mannes,der zur rechten Zeit am rechten Ort war.