Joachim Lemelsen – Der General, der gegen Kriegsverbrechen protestierte und trotzdem weiterkämpfte

Der Geruch von Diesel, Schweiß und verbranntem Land lag über den Straßen zwischen Smolensk und Brjansk, als General Joachim Lemelsen im Sommer 1941 auf das stieß, was seine Weltbilder für immer erschüttern sollte. Dutzende, vielleicht hunderte Leichen sowjetischer Soldaten säumten die Route seiner Panzerdivision – erschossen aus nächster Nähe, die Hände noch zum Zeichen der Kapitulation erhoben. Keine Spuren eines Gefechts, keine Selbstverteidigung, nur kaltblütige Hinrichtungen.

In diesem Moment, so dokumentieren es seine eigenen Berichte, erkannte der Befehlshaber des XXXXVII. motorisierten Korps, dass seine Männer Verbrechen begingen, die er niemals befohlen hatte – und die Wehrmacht, die sich als ehrenvolle Streitmacht inszenierte, längst zu einem Instrument des Vernichtungskrieges geworden war.

Was dann geschah, macht Lemelsen bis heute zu einer der ambivalentesten Figuren der deutschen Militärgeschichte. Er protestierte – schriftlich, deutlich und mit einer Klarheit, die unter den Generälen der Ostfront ihresgleichen suchte. In einem offiziellen Bericht an das Oberkommando der Wehrmacht vom Juli 1941 schrieb er: „Ich stelle immer wieder fest, dass Gefangene, Überläufer oder Deserteure auf verantwortungslose, sinnlose und verbrecherische Weise erschossen werden.

Das ist Mord. “ Er warnte vor den Konsequenzen: „Bald werden die Russen von den zahllosen Leichen erfahren, die entlang der von unseren Soldaten genommenen Routen liegen. Das Ergebnis wird sein, dass der Feind sich in den Wäldern und Feldern versteckt und weiterkämpft und wir werden unzählige Kameraden verlieren.

Doch dieser Protest, so bemerkenswert er in seiner Wortwahl war, blieb folgenlos. Die Hinrichtungen gingen weiter, das Oberkommando ignorierte seine Einwände – und Lemelsen blieb im Dienst. Er führte sein Korps weiter durch die Kesselschlachten von Smolensk, Kiew und Brjansk, kämpfte bei Kursk und zog sich schließlich durch die blutigen Rückzugsgefechte am Dnepr zurück.

Er war kein Nazi, keine NSDAP-Mitgliedschaft ist dokumentiert, aber er war ein deutscher Offizier, der seinem Land dienen wollte – einem Land, dessen Führung längst einen Rassen- und Vernichtungskrieg entfesselt hatte, der weit über die Grenzen konventioneller Kriegsführung hinausging.

Geboren am 28. September 1888 in Berlin als Sohn eines Berufsoffiziers der kaiserlichen Armee, trat Lemelsen 1907 in die Fußstapfen seines Vaters und schloss sich der Artillerie an. Der Erste Weltkrieg formte ihn zum Stabsoffizier, er erlebte die Schützengräben der Westfront, koordinierte Feuermanöver und erhielt das Eiserne Kreuz beider Klassen.

Nach der deutschen Niederlage 1918 blieb er in der Reichswehr, einer Elitetruppe von 100. 000 Mann, die nur die besten Offiziere behielt. Als Hitler 1933 an die Macht kam, begrüßte Lemelsen die Aufrüstung – wie viele seiner Kameraden verdrängte er den verbrecherischen Charakter der NS-Ideologie zugunsten der eigenen Karriere.

Im März 1938 übernahm er das Kommando über die 29. Infanteriedivision und wurde zum Generalmajor befördert. Beim Überfall auf Polen am 1.

September 1939 war seine Division Teil der Invasionstruppe – und erneut fiel ein dunkler Schatten auf seinen Namen. Beim Massaker von Ciepielów, bei dem deutsche Truppen polnische Zivilisten töteten, waren Einheiten seiner Division beteiligt. Eine direkte persönliche Verantwortung Lemelsens ist nicht belegt, aber sein Name war mit dem Verbrechen verbunden.

Die Karriere nahm keinen Schaden – in der Wehrmacht der NS-Zeit waren Kriegsverbrechen gegen slawische Zivilisten kein Hindernis für den Aufstieg.

Im Mai 1940 übernahm er die 5. Panzerdivision und führte sie durch den Blitzkrieg gegen Frankreich. Bei Dünkirchen spielte seine Division eine wichtige Rolle bei der Einkesselung der alliierten Truppen.

Auch hier gibt es dunkle Berichte: Etwa 80 hingerichtete britische Kriegsgefangene bei Wormhout werden mit seiner Division in Verbindung gebracht. Lemelsen wurde nie angeklagt, aber das Muster wiederholte sich – Verbrechen geschahen in seinem Befehlsbereich, und er trug als Kommandeur zumindest eine moralische Mitverantwortung, auch wenn er nicht direkt beteiligt war.

Am 22. Juni 1941 begann die Operation Barbarossa, der Überfall auf die Sowjetunion. Über drei Millionen deutsche Soldaten marschierten in die UdSSR ein – die größte militärische Invasion der Geschichte.

Lemelsens XXXXVII. motorisiertes Korps gehörte zur Panzergruppe 2 unter Generaloberst Heinz Guderian. Die Aufgabe: Durch Weißrussland vorstoßen, sowjetische Linien durchbrechen, die Rote Armee einkesseln.

In den ersten Wochen schien alles nach Plan zu laufen. Die Sowjets waren überrascht, ihre Kommunikation zusammengebrochen. Bei Minsk, Smolensk und später Kiew entstanden riesige Kessel mit hunderttausenden Gefangenen.

Doch während die Wehrmacht militärisch triumphierte, geschah hinter den Linien etwas Entsetzliches. Die Einsatzgruppen der SS begannen mit systematischen Morden, aber auch die Wehrmacht war beteiligt. Der Kommissarbefehl ordnete die Erschießung sowjetischer Politoffiziere an, deutsche Soldaten wurden von der Strafverfolgung für Verbrechen gegen Zivilisten befreit.

Entlang der Straßen lagen immer mehr Leichen sowjetischer Soldaten, erschossen mit erhobenen Händen, oft mit Genickschüssen – Kriegsgefangene, Überläufer, Deserteure, Menschen, die sich ergeben hatten und einfach erschossen wurden. Lemelsen war entsetzt – und tat etwas, das in der Wehrmacht selten war: Er protestierte offiziell.

Sein Protest war bemerkenswert aus mehreren Gründen. Erstens nannte er die Dinge beim Namen: Mord, Verbrechen. Zweitens erkannte er, dass diese Politik militärisch kontraproduktiv war – sowjetische Soldaten, die wussten, dass Gefangenschaft den Tod bedeutete, würden bis zum letzten Mann kämpfen.

Drittens riskierte er seine Karriere, denn Kritik am Vernichtungskrieg war gefährlich. Doch der Protest verpuffte. Das Oberkommando ignorierte ihn, die Hinrichtungen gingen weiter – und Lemelsen blieb im Dienst, führte sein Korps weiter, kämpfte weiter.

Hier stellt sich die zentrale Frage: War sein Protest aufrichtig? Wenn er wirklich glaubte, dass Verbrechen begangen wurden, warum trat er dann nicht zurück?

Die Antwort ist komplex. Lemelsen war kein Nazifanatiker, aber auch kein Widerstandskämpfer. Er war ein konservativer Offizier, erzogen im Geist absoluten Gehorsams.

Sein Protest war die einzige Form des Widerstands, die er sich erlauben konnte. Er versuchte, innerhalb eines verbrecherischen Systems anständig zu bleiben – und erkannte vielleicht nicht, dass das unmöglich war. Die Kämpfe an der Ostfront zogen sich hin, der erwartete Zusammenbruch der Sowjetunion blieb aus.

Der Herbst brachte die Rasputiza, Schlamm, der den Vormarsch lähmte. Dann kam der Winter, härter als erwartet. Die Wehrmacht war nicht vorbereitet, Soldaten froren, Motoren versagten, Waffen funktionierten nicht.

Die Rote Armee startete Gegenangriffe, die Schlacht um Moskau wurde zur ersten großen deutschen Niederlage.

Im Juli 1943 erlebte Lemelsen die Schlacht bei Kursk, die größte Panzerschlacht der Geschichte. Sein Korps gehörte zur 9. Armee unter Generalfeldmarschall Walter Model und bildete den nördlichen Zangenarm der Operation Zitadelle.

Doch die Sowjets wussten, was kam – ihre Spione hatten die deutschen Pläne verraten. Verteidigungsstellungen in einer Tiefe von über 100 Kilometern, Minenfelder, Panzerabwehrgeschütze, eingegrabene Panzer. Als die deutschen Panzer am 5.

Juli angriffen, liefen sie in ein Inferno. Nach einer Woche hatten Models Truppen im Norden nur etwa 15 Kilometer Geländegewinn erzielt – viel zu wenig, viel zu langsam. Am 12.

Juli, als die Wehrmacht ihre letzten Reserven in die Schlacht warf, starteten die Sowjets eine massive Gegenoffensive. Hitler brach die Operation ab. Kursk war gescheitert – der Wendepunkt des Krieges im Osten.

Im Oktober 1943 endete Lemelsens Zeit in Russland. Er wurde nach Italien versetzt, wo die strategische Lage für Deutschland düster war. Die Alliierten hatten Süditalien erobert, Italien hatte kapituliert und die Seiten gewechselt.

Die Wehrmacht besetzte das Land und versuchte, die alliierten Armeen so weit südlich wie möglich aufzuhalten. Die berühmteste deutsche Verteidigungslinie war die Gustav-Linie, die quer durch Italien verlief und bei Monte Cassino verankert war. Lemelsen übernahm am 28.

Oktober 1943 vorübergehend das Kommando über die 10. Armee – doch dieser Posten dauerte nur bis Ende Dezember. Ein interner Evaluierungsbericht von General Otto Wöhler, seinem ehemaligen Vorgesetzten von der Ostfront, war vernichtend: Lemelsen sei ein guter Kamerad und fairer Durchschnitt als Korpskommandeur, aber nicht geeignet für ein Armeekommando.

Generalfeldmarschall Erich von Manstein stimmte zu.

Doch die Wehrmacht hatte 1944 ein Personalproblem – es gab nicht genug fähige Generäle für alle Posten. Am 7. Juni 1944, einen Tag nach dem D-Day, übernahm Lemelsen das Kommando über die 14.

Armee in Italien. Es war eine vergiftete Gabe: Die Armee war dezimiert bei Anzio, mit hastig zusammengewürfelten Ersatztruppen aufgefüllt, viele davon jung, unerfahren, unzureichend ausgebildet. Lemelsen kommandierte fünf Divisionen, darunter die 16.

SS-Panzergrenadierdivision und die 4. Fallschirmjägerdivision – eine disparat zusammengesetzte Streitmacht gegen die zahlenmäßig überlegene amerikanische 5. Armee mit absoluter Luftherrschaft.

Die Alliierten rückten auf Florenz vor, zwangen die Deutschen über den Arno zurück, näherten sich der Gotischen Linie, Deutschlands letzter großer Verteidigungsstellung in Italien.

Die Gotische Linie war Generalfeldmarschall Albert Kesselrings Meisterwerk – Bunker aus Stahlbeton, Panzersperren, Minenfelder, Artilleriestellungen, Maschinengewehrnester entlang der nördlichen Apenninen. Lemelsens 14. Armee verteidigte den westlichen Sektor, ein riesiges Gebiet von den Apenninen bei Florenz bis zur ligurischen Küste – viel zu groß für die Truppen, die er hatte.

Ende August 1944 starteten die Alliierten ihre Offensive, Operation Olive. General Mark Clark, Kommandeur der amerikanischen 5. Armee, wählte den Il Giogo-Pass als Schwerpunkt – eine potenzielle Schwachstelle in der deutschen Verteidigung.

Nach fünf Tagen erbitterter Kämpfe fielen am 17. September die Schlüsselpositionen Monte Altuzzo und Monte Prato. Lemelsen erkannte, dass die Stellung unhaltbar geworden war – wenn er blieb, würde seine Armee eingekesselt und vernichtet.

Er befahl den Rückzug auf eine neue Linie nördlich von Firenzuola. Die Gotische Linie, diese mächtige Festung, war durchbrochen.

Doch der alliierte Triumph war nicht vollständig. Die Versorgungslinien waren überdehnt, das Herbstwetter verschlechterte sich rapide, Regen verwandelte Straßen in Schlammflüsse. Lemelsen nutzte diese Atempause, zog seine Truppen zurück, baute neue Verteidigungsstellungen auf.

Die Deutschen waren Meister der improvisierten Verteidigung. Der amerikanische Vormarsch verlangsamte sich und kam schließlich zum Stehen. Im Oktober 1944 wechselte Lemelsen erneut das Kommando und übernahm die 10.

Armee an der Adria. Im Februar 1945 kehrte er zur 14. Armee zurück, die er bis zum Ende des Krieges führte.

Diese letzten Monate waren ein langsames Sterben. Die Wehrmacht in Italien war isoliert, abgeschnitten von Verstärkungen. Im April 1945 starteten die Alliierten ihre Frühjahrsoffensive, Operation Grapeshot.

Mit überwältigender Material- und Luftüberlegenheit brachen sie durch die erschöpften deutschen Linien. Lemelsens Armee versuchte zu halten, aber es war hoffnungslos. Am 29.

April genehmigte Kesselring Kapitulationsverhandlungen, am 2. Mai 1945 unterzeichneten die deutschen Befehlshaber in Italien die Kapitulationsurkunde.

Lemelsen wurde von britischen Truppen gefangen genommen und verbrachte zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft. 1947 wurde er als Zeuge vor ein britisches Militärgericht in Venedig geladen – sein ehemaliger Oberbefehlshaber Kesselring stand wegen Kriegsverbrechen vor Gericht, konkret wegen der Erschießung italienischer Zivilisten als Vergeltung für Partisanenangriffe. Lemelsen sagte zu Kesselrings Gunsten aus, versuchte seinen ehemaligen Vorgesetzten zu entlasten.

Es half wenig – Kesselring wurde schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt, später zu lebenslanger Haft begnadigt und 1952 aus gesundheitlichen Gründen freigelassen. Kurz nach seiner Aussage wurde auch Lemelsen aus der Gefangenschaft entlassen. Er kehrte nach Deutschland zurück, ließ sich in Göttingen nieder und lebte dort zurückgezogen.

Er schrieb keine Memoiren, gab keine Interviews, suchte keine Öffentlichkeit. Am 30. März 1954 starb Joachim Lemelsen im Alter von 65 Jahren in Göttingen – still, vergessen von einer Welt, die mit dem Wiederaufbau beschäftigt war und die alten Kriege lieber vergaß.

Was bleibt von Joachim Lemelsen? Seine militärischen Leistungen waren zweifellos beachtlich – er führte Truppen auf allen großen Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs, kämpfte in einigen der größten Schlachten der Geschichte. Seine Auszeichnungen, das Ritterkreuz mit Eichenlaub, zeigen, dass das NS-Regime ihn für seine Dienste schätzte.

Doch die moralische Dimension seiner Geschichte ist kompliziert. Lemelsen protestierte gegen Kriegsverbrechen – das ist dokumentiert, das ist Fakt. Sein Brief war deutlich, nannte die Dinge beim Namen.

Er zeigte damit, dass er zumindest ansatzweise erkannte, dass etwas fundamental falsch war mit dem Krieg, den Deutschland führte. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Kameraden, die entweder schwiegen oder die Verbrechen aktiv unterstützten. Aber dieser Protest änderte nichts an seinem Verhalten.

Lemelsen blieb im Dienst, führte weiterhin seine Truppen, gehorchte Befehlen, kämpfte für ein Regime, dessen verbrecherischen Charakter er erkannt hatte.

Man könnte argumentieren, dass sein Protest nur ein Alibi war, ein Versuch, sich moralisch reinzuwaschen, ohne tatsächlich Konsequenzen zu ziehen. Man könnte aber auch argumentieren, dass er versuchte, innerhalb eines unmöglichen Systems so anständig wie möglich zu bleiben – und dass sein Protest der einzige Widerstand war, zu dem er psychologisch fähig war. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Lemelsen war kein Monster wie manche SS-Führer, aber er war auch kein Held wie jene wenigen, die aktiv Widerstand leisteten und dafür ihr Leben riskierten. Er war ein typischer Vertreter der Wehrmachtsgeneralität – fähig, diszipliniert, professionell, aber gefangen in einem System totalitärer Diktatur und verbrecherischer Ideologie. Ein System, das sie entweder nicht vollständig durchschauten oder nicht durchschauen wollten, weil die Konsequenzen dieser Einsicht zu schmerzhaft gewesen wären.

Heute ist Lemelsen weitgehend vergessen. In Geschichtsbüchern taucht sein Name am Rande auf, ein Nebencharakter in der großen Tragödie des Zweiten Weltkriegs. Keine zentrale Figur wie Rommel oder Guderian, kein Name, den jeder kennt.

Vielleicht ist das angemessen – denn Joachim Lemelsen war letztlich ein Mann seiner Zeit, ein Soldat, der diente, kämpfte und am Ende doch auf der falschen Seite der Geschichte stand. Seine Geschichte zeigt die Grauzonen, in denen Menschen im Krieg operieren müssen. Sie zeigt, dass moralische Fragen selten einfache Antworten haben, dass Gut und Böse oft nicht klar getrennt sind.

Ist ein Protest gegen Verbrechen ausreichend, wenn man danach weitermacht wie bisher? Kann man anständig bleiben in einem System, das durch und durch unanständig ist? Oder macht die bloße Teilnahme an diesem System einen mitschuldig, egal was man persönlich denkt oder gelegentlich sagt?

Diese Fragen haben keine einfachen Antworten, aber sie zu stellen ist wichtig – gerade wenn wir uns mit Männern wie Joachim Lemelsen beschäftigen. Denn ihre Geschichten sind nicht nur Geschichte. Sie sind Lehrstücke über die menschliche Natur, über die Gefahren des blinden Gehorsams, über die Wichtigkeit, Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen, auch wenn es schwer fällt.

Lemelsens Entscheidung zu protestieren, aber dann weiterzumachen, zeigt die Tragödie des gebildeten, anständigen Offiziers im Dienst eines verbrecherischen Regimes. Er erkannte das Unrecht, fand aber nicht die Kraft, sich ihm wirklich zu widersetzen. Vielleicht fehlte ihm der Mut, vielleicht die moralische Klarheit, vielleicht einfach die Vorstellungskraft, sich ein Leben außerhalb des Systems vorzustellen, das ihn geformt hatte.

Das macht ihn nicht zu einem guten Menschen, aber vielleicht zu einem verstehbaren. Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion: dass normale Menschen, gebildete Menschen, professionelle Menschen zu Komplizen von Verbrechen werden können – nicht weil sie böse sind, sondern weil sie schwach sind, weil sie den Weg des geringsten Widerstands gehen, weil sie sich einreden, dass sie nichts ändern können.