Während ich auf dem Felsen balancierte, schaute ich hinunter in den Abgrund. Es war wirklich tief, viel tiefer, als es von oben aussah. Die Kinder hüpften schon voraus, kein bisschen ängstlich, während ich versuchte, mit meinem lädierten Knie irgendwie hinterherzukommen. Das Schuhwerk war völlig falsch für so ein Gelände, aber jetzt war es zu spät, um noch umzukehren.

„Soll ich da runterspringen? “, fragte ich halb im Scherz, halb im Ernstes. „Trau dich doch“, kam die Antwort zurück, und ich rollte mit den Augen. Wir waren im Central Park gelandet, auf einer dieser riesigen Felsformationen, die überall in der Gegend verteilt sind.
Ich wusste nicht, dass es hier so große Steine gab. Sie glitzerten im Sonnenlicht, und ich fragte mich kurz, warum. Aber so richtig interessierte mich das nicht. Mich interessierte nur, wie ich hier heil wieder runterkam.
Noch während ich kletterte, liefen die Gedanken weiter. Wir hatten schon so viel vorgehabt für die Zeit in New York. Rockefellers Platz hatten wir gesehen, den Nintendo Store auch. Wir hatten uns geschworen, morgen noch zur Brooklyn Bridge zu gehen und vielleicht nach Chinatown.
Und die Freiheitsstatue war ja auch irgendwo da unten. Aber alles in der Reihe. Erst mussten wir von diesen Steinen runter. „Halt mal kurz“, sagte ich und griff nach dem Kabel, das sich irgendwo verheddert hatte.
„Scheiße. “
„Was ist? “
„Nichts. Kabel.
Lädt schon wieder nur bis achtzig. “
Irgendwer meinte, das läge daran, dass das Handy kalt sei. Der Akku würde sonst kaputtgehen, wenn er bei Kälte vollgeladen würde. Das klang fast logisch, auch wenn es mich nicht wirklich beruhigte.
Wir kletterten weiter und ließen uns Zeit. Es war ein richtiger Ausflug, und irgendwo zwischen all den Steinen und dem Grün begann die Stimmung locker zu werden. Jemand erzählte einen Witz, der mit Kühen zu tun hatte. „Welche Zeitung lesen Kühe?
“
„Keine Ahnung. “
„Die Mu York Time. “
Wir lachten, wahrscheinlich mehr über die Dummheit des Witzes als über den Witz selbst. Und dann ging es schon weiter mit Steven.
Ich hatte ein großes Problem mit dem Namen Steven. Keine Ahnung, warum. Der Name ging mir einfach auf die Nerven, und ich sagte es laut. Erik lachte nur und schüttelte den Kopf.
„Alter, wir müssen gucken, wie wir hier runterkommen“, sagte ich schließlich, als ich an einer besonders steilen Stelle stand. „Da vorn geht’s, glaube ich. “
„Du machst dich über mich lustig, oder? “, fragte ich, während ich mich vorsichtig an einem Felsen abstützte.
„Ich lache nicht. “
„Du lachst schon. “
Aber er kam mich dann doch holen. Er half mir über die schwierigste Stelle, und irgendwann standen wir wieder auf festem Boden.
Ich wischte mir die Hände an der Hose ab und atmete durch. „Dieser Stein glitzert so komisch“, sagte ich, als wir weitergingen. „Warum ist der so? “
„Keine Ahnung“, kam die Antwort.
„Aber er sieht cool aus. “
Mein Knie hatte sich inzwischen so weit beruhigt, dass ich wieder normal laufen konnte. Es war nicht perfekt, aber es ging. Wir hatten noch einiges vor.
Beim Hinausgehen aus dem Park blieb ich noch mal stehen und sah zur George Washington Bridge hinüber, die in der Ferne sichtbar war. Der Anblick war beeindruckend, aber wir mussten zurück in Richtung Stadttrubel. Plötzlich fiel mir ein, dass ich Hunger hatte. „Was gibt’s eigentlich als Nächstes zu essen?
“, fragte ich. „Erst noch was anderes, dann Katz’s Deli. “
„Klingt gut. “
Am Vorabend hatten wir chinesisch gegessen, richtig gute Dumplings, dazu gab es Pancakes beim Frühstück am Morgen.
Und die Crispy Cream Donuts waren die besten, die ich je gegessen hatte. Weich und warm, nicht wie diese trockenen Dinger, die man sonst kennt. Ich hatte vorher noch gesagt, dass sie nicht so besonders sein können, aber sie waren wirklich krass. Während wir so dahinliefen, kamen wir auf die Tauben zu sprechen.
Es war gar nicht so einfach, das Thema wieder aufzurollen, ohne zu lachen. Am Pier am Tag zuvor hatten wir zwei Tauben beim Balzen beobachtet. Es hatte so harmlos angefangen. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und sich geschnäbelt, richtig süß, dachte ich noch, und K hatte das Ganze gefilmt, weil es so niedlich aussah.
Sie putzten sich gegenseitig, machten wieder zusammen, und dann, als der Stream längst vorbei war, ging es richtig los. „Die haben sich richtig geküsst, die ganze Zeit“, sagte ich. „Und dann hat er sie befruchtet. “
„Ich habe wirklich auf die Geschlechtsteile gefilmt“, warf K ein.
„Und ich dachte mir, wenn ich schon dabei bin, dann ziehe ich durch“, fügte ich hinzu. Das Vorspiel dauerte zehnmal so lange wie der Akt selbst. Der Akt ging nämlich nur ein paar Sekunden. Ich hielt es kaum aus, als ich davon erzählte.
Es war absurd und gleichzeitig irgendwie faszinierend. Tauben sind süß, außer wenn sie Sex machen. Das war meine Erkenntnis des Tages. „Weißt du, was das Schöne ist?
“, sagte ich dann. „Die sind laut. Richtig laut. Um vier Uhr morgens fangen die schon an.
“
„Ja, das ist nervig. “
„Und ich habe Angst, dass meine Katzen sich auf dem Balkon was holen, wenn die Tauben da rumhängen“, sagte ich. „Keine Ahnung, ob man da was machen kann. “
„Keine Ahnung, ehrlich nicht.
“
Wir liefen weiter und kamen an einer Gruppe Eichhörnchen vorbei. Der Central Park ist berühmt dafür, dass die Tiere dort zutraulich sind. Ich blieb stehen und schaute fasziniert zu, wie eines von ihnen mir fast bis zu den Füßen kam. „Ich will es anfassen“, sagte ich.
„Fass es an. “
Ich fasste es an, aber das Eichhörnchen war schneller und verschwand sofort wieder im Gebüsch. „Die sind flauschig“, sagte ich enttäuscht. „Verdammt flauschig.
“
„Tauben sind auch süß“, meinte K. „Ja, außer beim Sex. “
Wir lachten und gingen weiter. In der Ferne tauchte das Plaza Hotel auf, und ich erinnerte mich daran, dass es eine wichtige Rolle in dem Film Kevin – Allein in New York gespielt hatte.
„Das ist also das Plaza“, sagte ich. „Ja, genau das. “
„Das sieht schön aus. “
Wir blieben einen Moment stehen und sahen es an.
Es war prächtig, keine Frage. Aber irgendwie hatte ich es mir auf den Bildern größer vorgestellt. Wir kamen an einem Gebäude vorbei, das Happiness Institute hieß. Die Frage war sofort da: Sind die Leute hier glücklicher oder woanders?
Wer war nochmal das glücklichste Land der Welt? Finnland oder so, irgendwo, wo viel mit Frauen in der Regierung ist. Vielleicht lag es daran. „Es ist bestimmt viel Fassade dabei“, sagte ich.
„Ja, da hast du recht. “
Die Sonne knallte mir ins Gesicht, und ich fing an, Kopfschmerzen zu bekommen. Es war dieses angespannte Gefühl, wenn man die Stirn zusammenzieht, ohne es zu merken. „Deshalb hab ich Botox“, sagte ich.
„Wegen der Kopfschmerzen? “
„Ja. Mein ganzes Gesicht ist ständig angespannt. Das gibt Migräne.
Botox entspannt das. “
„Krass, das klingt eigentlich gut. “
„Ist es auch. “
Wir kamen an einem Wasserbecken vorbei, irgendwo in der Nähe des Teichs.
Es war nicht besonders groß, aber es spiegelte das Licht, und dahinter war die Brücke. Wir sahen uns das Ganze aus der Nähe an und liefen dann weiter. Die Umgebung wurde städtischer, die Wege breiter, die Menschen mehr. Ein Gespräch kam auf die Gegend.
Wir waren die ganze Zeit in Manhattan, und mir wurde klar, dass wir die Insel gar nicht so schnell verlassen würden. Brooklyn war das erklärte Ziel, wahrscheinlich für den nächsten Tag, und New Jersey lag auf der anderen Seite, aber Manhattan hielt uns fest. Da war einfach alles, was wir sehen wollten, auch wenn es mir langsam dämmerte, dass wir vielleicht doch nicht alles sehen würden, was die Stadt zu bieten hat. „Was gibt es denn überhaupt typisch Neues?
“, fragte jemand. „Bagels, New York Pizza, Cheesecake, der New York Hot Dog“, zählte ich auf. „Hot Dogs? “
„Ja, anscheinend.
“
„Man kann nur begrenzt viel essen in der Zeit, die wir haben“, sagte ich mit einem Seufzen. „Das ist das Problem. “
„Stimmt. “
„Betonung auf Problem“, fügte ich hinzu.
„Ein sehr leckeres Problem. “
In der Ferne ragten die Hochhäuser auf, und der Himmel war klar und blau. Der Tag war noch nicht vorbei, und wir hatten noch so viel vor. Katz’s Deli sollte nicht das Ende sein, sondern nur eine Station.
Der Wind wehte, und ich drehte mich noch einmal um, bevor wir die letzte Ecke nahmen und das Wasser hinter uns ließen. Wir liefen weiter, Schritt für Schritt, durch eine Stadt, die einfach nicht aufhörte, uns zu überraschen, und ich machte mir keine weiteren Gedanken mehr darüber, was morgen kommen würde. Erstmal gab es gleich etwas zu essen, und das reichte mir völlig.


