Tillmann Lübert hatte das weiße Kellnerhemd fast zugeknöpft, als seine Finger vor Aufregung zitterten. Sein Plan war einfach und romantisch: Er würde sich als Kellner verkleiden, in dieses Restaurant gehen, wo seine Freundin Viviane mit ihrer Freundin Olissea zu Abend essen wollte, und genau dort, vor allen Gästen, um ihre Hand anhalten. Er hatte den Ring bereits in der Innentasche seiner Weste verstaut – ein funkelnder Weißgold mit Brillant, den er heute Nachmittag in der besten Juwelierstadt Berlins gekauft hatte. Er war seit fünfzehn Jahren allein.

Damals, vor all den Jahren, hatte er die Liebe seines Lebens verloren. Rosalie. Sie war an einem Abend gestorben, nachdem seine Eltern sie mit kalten Worten gedemütigt hatten. Sie war aus dem Haus gerannt, direkt vor ein Auto.
Er hatte sie nie vergessen können und bis heute brachte er jeden Sonntag weiße Rosen auf ihr Grab. Doch dann war Viviane aufgetaucht. Sie saß zufällig in einem kleinen Café, las ein Buch, und das Sonnenlicht fiel auf ihre kastanienbraunen Haare. Tillmann hatte das Gefühl gehabt, das Schicksal habe ihm eine zweite Chance gegeben.
Viviane war freiberufliche Übersetzerin, liebte alte Bücher und lange Spaziergänge. Sie erinnerte ihn an Rosalie – ihre Art zu lächeln, zu lachen, sogar ihre Stimme. In den letzten drei Monaten war er aufgetaut, hatte zum ersten Mal wieder Glück gespürt. Sein bester Freund Ren hatte ihn gewarnt: „Sie ist zu ähnlich.
Bist du sicher, dass du sie selbst liebst und nicht das Bild von Rosalie in ihr? ” Aber Tillmann hatte diese Zweifel beiseitegeschoben. Der Vogel, der heute Morgen vor seinem Fenster gesungen hatte, war für ihn ein Zeichen gewesen, dass Rosalie ihm ihren Segen gab. Als er sich im Spiegel betrachtete, lächelte er.
Die schwarze Fliege saß perfekt. Der Restaurantleiter klopfte an die Tür: „Herr Lübert, Ihre Verlobte ist gerade gekommen. ” Tillmann verbesserte ihn: „Noch nicht meine Verlobte. ” Er nahm einen tiefen Atemzug und ging hinaus in den Hauptsaal.
Das Restaurant war voll, gedämpftes Licht, leise Musik. Der Leiter deutete auf einen Tisch am Fenster. Tillmann erstarrte. Da saß tatsächlich Viviane – in einem schönen Abendkleid, die Haare offen.
Aber gegenüber saß nicht ihre Freundin Olissea. Gegenüber saß sein Vater. Otto Lübert. Der Mann, mit dem er seit fünfzehn Jahren kein Wort gesprochen hatte.
Tillmanns Herz setzte einen Schlag aus. Was machte sein Vater hier? Warum saß er mit Viviane zusammen? Er trat näher, tat so, als räume er den Nachbartisch ab, um ihre Gespräche zu hören.
Und dann hörte er die Wahrheit. Viviane lachte gerade, nippte an ihrem Wein und sagte: „Eigentlich ist es gar nicht so einfach, die einfache Frau zu spielen. Man muss ständig aufpassen, sich zurückhalten, so tun, als liebte man einfache Dinge. Aber Ihr Sohn ist es wert.
” Sein Vater grinste selbstgefällig: „Es dauert nicht mehr lange. Ich habe gehört, dass er Ihnen einen Antrag machen will. Sie können bald alle Masken ablegen. ” Viviane nickte kalt: „Nach der Hochzeit bekomme ich Zugang zu seinen Konten, wie abgemacht.
Ich nehme ihm alles. ”
Tillmann konnte nicht mehr. Die Wahrheit traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Sein Vater hatte ein Mädchen gefunden, das Rosalie ähnelte, sie ausgebildet, diese Rolle zu spielen, und sie ihm untergeschoben.
Alles war eine Lüge gewesen. Viviane war eine Schauspielerin. Seine Liebe, seine Hoffnung auf neues Glück – alles inszeniert, um ihn zu zerstören. Ein Teller rutschte ihm aus der Hand und zerbrach auf dem Boden.
Der ganze Saal drehte sich um. Er sah Viviane aufspringen, ihren Mund öffnen, aber er hörte nichts mehr. Alles in ihm war nur noch Wut und Schmerz. Er riss sich die Fliege herunter, warf sie auf den Boden und ging direkt zu seinem Vater.
„Das hast du inszeniert? ” Seine Stimme zitterte vor Wut. Er ließ seinem Vater keine Chance zu antworten. Seine Faust traf das Gesicht des Mannes mit voller Wucht.
Otto taumelte rückwärts und fiel zu Boden. Blut rann aus seiner Lippe. Viviane streckte die Hand aus, aber Tillmann drehte sich zu ihr um. In seinen Augen brannte Verachtung: „Und du?
Du spielst also die ganze Zeit nur eine Rolle? ” Sie öffnete den Mund, aber er unterbrach sie: „Halt den Mund. Ich will keine Rechtfertigungen hören. ” Er drehte sich um und ging mit raschen Schritten hinaus in die kalte Nacht.
Drei Tage lang verließ er die Wohnung nicht. Er lag auf dem Sofa, starrte an die Decke und drehte den Abend in seinem Kopf immer wieder durch. Viviane kam am zweiten Tag, klingelte, klopfte und bettelte durch die Tür: „Ich habe das Angebot deines Vaters angenommen, aber alles hat sich geändert. Ich habe mich wirklich in dich verliebt.
” Tillmann stand auf, legte die Hand auf das kalte Holz und antwortete nur zwei Worte: „Geh weg. Komm nie wieder. ”
Am dritten Tag kam Ren vorbei. Er brachte Essen und zwang Tillmann, zu duschen, sich zu rasieren und wieder ins Leben zurückzukehren.
„Du hast eine Firma, Verpflichtungen. Das Leben geht weiter”, sagte Ren. Er hatte recht. Tillmann hatte fünfzehn Jahre lang sein Unternehmen von null aufgebaut, gegen seinen Vater gekämpft und ihn endlich überholt.
Das konnte er nicht einfach aufgeben. „Gut”, sagte Tillmann leise. „Ich gehe zurück an die Arbeit. Aber mit Frauen ist endgültig Schluss.
” Er würde weiterleben. Allein. Ohne Hoffnung auf Liebe.
Nur die Arbeit und der Gedanke, seinen Vater nicht mehr zu brauchen, würden ihn am Leben halten.


