Die dunkelste Seite des NS-Kommandanten Amon Göth

Er war eines der grausamsten Gesichter des Holocausts. Amon Göth, Kommandant des Konzentrationslagers Plaszow, verkörperte die Brutalität des nationalsozialistischen Regimes mit erschreckender Kälte. Seine Gestalt, im Film verewigt und in der Geschichte gefürchtet, zwingt uns, dem Grauen ins Auge zu sehen, zu dem der Mensch fähig ist.
Doch wer war dieser Mann wirklich? Wie stieg er in der SS auf? Und was blieb nach seinem Fall zurück?
Amon Leopold Göth wurde am 11. Dezember 1908 in Wien geboren, in einem Europa, das noch unter den offenen Wunden des Ersten Weltkrieges litt. Er stammte aus einer wohlhabenden und gebildeten Familie.
Sein Vater leitete einen renommierten Verlag, und seine Eltern, gläubige Katholiken, hofften, dass ihr Sohn eines Tages das Familienunternehmen übernehmen würde.
Doch Göth hatte andere Pläne. Schon in jungen Jahren zeigte er kein Interesse an Büchern oder Geschäften. Stattdessen zog es ihn zu extremen Ideen, Gewalt und Macht.
Mit 17 Jahren, während die meisten Jugendlichen noch nach ihrem Platz in der Welt suchten, hatte er seinen bereits in den Schatten des Extremismus gefunden.
Im Jahr 1925 trat er der damals illegalen österreichischen nationalsozialistischen Partei bei, einer Untergrundorganisation, die nationalistische und antisemitische Ideen propagierte. Zwei Jahre später, 1927, schloss er sich der Heimwehr an, einer rechtsextremen paramilitärischen Miliz mit stark antisemitischer Ausrichtung, die in Österreich operierte. Diese Phase markierte den Beginn seiner ideologischen Radikalisierung.
Schnell stieg er in den nationalsozialistischen Zellen des Wiener Bezirks Margareten auf. Je tiefer er in die Ideologie der Partei eintauchte, desto mehr verhärtete sich sein Denken. Er umarmte fanatisch die Vorstellung einer überlegenen Rasse und akzeptierte bedingungslos den Einsatz von Gewalt als politisches Mittel.
Bis 1930 verließ Göth die Heimwehr und ging einen Schritt weiter in Richtung Extremismus. Er trat der österreichischen Sektion der NSDAP bei. Im September desselben Jahres wurde er Mitglied der österreichischen SS mit dem niedrigen Rang eines SS-Mannes.
Damit begann der Aufstieg eines Mannes, der später zu einem der gefürchtetsten Verbrecher des Dritten Reiches werden sollte.
Nach seinem Parteieintritt arbeitete Göth aktiv in der Ortsgruppe der lokalen NS-Zelle des Wiener Bezirks Margareten. Bald darauf wechselte er in den Bezirk Hietzing, wo er Aufgaben in der Sturmabteilung, bekannt als SA, und als lokaler Parteiführer übernahm. Im Jahr 1931, mit nur 22 Jahren, machte er einen entscheidenden Schritt.
Er trat der Schutzstaffel, der SS, bei, einer Organisation, die damals noch als interner Schutztrupp der NSDAP fungierte, aber bald das Herzstück des Terrorapparats des Dritten Reiches bilden sollte.
Es war ein kometenhafter Aufstieg. Göth hatte nicht nur Ehrgeiz und Kontakte, sondern auch die Bereitschaft, Befehle ohne Zögern auszuführen, ganz gleich wie grausam sie waren. Später diente er in der SS in Wien, bis er im Januar 1933 zum Zugführer im 52.
SS-Sturm befördert wurde. Sein Aufstieg war rasant. Bald wurde er SS-Scharführer, das Äquivalent eines Truppführers.
Doch seine illegalen Aktivitäten, wie der Schmuggel von Sprengstoff für die NSDAP, zogen die Aufmerksamkeit der österreichischen Behörden auf sich. Nach dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 wurde Göth zum Flüchtling. Er floh nach München, von wo aus die Partei ihre Exilaktivitäten koordinierte.
Von dort aus agierte er als Kurier der SS und schmuggelte Radios und Waffen nach Österreich.
Sein Engagement war total. Im Oktober 1933 wurde er erstmals verhaftet, jedoch mangels Beweisen bald wieder freigelassen. Seine Beteiligung an den Umsturzplänen der Nazis brachte ihn erneut ins Visier der Behörden, als im Juli 1934 ein gescheiterter Putsch mit der Ermordung des österreichischen Kanzlers Engelbert Dollfuß endete.
Göth wurde erneut festgenommen, konnte aber fliehen. Dieses Mal floh er direkt zum SS-Ausbildungszentrum in Dachau, das sich neben dem berüchtigten Konzentrationslager befand.
Trotz seiner Loyalität gegenüber dem Regime distanzierte sich Göth im Jahr 1935 vorübergehend von der NSDAP wegen Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgesetzten Alfred Biegler. In dieser Zeit lebte er in München und half seinen Eltern im Verlagsgeschäft. Auf Rat der Familie heiratete er, doch die Ehe hielt nur wenige Monate.
Das Paar ließ sich bald scheiden.
Göths Geschichte nahm im Jahr 1938 eine neue Wendung, nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Er kehrte nach Wien zurück und nahm seine politischen Aktivitäten wieder auf. Im selben Jahr lernte er Anna Geiger bei einem Motorradrennen kennen, und nach einer kurzen Verlobung heirateten sie am 23.
Oktober standesamtlich in einer von der SS organisierten Zeremonie.
Wie üblich wurde das Paar vor der Eheschließung strengen körperlichen und rassischen Untersuchungen unterzogen, um ihre rassische Reinheit zu bestätigen. Sie bekamen drei Kinder: Peter, geboren im Jahr 1939, der im Alter von sieben Monaten an Diphtherie starb; Werner, geboren im Jahr 1940; und Ingeborg, geboren im Jahr 1941. In diesen Jahren wohnte die Familie weiterhin in Wien, während Göth seine Karriere innerhalb der SS fortsetzte.
In den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er den SS-Totenkopfverbänden zugeteilt, den Totenkopfeinheiten, die für die Kontrolle der Konzentrationslager verantwortlich waren. Dort erhielt er militärische Ausbildung, aber auch ideologische Schulung in den Grundsätzen des Nationalsozialismus, Antisemitismus, Rassenüberlegenheit und blindem Gehorsam. Es ging nicht nur darum, Soldaten zu trainieren, es ging darum, seelenlose Vollstrecker zu formen, fanatische Täter ohne Reue.
Im Jahr 1938, nach der Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich, dem Anschluss, beteiligte sich Göth an repressiven Maßnahmen gegen politische Gegner und die jüdische Bevölkerung. Damals zeigte er erstmals jene Brutalität, die ihn später definieren sollte. Er handelte effizient, aber auch mit einem Sadismus, der selbst seine Kameraden schockierte.
Im selben Jahr hörte Österreich auf, als unabhängige Nation zu existieren. Für Göth war dies der Beginn seiner eigentlichen Karriere. Für seine zukünftigen Opfer war es der Beginn des Schreckens.
Zu Beginn des Krieges wurde er dem 89. SS-Standarte zugewiesen und später in das erste SS-Sturmbann des 11. SS-Standarte versetzt.
Im Jahr 1940 wurde er mit dem Rang eines Unterfeldwebels zum Wehrdienst in der Wehrmacht eingezogen.
Doch sein SS-Dienstverlauf zeigt, dass er nie als regulärer Soldat diente. Zwischen Mitte 1941 und Mai 1942 fungierte Göth als Einsatzführer und Finanzoffizier im Büro Kattowitz in Oberschlesien unter der Aufsicht des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums. Von dort aus war er verantwortlich für die Organisation und Durchführung von Maßnahmen zur Isolierung, Enteignung und massenhaften Deportation von Juden.
Seine logistischen Fähigkeiten, gepaart mit seinem Fanatismus, verschafften ihm bei den oberen Rängen den Ruf eines effektiven Vollstreckers des Völkermords. Am 14. Juli 1941 wurde er zum SS-Untersturmführer, dem Äquivalent eines Unterleutnants, befördert und erhielt ein Dienstzeugnis, in dem nicht nur seine ideologische Loyalität, sondern auch sein körperliches Erscheinungsbild und seine Führungsfähigkeit gelobt wurden.
Amon Göth galt als der ideale Typ der SS: diszipliniert, brutal und vollständig dem nationalsozialistischen Projekt verpflichtet.
Im Sommer 1942 wurde er nach Lublin in Polen versetzt, wo er Teil des Stabs von Odilo Globocnik wurde, dem SS- und Polizeiführer in Krakau. Globocnik war der Hauptverantwortliche für die Aktion Reinhard, den düsteren Plan zur Errichtung der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Göth war sechs Monate lang an dieser Operation beteiligt.
Auch wenn keine direkten Unterlagen über seine Tätigkeiten erhalten geblieben sind, alle Beteiligten hatten zur Geheimhaltung geschworen, zeigen die Aufzeichnungen seines Nachkriegsprozesses, dass er für das Sammeln, Organisieren und Transportieren von tausenden von Opfern zu ihrem Tod in diesen Lagern verantwortlich war. Das war nur das Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Sein Aufstieg zum Kommandanten des Konzentrationslagers Plaszow und damit seine Verwandlung in eines der sadistischsten Symbole des Holocausts.
Während des Zweiten Weltkriegs nahm die Rolle von Amon Göth eine unheilvolle Dimension an. Er war nicht mehr nur ein gehorsamer Offizier des nationalsozialistischen Regimes. Er wurde zu einem seiner gnadenlosesten Vollstrecker.
In Wien und anderen österreichischen Städten beteiligte er sich aktiv an der Identifizierung, Verhaftung und Deportation jüdischer Familien.
Doch sein endgültiger Aufstieg erfolgte, als das Dritte Reich seinen brutalsten Plan aktivierte, die Endlösung. Gegen Ende des Jahres 1942 hatten die Nationalsozialisten jede Vortäuschung von Deportation oder Internierung aufgegeben. Nun ging es darum, die gesamte jüdische Bevölkerung Europas systematisch zu vernichten.
Ganze Ghettos wurden geleert, mit Männern, Frauen und Kindern. Überfüllte Züge wurden in den Tod geschickt, und Konzentrationslager entstanden überall im besetzten Gebiet als Zentren der industrialisierten Vernichtung.
Das Zwangsarbeitslager Plaszow wurde Ende des Jahres 1942 errichtet, auf einem Gelände, auf dem sich zuvor jüdische Friedhöfe in den Straßen Abrahama und Jerozolimska befunden hatten. Dort wurden hauptsächlich Juden aus dem Ghetto von Krakau eingesperrt, ebenso wie Häftlinge aus anderen aufgelösten Ghettos, nichtjüdische Polen und auch Roma.
Die Zahl der unter dramatischen Bedingungen inhaftierten Personen, gezwungen zu tödlicher Arbeit ohne Nahrung und ständigen Misshandlungen ausgesetzt, erreichte 35. 000. Die Häftlinge nähten Uniformen, druckten offizielle Dokumente des nationalsozialistischen Regimes und arbeiteten in Werkstätten als Elektriker, Schlosser oder Mechaniker.
Viele wurden auch gezwungen, schwere Arbeiten in den nahegelegenen Steinbrüchen zu verrichten.
Der Lagerkommandant Amon Göth zeigte eine außergewöhnliche Grausamkeit. Er ordnete nicht nur Massenhinrichtungen an, sondern folterte und ermordete auch persönlich mehrere Häftlinge. Es wird geschätzt, dass infolge dieser Hinrichtungen zwischen 5.
000 und 6. 000 Menschen in Massengräbern rund um das Lager beerdigt wurden.
In diesem Kontext wurde Amon Göth ausgewählt, um eine Schlüsselrolle zu übernehmen. Gesucht wurde kein einfacher Verwalter. Die SS wollte jemanden, der die nationalsozialistische Ideologie in ihrer reinsten Form verkörperte: grausam, effizient, fanatisch loyal und bereit, ohne Zögern zu töten.
Sie wollten einen Henker in Uniform, und sie fanden ihren Mann.
Im Jahr 1943 wurde Göth beauftragt, den Aufbau und später die Verwaltung des Zwangsarbeitslagers Plaszow südlich von Krakau zu überwachen. Als er ankam, war das Lager noch im Bau. Die Baracken wurden von den Häftlingen selbst errichtet, die Drahtzäune wurden langsam aufgestellt, und das Gelände begann sich in eine Unterdrückungsmaschine zu verwandeln.
Doch für Göth war dies kein einfaches Zwangsarbeitslager. Es war sein Lehen, sein persönliches Herrschaftsgebiet. Von Anfang an etablierte er seine Autorität mit einer Kombination aus psychologischem Terror, unvorhersehbarer Gewalt und absoluter Straflosigkeit.
Er regierte nicht nach Regeln oder Protokollen, er regierte mit Angst.
Eine seiner ersten Handlungen als Kommandant war die brutale Liquidierung des Krakauer Ghettos im März 1943. Es war keine militärische Operation, es war ein Gemetzel. Die Straßen waren voller Schüsse, herzzerreißender Schreie und Leichen.
Göth ging wie ein sadistischer Gott durch die Trümmer und deutete mit seinem Stock, wer leben und wer sterben sollte.
Die Entscheidungen wurden in Sekunden getroffen, ohne Berufungsmöglichkeit. Kinder wurden aus den Armen ihrer Mütter gerissen, alte Menschen erschossen, weil sie sich nicht schnell genug bewegten. Es war ein klares Zeichen dessen, was noch kommen sollte.
Einmal in Plaszow etabliert, verwandelte Göth das Lager in eine tägliche Hölle. Im Gegensatz zu anderen Lagern, in denen es zumindest eine Hierarchie oder ein rudimentäres Protokoll gab, herrschte in Plaszow das Gesetz der Willkür. Für die Häftlinge gab es keine Sicherheit und keine Logik.
Was einen an einem Tag rettete, konnte am nächsten den Tod bedeuten. Ein falscher Schritt, ein falscher Blick oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, reichte aus, um auf der Stelle hingerichtet zu werden.
Göth tötete nicht nur, er erfreute sich daran. Oft stand er auf dem Balkon seiner Villa auf dem Hügel des Lagers mit Gewehr in der Hand und schoss auf Häftlinge, als wären sie Tiere auf einer Safari. Es war seine morgendliche Unterhaltung.
Seine Grausamkeit nahm fast rituelle Züge an. Während der morgendlichen Appelle konnte er seinen Wachen befehlen, einen Häftling willkürlich zu erschießen, nur um seine Macht zu demonstrieren.
In anderen Fällen, wenn er sah, dass eine Gruppe langsamer arbeitete, als er es erwartete, konnte er die Erschießung mehrerer von ihnen als Warnung anordnen. Er besaß auch zwei Hunde, Rolf und Ralf, Tiere, die nicht zur Bewachung, sondern zum Verstümmeln abgerichtet waren. Auf einfachen Befehl oder ein Fingerschnippen griffen die Hunde Häftlinge an, rissen Fleisch heraus, hinterließen verstümmelte Körper, oft bis zum Tod.
Die Angst vor den Hunden war so groß, dass die Häftlinge es vermieden, ihnen in die Augen zu sehen.
Die Wachen unter seinem Kommando zögerten nicht, ihm nachzueifern. Sadismus wurde zur Norm. Jede noch so kleine Übertretung, ein schlecht geknöpfter Knopf, ein falscher Schritt, eine verspätete Antwort, konnte in einer öffentlichen Hinrichtung enden.
Während Auschwitz zum bekanntesten Symbol des nationalsozialistischen Grauens geworden ist, erlebte das benachbarte Krakau eine nicht minder grausame Brutalität. Dort herrschte Amon Göth, ein Kommandant, dessen Grausamkeit keine Grenzen kannte. Das gesamte Lager funktionierte als Erweiterung seiner persönlichen Gewalt.
Doch seine Tyrannei war nicht nur physisch, sondern auch psychologisch. Göth verstand, dass ständige Angst, das Gefühl absoluter Verletzlichkeit, ein ebenso effektives Kontrollmittel war wie ein Gewehr. Vom Balkon seiner Villa aus schoss er auf Häftlinge, als wären sie Zielscheiben, aus purem Vergnügen.
Sein Regime zerbrach die Häftlinge langsam, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.
Amon Göth leitete kein Arbeitslager. Er leitete ein Labor des Grauens, in dem er mit menschlichem Leid experimentierte und seine Kontrolle über Leben und Tod perfektionierte. Die Bedingungen im Konzentrationslager Plaszow unter seinem Kommando waren nicht einfach unmenschlich.
Sie waren sorgfältig darauf ausgelegt, langsam und systematisch die Würde, den Körper und den Willen der dorthin geschickten Menschen zu zerstören. Das Leiden war kein Nebeneffekt. Es war ein integraler Bestandteil des Systems.
Die meisten Baracken verfügten über kein fließendes Wasser. Die Überfüllung war so extrem, dass die Häftlinge Schulter an Schulter lebten, auf nacktem Erdboden oder auf Holzplanken schliefen, ohne Matratzen, ohne Kissen und nur mit einer zerschlissenen Decke, um sich vor der Kälte zu schützen. Während der harten polnischen Winter drang die Kälte bis in die Knochen.
Im Sommer machte die erdrückende Hitze das Lager zu einem stinkenden Ofen.
Läuse, Ratten und Infektionskrankheiten wie Typhus breiteten sich schnell aus und machten Plaszow zu einem Ort, an dem der Tod durch Krankheit ebenso häufig war wie der Tod durch Hinrichtung. Sanitäre Einrichtungen gab es nicht. Kein Seifenstück, kein warmes Wasser, keine saubere Kleidung.
Die Latrinen waren überfüllt und der allgegenwärtige Gestank war unerträglich.

Das Essen war knapp, absichtlich unzureichend, um die Häftlinge geschwächt zu halten. Es wurden minimale Rationen verteilt. Hartes Brot, dünne Suppe oder ein paar Kartoffelstücke, kaum genug zum Überleben.
Viele griffen dazu, Gras, Wurzeln, Insekten oder sogar Holzsplitter zu essen, nur um den grausamen Hunger zu lindern. Wer beim Stehlen von Nahrung oder Verstecken von Resten ertappt wurde, wurde brutal geschlagen, gefoltert oder öffentlich hingerichtet, um ein Exempel zu statuieren.
Die Kinder, insbesondere jene, die die Auflösung des Krakauer Ghettos überlebt hatten, standen vor einem noch grausameren Schicksal. Das nationalsozialistische Regime erkannte ihnen keinen Wert zu, wenn sie nicht arbeitsfähig waren. Viele wurden ihren Eltern bei der Ankunft entrissen, ihre Schreie mit Gewalt zum Schweigen gebracht.
Manche wurden geschlagen, weil sie weinten, andere, weil sie versuchten, die Hand ihrer Mutter zu halten oder sich an ihre Schwester zu klammern.
In den schlimmsten Fällen wurden sie von SS-Ärzten, die das Lager besuchten, für medizinische Experimente missbraucht. Für die nationalsozialistische Maschinerie waren sie keine Kinder, sie waren Abfall. Der Tag, an dem Göth die Deportation und Hinrichtung von über 500 Kindern aus dem Lager befahl, blieb als eine der unmenschlichsten Taten seiner Herrschaft in Erinnerung.
Überlebendenberichte beschreiben diesen Tag mit Worten, die bis heute vor Grauen zittern.
Als der Krieg voranschritt und das Dritte Reich zu zerfallen begann, erkannten die nationalsozialistischen Führer, dass die begangenen Verbrechen nicht für immer verborgen bleiben konnten. So begann eine systematische Kampagne zur Vernichtung aller Beweise des Genozids. Diese geheime Operation, die sich über mehrere Konzentrationslager erstreckte, hatte zum Ziel, die physischen Spuren der Massenmorde zu beseitigen.
Plaszow wurde zu einem der Hauptschauplätze dieser düsteren Aufgabe. Göth mit seiner brutalen Effizienz war einer der Verantwortlichen für deren Umsetzung.
Unter seiner Aufsicht wurden spezielle Einheiten jüdischer Häftlinge organisiert, bekannt als Sonderkommandos, die gezwungen wurden, Massengräber zu öffnen, in denen tausende von Leichen während der Massaker des Jahres 1943 hastig verscharrt worden waren. Die Leichen, bereits stark verwest, wurden wie Brennholz gestapelt. Die Gefangenen hatten keine Handschuhe, keine Masken, keinen Schutz.
Sie arbeiteten im unerträglichen Gestank des Todes, schleppten Leichen unter ständiger Bewachung.
Jeden Tag wurden die Körper mit Benzin übergossen und verbrannt. Der Befehl war eindeutig: es durfte keine Spur bleiben, kein Beweis. Die Existenz der Sonderkommandos war so kurz wie tragisch.
Nach Tagen erschöpfender Arbeit, körperlich und seelisch gebrochen, ließ Göth ihre Hinrichtung befehlen. Kein Zeuge sollte überleben. Eine neue Gruppe wurde dann ausgewählt und der Zyklus begann von vorn: Ausgraben, schleppen, verbrennen und sterben.
Das Beunruhigendste war, dass Göth diese Aufgabe nicht aus der Ferne delegierte. Zahlreiche überlebende Zeugen berichteten, dass er oft ohne Vorwarnung in den Verbrennungsbereichen auftauchte. Er ging zwischen den Leichenbergen umher wie ein Inspektor auf einer Baustelle.
Manchmal mit einer angezündeten Zigarre zwischen den Fingern machte er Bemerkungen über die Effizienz des Feuers oder die Geschwindigkeit, mit der die Körper verbrannten. Seine Anwesenheit diente nicht der Kontrolle, sie diente dem Genuss. Für ihn war das Verbrennen der Toten Teil der Vorstellung.
Göths Perversion kannte keine Grenzen. Unter seinem Kommando verwandelte sich Plaszow von einem Arbeitslager in ein Labor des Terrors. Jeder Ziegel, jede Baracke und jeder ausgeführte Befehl spiegelte seinen persönlichen Sadismus wider.
Seine Figur verkörpert nicht nur die nationalsozialistische Brutalität, sondern auch das, was geschieht, wenn absolute Macht mit der völligen Entmenschlichung des anderen einhergeht.
Amon Göth lebte inmitten von Luxus, während unter seinem Befehl tausende von Menschen an Hunger, Krankheit und Gewalt starben. Er war die Verkörperung des totalen Machtmissbrauchs, ein Schlächter in Uniform, der mit jedem Wort, jedem Blick Angst säte. Während tausende von Häftlingen im Konzentrationslager Plaszow verhungerten, zitternd vor Kälte auf dem gefrorenen Boden schliefen und inmitten von Schmutz und ständiger Angst litten, lebte Amon Göth wie ein Aristokrat, nur wenige Schritte entfernt von dem Grauen, das er selbst geschaffen hatte.
Sein Leben im Lager war eine groteske Karikatur von Luxus, errichtet auf den Aschen der Opfer, die er mit eiserner Hand unterdrückte. Im Herzen des Lagers ließ sich Göth eine großzügige Villa bauen, völlig losgelöst vom spartanischen Stil, der selbst hochrangige NS-Offiziere in Kriegszeiten prägte. Es war keine bloße Funktionsresidenz, es war ein privater Palast: feine Teppiche, handgeschnitzte Möbel, Porzellangeschirr, Samtvorhänge, Kristalleuchter, Originalkunstwerke an den Wänden.
Jedes Objekt hatte denselben Ursprung: Raub. Die Besitztümer, die sein Haus füllten, waren aus den Wohnungen, Koffern und Leichen tausender deportierter und ermordeter Juden geraubt worden. Göth eignete sich alles an, was er begehrte.
Taschenuhren, Schmuck, Gemälde, Silberbesteck, Luxuskleidung. Nichts war vor seinem Geier sicher. Selbst die Goldzähne, die aus den Leichen entfernt wurden, ließ er einschmelzen und in persönliche Truhen legen.
Er trug teure Anzüge, Schweizer Uhren und trank Cognac von bester Qualität. Regelmäßig veranstaltete er private Bankette und Feiern mit anderen SS-Offizieren mitten im Lager, während die Schreie der Häftlinge und das Echo der Schüsse die akustische Kulisse bildeten. Die Villa war praktisch eine Insel des Luxus in einem Meer des Todes, und er wandelte darin wie ein absoluter König, arrogant, ungestraft und grausam.
Doch er begnügte sich nicht mit Raub. Er entführte auch Menschen für seinen persönlichen Gebrauch. Eine der erschütterndsten Geschichten ist die von Helen Jonas-Rosenzweig, einer jüdischen Jugendlichen, die Göth persönlich auswählte, um seine Haushälterin zu sein.
Er zog sie ohne Vorwarnung aus der Reihe und sagte ihr, dass sie ab diesem Moment für ihn arbeiten werde. Helen hatte keine Wahl.
Tag für Tag putzte sie das Haus, servierte das Essen und erfüllte die Wünsche des Kommandanten, stets im Bann lähmender Angst. Später berichtete Helen, dass sie nie wusste, was ihn in Rage bringen würde. Er konnte sie schlagen, weil sie zu still war, weil sie sich zu langsam bewegte oder einfach nur, weil sie ihm im falschen Moment in die Augen sah.
Sie beobachtete Hinrichtungen durch die Fenster des Hauses. Einmal sah sie, wie Göth einen Mann erschoss, nur weil dieser sich unerlaubt der Villa genähert hatte.
Gewalt war nichts, was er verbarg. Sie war Teil seiner Präsenz, Teil seiner Autorität, Teil seiner Identität. Jeder wusste es.
Die Lagerwachen, andere SS-Offiziere und sogar einige zivile Besucher verstanden, dass Amon Göth ein gefährlich instabiler Mann war, aber nur wenige wagten es, sich ihm entgegenzustellen. Im Kontext des Dritten Reiches war es den nationalsozialistischen Führern gleichgültig, wie sehr er moralisch verfiel, solange er seine genozidale Funktion erfüllte. Tatsächlich wurde diese Brutalität im privaten Rahmen oft gefeiert.
Sein Privatleben war ebenso düster. Er unterhielt eine Beziehung mit Ruth Irene Kalder, einer jungen Deutschen, die dem Nationalsozialismus nahestand. Sie lernten sich kennen, als er noch das Lager leitete, und im Jahr 1944 zog sie zu ihm in die Villa von Plaszow.
Sie bekamen eine Tochter, Monika Göth, geboren im Schatten der Barbarei.
Kalder war direkte Zeugin von Göths Grausamkeit. Sie sah, wie er die Häftlinge behandelte, wie er sie ohne zu blinzeln ermordete, wie er seine Hunde darauf abrichtete, anzugreifen und zu zerfleischen, und dennoch wählte sie das Schweigen. Später gab sie zu, dass sie wusste, was geschah, aber damals zog sie es vor, es zu ignorieren, um weiterhin die Annehmlichkeiten zu genießen, die ihr die Verbrechen ihres Geliebten verschafften.
Doch Göths Korruption beschränkte sich nicht auf den Raub von Besitz oder Machtmissbrauch. Selbst innerhalb des nationalsozialistischen Systems, in dem Brutalität die Norm war, galt Göth zu korrupt, zu gierig, zu außer Kontrolle. Die SS hatte strenge Regeln für den Umgang mit beschlagnahmtem jüdischem Eigentum festgelegt.
Alles musste registriert und in die Kassen des nationalsozialistischen Staates überführt werden. Doch Göth missachtete diese Vorschriften offen.
Er behielt Goldbarren, wertvolle Gemälde, Schmuck und sogar ganze Möbelstücke. Anstatt das Beschlagnahmte nach Berlin zu senden, lagerte er es in persönlichen Verstecken oder nutzte es für den Handel mit Geschäftsleuten und Offizieren, die Gefälligkeiten oder Zwangsarbeiter suchten. Er erlaubte privaten Unternehmern, Häftlinge als Zwangsarbeiter in ihren Fabriken einzusetzen, im Austausch gegen Bestechungsgelder.
Er nutzte die Gefangenen nicht nur als Arbeitskraft für das Lager, sondern auch als persönliche Diener, Bauarbeiter für sein Haus und Schachfiguren für illegale Geschäfte. Der Kommandant von Plaszow war zu einem Lehnsherrn des Todes geworden, der Reichtum anhäufte, während er ein Reich des Leidens leitete. Diese Handlungen erregten zunehmend die Aufmerksamkeit nicht der Häftlinge, deren Beschwerden systematisch ignoriert wurden, sondern anderer Nationalsozialisten.
Einige waren empört über das Ausmaß der persönlichen Bereicherung. Andere beneideten ihn einfach um seine Macht oder strebten seine Position an. Interne Beschwerden innerhalb der SS begannen sich zu häufen.
Es ging nun nicht mehr um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, diese wurden toleriert oder sogar gefeiert, sondern um Verbrechen gegen die Bürokratie des Reiches.
Schließlich wurde Amon Göth im September des Jahres 1944 verhaftet. Nicht wegen Mordes, nicht wegen Völkermords, sondern wegen Korruption, wegen unrechtmäßiger Aneignung von Eigentum des nationalsozialistischen Staates. Er wurde in ein Gestapo-Gefängnis überführt und unter Untersuchung gestellt.
Ironischerweise war es seine Gier, die den Anfang vom Ende seiner Karriere im Dritten Reich markierte, nicht seine erbarmungslose Brutalität.
Als sich im Sommer 1944 die sowjetischen Truppen näherten, begannen die Nationalsozialisten mit dem Versuch, die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Im August desselben Jahres wurden die Leichen der Ermordeten exhumiert und verbrannt, Teil einer geheimen Operation zur Vernichtung der Beweise des Völkermords. Die noch lebenden Gefangenen wurden nach und nach in andere Lager innerhalb des Deutschen Reiches verlegt, darunter auch in das Konzentrationslager Mauthausen.
Der letzte Transport wurde im Januar 1945 organisiert, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee in Krakau. Laut verschiedenen Quellen durchliefen zwischen 1943 und 1945, als das Lager offiziell den Status eines Konzentrationslagers erhielt, zwischen 30. 000 und 35.
000 Menschen das Lager. Unter den Überlebenden befanden sich etwa 1. 100 Arbeiter aus Oskar Schindlers Fabrik, deren Geschichte in dem Roman Schindlers Liste verewigt und 1993 von Steven Spielberg verfilmt wurde.
Das Gelände des ehemaligen Lagers Plaszow diente sogar als Drehort für diesen mehrfach international ausgezeichneten Film.
Heute existieren die ursprünglichen Gebäude des Lagers nicht mehr. Weder Baracken noch Wachtürme sind erhalten geblieben. Auf einem Teil des früheren Lagergeländes wurde sogar ein modernes Wohnviertel errichtet.
Einige historische Elemente haben jedoch bis heute überlebt, darunter das Chalet von Amon Göth in der Heltmana-Straße und das sogenannte graue Haus in der Jerozolimska-Straße, das während des Krieges von besonders grausamen SS-Offizieren bewohnt wurde.
Die Verbrechen von Amon Göth waren selbst nach den Maßstäben des Dritten Reiches zu viel. Seine Wutausbrüche, willkürlichen Hinrichtungen, persönlichen Plünderungen und illegalen Geschäfte mit Zwangsarbeit machten ihn selbst für seine Vorgesetzten zu einer problematischen Figur. Er war brutal, korrupt, unberechenbar und zog zu viel Aufmerksamkeit auf sich.
Im Keller dieses Hauses, so berichten Überlebende, wurden systematisch Folterungen durchgeführt, und es hieß, dass niemand lebend wieder herauskam. Den Opfern des Konzentrationslagers wurde durch eine Reihe kleiner Obelisken gedacht. Außerdem wurde an der Straße Cmentarna das Denkmal für die Opfer des Faschismus errichtet.
Eine bewegende sieben Meter hohe Statue, die eine Gruppe von Menschen mit herausgerissenen Herzen darstellt. Ein Symbol für Verlust, Schmerz und erlittene Entmenschlichung.
Die Darstellung Amon Göths durch den britischen Schauspieler Ralph Fiennes in Schindlers Liste 1993 war besonders eindringlich. Der kalte Blick und der Ausdruck reiner Bosheit, den er ausstrahlte, wirkten erschreckend. Im Gegensatz zu fiktiven Nazibösewichten aus Filmen wie dem von Christoph Waltz meisterhaft gespielten Oberst Hans Landa in Inglourious Basterds 2009, war Amon Göth eine historische Figur.
Seine Existenz und seine Verbrechen sind durch Hunderte von Zeugenaussagen dokumentiert und bestätigt.
Während der Dreharbeiten zu Schindlers Liste wurde die Überlebende Mila Pfefferberg, ehemalige Gefangene in Plaszow, Ralph Fiennes in SS-Uniform vorgestellt. Als sie ihn sah, begann sie unkontrolliert zu zittern. Sein Anblick erinnerte sie lebhaft an den echten Amon Göth, den Mann, der ihr Leben mit Angst und Schrecken geprägt hatte.
Göth war bekannt als der Schlächter von Plaszow oder sogar als der Schlächter von Krakau. Er war Alkoholiker, extrem gewalttätig und nahm aktiv an der Aktion Reinhard teil, dem Decknamen für den nationalsozialistischen Plan zur vollständigen Vernichtung der polnischen Juden. Bei der Eröffnung des Lagers Plaszow warnte Göth, nun offizieller Kommandant, die Gefangenen mit erschreckenden Worten über ihr Schicksal: “Ich bin dein Gott.”
Bevor er nach Plaszow kam, war Göth an der Auflösung des Krakauer Ghettos beteiligt und hatte in den Vernichtungslagern Treblinka und Sobibor gearbeitet, zwei der berüchtigtsten Orte des Holocausts. In Plaszow gab er sich völlig seinen dunkelsten Neigungen hin. Er trank maßlos, praktizierte kranke Grausamkeit und erfreute sich am Leid anderer.
Nicht nur jüdische Häftlinge behandelte er brutal, auch seine eigenen Untergebenen misshandelte er regelmäßig und beteiligte sich aktiv am Schwarzmarkt, um seinen Alkoholismus zu finanzieren.
Schließlich wurde er im Jahr 1944 von der Gestapo in Wien verhaftet, unter anderem wegen Korruption, Diebstahls staatlichen jüdischen Eigentums und illegalen Handels. Nach seiner Vernehmung wurde er jedoch wieder freigelassen. Paradoxerweise sollten die Protokolle dieses Verhörs, angefertigt von seinen eigenen nationalsozialistischen Kameraden, später vor dem Nürnberger Tribunal gegen ihn verwendet werden und halfen dabei, sein Todesurteil zu besiegeln.
Dort wurde seine wahre Natur offenbar. Die Anklagepunkte standen nicht im Zusammenhang mit Massenmorden oder seiner Brutalität, denn das galt in der Logik des Nationalsozialismus als Teil der Arbeit. Was ihn letztlich zu Fall brachte, war seine Gier.
Er wurde beschuldigt, systematisch jüdisches Eigentum gestohlen zu haben, beschlagnahmte Güter missbräuchlich genutzt, am Schwarzmarkt gehandelt, seine Macht missbraucht und sich persönlich Reichtümer angeeignet zu haben, die laut den Gesetzen des Dritten Reiches dem Staat hätten übergeben werden müssen.
Es war äußerst selten, dass ein NS-Offizier seines Ranges verhaftet wurde. Doch bei Göth war die Lage eskaliert. Sein Verhalten erregte nicht nur Misstrauen unter anderen Offizieren, sondern begann auch, die Befehlskette und die innere Ordnung des Systems zu gefährden.
Er wurde von seinem Posten im Konzentrationslager Krakau-Plaszow entbunden, und die SS leitete eine interne Untersuchung ein.
Eigentlich hätte er vor einem Militärgericht des Regimes stehen sollen, doch die Ereignisse des Krieges gerieten bereits außer Kontrolle. Die Wehrmacht erlitt verheerende Niederlagen, die Fronten brachen zusammen, und die Infrastruktur des Dritten Reiches zerfiel mit atemberaubender Geschwindigkeit. Das Gerichtsverfahren gegen Göth wurde immer wieder verschoben und es wurde niemals unter der nationalsozialistischen Justiz durchgeführt.
Das Regime, das ihn beschützt hatte und dessen brutalstes Gesicht er gewesen war, stand kurz davor, für immer zu verschwinden.
Die wahre Gerechtigkeit kam im Mai des Jahres 1945, nur wenige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands. Göth wurde von amerikanischen Truppen in Österreich gefasst, wo er versuchte, sich zu verstecken. Er hatte keine Zeit, eine Flucht zu organisieren oder eine neue Identität zu erschaffen.
Zu diesem Zeitpunkt war sein Name den Alliierten bereits bekannt.
Seine Figur war mehrfach in den ersten Vernehmungen von Überlebenden des Holocausts aufgetaucht. Insbesondere jener, die das Ghetto von Krakau oder das Lager von Plaszow durchlebt hatten. Alle erinnerten sich an seinen Namen, und niemand vergaß sein Gesicht.
Göth erlebte das Ende des Krieges in einem österreichischen Militärkrankenhaus, und genau dort wurde er von der amerikanischen Militärpolizei festgenommen.
Zunächst wurde er nach München gebracht und dann in das Internierungslager Dachau überführt. Polen war eines der am stärksten vom Krieg verwüsteten Länder, und zudem lag das Lager Plaszow auf polnischem Boden. Die polnischen Behörden beantragten sofort seine Auslieferung, und diese wurde rasch genehmigt.
Göth wurde nach Krakau zurückgebracht, in jene Stadt, in der er einst Schrecken verbreitet hatte und in der er nun vor Gericht gestellt werden sollte.
Die Beweise gegen ihn waren erdrückend. Es gab nicht nur Hunderte von Augenzeugenberichten, sondern auch offizielle Dokumente mit seiner Unterschrift, Lageraufzeichnungen, nationalsozialistische Berichte, die ihn direkt mit Hinrichtungsbefehlen in Verbindung brachten, Deportationslisten und handschriftliche Notizen. Es gab Fotografien, Briefe und sogar Aussagen ehemaliger nationalsozialistischer Wachen, die seinen Sadismus bestätigten.

Sein Prozess begann am 27. August des Jahres 1946 vor einem Sondergericht in Krakau. Die Anklagen waren eindeutig: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Massenmord und systematischer Raub.
Ihm wurde vorgeworfen, persönlich jüdische Häftlinge mit seiner Waffe ermordet, kollektive Erschießungen angeordnet und das Lager mit äußerster Grausamkeit geführt zu haben, wobei er aus Willkür oder bloßem Vergnügen tötete. Ebenfalls wurde ihm zur Last gelegt, enorme Mengen an Gold, Kunstwerken, Schmuck und Geld von der jüdischen Zivilbevölkerung gestohlen zu haben.
Wochenlang sagten Überlebende aus, einige sprachen unter Tränen, andere bewahrten angespannte Ruhe. Jeder schilderte Details des Terrors, den sie unter seinem Kommando erlebt hatten. Grauenhafte Szenen wurden rekonstruiert: Hinrichtungen im Morgengrauen, öffentliche Bestrafungen, Kinder, die von ihren Müttern getrennt wurden, improvisierte Öfen zur Verbrennung von Leichen und Göths Spaziergänge durch das Lager, bei denen er vom Balkon aus zum Vergnügen schoss.
Göth leugnete die Taten nicht vollständig. Er gab zu, dass unter seiner Aufsicht Menschen ums Leben kamen. Doch wie so viele andere Kriegsverbrecher bediente er sich der Ausrede des gehorsamen Soldaten.
Er sagte, er habe nur Befehle befolgt. Er habe auf Anweisung seiner Vorgesetzten gehandelt. Er sei lediglich ein Rädchen in einer viel größeren Maschinerie gewesen.
Doch im Jahr 1946 war diese Ausrede nicht mehr ausreichend. Das polnische Gericht war unerbittlich, die Beweise waren unwiderlegbar.
Das Urteil wurde am 5. September des Jahres 1946 verkündet. Amon Göth wurde in allen Anklagepunkten für schuldig befunden.
Mord, Völkermord, Raub und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Strafmaß: Todesstrafe durch Erhängen. Der Ort der Hinrichtung hatte eine starke symbolische Bedeutung.
Göth wurde in das Gefängnis Montelupich in Krakau gebracht, nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er einst Herr und Meister des Lagers Plaszow gewesen war.
Er wurde auf einem nahegelegenen Hügel gehängt, sichtbar von genau jenem Ort aus, an dem er so viele Verbrechen begangen hatte. Viele Überlebende des Lagers waren anwesend. Einige wollten sehen, wie die Geschichte einen Kreis schloss.
Es ging nicht um Rache, es ging um Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für die Tausenden von Männern, Frauen und Kindern, die unter seinem Regime gestorben waren.
Amon Göth war nur 37 Jahre alt, als er starb, doch sein Vermächtnis war das eines Monsters. Während seiner Zeit an der Spitze von Plaszow wird geschätzt, dass mehr als 8. 000 Menschen ermordet wurden.
Einige starben durch Massenerschießungen, andere an Hunger, Krankheit, Kälte oder Erschöpfung. Einige wurden Opfer seiner Hunde, andere wurden in Massengräber geworfen. Jedes dieser verlorenen Leben hinterließ eine abgebrochene Geschichte, eine nicht zu heilende Wunde, ein weitergegebenes Trauma.
Mit seiner Hinrichtung machte die Welt einen Schritt, klein, aber entschlossen, hin zur Anerkennung des Holocausts als das abscheulichste Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Doch keine Strafe konnte dem Schmerz gerecht werden, den sein Name hinterlassen hatte.
Amon Göth war nicht einfach nur ein Mörder. Er war das Gesicht eines genozidalen Systems, das die Ideologie des Hasses zur Staatsdoktrin erhob. Und seine Geschichte erinnert uns bis zum Schluss daran, was geschieht, wenn die Menschlichkeit jede Spur von Mitgefühl verliert.
Man schätzt, dass etwa 30. 000 Menschen das Konzentrationslager Krakau-Plaszow während seines Bestehens durchliefen. Die meisten verließen es nie lebend.
Sie starben durch summarische Hinrichtungen, Krankheiten, Hunger, Kälte oder Erschöpfung. Viele ihrer Tode wurden nicht einmal registriert. Sie verschwanden einfach unter dem Gewicht des täglichen Terrors.
Und obwohl Amon Göth im Jahr 1946 hingerichtet wurde, dauerte es Jahre, bis das volle Ausmaß seiner Verbrechen vollständig ans Licht kam. In den folgenden Jahrzehnten begannen Überlebende des Lagers, ihre Geschichten zu erzählen. Einige schrieben Bücher, andere gaben Interviews oder sagten vor Gericht aus.
Jedes einzelne Zeugnis fügte dem Porträt eines wahnsinnigen Regimes und eines besonders sadistischen Kommandanten ein weiteres Puzzlestück hinzu.
Viele berichteten davon, wie sie jeden Tag in einem Zustand permanenter Angst lebten. Eine Angst, die in Göth Gestalt annahm, einem Mann, der mit einer bloßen Fingerbewegung über Leben und Tod entscheiden konnte. Einige der erschütterndsten Aussagen stammten von Menschen, die in seinem Haus arbeiteten.
Dort, in seiner im Lager errichteten Residenz, zeigte sich Göths Sadismus ungefiltert. Er spazierte bewaffnet umher, dressierte seine Hunde darauf, Gefangene anzugreifen, schlug seine Bediensteten und pflegte eine tägliche Routine der Gewalt, die einem Horrormärchen entsprungen schien.
Unter denen, die ihn aus nächster Nähe erlebten, sticht eine junge Jüdin namens Helen Jonas hervor, die gezwungen wurde, als Dienstmädchen in seinem Haus zu arbeiten. Helen lebte tagtäglich mit der Angst, den kleinsten Fehler zu begehen. Sie wusste nie, ob sie die nächste Minute noch am Leben sein würde.
Ein falscher Blick, ein unbedachtes Wort oder einfach nur ihre Anwesenheit konnten den Zorn des Kommandanten auslösen. Später erklärte Helen: “Ich dachte, ich würde keinen Tag mehr überleben, aber ich habe überlebt, und ich musste erzählen, was ich gesehen habe.” Ihre Aussage war entscheidend, um das System der systematischen Grausamkeit zu rekonstruieren, das Göth umgab.
Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung hatte Amon Göth bereits eine Tochter gezeugt. Monika Göth wurde kurz vor seiner Hinrichtung im Jahr 1946 geboren. Ihre Mutter Ruth Irene Kalder war während Göths Zeit in Plaszow seine Geliebte und verteidigte ihn auch nach dem Krieg öffentlich.
Monika wurde die Wahrheit über ihren Vater jahrelang verschwiegen. Sie wuchs in dem Glauben auf, er sei ein ehrenhafter Soldat gewesen.
Erst im jungen Erwachsenenalter entdeckte sie die entsetzliche Wahrheit. Als sie schließlich die Akten las, die Zeugenaussagen hörte und die Bilder sah, verfiel Monika in einen Zustand tiefen emotionalen Schocks. Sie konnte nicht glauben, dass der Mann, der ihr das Leben geschenkt hatte, derselbe war, der Tausende ermordet hatte.
Auf der Suche nach einem Verständnis für die Vergangenheit erklärte sie sich bereit, an dem Dokumentarfilm “Erbschaft” teilzunehmen, der 2006 von James Moll gedreht wurde. Dort geschah etwas Außergewöhnliches. Monika Göth begegnete Helen Jonas, der Frau, die von ihrem Vater versklavt worden war, von Angesicht zu Angesicht.
Es war ein Moment voller Schmerz, aber auch voller Wahrheit und Katharsis. Zwei Leben, die durch den Schrecken der Vergangenheit verbunden waren, trafen sich nicht, um Schuld zuzuweisen, sondern um eine Erinnerung zu rekonstruieren, die jahrelang zum Schweigen gebracht worden war.
Der Name Amon Göth hätte wie viele anderer NS-Offiziere in Vergessenheit geraten können. Doch 1993 wurde die Welt durch einen Film erneut mit seiner Gestalt konfrontiert: Schindlers Liste. Inszeniert von Steven Spielberg.
Der Film, basierend auf der wahren Geschichte von Oskar Schindler, einem deutschen Unternehmer, der über 1. 200 Juden rettete, indem er sie in seiner Fabrik beschäftigte, brachte auch die düstere Figur Göths ans Licht.
In dem Film wurde der NS-Kommandant von Ralph Fiennes verkörpert. Seine Darstellung war so intensiv und verstörend, dass viele Zuschauer angaben, allein beim Anblick auf der Leinwand Angst empfunden zu haben. Die Darstellung war keineswegs oberflächlich.
Fiennes recherchierte tief in Göths Persönlichkeit und war laut eigenen Aussagen zutiefst verstört über das, was er entdeckte. Je mehr er las, desto mehr begriff er, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Mann mit Fehlern handelte, sondern um jemanden, der das Böse mit Überzeugung angenommen hatte.
Spielberg versuchte nicht, die ganze Brutalität des Lagers Plaszow zu zeigen. Das wäre für das Publikum unerträglich gewesen. Doch selbst das Wenige, das dargestellt wurde, genügte, um den Schrecken spürbar zu machen.
Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Göth von seinem Balkon auf Gefangene schoss, seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer, sein alltäglicher Sadismus, all das brannte sich in das kollektive Bewusstsein ein.
Es wird berichtet, dass Mila Pfefferberg, eine jüdische Überlebende des Lagers Plaszow, unkontrolliert zu zittern begann, als sie Fiennes in SS-Uniform am Filmset sah, da sie sich lebhaft an den echten Amon Göth erinnert fühlte. Amon Leopold Göth wurde 1908 in Wien geboren, das damals die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie war.
Im Jahr 1927 trat er der antisemitischen und nationalistischen paramilitärischen Gruppe Heimwehr bei, und drei Jahre später trat er der österreichischen Sektion der NSDAP sowie der österreichischen SS bei. Nach dem Anschluss, der Eingliederung Österreichs in das nationalsozialistische Deutschland, heiratete Göth im Oktober 1938 Anna Geiger, mit der er drei Kinder hatte.
Nachdem er sich als Verwalter bei den nationalsozialistischen Bemühungen zur Isolierung und Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung einen gewissen Ruf erworben hatte, wurde er zum SS-Untersturmführer befördert und nach Lublin im besetzten Polen versetzt, wo er an der Aktion Reinhard beteiligt war, dem Decknamen für die Errichtung der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Später wurde er zum Kommandanten des Konzentrationslagers Plaszow in Krakau ernannt.
Von dort aus überwachte er persönlich die Auflösung des Krakauer Ghettos. Alle als arbeitsfähig eingestuften Bewohner wurden in das neue Lager überführt, während die anderen entweder in Vernichtungslager deportiert oder direkt auf den Straßen des Ghettos erschossen wurden. Ab dem 3.
September 1943 war Göth als verantwortlicher Offizier für die Liquidierung des Ghettos von Tarnów zuständig, das seit Kriegsbeginn etwa 25. 000 Juden beherbergte, etwa 45 Prozent der Stadtbevölkerung.
Alle wurden per Zug in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Weniger als die Hälfte überlebte die Reise, und die meisten dieser Überlebenden wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Laut Aussagen mehrerer Zeugen erschoss Göth persönlich zwischen 30 und 90 Frauen und Kinder während der Liquidierung des Ghettos.
Im Konzentrationslager Plaszow, das bis zu 25. 000 Gefangene beherbergte, beging er viele jener willkürlichen Morde, die ihn berüchtigt machten. Er tötete täglich Häftlinge ohne jeden Anlass, und seine beiden Hunde, Rolf und Ralf, waren darauf abgerichtet, die Insassen bis zum Tod zu zerfleischen.
Pfefferberg, einer der Juden, die von Oskar Schindler gerettet wurden, sagte Jahre später: “Wenn du Göth sahst, sahst du den Tod.”
Am Yom Kippur des Jahres 1943 holten Göth und seine Männer 50 Juden aus ihren Baracken und erschossen sie. Oft wurden Häftlinge öffentlich gehängt, während die übrigen Insassen gezwungen wurden zuzusehen. Moshe Bejski, ein jüdischer Häftling, der später Richter am Obersten Gerichtshof Israels wurde, berichtete, dass ein Häftling namens Olmer einmal vom Kommandanten Göth gerufen wurde.
Dieser ließ seine Hunde los, die begannen, ihn bei lebendigem Leib zu zerfleischen. Als er noch atmete, erschoss ihn Göth.
In einem anderen Fall stahl eine Gruppe von Häftlingen, die Waren entluden, etwas Nahrung. Als Göth fragte, wem sie gehörte, antwortete niemand. Daraufhin erschoss er mehrere wahllos, bis einer gestand.
Der Rest wurde mit hundert Peitschenhieben bestraft. Einer der älteren Männer, schwer verletzt, wurde gezwungen, sich für die Strafe zu bedanken. Als er sich umdrehte, erschoss Göth ihn.
Zeugen berichten, dass Göth, wie im Film Schindlers Liste gezeigt, oft mit seinem Gewehr aus dem Bürofenster auf Häftlinge schoss, die langsam gingen oder sich im Lager ausruhten. Rena Finder, die damals 14 Jahre alt war, erinnert sich, dass Göth morgens auf Kinder schoss, die spielten. “Er war der bösartigste und sadistischste Mensch, den ich je gekannt habe.”
In einem weiteren Fall erschoss er einen Koch, weil die Suppe zu heiß war.
Auch seine jüdischen Dienstmädchen Helen Jonas-Rosenzweig und Helen Hirsch wurden von ihm gefoltert und lebten täglich in Angst um ihr Leben. Die erste sagte: “Als Überlebende kann ich dir sagen, dass wir alle traumatisierte Menschen waren. Ich hätte nie geglaubt, dass ein Mensch zu solch grauenhaften Dingen fähig ist.”
Der Schindler-Arbeiter Isaac Peler, damals 20 Jahre alt, machte den Fehler, unter einem Tisch in der Fabrik einzuschlafen, am selben Tag, an dem Göth zur Inspektion kam. Als er ihn sah, befahl Göth Schindler, ihn zu erschießen. Schindler täuschte einen Schlag vor und sagte dann: “Es reicht, ich brauche ihn.”
So überlebte Isaac.
Göth glaubte fest daran, dass wenn ein Mitglied einer Arbeitsgruppe einen Verstoß beging, das gesamte Team bestraft werden musste. Einmal ordnete er an, dass alle zweiten Mitglieder einer Kolonne getötet werden sollten, weil einer geflohen war. In einem anderen Fall erschoss er jeweils einen aus jeder Arbeitsgruppe, weil ein Häftling nicht ins Lager zurückgekehrt war.
Der Hauptort der Hinrichtungen in Plaszow war Hujowa Górka, ein Hügel, auf dem Massenmorde begangen wurden. Dennoch zeigte Göth seltene Momente von Nachsicht, etwa als er der Gefangenen Natalia Hübler und ihrer Schwester das Leben schenkte, nachdem er sie bei ihrer Ankunft in Plaszow ein Nocturne von Chopin auf dem Klavier hatte spielen hören.
Er wurde schließlich von seinem Posten abgelöst und von der SS angeklagt, jüdisches Eigentum gestohlen zu haben, das laut nationalsozialistischem Gesetz dem Staat gehörte, gegen Vorschriften zum Umgang mit Häftlingen verstoßen und unbefugten Zugang zu Unterlagen gewährt zu haben. Obwohl die Anklagen angesichts der bevorstehenden Niederlage des Naziregimes fallen gelassen wurden, diagnostizierten deutsche Ärzte bei ihm eine psychische Krankheit, und er wurde in die psychiatrische Klinik in Bad Tölz eingewiesen. Dort wurde er im Mai des Jahres 1945 von amerikanischen Militärs verhaftet.
In seinen Memoiren berichtete Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz: “Eine Menge versammelte sich und beschimpfte uns wütend. Kommandant Göth wurde sofort erkannt. Wäre das Auto nicht rechtzeitig angekommen, wären wir gesteinigt worden.”
Göth und Schindler waren zwei deutsche Männer, geboren im selben Land, unter demselben Regime, mit derselben Macht. Doch während der eine seine Stellung nutzte, um Leben zu retten, nutzte der andere sie, um gnadenlos zu vernichten. Diese Gegensätzlichkeit war und ist eine der eindrucksvollsten Botschaften des Films.
Selbst im absoluten Bösen gibt es jene, die Mitgefühl wählen, und andere, die Barbarei.
Heute existiert das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Krakau-Plaszow noch immer. Auch wenn viele seiner Gebäude von den Nazis selbst zerstört wurden, um die Spuren des Verbrechens zu beseitigen, bleibt das Gelände als Gedenkstätte bestehen. Man kann noch immer die Überreste der Massengräber, die Fundamente des Krematoriums und Fragmente der Umfassungsmauer sehen, stumme Zeugen dessen, was dort geschah.
Jedes Jahr besuchen Menschen aus aller Welt diesen Ort. Sie gehen schweigend über grasbewachsene Hügel, lesen Namen, zünden Kerzen an, legen Steine auf die Grabstätten. Sie kommen, um zu gedenken, um die Tausenden nicht zu vergessen, die dort starben, und auch um zu begreifen, wozu die Menschheit fähig ist, wenn Hass zur Politik wird und Gleichgültigkeit zur Norm.
Josef Lewkowitsch, der Jude, der Amon Göth festnahm, wurde im Jahr 1928 im kleinen polnischen Dorf Solec geboren. Er war der älteste von vier Geschwistern in einer angesehenen jüdischen Familie. Eine Straße mit dem Namen Lewkowicz umgibt heute einen Platz von Krakau, und sein angestammtes Zuhause ist heute der Sitz der örtlichen Polizeistation.
“Vor dem Krieg dachten wir, dass wir in Polen sicher sein”, erinnert sich Josef. “Die Juden lebten dort seit vielen Jahrhunderten. Wir waren polnische Bürger, geschützt durch polnisches Recht.
Nicht einmal im schlimmsten Albtraum hätten wir uns vorstellen können, in eine Todesfabrik deportiert zu werden.” Doch als die nationalsozialistische Unterdrückung begann, verteidigte sie niemand. Die meisten Polen befolgten die Befehle der Nazis.
Einige halfen ihnen sogar, die Juden zusammenzutreiben.
Im Jahr 1939, als die Juden gezwungen wurden, all ihren Besitz abzugeben, verkaufte Josefs Onkel sein Textilunternehmen an einen Nichtjuden, im Tausch gegen ein Versteck. Doch diese Vereinbarung hielt nur kurze Zeit. “Als der Mann fürchtete, entdeckt zu werden”, erinnert sich Josef, “lieferte er uns alle aus, und sie wurden getötet.”
Im Alter von elf Jahren schwor sich Josef: “Wenn ich überlebe, werde ich zurückkommen, diesen Mann finden und ihn zur Rechenschaft ziehen.” Doch nach dem Krieg konnte sich Josef nicht mehr an seinen Namen erinnern.
Die Nazis verfolgten ihre Pläne weiter. Josef und 15. 000 weitere Juden wurden in ein überflutetes Lager gebracht, wo sie die ganze Nacht überfrierend, hungrig und bis zur Taille im Wasser sitzen mussten.
Die älteren Menschen wurden zur Seite gestellt und erschossen. Am nächsten Morgen wurden 95 Prozent dieser Juden, darunter Josefs Mutter und seine Geschwister, in das Lager Belzec gebracht, wo sie unmittelbar getötet wurden. Nur etwa 100 überlebten diese Nacht, darunter Josef und sein Vater, die in ein Zwangsarbeitslager gebracht wurden.
Im Laufe der Jahre wurde Josef von einem Konzentrationslager ins nächste verlegt. Er erinnert sich an ein Ereignis in Melk, einem Nebenlager von Mauthausen. “Da ich ziemlich klein bin, stand ich bei den morgendlichen Appellen immer in der ersten Reihe.
Eines Tages stand der Lagerkommandant Julius Ludolf direkt vor mir. Ohne nachzudenken salutierte ich, schlug meine Holzschuhe zusammen und sagte auf Deutsch: ‘Herr Kommandant, ich werde Ihre Stiefel polieren, bis sie wie die Sonne glänzen.'”
Minuten später brachte ihn ein Offizier außerhalb des Lagers zu Ludolfs prächtiger Villa auf einem Hügel. Kurz darauf erschien Ludolf. Er sprach nicht.
Er bellte wie ein Hund. Josef verstand, er sollte seine Stiefel putzen. Dann wurde er in einen Garten gebracht und erhielt eine neue tägliche Aufgabe: das Füttern der Kaninchen und Hühner des Kommandanten.
Das verschaffte ihm Zugang zu Tierfutter, deutlich besser als das, was er im Lager bekam.
“Ich freute mich über die Karotten für die Kaninchen”, sagte Josef, “und ich war das erste Kaninchen, das ich fütterte.” Nachts veranstaltete Ludolf in seiner Villa Partys für SS-Offiziere. Große Mengen an Essen wurden weggeworfen, und Josef, ausgehungert, sammelte die Reste und aß sie.
Unter Lebensgefahr brachte er sogar einen Teil dieser Nahrung ins Lager zurück, um andere Häftlinge zu versorgen.
In der Villa hatte ein Leutnant namens Otto Striegel ein grausames Hobby, Josef zu quälen. “Er befahl mir, in einer Ecke zu stehen mit offenem Mund, und versuchte, kleine Steine hineinzutreffen. Meistens trafen sie mein Gesicht.”
Nach dem Krieg machte es sich Josef zur Aufgabe, jene Nazis zu finden, die ihn gefoltert hatten. Er entdeckte Julius Ludolf in einem kleinen Dorf. Er sagte vor Gericht gegen ihn aus, schilderte seine Verbrechen und enthüllte den großen Schatz an Schmuck, Gold und ausländischen Banknoten, den Ludolf gestohlen hatte.
Ludolf und auch der Leutnant, der ihm Steine ins Gesicht warf, wurden hingerichtet.
Obwohl Josef viel Zeit unbeaufsichtigt in der Villa und außerhalb des Lagers verbrachte, versuchte er nie zu fliehen. Das hatte er schon einmal getan. Einmal gelang es ihm, sich von einer Arbeitsgruppe zu entfernen und verzweifelt jemanden zu suchen, der ihm Nahrung oder Unterschlupf bot.
Doch die Menschen schlossen ihm einfach die Tür ins Gesicht. “Ich weiß nicht, ob sie grausam waren oder Angst hatten. Ich bin nicht derjenige, der sie richten sollte”, sagte er Jahre später.
Am nächsten Morgen kehrte Josef freiwillig ins Arbeitslager zurück. Es gab keine bessere Option.
Eines Morgens im Winter 1945 war das Lager merkwürdig still. Keine Sirene ertönte. Niemand rief zum Morgenappell.
Gegen Mittag wurde ihnen befohlen, sich auf dem Appellplatz, dem zentralen Platz des Lagers, zu versammeln. Der SS-Kommandant stieg auf eine Bühne und verkündete: “Wir wollen euch vor dem Feind schützen. Schnell in die Tunnel.”
Es ging das Gerücht um, dass diese Tunnel mit Dynamit gefüllt seien und die Nazis planten, alle gemeinsam in die Luft zu jagen.
Tausende Häftlinge begannen zu schreien. “Nein, nein.” Die SS eröffnete das Feuer auf die Menge.
“Ich warf mich zu Boden”, erinnert sich Josef. Viele entkamen den Kugeln nicht, sie starben noch auf dem Platz. Schließlich verstummten die Schüsse.
Josef erhob sich. Um ihn herum: Leichen. Die Bühne war leer.
Die SS war verschwunden.
Er war fassungslos, der Albtraum war endlich vorbei. Wie durch ein Wunder waren alle Träume von Freiheit wahr geworden. Es war möglich, dass er fünf grausame Jahre voller Zwangsarbeit, Schläge und Hunger überlebt hatte.
Josef bückte sich und hob einen Revolver vom Boden auf. Er hatte keine Ahnung, wie man ihn benutzt, aber es war ein neuer Tag. Er war frei.
Er war erst 17 Jahre alt, wog kaum 45 Kilogramm. Er dachte, was könnte mein nächster Schritt sein? Er war völlig allein.
Kein Familienmitglied hatte überlebt.
Als Waise begann Josef an die tausenden jüdischen Kinder zu denken, die zu Beginn des Krieges vorübergehend bei nichtjüdischen Familien untergebracht worden waren. In vielen Fällen waren diese Familien vollständig ermordet worden. Niemand konnte diese Kinder zurückfordern.
Josef erkannte, dass diese jüdischen Kinder für immer verloren sein würden, wenn er nichts unternahm.
Ohne die geringste Ahnung, wie man eine so gewaltige Aufgabe bewältigt, entdeckte er einen entfernten Cousin, Daniel, einen kommunistischen Anführer im Nachkriegspolen. “Ich sagte ihm, dass ich eine Idee habe, Familien wieder zu vereinen, die die Nazis getrennt hatten. Ich sagte es in säkularen Begriffen, weil Jude in Polen ein gehasstes Wort war.”
Daniel stellte ihn einem General der polnischen Armee vor. Zu seiner Überraschung stimmte der General zu, bei den Rettungsaktionen zu helfen. Er stellte ihm ein Team von 40 Personen zur Verfügung, darunter 20 Soldaten, Gewehre, Lastwagen und sogar einen Panzer.
Eine komplette Autorität, um jedem Widerstand zu begegnen.
Die Suche nach all diesen jüdischen Waisenkindern war wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Doch Josef verfolgte über ein Netz von Informanten Spuren an sehr spezifische Orte. “Wenn wir zu einem Haus kamen, sagten wir: ‘Dieses Kind wurde von euch adoptiert.
Zeigt uns seine Adoptionspapiere.'” Josef hatte einen scharfen, fast instinktiven Sinn dafür, jüdische Kinder zu erkennen, die in nichtjüdischen Haushalten versteckt waren. Es lag nicht nur an physischen Merkmalen, sondern an Gesten, Gesichtsausdrücken, Schweigen, Zeichen, die nur jemand wahrnehmen konnte, der die Hölle durchlebt hatte.
In Zusammenarbeit mit Psychologen, Pädagogen und Sicherheitskräften des neuen polnischen Regimes leitete Josef ein Suchnetzwerk, das sich über Dörfer, Städte und Gemeinden erstreckte und sich der Gleichgültigkeit und manchmal dem Widerstand derjenigen stellte, die sich weigerten, die Kinder herauszugeben. Oft leugneten die Familien, die sie aufgenommen hatten, dass die Kinder jüdisch waren. Einige aus echter Zuneigung, andere aus Angst, manche aus bloßer Gier.
“Dieses Kind gehört uns”, sagten sie.
Doch Josef bestand darauf. Er legte Dokumente vor, stellte widersprüchliche Aussagen in Frage, und wenn das nicht ausreichte, berief er sich auf die ihm vom polnischen Militär verliehene Autorität. Manchmal gingen sie mit Gewehren in der Hand hinein und holten die Kinder mit Gewalt heraus.
“Viele weinten. Sie verstanden nicht, warum wir sie von den Menschen trennten, die ihnen ein Dach gegeben hatten”, erinnert sich Josef. “Aber wenn wir sie nicht gerettet hätten, wäre auch das Judentum mit ihnen gestorben.”
Insgesamt rettete er 600 Waisenkinder. Er gab ihnen eine neue Chance. Viele von ihnen wurden in jüdische Waisenhäuser gebracht, in Übergangsunterkünfte oder wanderten zusammen mit anderen Überlebenden nach Palästina aus.
Sein humanitärer Einsatz blieb nicht unbemerkt. Später engagierte sich Josef in der zionistischen Bewegung und begann sich auf eine diplomatische Laufbahn vorzubereiten. Er war überzeugt, dass das jüdische Volk einen eigenen Staat haben musste, eine Heimat, in der es nie wieder verfolgt wurde.
In diesem Zusammenhang sah er eines Tages eine Anzeige des Roten Kreuzes. Darin hieß es, dass jemand in Buenos Aires, Argentinien, Informationen über die Familie Lewkowicz suchte. Es handelte sich um einen Großonkel von Josef, der Jahrzehnte vor dem Krieg nach Amerika ausgewandert war.
Er hatte Gerüchte gehört, hatte nachgefragt, aber keine Bestätigung darüber erhalten, was mit seinen Verwandten in Europa geschehen war.
“Ich war der einzige aus meiner Familie, der überlebt hatte”, sagte Josef, “und ich war verzweifelt auf der Suche nach Verwandten. Ich wollte wieder das Gefühl haben, irgendwo dazu zu gehören.” Er antwortete auf die Anzeige.
Das Rote Kreuz nahm Kontakt mit ihm auf. Man rief ihn an. Man sagte ihm, er müsse sich auf den Weg nach Südamerika machen.
Argentinien war der Anfang eines neuen Lebens.
Dort begann Josef von Grund auf neu. Er fand sich als Diamantenhändler wieder. Ein komplexes Geschäft, aber ideal für jemanden mit seiner Hartnäckigkeit und seinem Gespür für Details.
Seine Arbeit führte ihn in verschiedene Länder des Kontinents. In Kolumbien lernte er Perla kennen, eine junge Frau, mit der er den Rest seines Lebens teilen sollte. Sie heirateten, sie bekamen drei Kinder.
Doch als die Kinder größer wurden und es um ihre schulische Ausbildung ging, beschlossen Josef und Perla, in eine größere jüdische Gemeinde mit mehr Schulen und Gemeinschaftsleben zu ziehen, nach Montreal in Kanada. In Kanada hatte Josef Erfolg. Er blieb im Diamantenhandel tätig.
Sogar eine Fabrik im kommunistischen Kuba leitete er, eine Erfahrung, an die er sich mit Verwunderung erinnert. Ein jüdischer Mann, Überlebender des Holocausts, verhandelte unter einem marxistischen Regime mitten im Kalten Krieg.
Nicht alle seine Entscheidungen waren glücklich. Einmal trat die Ehefrau des Malers Pablo Picasso an ihn heran. Sie wollte mehrere Originalwerke ihres Mannes gegen Diamanten tauschen.
Damals war jedes dieser Bilder nur wenige tausend Dollar wert. “Sie schienen mir seltsame Zeichnungen zu sein, ohne Form oder Sinn, und ich dachte, das hat keinen Wert”, erzählt Josef lachend. Er lehnte das Angebot ab.
Heute ist jedes dieser Werke über 30 Millionen Dollar wert. Doch bereut hat er es nie ganz. Für ihn lag der wahre Wert immer in anderen Dingen.
In den 80er Jahren engagierte er sich in Wohnbauprojekten in Israel. Er war Teil eines Unternehmens, das ganze Viertel errichtete. Eines davon, Arzei Avraham in Jerusalem, wurde Jahre später sein Wohnort.
Ein anderes in der Stadt Rehovot benannte eine Straße nach ihm, Lewkowicz Street.
Über Jahrzehnte hinweg war Josef tief mit dem Staat Israel verbunden. Er traf Premierminister, diplomatische Vertreter und half dabei, Handels- und Kulturbeziehungen zwischen Israel und mehreren lateinamerikanischen Ländern aufzubauen. Er war zweifellos ein Mann der Tat, aber auch ein Überlebender, der durch Fortschritt nach Gerechtigkeit suchte.
Im Jahr 2016, mit 88 Jahren, traf er eine monumentale Entscheidung. Er verließ sein komfortables Leben in Kanada und wanderte endgültig nach Israel aus. Er machte Alija.
Er erfüllte den zionistischen Traum, den er seit seiner Jugend gehegt hatte. Ein israelisches Fernsehteam begleitete ihn eine Woche lang in Montreal und dokumentierte seinen Aufbruch. Josef wurde wie ein Held empfangen.
“Viele Jahre lang hatte ich gewollt, Alija zu machen”, gestand er, “aber ich begriff, dass ich es tun musste. Wenn nicht jetzt, dann nie. Ich bin sehr glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben.
Ich habe viele Freunde gefunden und sehr gute Nachbarn.”
Jahrelang weigerte er sich, öffentlich über den Holocaust zu sprechen. Er schwieg aus Schmerz, aus Scham, doch seine Kinder und Enkel ermutigten ihn. “Opa, deine Geschichte muss erzählt werden.”
So entstand sein Buch “From The Ages to the Legend, A Miraculous Journey”, eine Privatauflage, bestimmt für Familie und enge Freunde. Er tat es nicht aus Ruhmsucht, er tat es für das Gedenken. “Ich verstand, dass, wenn ich meine Geschichte nicht erzähle, es niemand tun wird.
Ich hatte jegliche Verbindung zur Vergangenheit verloren, und jetzt muss ich die kommenden Generationen warnen.”
Im Jahr 2011 unternahm er mit seinem jüngsten Sohn eine emotionale Reise. Sie bereisten Krakau, besuchten Auschwitz, Belzec, das Lager, in dem seine Mutter und seine Geschwister ermordet worden waren, und das Dorf, in dem Josef aufgewachsen war. Sie gingen auch durch Plaszow, das Konzentrationslager, das vom berüchtigten Amon Göth geleitet wurde, dem Josef persönlich begegnet war.
“Egal, wie viel über den Holocaust geschrieben wurde, es ist unmöglich, den Schrecken, den Hunger, die Verzweiflung zu beschreiben. Fünf Jahre lang arbeitete ich von morgens bis abends in Steinbrüchen, an Eisenbahnen und in Salzmienen. Ich war bereit, alles zu tun, was man mir befahl.
Ich dachte nur ans Überleben. Einen Moment länger. Keine Zeit zum Nachdenken, denn wenn ich dachte, wurde ich wahnsinnig.”
“Diese Erinnerungen verblassen nicht mit der Zeit. Oft wache ich nachts schweißgebadet auf”, gesteht Josef. “Letzte Woche träumte ich, dass ich mit einem Nazi kämpfte, der mich erschießen wollte.
Ich entriss ihm das Gewehr, und seine Stimme verstummte.” Er muss den Satz nicht beenden.
Josef Lewkowitsch rettete 600 Waisenkinder. Er sagte gegen Amon Göth aus, und er baute sich ein würdiges, helles Leben auf nach der dunkelsten Nacht. Das war zweifellos seine besondere Rache, eine Rache ohne Hass, eine Rache aus Erinnerung, Gerechtigkeit und Leben.
Amon Göth war mehr als nur ein nationalsozialistischer Kommandant. Er war die Verkörperung von Sadismus, der zum System erhoben wurde, von grenzenloser Macht, ausgeübt über die Wehrlosesten. Von der Terrasse seiner Villa in Plaszow aus schoss er mit seinem Gewehr auf wehrlose Gefangene, als wären sie Jagdwild.
Sein Hund, abgerichtet darauf, menschliches Fleisch zu zerreißen, vollendete das Bild eines alltäglichen Grauens ohne Seele.
Er war kein mythisches Ungeheuer, er war ein Mensch. Und genau das ist das Beängstigende. Seine Grausamkeit wurde schließlich gerichtet.
Im Jahr 1946, nach seiner Gefangennahme durch die Alliierten, wurde Göth für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Er wurde in Polen hingerichtet, nicht ohne zuvor die Zeugenaussagen jener zu hören, die seine Herrschaft des Terrors überlebt hatten.
Sein Henker war die Geschichte, aber die wahre Strafe war, dass sein Name, einst gefürchtet in den Baracken, für immer im kollektiven Gedächtnis als Symbol des nationalsozialistischen Grauens eingebrannt blieb. Denn dem Sadismus stand auch Widerstand gegenüber, dem Hass stand Mut gegenüber, dem Versuch der Vernichtung stand das Leben entgegen.
Josef Lewkowitsch, ein jüdischer Jugendlicher, der unter Amon Göths Schatten lebte, überlebte. Doch er tat mehr als nur überleben. Er rettete 600 jüdische Waisenkinder, baute sich auf drei Kontinenten ein neues Leben auf und erhob seine Stimme, damit die Welt niemals vergisst.
Die Geschichte von Göth ist die Geschichte vom tiefsten Fall der Menschlichkeit. Die Geschichte von Josef ist der Beweis dafür, wie hoch sich ein Mensch erheben kann. Denn jede Kugel, die von der Terrasse in Plaszow abgefeuert wurde, war ein Todesurteil.
Aber jedes Kind, das Josef rettete, war ein Lebensurteil.
So endet diese Geschichte. Nicht mit dem Henker, sondern mit dem Überlebenden. Nicht mit dem Tod, sondern mit dem Gedenken.
Die Geschichte von Amon Göth darf nicht vergessen werden. Nicht, weil er es verdient hätte, erinnert zu werden, sondern weil das, was er tat, sich niemals wiederholen darf.