Die eisige Luft über dem Ladogasee trug den Gestank von Tod und Verwesung bis in die deutschen Stellungen. Seit Wochen schon berichteten die Aufklärer der Heeresgruppe Nord von den langen Schlangen vor den Bäckereien, von den Leichen, die auf den Straßen Leningrads lagen wie weggeworfene Puppen. Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb, ein Mann, dessen Brillanz als Stratege einst in Militärakademien gelehrt wurde, stand an einem Scheideweg der Geschichte.
Er wusste, dass die Stadt, die er belagerte, nicht einfach nur kapitulieren würde. Er wusste, dass Hitlers Befehl, die Stadt auszuhungern, den Tod von Millionen bedeuten würde. Und er tat nichts.
Er gab den Befehl weiter, unterschrieb die Dokumente, und die Belagerung ging weiter. Am 8. September 1941 schloss sich der Ring um Leningrad, und die Hölle auf Erden begann.
Der Mann, der diese Katastrophe mitzuverantworten hatte, war kein fanatischer Nazi, kein sadistisches Monster. Er war ein Produkt des preußischen Militarismus, ein Mann, der Disziplin und Gehorsam über alles stellte. Geboren am 5.
September 1876 in Passau in eine bayerische Offiziersfamilie, war Wilhelm von Leeb für den Soldatenberuf bestimmt. Schon früh zeigte er taktisches Geschick, diente im Ersten Weltkrieg als Stabsoffizier und etablierte sich in der Reichswehr als Experte für Verteidigungsstrategien. Sein Standardwerk “Die Abwehr” galt als bahnbrechend und machte ihn zu einem der angesehensten Militärdenker seiner Zeit.
Doch dieser Intellekt, diese Fähigkeit zur Analyse, sollte ihn nicht davor bewahren, zum Komplizen eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu werden. Er war ein Denker, aber kein Moralist. Für ihn war Krieg eine technische Disziplin, keine ethische Frage.
Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, betrachtete von Leeb die Nationalsozialisten mit Verachtung. Er sah in ihnen ungebildete Ideologen, die nichts von militärischer Strategie verstanden. Er kritisierte Hitlers aggressive Außenpolitik und warnte vor einem Zweifrontenkrieg.
Diese Kritik führte 1938 zu seiner Entlassung aus dem aktiven Dienst. Doch dieser Moment des Widerstands war nicht von moralischen Bedenken getragen, sondern von strategischer Vorsicht. Er fürchtete, Deutschland sei militärisch nicht bereit für einen großen Krieg.
Als der Krieg dann kam, legte er seine Skepsis beiseite. 1939 wurde er reaktiviert und führte die Heeresgruppe C im Westfeldzug. Während andere Generäle wie Guderian und Rommel mit spektakulären Panzervorstößen Schlagzeilen machten, blieb von Leeb an der statischen Front der Maginot-Linie zurück.
Diese Erfahrung prägte ihn. Er wollte beweisen, dass er mehr war als nur ein Verteidigungsspezialist. Diese Ambition, dieser Drang nach Anerkennung, sollte katastrophale Folgen haben.
Am 22. Juni 1941 überschritten über drei Millionen deutsche Soldaten die sowjetische Grenze. Das Unternehmen Barbarossa, der Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion, hatte begonnen.
Von Leeb, inzwischen zum Generalfeldmarschall ernannt, erhielt das Kommando über die Heeresgruppe Nord. Seine Aufgabe: Vorstoß durch die baltischen Staaten und Einnahme von Leningrad. Die Heeresgruppe Nord bestand aus etwa 600.
000 Soldaten, unterstützt von finnischen Truppen im Norden. Der Vormarsch war zunächst von schnellen Erfolgen gekennzeichnet. Kaunas, Riga, Pskow fielen wie Dominosteine.
Die sowjetische Armee schien zu kollabieren. Ende August 1941 erreichten von Leebs Truppen die Vororte Leningrads. Die Stadt, die als Wiege der Oktoberrevolution galt, war das Tor zur Ostsee, ein wichtiges Industriezentrum und symbolisch das Herz des Bolschewismus.
Hitler hatte die strategische Bedeutung erkannt und einen unmissverständlichen Befehl erteilt: Die Stadt sollte nicht erobert, sondern vom Erdboden verschwinden. Sie sollte ausgehungert werden.
Am 12. September 1941 formulierte Hitler in einer Besprechung mit seinen Generälen den Befehl: “Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse am Fortbestand dieser Großsiedlung.”
Von Leeb verstand die Tragweite dieses Befehls. Er wusste, dass eine Stadt mit fast drei Millionen Einwohnern nicht verschwinden konnte, ohne dass Millionen starben. Doch er protestierte nicht.
Er gab den Befehl weiter an seine Untergebenen, und die Belagerung begann. Es war der Beginn einer der längsten und tödlichsten Belagerungen der Geschichte, die 872 Tage dauern und über eine Million Menschenleben fordern sollte. Die tägliche Brotration in der Stadt sank auf 125 Gramm pro Person, weniger als eine Scheibe Brot.
Menschen aßen Tapetenkleister, kochten Ledergürtel und Schuhe. Haustiere verschwanden. In den schlimmsten Monaten wurde Kannibalismus dokumentiert.
Von Leebs Rolle in dieser Katastrophe war nicht die eines passiven Zuschauers. Er führte die Belagerung aktiv. Deutsche Artillerie beschoss systematisch Bäckereien, Wasserwerke und Krankenhäuser.
Die Ziele waren sorgfältig ausgewählt, um maximales Leid zu verursachen. Von Leeb genehmigte diese Operationen persönlich. In seinen Befehlen verwendete er technische militärische Sprache, sprach von Zielen von strategischer Bedeutung.
Doch jeder wusste, was diese Befehle wirklich bedeuteten: den Tod von Zivilisten. Seine Stabsoffiziere berichteten ihm regelmäßig über die humanitäre Katastrophe in der Stadt. Wehrmachtsärzte warnten vor dem Ausbruch von Seuchen, die sich auf die deutschen Truppen ausbreiten könnten.
Doch von Leeb gab keine Befehle zur Linderung der Not. In privaten Briefen an seine Frau äußerte er Zweifel an der Strategie. Er argumentierte, dass eine direkte Eroberung militärisch sinnvoller wäre als eine Belagerung.
Doch gegenüber Hitler schwieg er. “Die Situation hier ist schwierig. Der Führer verlangt Unmögliches.
Aber wir sind Soldaten. Wir müssen gehorchen”, schrieb er im Oktober 1941.
Es gab einen Moment, in dem von Leeb hätte handeln können. Im November 1941, als der Winter hereinbrach und die sowjetischen Verteidigungslinien dünn besetzt waren, drängten seine Generäle auf einen direkten Angriff. General Erich Höpner, Kommandeur der Panzergruppe 4, argumentierte vehement, dass ein schneller Vorstoß die Stadt einnehmen könnte, bevor die sowjetische Führung reagieren könnte.
Von Leeb stimmte ihm in der Theorie zu, doch er wagte es nicht, Hitler direkt zu widersprechen. Er protestierte halbherzig, schrieb Briefe an das Oberkommando, argumentierte vorsichtig. Doch als Hitler bei seiner Entscheidung blieb, fügte sich von Leeb.
Dieser Moment definiert sein Vermächtnis. Hätte ein Angriff im November 1941 Leningrad erobern können? Hätte er Hunderttausende von Menschenleben gerettet?
Wir werden es nie erfahren, denn von Leeb entschied sich für Gehorsam. Er traf die Entscheidung, es nicht zu versuchen. Diese Entscheidung, diese Verweigerung des eigenen Urteilsvermögens, machte ihn zum Komplizen des Völkermords.
Die Belagerung von Leningrad war kein militärischer Akt im herkömmlichen Sinne. Sie zielte nicht darauf ab, den Feind zur Kapitulation zu zwingen. Sie zielte darauf ab, die Zivilbevölkerung auszulöschen.
Es war ein systematisches Programm zur Vernichtung einer Stadt und ihrer Bewohner. Die Menschen in Leningrad griffen zu verzweifelten Maßnahmen, um zu überleben. Die Straße des Lebens, eine gefährliche Eisroute über den zugefrorenen Ladogasee, war die einzige Verbindung zur Außenwelt.
Doch auch diese lebensrettende Route stand unter ständigem Beschuss der deutschen Artillerie. Von Leebs Truppen hatten den Befehl, jede Versorgungsroute zu unterbrechen. Es war kein Krieg mehr.
Es war Mord in industriellem Maßstab.
Im Januar 1942, nur wenige Monate nach Beginn der Belagerung, forderte von Leeb seinen Rücktritt an, offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Tatsächlich hatte er sich mit Hitler überworfen. Die Meinungsverschiedenheiten über die strategische Führung waren zu groß geworden.
Hitler, der zunehmend paranoid wurde und seinen Generälen misstraute, ließ ihn gehen. Der endgültige Bruch kam, als Hitler Truppen von von Leebs Heeresgruppe abzog, um sie zur Heeresgruppe Mitte zu verlegen. Von Leeb protestierte, argumentierte, dass dies die Front schwächen würde.
Hitler ignorierte ihn. Von Leeb reichte seinen Rücktritt ein. Zu seiner Überraschung wurde er akzeptiert.
Er kehrte nach Bayern zurück und zog sich auf sein Gut zurück. Während der Krieg weiterging und Millionen starben, lebte er in relativem Frieden. Seine Nachfolger führten die Belagerung fort.
Die Menschen in Leningrad starben weiter, doch von Leeb war nicht mehr direkt verantwortlich. Er lebte in einer Blase, abgeschirmt von den Schrecken des Krieges, den er mitgestaltet hatte.
Diese Blase platzte im April 1945, als amerikanische Truppen ihn verhafteten. Er war 68 Jahre alt, ein gebrechlicher Mann. Für die Alliierten war er mehr als nur ein pensionierter General.
Er war ein Kriegsverbrecher. Im Nürnberger Prozess, dem sogenannten OKW-Prozess, standen 14 hochrangige Wehrmachtsoffiziere vor Gericht, darunter Wilhelm von Leeb. Die Anklage: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Planung und Durchführung eines Angriffskriegs.
Die Beweise waren umfangreich. Befehle, die von Leeb unterzeichnet hatte, Berichte über Massaker an Zivilisten, Protokolle über die Zusammenarbeit mit den Einsatzgruppen der SS. Besonders belastend waren die sogenannten Kommissarbefehle, die die sofortige Exekution sowjetischer politischer Kommissare anordneten.
Von Leeb hatte diese Befehle nicht geschrieben, aber er hatte sie weitergegeben und ihre Ausführung überwacht. Im Gerichtssaal saß ein Überlebender der Belagerung, ein Mann, der als Kind seine gesamte Familie verhungern sah. Er beschrieb, wie seine kleine Schwester um Brot bettelte, wie seine Mutter starb, während sie versuchte, ihre Kinder zu schützen.
Von Leebs Gesicht blieb ausdruckslos.
Die Verteidigung argumentierte, von Leeb habe nur militärische Befehle ausgeführt. Er sei kein Nazi gewesen, habe sich sogar mit Hitler überworfen. Die Belagerung von Leningrad sei eine legitime militärische Strategie gewesen, grausam, aber im Rahmen des Kriegsrechts.
Die Anklage konterte: Von Leeb habe gewusst, dass in den von ihm kontrollierten Gebieten systematische Massenmorde stattfanden. Er habe die Zusammenarbeit mit den SS-Einsatzgruppen nicht verhindert. Die Belagerung von Leningrad sei kein militärischer Akt, sondern Völkermord gewesen.
Der Chefankläger Telford Taylor hielt eine erschütternde Schlussrede. Er zitierte aus Hitlers Befehlen und aus von Leebs eigenen Schreiben. Er zeigte, dass die Belagerung nicht dazu dienen sollte, Leningrad einzunehmen, sondern seine Bevölkerung zu vernichten.
“Dies war kein Krieg”, sagte Taylor. “Dies war Mord in industriellem Maßstab.”
Am 27. Oktober 1948 fiel das Urteil: schuldig. Wilhelm von Leeb wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.
Doch da er bereits seit 1945 in Haft saß, war die Strafe praktisch abgesessen. Er wurde kurz darauf freigelassen. Drei Jahre für die Mitverantwortung am Tod von über einer Million Menschen.
Viele empfanden das Urteil als skandalös milde. Überlebende der Belagerung brachen im Gerichtssaal in Tränen aus. Doch die Richter argumentierten, von Leeb habe nicht direkt Morde befohlen und sich teilweise gegen Hitlers Strategien gestellt.
Er sei schuldig, aber nicht in demselben Maße wie die SS-Führer oder die fanatischen Nazigeneräle. Das Urteil spiegelte die komplizierte Rechtslage der Nachkriegszeit wider. Der Kalte Krieg hatte bereits begonnen.
Die Westalliierten brauchten Westdeutschland als Verbündeten gegen die Sowjetunion. Eine zu harte Bestrafung deutscher Generäle könnte diese Allianz gefährden. So wurde Gerechtigkeit dem politischen Kalkül geopfert.
Von Leeb kehrte nach Bayern zurück und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1956. Er gab nie öffentliche Interviews, schrieb keine Memoiren. Er starb in relativer Anonymität, ein Mann, der einst über Millionen befohlen hatte und nun vergessen schien.
Nachbarn beschrieben ihn als höflichen, aber zurückgezogenen Mann. Niemand sprach über seine Vergangenheit. Es war, als hätte das kollektive Deutschland beschlossen, zu vergessen.
Aber sollten wir ihn vergessen? Die Geschichte von Wilhelm von Leeb wirft unbequeme Fragen auf. Kann ein Soldat für die Befolgung von Befehlen zur Rechenschaft gezogen werden?
Wo liegt die Grenze zwischen militärischer Pflicht und moralischer Verantwortung? Und was bedeutet es, ein guter Soldat in einem bösen System zu sein? Von Leeb war kein Ideologe.
Er trat nie der NSDAP bei. Er kritisierte Hitler privat, doch als es darauf ankam, führte er aus. Und genau das macht ihn zu einem so beunruhigenden Beispiel.
Denn die Geschichte zeigt: Die größten Verbrechen werden oft nicht von Monstern begangen, sondern von gewöhnlichen Menschen, die nur ihre Pflicht tun.
Die Philosophin Hannah Arendt prägte später den Begriff der “Banalität des Bösen”, die Idee, dass die schlimmsten Verbrechen oft von gewöhnlichen Bürokraten begangen werden, die einfach ihre Arbeit tun. Von Leeb verkörpert dieses Konzept perfekt. Er war kein Sadist, kein Fanatiker.
Er war ein Bürokrat mit Uniform, ein Technokrat der Kriegsführung. Heute, mehr als 80 Jahre später, können wir aus seiner Geschichte lernen. Die Belagerung von Leningrad steht als Mahnmal dafür, wozu Menschen fähig sind, wenn sie Befehlen blind folgen.
Historiker schätzen, dass über 1,1 Millionen Menschen starben. Männer, Frauen, Kinder. Ihre Namen kennen wir oft nicht.
Ihre Geschichten sind vielfach unerzählt. Doch sie alle starben, weil Männer wie Wilhelm von Leeb ihre Befehle befolgten. Die Stadt selbst überlebte.
Nach 872 Tagen wurde die Belagerung durchbrochen. Leningrad, heute St. Petersburg, trägt bis heute die Narben dieser Zeit.
Denkmäler erinnern an die Opfer. Auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof liegen fast 500. 000 Opfer der Belagerung begraben.
Massengräber, in denen Tausende ruhen, deren Namen nie bekannt wurden. Eine Gedenkstätte erinnert an das Leid. “Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen”, steht dort auf Russisch.
Es ist eine Botschaft an die Welt und an Männer wie Wilhelm von Leeb.
Von Leeb selbst reflektierte nie öffentlich über seine Rolle. Er gab keine Interviews, entschuldigte sich nie, erklärte sich nie. Ob er Reue empfand, wissen wir nicht.
Seine Briefe, soweit erhalten, schweigen sich über die moralischen Fragen aus. Er starb, ohne jemals öffentlich Stellung zu nehmen zu dem, was er getan hatte. Und das ist vielleicht die erschreckendste Erkenntnis: Dass ein Mann über so viel Leid verantwortlich sein kann und doch bis zum Ende schweigt.
Seine militärischen Leistungen sind aus historischer Perspektive unbestreitbar. Er war ein talentierter Stratege, ein erfahrener Kommandeur. Seine Abhandlungen über Verteidigungsstrategien werden noch heute in Militärakademien studiert.
Sein Buch “Die Abwehr” gilt als Klassiker der Militärliteratur. Doch sein Erbe ist für immer getrübt durch die Entscheidungen, die er 1941 traf. Die Frage bleibt: War er ein Schlüsselspieler auf der frühen Ostfront?
Die Antwort ist eindeutig ja. Ohne von Leebs Heeresgruppe Nord wäre die Belagerung von Leningrad nicht möglich gewesen. Seine strategischen Entscheidungen, seine Befehle, seine Zusammenarbeit mit dem NS-Regime, all das machte ihn zu einem zentralen Akteur in einem der dunkelsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs.
Seine Rolle geht über die rein militärische Ebene hinaus. Von Leeb repräsentiert eine ganze Generation deutscher Offiziere, die zwischen Tradition und Ideologie, zwischen militärischer Pflicht und moralischer Verantwortung zerrissen waren. Viele von ihnen lehnten den Nationalsozialismus ab, doch fast alle dienten ihm.
Diese Generation hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, hatte die Niederlage erlebt, hatte gesehen, wie Deutschland in Chaos und Hyperinflation versank. Als Hitler kam und Deutschland wieder “groß” machte, waren viele von ihnen bereit, über seine Ideologie hinwegzusehen. Sie sahen sich als Patrioten, als Verteidiger ihres Landes, doch sie wurden zu Komplizen eines Genozids.
Die Geschichte von Wilhelm von Leeb ist eine Warnung. Eine Warnung davor, was passiert, wenn gute Menschen schweigen, wenn Pflichtbewusstsein wichtiger wird als Menschlichkeit, wenn militärischer Gehorsam über moralische Verantwortung gestellt wird. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass jeder von uns vor solchen Entscheidungen stehen könnte.
In einer Diktatur, in einem autoritären System, in einer Situation, in der Gehorsam verlangt wird, auch wenn dieser Gehorsam zu Unrecht führt. Die Frage ist: Wie würden wir handeln? In der modernen Welt stehen wir nicht vor denselben Entscheidungen wie von Leeb, doch wir stehen vor ähnlichen moralischen Dilemmata.
Wenn unser Arbeitgeber uns bittet, etwas Unethisches zu tun, wenn unsere Regierung eine Politik verfolgt, die wir für falsch halten, wenn wir zwischen unserem Gewissen und unserer Karriere wählen müssen. Von Leebs Geschichte zeigt uns, wohin der Weg des Gehorsams führen kann. Die Lektionen aus seinem Leben sind unbequem, aber notwendig.
Sie zeigen uns, dass Bildung und Kultur keinen Schutz vor moralischem Versagen bieten. Sie zeigen uns, dass Gehorsam ohne kritisches Denken gefährlich ist. Sie zeigen uns, dass Schweigen eine Form der Komplizenschaft sein kann.
Wilhelm von Leeb starb 1956, doch die Fragen, die seine Geschichte aufwirft, leben weiter. Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebte, stirbt aus. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben.
Dann liegt es an uns, ihre Geschichten zu erzählen. Die Geschichten der Opfer, aber auch die der Täter. Nicht um zu verurteilen, sondern um zu verstehen.
Nicht um zu vergessen, sondern um zu lernen. Wilhelm von Leeb war ein Schlüsselspieler auf der frühen Ostfront. Doch seine wahre Bedeutung liegt nicht in seinen militärischen Erfolgen, sondern in dem, was er uns über die menschliche Natur lehrt, über Gehorsam und Verantwortung, über Schweigen und Komplizenschaft, über die dünne Linie zwischen Pflichterfüllung und Verbrechen.
Seine Geschichte ist eine Warnung, eine Erinnerung und eine Frage an uns alle: Was würden wir tun?



