Oslo, Norwegen – In den eisigen Tiefen vor der norwegischen Küste liegt ein stählernes Grab, das mehr als sieben Jahrzehnte lang ein tödliches Geheimnis bewahrte. Es ist die Geschichte der U-864, eines deutschen U-Bootes, das im Februar 1945 mit einer hochsensiblen Fracht auf dem Weg nach Japan war – und dessen Untergang bis heute eine tickende Zeitbombe darstellt. Die norwegische Regierung hat nun ein beispielloses Unterfangen gestartet: Sie versucht, das Wrack in einem riesigen Unterwasser-Sarkophag aus Sand und Gestein zu begraben, um eine beispiellose Umweltkatastrophe zu verhindern.
Der 8. Februar 1945 markierte den Beginn einer Mission, die den Verlauf des Zweiten Weltkriegs hätte verändern können. Die U-864, kommandiert von Kapitänleutnant Ralf-Reimar Wolfram, stach mit streng geheimer Fracht in See.
An Bord befanden sich nicht nur technische Zeichnungen und Pläne für den Bau der revolutionären Me-262-Düsenjäger und der gefürchteten V-2-Raketen, sondern auch hochexplosives Quecksilber und möglicherweise Komponenten für ein atomares Waffenprogramm. Das Ziel: Japan, um dem Krieg eine entscheidende Wende zu geben. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Wolfram, der erst seine zweite Kriegspatrouille befehligte, musste bald einen schweren Rückschlag hinnehmen. Ein ohrenbetäubender Knall erschütterte das Boot, als der Luftkompressor versagte und die Dieselmotoren in Mitleidenschaft zog. Die U-864 war gezwungen, umzukehren und den Heimathafen anzulaufen.
In seiner Not entschied sich der junge Kommandant, das Angriffsperiskop zu heben, um die Wasseroberfläche nach feindlichen Schiffen abzusuchen. Der Rundumblick blieb leer – doch Wolfram machte einen fatalen Fehler: Er richtete seinen Blick nicht gen Himmel.
In der Tiefe unter ihm lauerte bereits der Tod. Die britische U-Boot-HMS Venturer, kommandiert von Lieutenant James Stewart Launders, hatte die U-864 bereits geortet. Es war eine Situation ohne historisches Vorbild: Noch nie zuvor hatte ein getauchtes U-Boot ein anderes getauchtes U-Boot versenkt.
Die Briten standen vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe, doch Launders, ein kühler Rechner, erkannte die Chance. Er beobachtete durch sein Periskop, wie der deutsche Kommandant in regelmäßigen Abständen sein größeres Beobachtungsperiskop ausfuhr – ein klares Zeichen für die Position des Feindes.
Die Jagd begann. Während die U-864 in einem Zickzackkurs versuchte, dem Verfolger zu entkommen, notierte Launders akribisch jeden Richtungswechsel. Er stoppte die Zeiten zwischen den Wendemanövern und berechnete so die Geschwindigkeit und den Kurs des deutschen Bootes.
Der junge Wolfram, der seine Manöver mit einer Stoppuhr timte, ahnte nicht, dass er damit seinem Jäger die entscheidenden Daten lieferte. Die HMS Venturer näherte sich lautlos, die Torpedorohre waren gefechtsbereit.
Der entscheidende Moment kam, als Launders die perfekte Lösung für einen Schuss hatte. Er befahl den Abschuss des ersten Torpedos. An Bord der U-864 schrillten die Alarmglocken, als der Horchposten das Geräusch des anfliegenden Torpedos meldete.
Wolfram reagierte mit einem riskanten Tauchmanöver, das den Torpedo knapp verfehlen ließ – er schlug in einer nahegelegenen Felsformation ein. Doch Launders ließ nicht locker. Torpedo um Torpedo verließ die Rohre der Venturer, und jedes Mal gelang es der U-864, dem Tod zu entkommen.
Die Nerven aller Beteiligten waren zum Zerreißen gespannt. Schweißperlen liefen über Launders‘ Stirn, als er seinen letzten Torpedo abfeuerte. Die U-864 tauchte erneut, um dem Geschoss auszuweichen, doch diesmal war das Manöver nicht schnell genug.
Der Torpedo traf das U-Boot mittschiffs und riss den Rumpf auf. In Sekundenschnelle strömte Wasser in das Innere, die U-864 zerbrach in drei Teile und sank in die eisige Tiefe. Siebzig Besatzungsmitglieder fanden ihren Tod, ohne eine Chance zu haben, das sinkende Boot zu verlassen.
An Bord der Venturer herrschte keine Jubelstimmung. Die Crew lauschte über die Hydrophone dem qualvollen Geräusch von berstendem Stahl und gurgelndem Wasser, bis nur noch Stille eintrat. Sie hatten Geschichte geschrieben, aber der Preis war das Leben von siebzig Männern – Feinde zwar, aber dennoch Menschen.
Der Sieg fühlte sich hohl an, und die Erinnerung an diese grausame Notwendigkeit sollte die Besatzung noch lange verfolgen.
Jahrzehntelang lag das Wrack der U-864 unentdeckt auf dem Meeresgrund, während die Zeit ihre Spuren hinterließ. Doch die Fracht, die das U-Boot transportierte, war nicht nur für den Krieg bestimmt gewesen. An Bord befanden sich rund 67 Tonnen Quecksilber in Stahlflaschen, die für die japanische Rüstungsindustrie gedacht waren.
Diese Flaschen korrodierten im Salzwasser und gaben ihr tödliches Gift nach und nach frei. Das Quecksilber verseuchte die Meeresumgebung und stellte eine ernste Gefahr für die Fischerei und die gesamte Nahrungskette in der Region dar.
Erst im Jahr 2003 wurde das Wrack in der Nähe der Insel Fedje vor der norwegischen Küste entdeckt. Sofort begannen Diskussionen über die Bergung oder Sicherung der gefährlichen Fracht. Die norwegische Regierung stand vor einer schwierigen Entscheidung: eine riskante Bergung, die die Freisetzung des Giftes beschleunigen könnte, oder eine Sicherung vor Ort.
Schließlich entschied man sich für eine innovative Lösung – die U-864 sollte in einem massiven Sarkophag aus Sand und Gestein begraben werden, um das Quecksilber dauerhaft von der Umwelt zu isolieren.
Die Arbeiten an diesem ehrgeizigen Projekt begannen im Jahr 2018 und dauern bis heute an. Spezialschiffe transportieren tonnenweise Material an die Unglücksstelle, um das Wrack vollständig zu bedecken. Die Herausforderungen sind enorm: Die Strömungen in der Region sind stark, die Wassertiefe beträgt rund 120 Meter, und die Arbeiten müssen unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen erfolgen.
Umweltschützer und Behörden überwachen die Quecksilberwerte im Wasser genau, um sicherzustellen, dass die Versiegelung tatsächlich wirkt.
Die Geschichte der U-864 ist mehr als nur ein Kapitel aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist eine Mahnung an die verheerenden Langzeitfolgen von Kriegen, die weit über das Ende der Kampfhandlungen hinausreichen. Während die Welt sich an die Ereignisse von 1945 erinnert, kämpft Norwegen noch immer mit den Hinterlassenschaften einer Mission, die nie ihr Ziel erreichte.
Der Untergang der U-864 bleibt ein düsteres Beispiel dafür, wie die Geheimnisse der Vergangenheit die Gegenwart noch immer bedrohen können.
Die Versiegelung des Wracks ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Jedes Jahr, das vergeht, erhöht das Risiko, dass die rostenden Behälter ihr tödliches Gift unkontrolliert freisetzen. Die norwegischen Behörden arbeiten mit Hochdruck daran, den Sarkophag fertigzustellen, doch die logistischen und technischen Hürden sind immens.
Die Hoffnung ist, dass die U-864 endlich ihre letzte Ruhe findet – nicht nur für die Toten an Bord, sondern auch für die Lebenden, die in der Region um ihre Gesundheit und ihre Lebensgrundlage fürchten.
Die Ereignisse vom 8. Februar 1945 und die darauffolgende Jagd haben eine bleibende Narbe hinterlassen. Die HMS Venturer und ihre Besatzung wurden für ihren historischen Erfolg gefeiert, doch die Tragödie der U-864 wirft bis heute Fragen auf.
War die Mission wirklich so entscheidend, dass sie das Leben von siebzig Männern rechtfertigte? Und welche Verantwortung tragen die Nationen von heute für die Umweltschäden, die durch die Kriege von gestern verursacht wurden? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, während die Arbeiten an dem Unterwasser-Grab weitergehen.


