Berlin – Es ist eines der bekanntesten Bilder des Zweiten Weltkriegs, ein Foto, das in unzähligen Geschichtsbüchern, Schulbüchern und internationalen Publikationen zu finden ist. Es zeigt einen deutschen General, der einen Bunker verlässt, begleitet von einem sowjetischen Soldaten. Die Bildunterschrift, die seit über 80 Jahren immer wieder abgedruckt wird, lautet meist: General Helmut Weidling verlässt am 2.
Mai 1945 den Führerbunker, um die Kapitulation Berlins zu unterzeichnen. Doch diese Beschreibung ist in praktisch allen Punkten falsch.
Recherchen zeigen: Das Foto entstand nicht am 2. Mai 1945, nicht im Führerbunker und nicht während der tatsächlichen Kapitulationsverhandlungen. Es handelt sich um eine inszenierte Aufnahme der sowjetischen Propaganda, die erst vier Tage später, am 6.
Mai 1945, in den Trümmern der Neuen Reichskanzlei gedreht wurde. Der Mann auf dem Bild, General Helmut Weidling, war zu diesem Zeitpunkt bereits in sowjetischer Gefangenschaft.
Die tatsächliche Kapitulation Berlins fand in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1945 statt – allerdings in einer Erdgeschosswohnung am Schulenburgring 2 in Berlin-Tempelhof, im Gefechtsstand von Generaloberst Wassili Tschuikow. Dort verhandelte Weidling persönlich mit den Sowjets.
Dort wurden die Dokumente unterzeichnet. Dort ergab sich die Berliner Garnison. Kein Bunker, keine Reichskanzlei, keine Kameras.
Was auf dem berühmten Foto zu sehen ist, entstand unter ganz anderen Umständen. Die sowjetische Militärführung wollte einen Propagandafilm drehen und benötigte dafür dramatische, authentisch wirkende Bilder. Weidling und weitere deutsche Offiziere wurden unter einem Vorwand aus der Gefangenschaft geholt.
Angeblich sollten sie bei der Identifizierung von Gefallenen in der zerstörten Reichskanzlei helfen.
Man brachte sie in den Keller des Gebäudes und führte sie anschließend durch einen gedeckten Notausgang nach draußen – eine Laderampe, die zu einem Versorgungsraum gehörte. Genau in diesem Moment standen die sowjetischen Kameraleute bereit. Sie filmten, wie Weidling ins Freie trat.
Im Hintergrund ist das Wrack eines Automobils zu erkennen. Ein sowjetischer Soldat steht daneben.
Dieses Bild wurde zur historischen Referenz. Es zeigt keinen Bunkerausgang, sondern einen Versorgungszugang. Es zeigt keine Kapitulationsszene, sondern eine nachgestellte Propagandaaufnahme.
Es zeigt nicht den 2. Mai, sondern den 6. Mai 1945.
Und es zeigt nicht den Führerbunker, sondern einen Kellerraum der Neuen Reichskanzlei.
Besonders schwer wiegt: In den Morgenstunden des 2. Mai 1945 waren noch keine sowjetischen Soldaten bis zur Reichskanzlei vorgedrungen. Die Kämpfe in diesem Bereich waren noch nicht beendet.
Eine ruhige Filmaufnahme wäre zu diesem Zeitpunkt unmöglich gewesen. Auch die Rampe neben dem Autowrack hätte jedem aufmerksamen Betrachter auffallen müssen. Doch niemand schaute genau hin.
Die Folgen dieser Fehlbeschriftung sind bis heute spürbar. Generationen von Autoren haben voneinander abgeschrieben, ohne das Bild jemals zu überprüfen. Selbst renommierte Historiker und Publikationen übernahmen den falschen Text.
Das Foto wurde so zu einem Musterbeispiel dafür, wie sich Fehler in der Geschichtsschreibung verselbstständigen können.
In dem von Bertelsmann herausgegebenen Werk Jahrhundert im Bild heißt es unter dem Foto, Weidling verlasse am 2. Mai 1945 seinen Befehlsbunker, um den Russen die Kapitulation anzubieten. Falsches Datum, falsche Örtlichkeit.
In dem Band Das Dritte Reich, herausgegeben von Heinz Huber und Arthur Müller, wird Weidling sogar als letzter Stadtkommandant bezeichnet. Das ist falsch – er war Kampfkommandant.
Der Militärschriftsteller Werner Haupt schrieb in Hitlers letzte Schlacht Berlin 1945, Weidling verlasse am 2. Mai den Bunker der Reichskanzlei, um Schukow die Kapitulation anzubieten. Haupt erkannte zwar, dass die Aufnahme gestellt war, doch Datum und Ort blieben falsch.
In den Monatsheften damals von Oktober 1977 schrieb derselbe Autor, Weidling habe sich nach der Kapitulation in russische Gefangenschaft begeben. Auch die Waffengattung und die Dienststellung waren falsch.
Der britische Autor Cornelius Ryan kam der Wahrheit in seinem Bestseller Der letzte Kampf am nächsten. Er schrieb, das russische Foto zeige angeblich Weidling nach der Kapitulationsunterzeichnung, möglicherweise handele es sich jedoch um eine gestellte Aufnahme, da der Übergabeakt nicht in einem Bunker, sondern in einem Haus in Tempelhof stattfand. Ryan hatte Zweifel, formulierte aber vorsichtig.
Joachim Schultz-Naumann, Major und Generalstabsoffizier im Wehrmachtführungsstab, schrieb in Die letzten 30 Tage, Weidling verlasse seinen Befehlsbunker und kapituliere am 2. Mai 1945 vor Schukow. Falsch.
Die Berliner Morgenpost titelte, ein Sowjetsoldat stehe stramm, als Berlins Kampfkommandant nach der Kapitulation seinen Bunker verlasse. Falsch. In der Heftromanreihe Der Landser hieß es, Weidling verlasse den Reichskanzleibunker, um die Kapitulation Berlins anzubieten.
Falsch.

Der ehemalige britische Offizier Tony Le Tissier schrieb in Der Kampf um Berlin, Weidling verlasse den Bunker der Reichskanzlei am 2. Mai 1945. Falsch.
Christian Zentner und Friedemann Bedürftig, Herausgeber des Großen Lexikons des Zweiten Weltkriegs, formulierte vorsichtiger: Weidling verlasse nach der Kapitulationsunterzeichnung den Befehlsbunker – ohne Datum, ohne genaue Ortsangabe, aber immer noch falsch.
Noch heute, über 80 Jahre nach Kriegsende, findet man bei Presseagenturen Texte, die in einem einzigen Satz fünf grobe Fehler enthalten. Der für Berlin zuständige Kampfkommandant Helmut Weidling verlasse, nachdem er in den Morgenstunden des 2. Mai 1945 den ihm unterstellten Truppen den Befehl zum Rückzug gegeben habe, den Bunker der Reichskanzlei, um dem sowjetischen Marschall Georgi Schukow die Kapitulation der Reichshauptstadt anzubieten.
Falsches Datum, falsche Örtlichkeit, falsche Umstände, falsche Befehlsformulierung. Sogar Schukow war nicht persönlich anwesend. Die Verhandlungen führte Tschuikow.
Die tatsächliche Kapitulation Berlins war ein komplexer Vorgang. Am 1. Mai 1945 gegen 3.
30 Uhr nachts hatte es einen ersten Versuch gegeben. Generalleutnant Hans Krebs, der neue Generalstabschef, der gut Russisch sprach, traf sich mit dem Befehlshaber der sowjetischen 8. Gardearmee, Generaloberst Wassili Tschuikow.
Das Treffen fand im Gefechtsstand Tschuikows statt, in einer Erdgeschosswohnung am Schulenburgring in Berlin-Tempelhof. Krebs verhandelte einen halben Tag lang über einen Waffenstillstand. Doch Joseph Goebbels, der im Führerbunker sitzende neue Reichskanzler, lehnte die von Stalin geforderte bedingungslose Kapitulation kategorisch ab.
Krebs kehrte in den Bunker zurück, wurde als Versager beschimpft und nahm sich kurz darauf das Leben.
In der Nacht zum 2. Mai sandte Weidlings Stab fünfmal hintereinander einen offenen Funkspruch auf Russisch. Hier 56.
Deutsches Panzerkorps. Wir bitten das Feuer einzustellen. Um 05.
00 Uhr Berliner Zeit entsenden wir Parlamentäre auf die Potsdamer Brücke. Erkennungszeichen weiße Flagge vor rotem Licht. Wir bitten um Antwort.
Wir warten. General Schukow signalisierte sein Einverständnis für ein Treffen.
Weidling ging persönlich zu den Verhandlungen – in dieselbe Wohnung am Schulenburgring 2, in der bereits Krebs verhandelt hatte. Die Gespräche dauerten bis 8. 20 Uhr.
Danach verkündeten Lautsprecherwagen in Deutsch und Russisch Weidlings Kapitulationsbefehl an alle Truppen. Schriftliche Kopien wurden zu den noch intakten deutschen Verteidigungsinseln gebracht. Die Schlacht um Berlin war beendet.
Weidling ging in sowjetische Gefangenschaft.
Das berühmte Foto aber entstand erst vier Tage später. Die Sowjets wollten einen Propagandafilm drehen und brauchten authentisch wirkende Aufnahmen. Weidling und andere Offiziere wurden aus der Gefangenschaft geholt.
Man brachte sie in den Keller der Reichskanzlei und führte sie durch einen gedeckten Notausgang hinaus. Die Kameraleute filmten. Später wurden Weidling und sein Stab noch an anderen Orten in Berlin-Mitte gefilmt – alles für den Propagandafilm.
Was General Weidling betrifft: Er wurde zunächst in Moskauer Gefängnissen festgehalten. Am 27. Februar 1952 verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal zu 25 Jahren Haft.
Er kam in das Gefangenenlager Wladimir. Dort starb er am 17. November 1955 im Alter von 64 Jahren.
Er hat Deutschland nie wiedergesehen. Das Foto, das ihn angeblich bei der Kapitulation zeigt, hat ihn überlebt. Es steht in Büchern, die nach seinem Tod gedruckt wurden, mit falschen Bildunterschriften, die er nie korrigieren konnte.
Die Geschichte dieses Bildes ist ein Lehrstück über die Macht der Wiederholung. Wenn ein falscher Text lange genug veröffentlicht wird, übernimmt ihn der nächste Autor, dann der nächste und der nächste. Am Ende schreiben alle voneinander ab, und niemand prüft die ursprünglichen Fakten.
Gerade Fotografien, die den Anschein von Authentizität vermitteln, sollten mit Vorsicht betrachtet werden. Denn die Protagonisten waren immer wieder versucht, kleinere oder größere Veränderungen vorzunehmen, um Fakten zu eliminieren und Geschichte umzuschreiben.
Das Foto von General Weidling ist kein Einzelfall. Es reiht sich ein in eine lange Tradition der Bildmanipulation und Fehlbeschriftung. Ob Lenin, Ernst Röhm, die Rote Fahne auf dem Reichstag oder Willy Leow – immer wieder wurden Personen aus Fotos entfernt, wurden Szenen nachgestellt, wurden Bildunterschriften gefälscht.
Doch während Retuschen oft auffallen, sind falsche Bildunterschriften subtiler. Sie bleiben jahrzehntelang unbemerkt, weil niemand das Bild hinterfragt.
Die Wahrheit über das berühmteste Kapitulationsfoto der Geschichte ist komplizierter als die Bildunterschrift. Sie zeigt, wie wichtig es ist, historische Quellen kritisch zu prüfen und nicht alles zu glauben, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Denn manchmal ist das, was in Geschichtsbüchern steht, einfach nur falsch.
