Stalingrad, 2. Februar 1943. Die letzte Bastion der deutschen 6.
Armee ist gefallen. In den Trümmern der Stadt am Ufer der Wolga endet die vielleicht blutigste Schlacht des Zweiten Weltkriegs mit einer Kapitulation, die das Dritte Reich in seinen Grundfesten erschüttert. Doch während die Welt auf die Zahl der gefallenen Soldaten blickt, beginnt hinter den Kulissen ein Drama, das sich über Jahrzehnte erstrecken wird: das Schicksal der 24 Generäle, die in den Kellergewölben der zerstörten Stadt in sowjetische Gefangenschaft geraten.
Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Verrat, Loyalität, Propaganda und dem verzweifelten Überlebenskampf in einem System, das keine Gnade kannte.
Der Moment der Gefangennahme war von symbolischer Wucht geprägt. Friedrich Paulus, der Oberbefehlshaber der 6. Armee, hatte sich in den Keller eines Kaufhauses zurückgezogen.
Ausgezehrt und unrasiert, umgeben von den Resten seines Stabes, erhielt er nur Stunden zuvor per Funk die Nachricht von Hitler, dass er zum Generalfeldmarschall befördert worden sei. Die Botschaft war unmissverständlich: Kein deutscher Feldmarschall hatte je kapituliert. Hitler erwartete den Freitod.
Paulus jedoch, ein Mann der Pflicht und des Gehorsams, der in dieser Nacht jede Illusion über seinen Führer verloren hatte, weigerte sich. Als sowjetische Soldaten am 31. Januar den Keller betraten, ergab er sich ohne formellen Kapitulationsbefehl.
Zwei Tage später folgte General Karl Strecker mit dem letzten nördlichen Kessel an der Barrikady-Fabrik. Die Schlacht war vorbei, aber für die Überlebenden begann ein Leidensweg, der die Hölle der Kesselschlacht noch überdauern sollte.
Die unmittelbare Folge war ein humanitäres Desaster ungeheuren Ausmaßes. Rund 91. 000 deutsche Soldaten, ausgehungert, erfroren und vielfach verwundet, traten den Marsch in die Gefangenenlager an.
Die Kolonnen der zerlumpten Gestalten erstreckten sich über Meilen durch die verschneite Steppe, bewacht von sowjetischen Soldaten, die für den Feind wenig Mitleid aufbrachten. In den provisorischen Transitlagern wüteten Seuchen. Typhus und Ruhr dezimierten die ohnehin geschwächten Männer, die ohne Decken und medizinische Versorgung auf dem nackten Boden schliefen.
Von den 91. 000 Gefangenen sollten nur etwa 6. 000 jemals nach Deutschland zurückkehren.
Die Generäle hingegen wurden aus dieser Masse herausgelöst. Sie waren für Moskau kein menschliches Elend, sondern strategische Werkzeuge, politische Pfänder, deren Wert sich in Propaganda und künftigen Verhandlungen messen ließ.
Bereits Mitte 1943 wurden die ranghöchsten Offiziere in ein Speziallager verlegt: Camp Nr. 48 in Wolkowo bei Iwanowo, etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau. Die Anlage, ein ehemaliges Sanatorium, das die Gefangenen wegen seiner vergleichsweise erträglichen Bedingungen den Spitznamen “Schloss” gaben, stand unter strenger Bewachung des NKWD.
Agenten, die sich als Dolmetscher und Pfleger ausgaben, protokollierten jedes Gespräch. Moskau hatte erkannt, dass diese Männer mehr wert waren als einfache Kriegsgefangene. Sie sollten zu Kronzeugen des Antifaschismus werden, zu Werkzeugen einer Propagandastrategie, die darauf abzielte, die Wehrmacht zu zersetzen und den Krieg von innen zu beenden.
Die Grundlage dafür wurde am 12. Juli 1943 mit der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) in Krasnogorsk gelegt, dem zwei Monate später der Bund Deutscher Offiziere (BDO) folgte.
Der Vorsitzende des BDO war General Walther von Seydlitz-Kurzbach, ein Mann, der bereits in den letzten Tagen von Stalingrad mit seiner Autorität gebrochen hatte. Er hatte seinen Untergebenen die eigenmächtige Kapitulation erlaubt und war dafür von Paulus des Kommandos enthoben worden. Nun, unter sowjetischer Aufsicht, ging er noch weiter.
Seydlitz propagierte die Aufstellung einer 40. 000 Mann starken Armee aus deutschen Kriegsgefangenen, die an der Seite der Roten Armee kämpfen und in Deutschland einen Aufstand anzetteln sollte. Moskau lehnte diesen Plan ab, doch allein die Idee genügte, um die NS-Führung in Berlin in Rage zu versetzen.
Der Begriff “Seydlitz-Truppen” wurde zum Synonym für Verrat. Hitler verurteilte den General im April 1944 in Abwesenheit zum Tode und verhängte über seine Familie Sippenhaft, die Sippenhaftung, die Angehörige von Verrätern in Sippenhaft nahm.
Paulus hingegen verweigerte sich dieser Entwicklung zunächst hartnäckig. Über ein Jahr lang beharrte er darauf, ein loyaler deutscher Offizier zu sein, und widerstand dem wachsenden Druck seiner sowjetischen Bewacher. Der Wendepunkt kam nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20.
Juli 1944. Die Hinrichtung von Offizieren, die er persönlich kannte, darunter Feldmarschall Erwin von Witzleben, erschütterte seine moralische Grundlage. Am 8.
August 1944 wandte er sich über den Sender Freies Deutschland an die deutschen Offiziere. “Für Deutschland ist der Krieg verloren”, erklärte er. “Deutschland muss Hitler entsagen.”
Diese Worte, gesprochen von einem Mann, der einst als Vorbild preußischer Pflichterfüllung galt, waren ein propagandistischer Paukenschlag. Die NS-Justiz reagierte umgehend: Seine Frau Elena und seine Tochter wurden in Sippenhaft genommen.
Die Spaltung unter den gefangenen Generälen war damit perfekt. Auf der einen Seite standen die Kooperationsbereiten wie Seydlitz und Otto Korfes, die in den Diensten der Sowjets eine neue Karriere im künftigen Ostdeutschland anstrebten. Auf der anderen Seite standen die Unbeugsamen wie Arthur Schmidt, Paulus’ Stabschef, der jede Zusammenarbeit ablehnte.
Als ihm bessere Haftbedingungen für Aussagen gegen das Regime angeboten wurden, antwortete er, er bleibe lieber in Gefangenschaft, als seinen Eid zu brechen. Diese Haltung hielt er zwölf Jahre lang durch, bis zu seiner Entlassung 1955. Andere zahlten ihre Loyalität mit dem Leben.
General Ernst Walter Heitz, der seinen Männern befohlen hatte, bis zur letzten Patrone zu kämpfen, starb am 9. Februar 1944 in sowjetischer Gefangenschaft, kaum ein Jahr nach seiner Festnahme.
Der Höhepunkt der instrumentalisierten Gefangenschaft war der Auftritt von Paulus als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen. Die Verteidiger der Nazi-Größen hatten seine schriftlichen Aussagen als unter sowjetischem Druck entstanden abgetan und forderten sein persönliches Erscheinen, in der Gewissheit, dass Moskau diesen Kronzeugen niemals freigeben würde. Doch am 11.
Februar 1946 geschah das Unfassbare. Als der Vorsitzende Richter Geoffrey Lawrence den sowjetischen Chefankläger Roman Rudenko fragte, wie lange es dauern würde, den Zeugen herbeizuschaffen, antwortete dieser gelassen: “Etwa 30 Minuten.” Paulus war bereits im Haus der sowjetischen Delegation in Nürnberg.
In einem Täuschungsmanöver mit einem Doppelgänger in einem zweiten Fahrzeug war er durch das besetzte Deutschland geschmuggelt worden. Sein Erscheinen löste eine Sensation aus. Paulus belastete die Spitzen des OKW schwer, bestätigte die Planungen für den Überfall auf die Sowjetunion bereits ab September 1940 und trug so maßgeblich zur Verurteilung von Wilhelm Keitel und Alfred Jodl bei, die später hingerichtet wurden.
Nach dem Prozess kehrte Paulus in die Sowjetunion zurück, wo seine Haftbedingungen verbessert wurden. Er lebte in einer bewachten Villa bei Moskau mit besserer Verpflegung und eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Seine Familie jedoch war zerstört.
Seine Frau Elena starb 1949 in Baden-Baden, ohne ihn je wiederzusehen. Sein Sohn Friedrich war im Februar 1944 bei Anzio in Italien gefallen. Der Mann, der 1953 nach Dresden in die DDR übersiedeln durfte und eine Position als ziviler Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsinstituts erhielt, war ein gebrochener Mensch.
Er lebte bescheiden, hielt gelegentliche Vorträge und mied die Öffentlichkeit. Am 1. Februar 1957, genau 14 Jahre nach seiner Kapitulation, starb er in Dresden.
Seine sterblichen Überreste wurden nach Baden-Baden überführt und neben seiner Frau beigesetzt.
Das Schicksal von Seydlitz war nicht weniger tragisch. Trotz jahrelanger aktiver Zusammenarbeit mit den Sowjets verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal im Juli 1950 wegen Kriegsverbrechen aus seiner Wehrmachtszeit zum Tode. Das Urteil wurde innerhalb von Stunden in 25 Jahre Haft umgewandelt.
Er verbüßte fünf Jahre davon, bis ein diplomatischer Durchbruch sein Schicksal änderte. Im September 1955 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau und handelte die Freilassung der letzten rund 10. 000 deutschen Kriegsgefangenen aus.
Dieses Ereignis ging als “Heimkehr der Zehntausend” in die Geschichte ein. Am 7. Oktober 1955 trafen die ersten 600 ehemaligen Gefangenen im Durchgangslager Friedland bei Göttingen ein.
Familien, die ein Jahrzehnt gewartet hatten, suchten in den Gesichtern der hohläugigen, gealterten Männer nach ihren Angehörigen.
Seydlitz kehrte in ein Land zurück, das ihn ablehnte. Ehemalige Kameraden nannten ihn einen Verräter, die Bundeswehr verweigerte ihm militärische Ehren. Zwar wurde sein Todesurteil aus der NS-Zeit 1956 aufgehoben, doch das Stigma blieb.
Er ließ sich in Bremen nieder und lebte in nahezu völliger Vergessenheit, bis er am 28. April 1976 im Alter von 87 Jahren starb. Russland rehabilitierte ihn posthum im Jahr 1996.
Die anderen Generäle erlebten unterschiedliche Nachwirkungen. Otto Korfes baute nach seiner Freilassung 1948 die Militärarchive im Innenministerium der DDR auf und erreichte 1952 den Rang eines Generalmajors in der Kasernierten Volkspolizei. Arno von Lenski, ein weiterer Mitstreiter des BDO, schlug einen ähnlichen Weg ein.
Andere kehrten in ein Westdeutschland zurück, das mit Männern, die sowjetische Aufrufe verbreitet hatten, nichts zu tun haben wollte. Die Frage von Kollaboration oder Loyalität spaltete Familien und ehemalige Kameraden entlang der Linien des Kalten Krieges.
Der letzte der Stalingrader Generäle, Karl Rodenburg, der die 76. Infanteriedivision kommandiert hatte, starb erst 1992 im Alter von 98 Jahren. Er hatte alle überlebt, die Zeugen seiner Gefangenschaft waren.
Die Bilanz dieser Männer ist eine Geschichte extremer Gegensätze. Sie verließen eine gefrorene Stadt und traten in eine Gefangenschaft ein, die länger dauerte als der Krieg selbst. Ihre Entscheidungen unter dem Druck der Gefangenschaft, ihre Bereitschaft zur Kooperation oder ihr Festhalten an alten Eiden, formten nicht nur ihr eigenes Schicksal, sondern auch die Wahrnehmung der jungen Bundesrepublik und der DDR.
Sie waren lebende Symbole einer zerschlagenen Armee, deren Erbe zwischen Verachtung und Mitleid schwankte. Während die einfachen Soldaten in den Lagern Sibiriens starben, wurden ihre Generäle zu Schachfiguren in einem ideologischen Spiel, das weit über das Ende des Krieges hinausreichte. Ihre Geschichte ist ein düsteres Kapitel der Nachkriegszeit, das bis heute nachwirkt.


