Da stand ich nun, allein auf dem Times Square, umgeben von tausend grellen Bildschirmen und noch mehr Menschen, und Jasmin war einfach gegangen. Kurz zuvor hatten wir uns gestritten, richtig…

Da stand ich nun, allein auf dem Times Square, umgeben von tausend grellen Bildschirmen und noch mehr Menschen, und Jasmin war einfach gegangen. Kurz zuvor hatten wir uns gestritten, richtig...

Jasmin und ich hatten uns gestritten. Sie hatte mich eine fette Sau genannt, wegen der Donuts, und ich hatte sie eine kackende Sau genannt, weil sie eben musste. Dann war sie gegangen, und jetzt stand ich allein auf dem Times Square, umgeben von tausend grellen Bildschirmen und noch mehr Menschen. Ganz allein in New York.

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All alone. Ich bin nur ein Mädchen in dieser Welt. Ich zog meinen Koffer hinter mir her, diesen verdammten grünen Koffer mit seinen zwei billigen Rollen und dem zu kurzen Griff. Ich musste die Schulter senken und ihn schräg hinter mir herziehen, und es war einfach nur scheiße.

Der größte Dreckskoffer, den ich je gesehen hatte. Den würde ich zurückchicken, so viel stand fest. Fünfzig bis siebzig Dollar Rücksendung plus Zoll, und wenn er zu schwer war, nochmal hundert obendrauf. Aber egal.

Im Stream hatte ich vorhin noch gelacht, aber jetzt war mir nicht danach. Ich hatte Hunger, mein Bauch grummelte, und ich brauchte dringend eine Toilette. Der Laden um die Ecke hatte eine, aber nur mit Code. Der Typ an der Theke wollte mir den Code nicht geben, bevor ich etwas bestellt hatte.

Ja, aber meine Freundin hat eben hier bestellt, sagte ich. Er ließ mich zappeln, bis ich irgendwann den Code bekam, und dann musste ich erst prüfen, ob die Klobrille sauber war. Eine Krankheit wollte ich mir hier nicht holen, nicht auf dem Times Square. Aber ich musste so dringend, dass ich richtig aggressiv an die Tür geklopft habe, als jemand drinnen zu lange brauchte.

Eine ganze Familie mit zwei Kindern stand daneben, und ich knallte die Tür auf und starrte sie an, und sie sagten einfach gar nichts. Man stört eine Frau nicht, wenn sie muss. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Danach ging es mir etwas besser.

Ich schlenderte weiter, an Schaufenstern vorbei, an kleinen Läden mit italienischen Donuts, die aussahen wie Mini-Berliner. Nicht so gut wie Crispy Cream, aber niedlich. In meiner Tasche hatte ich meine eigenen Donuts, Taschen-Donuts, wie ich sie nannte. Die hatte ich mir vorhin geholt, bevor der Streit losging.

Der Chat redete die ganze Zeit über Mario. Mario von der Cheesecake Factory. Vorgestern hatte er uns so angebaggert, so ein lautes „Hello, ladies“, und wir hatten die ganze Zeit über ihn geredet. Anscheinend nimmt der jeden zweiten Gast mit nach Hause.

Natürlich auch andere Frauen. Wir wissen, dass es Quatsch ist, aber es funktioniert trotzdem. Irgendwie. Dann kam die Tinder-Benachrichtigung.

Matteo hatte mich geliked und mir eine Nachricht geschickt. Ich weiß nicht, was er wollte, und ich will es auch nicht wissen. Es ist mir egal. Wirklich.

Ich musste an unser Hotel denken, an die neue Unterkunft. Meine Hotelallergie, die deutsche Reinigungsmittel-Allergie, hatte sich dort noch nicht gemeldet. Draußen in Deutschland geht es mir immer beschissen, aber hier in den USA habe ich gar keine Allergie. Die sprühen hier irgendwas in die Luft, dass sowas nicht passiert.

Keine Ahnung, was es ist. Zetrizin oder so. Vorhin hatten wir noch auf Jasmins Koffer gesessen, weil unsere eigenen nicht mehr zugingen. Zwei Leute auf einem kleinen Rollkoffer, das war unser Leben gerade.

Jetzt stand ich allein hier, mitten in dieser Stadt, in der es mehr Läden gibt, als ich je gesehen hatte. Mehr City geht glaube ich nicht. Ich könnte mir nicht vorstellen, hier zu wohnen. Wir kaufen einfach noch drei Koffer, hatte ich gesagt, aber im Ernst: Ich will nach Hause.

Irgendwann. Vielleicht. Ich lief an einem Schild vorbei, das eine waffenfreie Zone auswies. Gun free zone.

Das musste ich immer wieder lachen. In Deutschland gibt es das auch, am Frankfurter Hauptbahnhof hängen überall solche Schilder. Da sind waffenfreie Zonen aber eher Gebiete, in denen man nicht sein möchte. Hier macht es mehr Sinn, weil die Leute hier ja überall Waffen tragen dürfen.

Ein Blick auf mein Handy. Keine Nachricht von Jasmin. Ich hoffte, es geht wieder. Ich hatte ihr vorhin über den Stream ein paar Grüße schicken wollen, aber sie hatte ihr Mikro nicht dabei.

Was vielleicht auch ganz gut war. Vor einem Geschäft blieb ich stehen. Da drüben war echte Gucci. Ob die echt war?

Sicher nicht, dachte ich. Aber wer weiß. Auf einem Plakat entdeckte ich die Besetzung von Harry Potter. Der Schauspieler in der Mitte sah nicht aus wie Harry, eher wie Draco, aber viel älter.

Und der Typ dahinter sah aus wie ein anderer Draco. Was ist da passiert, Leute? Die Haare des einen hatten einen ganz leichten Rotschimmer, aber maximal so viel rot, wie in braun drinne ist. Ich bin seit Monaten Twitch-Streamerin, aber das hier waren offenbar Broadway-Schauspieler und Sänger.

Die sahen schon cool aus. Ich schlenderte weiter, an einem Apple-Store vorbei, an einem Harry-Potter-Laden, an einer Ecke, an der jemand aussah wie ein Gossip-Girl-Star. Zwei Frauen standen dort und zeigten aufeinander, und ich musste an dieses Spider-Man-Meme denken, wo sich zwei Versionen von ihm gegenseitig anzeigen. Dann traf ich auf zwei andere Gestalten, die mir bekannt vorkamen.

Es waren zwei Typen, die wir aus dem Stream kannten, und sie waren einfach weitergefahren. Kurz bevor sie mich bemerkten, drehten sie sich um und verschwanden zwischen den Menschenmassen. Survival of the fittest, dachte ich. Anders kommst du hier nicht durch.

Gestern hatte Phil gesagt, er habe zehn Dollar für eine Flasche Wasser bezahlt. Zehn Dollar. Für ein Wasser. Ich hatte Lack gesoffen, das war wohl klar.

Mein Bauch meldete sich wieder. Die Krämpfe kamen in Wellen, und ich wusste nie, ob der Unruhestifter schon raus war oder nicht. Erst wenn ich auf der Toilette saß, merkte ich, ob es besser war. Diesmal war es besser.

Ich war happy. Ich lief weiter die Straße entlang und sah einen schönen Vogel auf einem Baum sitzen. Ich blieb stehen und schaute ihm zu. Ich bin einfach hotelallergisch, sagte ich zu niemandem.

Vielleicht sollte ich die Regierung fragen, ob sie auch noch was ins Hotelzimmer sprühen kann. Hoffentlich ist es umsonst. Der Wind wehte, und ich zog meine Jacke enger. In meiner Tasche lagen die Donuts, und ich griff hinein, um zu prüfen, ob sie noch ganz waren.

Sie waren es. Von Jasmins Koffer wollte ich gar nicht erst anfangen. Der war so voll, dass wir uns gestern zu zweit draufsetzen mussten, nur um ihn zuzubekommen. Ich schickte ihr im Kopf eine Nachricht: Ich hoffe, es geht dir gut.

Ich wollte es wirklich. Ich wollte nicht, dass wir uns wegen so einem Blödsinn verlieren. Ich schaute auf mein Handy. Noch keine Nachricht.

Vielleicht brauchte sie Zeit. Vielleicht brauchte ich auch Zeit. Ein Typ kam mir entgegen und blieb kurz stehen. Er schaute mich an, dann meine Tasche.

Ich schaute zurück. Er ging weiter. Ich auch. Ich lief an einem Schaufenster vorbei, an dem ein kleiner Zettel hing: „Gun free zone.

“ Dieses Mal musste ich nicht lachen. Ich dachte nur: In Deutschland sind waffenfreie Zonen Gebiete, in denen man nicht sein möchte. Hier ist es ernst. Vor mir lag ein weiterer Laden mit Donuts.

Italian Donuts, stand da. Ich schaute durch die Scheibe. Mini-Dinger, die man einfach so direkt in den Mund schieben kann. Aber ich hatte schon welche in der Tasche.

Ich brauchte keine neuen. Ich ging weiter, an einem grünen Schild vorbei, an einem roten, an einem blauen. Überall Werbung. Pokémon-Merch, das ich nicht identifizieren konnte, weil ich nicht wusste, welche Marke dahintersteckte.

Was ist das für eine Werbung, wenn man nicht erkennt, was beworben wird? Oder bin ich einfach nur dumm? Mein Mikro hing noch an meiner Jacke. Ich schaute kurz darauf und überlegte, ob ich es abmachen sollte.

Ich hatte diesen Albtraum schon oft gehabt: Ich vergesse das Mikro anzuschalten und ihr hört alles, auch wenn ich auf der Toilette bin. Oder schlimmer: Ich mache das Mikro nicht ab und ihr hört mich, wenn ich etwas sage, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Bisher ist es noch nie passiert, aber ich kannte jemanden, dem es passiert war. Ich spürte plötzlich eine Hand an meinem Hintern.

Ich drehte mich um. Es war niemand. Dann merkte ich es: Es war meine eigene Hand, die mit der Tasche dagegengestoßen war. Oder eine Handfläche, die kurz ihren Platz gesucht hatte.

Ich lachte leise. Das Gewässer testen, nannte ich das. Vielleicht war hier wirklich jeder nur darauf aus, zu überleben. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor, und ich blieb stehen.

Ich atmete tief durch. Der Bauch war ruhig. Die Stadt war laut, aber der Moment war still. Ich griff in meine Tasche und holte einen Donut heraus.

Er war noch warm. Ich biss hinein. Es schmeckte nach Zuhause, obwohl es keins war. Vielleicht war das in Ordnung.

Ich ging weiter, den Koffer hinter mir herziehend. Der Griff war immer noch zu kurz, die Rollen immer noch billig, aber irgendwie machte es plötzlich weniger aus. Ich schob die Schulter zurück und lief geradeaus, an den Leuchtreklamen vorbei, an den Menschen, an all dem Lärm. Jasmin würde mir bald schreiben.

Das wusste ich. Sie musste nur erst mal kacken gehen. Und ich musste einfach nur weiterlaufen, bis ich da war, wo ich hinmusste. Wo auch immer das war.

Vielleicht war New York doch kein so schlechter Ort, um sich zu verlaufen. Vielleicht war genau das der Punkt. Ich schaute noch einmal auf mein Handy. Immer noch nichts von ihr.

Aber da war eine neue Nachricht von Matteo. Ich öffnete sie nicht. Ich wischte sie weg und steckte das Handy zurück in die Tasche, neben die Donuts. Dann ging ich weiter.

Einfach nur weiter.