Hans Ulrich Rudel: Die umstrittene Legende der Luftwaffe

Er war der erfolgreichste Sturzkampfpilot der Geschichte und zugleich eine der schillerndsten wie umstrittensten Figuren des Zweiten Weltkriegs. Hans Ulrich Rudel, geboren am 2. Juli 1916 in Konradswaldau in der Provinz Schlesien, stieg innerhalb weniger Jahre von einem mittelmäßigen Flugschüler zum gefürchtetsten Panzerjäger der Luftwaffe auf.
Seine Bilanz: 2530 Kampfeinsätze, 519 zerstörte Panzer und die Versenkung des sowjetischen Schlachtschiffs Marat. Eine Zahl, die in der gesamten Luftfahrtgeschichte bis heute unerreicht geblieben ist.
Doch wer war dieser Mann wirklich, dem sowjetische Panzerbesatzungen mit Angst entgegensahen und auf dessen Kopf Josef Stalin persönlich ein Kopfgeld aussetzte? Die Antwort liegt in einer Mischung aus eisernem Willen, fanatischem Einsatz und einer technischen Innovation, die den Verlauf der Panzerabwehr aus der Luft verändern sollte. Rudels Geschichte ist zugleich die Geschichte einer militärischen Karriere, die ohne den Krieg gegen die Sowjetunion undenkbar gewesen wäre.
Denn lange Zeit sah es nicht danach aus, als würde aus dem Pfarrerssohn jemals ein erfolgreicher Kampfpilot werden. Nach dem Abitur trat Rudel 1936 in die Luftkriegsschule in Braunschweig ein. Seine Ausbilder hielten ihn für ungeeignet als Stukapilot, seine Leistungen beim Instrumentenflug waren schwach, und über Jahre blieb er als Aufklärungsflieger lediglich Beobachter und zweites Besatzungsmitglied.
Nur durch unermüdlichen Einsatz und zahlreiche Bitten gelang ihm schließlich die Umschulung auf die Ju 87.
Erst 1941, mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, wurde Rudel einer Kampfeinheit zugeteilt. Seine Vorgesetzten hatten ihn für zu schwach für den Fronteinsatz gehalten. Genau das Gegenteil sollte sich als wahr erweisen.
Im Sturzkampfgeschwader 2 Immelmann, einem der bekanntesten Stuka-Geschwader der Luftwaffe, begann der Aufstieg des Mannes, der später als Kanonenvogel-Pilot in die Geschichte eingehen sollte.
Im September 1941 gelang Rudel ein Coup, der ihn unter den Stukapiloten schlagartig berühmt machte. Bei einem Angriff auf Kronstadt warf er eine 1000-Kilogramm-Panzerbombe in den Bug des sowjetischen Schlachtschiffs Marat und versenkte es. Es war ein Treffer, der nicht nur militärische Bedeutung hatte, sondern auch die psychologische Wirkung eines Fanal.
Von diesem Moment an galt Rudel als Ausnahmepilot.

Den entscheidenden Wendepunkt seiner Laufbahn markierte jedoch das Jahr 1943. Die Luftwaffe suchte damals nach einer wirksamen Methode, um den massiven Panzerangriffen der Roten Armee zu begegnen. Die Antwort war die spezielle Modifikation Ju 87 G, der sogenannte Kanonenvogel.
Ausgestattet mit zwei 37-Millimeter-Bordkanonen BK 37 in Gondeln unter den Flügeln, entwickelte sich dieses Flugzeug zur tödlichen Waffe gegen die gefürchteten T-34 und KW-1-Panzer.
Jede Kanone verfügte über ein Magazin mit zwölf Schuss. Verwendet wurde panzerbrechende Brandmunition mit Wolframkern, die die obere Panzerung der sowjetischen Modelle aus Entfernungen bis zu 500 Metern durchschlagen konnte. Rudel entwickelte daraus eine ebenso simple wie effektive Taktik: Er griff aus einer Höhe von 500 bis 800 Metern an, tauchte in einem Winkel von etwa 30 bis 40 Grad und feuerte die Kanonen gezielt auf das Motordeck oder den Turm, wo die Panzerung am dünnsten war.
Seine Angriffe waren so präzise, dass oft bereits der erste Schuss einen Panzer außer Gefecht setzte. Jeder panzerbrechende Treffer konnte das Dach eines T-34 durchschlagen und ihn in einen unbeweglichen Schrotthaufen verwandeln. Dank dieser Modifikation wurde Rudel zur Legende der Panzerjägerfliegerei.
Es war, wie Zeitgenossen es beschrieben, eine Kanone mit Flügeln – ein fliegendes Geschütz, das die Panzerabwehr revolutionierte.
Die Zahlen, die Rudel bis Kriegsende vorlegte, sind bis heute beispiellos. 2530 Kampfeinsätze absolvierte er, ein absoluter Rekord unter allen Piloten der Luftwaffe und in der gesamten Geschichte der Luftfahrt. Ihm werden 519 zerstörte Panzer zugeschrieben, vor allem T-34, KW-1 und IS-2.
Hinzu kamen vier Panzerzüge, 70 Artilleriegeschütze, etwa 800 Lastwagen, 150 Artillerie- und Flakstellungen sowie neun Flugzeuge am Boden.
Seine Erfolge waren so außergewöhnlich, dass das sowjetische Kommando eine spezielle Prämie auf seine Abschussauszahlung aussetzte. Flakbatterien und Jagdflugzeuge jagten ihn, denn sein Erscheinen an der Front bedeutete für die Panzertruppen stets große Verluste. Seine Kampfeffektivität erklärte sich nicht nur durch persönliches Können, sondern auch durch die schiere Zahl seiner Einsätze.
Er flog praktisch täglich, manchmal zehn bis zwölf Einsätze an einem einzigen Tag.
Kein anderer Pilot der Welt erreichte jemals eine solche Anzahl bestätigter Siege gegen Panzer. Sein Name wurde für sowjetische Panzerbesatzungen zum Synonym für das Wort Tod. Die Rote Armee fürchtete ihn mehr als jeden anderen Flieger der deutschen Luftwaffe, und seine Anwesenheit am Himmel über der Ostfront genügte, um ganze Panzerkolonnen zum Anhalten zu zwingen.
Im Februar 1945 dann der Einschnitt, der seine Karriere hätte beenden können. Rudels Ju 87 G Kanonenvogel wurde während eines Kampfeinsatzes über Preußen von sowjetischem Flakfeuer getroffen. Die Granate durchschlug das Cockpit und zerschmetterte sein rechtes Schienbein.
Trotz starker Blutung und enormer Schmerzen gelang es Rudel, die Maschine bis zu den deutschen Stellungen zurückzufliegen und sicher zu landen.
Im Lazarett mussten die Ärzte sein rechtes Bein unterhalb des Knies amputieren, da der Knochen zertrümmert und das Gewebe infiziert war. Doch Rudel lehnte eine lange Rehabilitation ab. Er ließ sich eine spezielle Flugprothese anfertigen, die an die Steuerpedale angepasst war.
Bereits drei Wochen nach der Amputation flog er wieder Kampfeinsätze – ein Umstand, der bis heute als Symbol seines Fanatismus und seines unbeugsamen Willens gilt.
Trotz des Verlustes seines Beins absolvierte er noch 25 weitere Kampfeinsätze und griff sowjetische Panzerkolonnen an, die auf Berlin vorrückten. Bis Kriegsende blieb Rudel Gruppenkommandeur und nahm persönlich an den Kämpfen teil, selbst als die Luftwaffe praktisch nicht mehr als organisierte Streitkraft existierte. Seine Standhaftigkeit wurde in Veteranenkreisen legendär, seine Verbissenheit zugleich zum Sinnbild einer Ideologie, der er bis zuletzt anhing.

Hans Ulrich Rudel war der einzige Soldat des Dritten Reiches, der die höchste militärische Auszeichnung erhielt: das Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten sowie zusätzlich das goldene Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten. Diese besondere Ehrung wurde 1945 eigens für ihn persönlich geschaffen, in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Kampferfolge. Eine Auszeichnung, die es in dieser Form für keinen anderen Soldaten gab.
Nach der Kapitulation Deutschlands geriet Rudel in amerikanische Kriegsgefangenschaft, emigrierte jedoch bereits 1948 nach Argentinien, um einer Verfolgung wegen seiner NS-Verbindungen zu entgehen. Er gehörte zum Umfeld von Juan Perón und war persönlich mit vielen ehemaligen Nationalsozialisten bekannt, die in Argentinien untergetaucht waren. Dort arbeitete er als militärischer Berater und half beim Aufbau der Pilotenausbildung sowie der Taktik der Schlachtflieger.
Darüber hinaus vermittelte er beim Ankauf deutscher Rüstungsgüter für lateinamerikanische Regime und blieb auch nach dem Krieg ein überzeugter Nationalsozialist. In Deutschland unterstützte er ultrarechte Organisationen. In seinen Memoiren zeigte er keine Reue für seine Überzeugungen.
Er starb 1982 in Bayern an einem Schlaganfall. Bis zu seinem Lebensende blieb er in Veteranenkreisen der Luftwaffe hoch angesehen, war aber zugleich bekannt für seine ungebrochenen nationalsozialistischen Ansichten.
Für manche war er ein Held der Luftfahrt, der beste Sturzkampfpilot der Geschichte. Für andere ein Fanatiker und überzeugter Nationalsozialist, der seine Ansichten bis zum letzten Tag nicht änderte. Die Geschichte von Hans Ulrich Rudel bleibt damit ein ambivalentes Kapitel der Militärgeschichte – eine Geschichte von außergewöhnlichem fliegerischem Können, technischer Innovation und einer ideologischen Verblendung, die bis zum Tod nicht wich.