„Frau Keller hat einen Fehler im Jahresbericht gefunden. Sie will, dass Sie alle Zahlen überprüfen, bevor Sie in den Urlaub gehen. “ Juno spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie stand am Flughafen, den Koffer fest im Griff, bereit für zwei Wochen Amalfiküste mit Silas, dem Mann, den sie liebte.

„Mein Flug geht in drei Stunden“, sagte sie. „Ich bin schon eingecheckt. “ Es war eine Lüge, aber sie ließ sich ihren Traum nicht von Kosima Keller nehmen, ihrer Chefin, der Frau, deren Ehemann sie heimlich liebte. Dann klingelte das Telefon erneut.
Silas. „Juno, wir haben ein Problem. Kosima hat die Reise nach Singapur abgesagt. Sie hat Unstimmigkeiten in den Berichten gefunden und bleibt hier.
“ Juno schloss die Augen. „Was machen wir jetzt? “ „Warte auf mich. Ich muss sie erst treffen, um keinen Verdacht zu erregen.
“ Eine Stunde, höchstens anderthalb. Juno setzte sich ans Fenster und beobachtete die startenden Flugzeuge. Ihr Flug sollte in drei Stunden gehen. Plötzlich setzte sich eine junge Frau mit dunklen Locken und vielen Goldketten neben sie.
„Du bist so schön und doch so traurig“, sagte sie mit einem leichten Akzent. Juno wollte sie abweisen, aber die Fremde legte ihre warme Hand auf Junos Arm. „Du fliegst mit dem Ehemann einer anderen. Du denkst, du liebst ihn, aber er führt dich in eine Falle.
“ Juno zog ihre Hand weg. „Wer sind Sie? “ Die Frau lächelte. „Geh zurück zur Arbeit.
Sieh in dein Büro. Dort wirst du Antworten finden. “ Dann verschwand sie in der Menge. Juno blieb sitzen, bis eine Nachricht von Silas kam: „Ich kann nicht kommen.
Kosima lässt mich nicht gehen. Wir müssen die Reise verschieben. “ Alles brach zusammen. Dann erinnerte sie sich an die Worte der Wahrsagerin.
Sie nahm ihren Koffer und fuhr zurück ins Büro. Im Flur traf sie niemanden. Ihr Büro schien unverändert, aber sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Dann entdeckte sie es: eine kleine, schwarze Kamera an der Decke, direkt auf ihren Arbeitsplatz gerichtet.
Und unter dem Schreibtisch, mit Klebeband befestigt, eine Wanze. Ihr Herz raste. Sie schaltete den Computer ein, aber das Passwort wurde nicht akzeptiert. Jemand hatte es geändert.
In diesem Moment ging die Tür auf. Kosima Keller stand auf der Schwelle, perfekt gekleidet, mit einem kalten Lächeln. „Ich dachte, du wärst schon im Flugzeug. “ Juno stammelte etwas von vergessenen Dokumenten.
Kosimas Lächeln wurde breiter. „Ich dachte, es läge an meinem Mann. “
Juno erstarrte. „Ich verstehe nicht, wovon Sie reden.
“ Kosima lachte, aber es klang nicht fröhlich. „Hör auf zu spielen, Juno. Ich weiß alles. Von deiner Affäre mit Silas, von eurer Reise, von euren Treffen.
“ Sie deutete auf die Kamera. „Glaubst du, ich bin so dumm? Ich habe euch monatelang überwacht. Jedes Wort, jeden Schritt.
“ Junos Knie wurden weich. „Warum haben Sie mich dann nicht gefeuert? “ Kosima trat näher. „Weil ich wollte, dass ihr euch sicher fühlt.
Dass ihr an eure Schlaubeit glaubt. Und dann wollte ich euch beide vernichten. “ Sie zückte ihr Telefon und zeigte Juno ein Video: Sie und Silas, die sich in diesem Büro küssten. „Ich habe hunderte solcher Aufnahmen.
Du bist nicht die Erste, die Silas betrügt. Aber du warst die Hartnäckigste. “ Juno schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.
“ „Natürlich nicht. Keine von euch glaubt es, bis sie der Wahrheit ins Auge sieht. Silas wird mich nie verlassen. Ich habe ihn erschaffen.
Ohne mich ist er ein Niemand. “ Sie ging zur Tür. „Du hast eine Stunde, um deine Sachen zu packen. Und versuch nicht, Silas zu kontaktieren.
Er wird deine Anrufe nicht mehr annehmen. “
Juno sank auf ihren Stuhl. Ihre Karriere, ihre Beziehung, ihre Zukunft – alles war zerbrochen. Sie rief Silas an, aber er ging nicht ran.
Dann fiel ihr Blick auf den Computer. Sie hatte früher in der IT gearbeitet. Sie holte einen USB-Stick aus ihrer Tasche und umging die Passwortsperre. Sie öffnete die Berichte, die Silas ihr vor Monaten gezeigt hatte.
Und dann sah sie es: Unstimmigkeiten in den Summen, Überweisungen an Firmen, die nicht auf der Lieferantenliste standen. Geldwäsche. „Das sind Finanzmanipulationen“, flüsterte sie. Eine Stimme hinter ihr wiederholte: „Das sind Finanzmanipulationen.
“ Silas stand in der Tür. „Kosima wäscht über die Firma Geld. Seit Jahren. Ich habe es vor einem halben Jahr herausgefunden.
“ Juno wirbelte herum. „Du wusstest davon? Du hast mich benutzt, um die Berichte zu prüfen. “ Silas nickte.
„Ich hatte gehofft, du würdest etwas finden, das zu Kosima führt, nicht zu mir. Sie hat alles so arrangiert, dass die Spuren zu mir führen. Ich bin als Direktor mehrerer Scheinfirmen gelistet. “ Er ließ sich auf einen Stuhl fallen.
„Sie wusste von uns, von Anfang an. Sie hat es arrangiert. Sie wollte, dass ich eine Affäre mit dir anfange. “ Juno trat einen Schritt zurück.
„Was? Du hast mich benutzt, um Zugang zu den Berichten zu bekommen? “ „Ursprünglich war es ihr Plan“, sagte er leise. „Aber dann habe ich mich wirklich in dich verliebt.
“ Juno lachte bitter. „Wie soll ich dir das glauben? “ Silas stand auf. „Wir müssen hier raus.
Kosima ist gefährlich. Sie wird nicht aufhören, bis sie uns vernichtet hat. “ Dann erzählte er ihr von Kosimas Plan, das Unternehmen zu liquidieren und die Schuld auf ihn und Juno abzuwälzen. Und von den Beweisen, die er gesammelt hatte – auf Kosimas persönlichem Computer.
„Ich brauche deine Hilfe, um an sie ranzukommen. “
Juno zögerte, aber sie hatte keine Wahl. Kosima hatte sie praktisch gefeuert. Wenn sie die Machenschaften nicht stoppten, würden sie beide im Gefängnis landen.
„Gut“, sagte sie. „Ich helfe dir. Aber danach gehen wir getrennte Wege. “ Silas’ Augen schmerzten, aber er nickte.
Sie schrieben ein Programm, das die Zwei-Faktor-Authentifizierung von Kosimas Computer umgehen konnte, und brachen in ihr Büro ein. Sie fanden Dokumente über Offshore-Firmen, Überweisungen und Korrespondenz mit einem Mann namens Sergei Wolf. Und dann entdeckten sie einen Ordner mit dem Namen „Projekt Phönix“. Kosima plante, die Firma in zwei Wochen in den Bankrott zu treiben und alle Gelder abzuziehen.
Die Schuld sollte auf Silas und Juno abgewälzt werden. Silas flüsterte: „Sie plant, uns beide anzuklagen. Deine Unterschrift steht auf mehreren Schlüsseldokumenten. “ Juno spürte, wie ihr das Blut in den Schläfen pochte.
Sie kopierten alles auf eine externe Festplatte. Sie hatten kaum fertig, als sie unten in der Tiefgarage Kosima mit zwei großen Männern in dunklen Anzügen sahen. „Lauf! “, schrie Silas.
Sie flohen über das Dach, über eine schmale Brücke auf das Nachbargebäude und entkamen in einem Taxi. Silas brachte sie in die Wohnung eines Freundes. Er nannte einem Journalisten eine Nummer, einem gewissen Ferdinand Kraus, der die Story veröffentlichen sollte. Sie verabredeten sich für den nächsten Morgen in einem kleinen Café.
Das Treffen mit Ferdinand schien perfekt zu laufen. Er nahm die Festplatte, prüfte die Dokumente und versprach, die Recherche in drei Tagen abzuschließen. Er gab ihnen sogar die Adresse seines Ferienhauses, wo sie sich verstecken konnten. Drei Tage lang warteten sie in dem abgelegenen Haus, sprachen über die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft.
Am dritten Morgen polterte jemand gegen die Tür. Es war die Polizei. Sie nahmen Juno und Silas fest – wegen des Verdachts auf schweren Betrug und betrügerischen Bankrott. Und dann fiel die Bombe: „Es gibt keinen Artikel“, sagte der Ermittler.
„Und keinen Journalisten namens Ferdinand Kraus. “ Juno sank in sich zusammen. Ihr Plan war gescheitert. Kosima hatte Anzeige wegen des Verschwindens wichtiger Geschäftsunterlagen erstattet und sie als Täter präsentiert.
In ihrer Zelle dachte Juno, alles sei verloren. Dann kam eine Anwältin zu ihr: „Ich wurde von Oscar Reuter beauftragt. “ Juno brauchte einen Moment. „Oscar?
Der Journalist? Den gibt es nicht. “ Die Anwältin lächelte. „Oscar Reuter ist sein echter Name.
Er ist Mitarbeiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität beim BKA. Er hat jahrelang gegen Kosima Keller und ihre Hintermänner ermittelt. Ihre Festnahme war zu Ihrem eigenen Schutz. “ Juno traute ihren Ohren nicht.
„Und die Festplatte? “ „Sie ist bei Oscar. Die Dokumente sind der Grundstein des Verfahrens. Kosima wurde am Flughafen Doha festgenommen, als sie fliehen wollte.
“ Juno lehnte sich zurück und verarbeitete das Gehörte. Am nächsten Morgen wurden sie freigelassen. Oscar Reuter wartete in der Empfangshalle. Er entschuldigte sich für die Inszenierung.
„Es war die einzige Möglichkeit, Sie zu schützen. “ Silas und Juno verließen das Polizeigebäude gemeinsam. Die Wahrheit war ans Licht gekommen, aber ihre Beziehung war zerstört. Silas gab zu, sogar die Wahrsagerin am Flughafen engagiert zu haben, eine Schauspielerin, um Juno zurück ins Büro zu schicken.
Sie hatte ihm geholfen, aber das Vertrauen war zerbrochen. Drei Monate später hatte sich Junos Leben normalisiert. Sie arbeitete bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, ihre Erfahrung machte sie wertvoll. Silas eröffnete eine kleine Beratungsfirma.
Sie trafen sich gelegentlich, aber ihre Affäre hatten sie nicht wieder aufgenommen. Eines Tages, an einem warmen Septembertag, trafen sie sich auf einen Kaffee. Silas erzählte von einem Angebot, als Berater in Europa zu arbeiten. „Ich könnte dich empfehlen“, sagte er.
„Sie suchen Finanzanalysten mit Erfahrung. “ Juno dachte nach. Die Stadt war voller Erinnerungen an Lügen und Verrat. Vielleicht war ein Neuanfang genau das, was sie brauchte.
Als sie nach Hause ging, spürte sie etwas, das sie seit Monaten nicht mehr gespürt hatte: Hoffnung. Und eine seltsame Ruhe. Sie schaute hinaus auf die Stadt im Herbstlicht. Das Leben ging weiter.
Sie war bereit, ihre eigene Geschichte zu schreiben, ohne Lügen und Manipulation, und diesmal entschied sie selbst, wem sie vertraute.


