Minnesota hielt Tausende deutsche Kriegsgefangene fest – Ihre unglaublichen Geschichten kennt heute kaum jemand.

Minnesota hielt Tausende deutsche Kriegsgefangene fest – Ihre unglaublichen Geschichten kennt heute kaum jemand.

Die Geschichte der Kriegsgefangenenlager in Minnesota ist eine der bemerkenswertesten und zugleich am wenigsten bekannten Episoden des Zweiten Weltkriegs auf amerikanischem Boden. Während die Welt an die großen Schlachten in Europa und im Pazifik denkt, erlebten die Bewohner des ländlichen Mittleren Westens eine stille Revolution der Menschlichkeit: Rund 400.000 deutsche Kriegsgefangene wurden in die Vereinigten Staaten gebracht, und Tausende davon fanden sich in kleinen Städten wie Owatonna, New Ulm, Princeton und Moorhead wieder – mitten unter Bauern, die dringend Arbeitskräfte brauchten.

Die Ankunft der ersten Gefangenen im Jahr 1943 erfolgte in zwei großen Wellen. Zuerst kamen die erschöpften Soldaten des Afrikakorps nach der Kapitulation vor der britischen Achten Armee, später folgten die Massen nach der Invasion in der Normandie. Die britische Regierung hatte die Amerikaner gebeten, die Gefangenen zu übernehmen, da das besetzte Europa nicht in der Lage war, sie zu beherbergen.

Liberty-Frachtschiffe, die zuvor Kriegsmaterial nach Nordafrika gebracht hatten, kehrten mit Tausenden von Gefangenen an Bord zurück – ohne Betten, nur mit einer Decke und einer Schwimmweste als Ausrüstung.

Die Ankunft in Minnesota war für die Gefangenen ein Schock der anderen Art. Statt Trümmern und Verzweiflung erwarteten sie weite Felder, freundliche Gesichter und eine strikte Einhaltung der Genfer Konvention. Die USA hatten sich entschieden, den Krieg nach den Regeln zu führen – und das bedeutete, dass die Gefangenen die gleiche Nahrung und Unterkunft erhielten wie die amerikanischen Soldaten.

Diese Entscheidung war nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch eine strategische: Die Nachricht von der guten Behandlung verbreitete sich an der Front, und deutsche Soldaten ergaben sich eher den Amerikanern, wenn sie wussten, dass sie menschlich behandelt würden.

Der landwirtschaftliche Einsatz der Gefangenen war das Herzstück des Programms. Minnesota litt unter einem massiven Arbeitskräftemangel, da die jungen Männer an der Front kämpften. Die Gefangenen halfen bei der Ernte von Kartoffeln, Zwiebeln und Mais, arbeiteten in Konservenfabriken und auf Milchfarmen.

In Owatonna war die örtliche Konservenfabrik fast vollständig auf die Arbeitskraft der Gefangenen angewiesen. Die Bauern, die oft selbst deutsche Vorfahren hatten, behandelten die Gefangenen nicht als Feinde, sondern als Arbeitskräfte – und manchmal sogar als Freunde. Eine Frau erinnerte sich, dass ihr Vater die Gefangenen mit an den Familientisch setzte, weil ein Sandwich allein keine ehrliche Tagesarbeit ermöglichte.

Die Beziehungen zwischen Gefangenen und Einheimischen waren oft erstaunlich herzlich. In New Ulm, wo viele Bewohner noch Deutsch sprachen, entstanden persönliche Verbindungen, die über das Arbeitsverhältnis hinausgingen. Es gab Fälle, in denen junge Frauen sich mit Gefangenen trafen – was nicht selten zu Spannungen führte.

In Moorhead wurden zwei Krankenschwestern kurzzeitig verhaftet, nachdem sie sich hinter einem Heuhaufen mit deutschen Soldaten getroffen hatten. Doch die meisten Begegnungen waren harmloser Natur: Gefangene wurden zu Tanzabenden eingeladen, erhielten Bier und Sandwiches von Nachbarn, und in einem Fall backten italienische Gefangene ihrem Arbeitgeber zum Abschied einen Kuchen mit den Initialen “O. K.”

– ein Zeichen tiefer Dankbarkeit.

Die Gefangenen selbst waren keine homogene Gruppe. Die ersten Afrikakorps-Soldaten waren oft stolze Nationalisten, die an den Endsieg glaubten. Doch nach der Invasion in der Normandie kamen Gefangene, die des Krieges überdrüssig waren und keine Loyalität mehr zum Nazi-Regime hatten.

In den Lagern entstanden Konflikte zwischen diesen Gruppen. In Algona, Iowa, dem Basislager für viele Minnesota-Camps, wurden sogenannte “Disillusionierte” – Gefangene, die sich vom Nationalsozialismus abgewandt hatten – von fanatischen Kameraden bedroht. Der Lagerkommandant reagierte, indem er diese Gefangenen in abgelegene Außenlager wie Howard Lake schickte, wo sie sicher vor ihren eigenen Landsleuten waren.

Die Genfer Konvention verlangte nicht nur Nahrung und Unterkunft, sondern auch geistige Anregung. Der St. Olaf-Professor Howard Hong aus Northfield wurde zu einer zentralen Figur in diesem Prozess.

Er organisierte Kunstmaterialien, Holzbearbeitungswerkzeuge, Korrespondenzkurse der Universität von Minnesota und religiöse Gottesdienste in den Lagern. Die Gefangenen bauten sogar Kapellen in ihren Baracken. Ein ehemaliger Gefangener erinnerte sich, dass seine Zeit in Owatonna die beste seines Lebens als Kriegsgefangener war – nicht wegen des Komforts, sondern weil er zum ersten Mal als Mensch behandelt wurde, nicht als Feind.

Die Fluchtversuche waren selten und meist harmlos. Drei Gefangene aus Owatonna wurden auf der Steele County Fair entdeckt, wo sie sich unter die Besucher gemischt hatten. Zwei andere versuchten, mit einem selbstgebauten Boot über den Mississippi bis zum Golf von Mexiko zu gelangen – sie wurden nach drei Tagen gefasst.

Die Wachen verbreiteten sogar Geschichten über Wölfe und Bären in den Wäldern, um Fluchtversuche zu verhindern. Die meisten Gefangenen hatten jedoch kein Interesse an der Flucht; sie wussten, dass sie es in Minnesota besser hatten als in einem zerbombten Deutschland.

Als der Krieg endete, änderte sich die Stimmung. Die Amerikaner erfuhren von den Gräueltaten der Nazis, und die Begeisterung für die Gefangenen kühlte ab. Doch die meisten Gefangenen wurden bis 1946 repatriiert – und viele kehrten später in die USA zurück.

Alfred Mueller, ein ehemaliger Gefangener, der in Faribault, Minnesota, lebte, wurde sogar ein früher Spender für das Camp-Algona-Museum. Er hatte die USA als Land der Freiheit und des Wohlstands kennengelernt und wollte seine Dankbarkeit zeigen. Seine Geschichte ist ein Beispiel für die tiefe Wirkung, die diese Erfahrung auf die Gefangenen hatte.

Die Briefe, die ehemalige Gefangene nach dem Krieg an ihre früheren Arbeitgeber schrieben, sind ergreifende Zeugnisse dieser ungewöhnlichen Beziehungen. Ein Gefangener schrieb an Hank Peterson in Moorhead: “Ich wollte Ihnen aus Deutschland schreiben. Ich glaube wirklich, dass Sie mich noch kennen würden.

Ich hatte eine wunderschöne Zeit in Amerika und auf Ihrer Farm.” Ein anderer bat um gebrauchte Kleidung, weil er nur seine Uniform besaß und seine Frau und sein Kind ebenfalls kaum etwas hatten. Diese Briefe zeigen, dass die Gefangenen nicht nur als Arbeitskräfte, sondern als Menschen gesehen wurden – und dass diese Erfahrung ihr Leben veränderte.

Die Historiker betonen, dass die Einhaltung der Genfer Konvention nicht nur ethisch richtig war, sondern auch praktische Vorteile hatte. Die gute Behandlung der Gefangenen ermutigte deutsche Soldaten zur Kapitulation, was das Leben unzähliger Alliierter rettete. Ein ehemaliger Gefangener, Uwe, erzählte, dass er und seine Kameraden optimistisch waren, als sie nach Amerika transportiert wurden – trotz der Angst und Wut über ihre Gefangenschaft.

Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Die Gefangenen erhielten Zeitungen, Sportmöglichkeiten und sogar Musikinstrumente. Sie durften Theaterstücke aufführen und Kunstwerke schaffen – Aktivitäten, die in deutschen Lagern undenkbar gewesen wären.

Die Erinnerung an diese Zeit verblasst jedoch. Die Generation, die den Krieg erlebt hat, stirbt langsam aus, und ihre Geschichten werden nicht immer weitergegeben. Museen wie das in Algona und lokale historische Gesellschaften in Minnesota arbeiten daran, diese Erinnerungen zu bewahren.

Die Geschichte der Kriegsgefangenenlager in Minnesota ist mehr als eine Fußnote der Geschichte – sie ist ein Beweis dafür, dass Menschlichkeit auch im Krieg möglich ist. Die Entscheidung, den Feind als Menschen zu behandeln, hatte nicht nur praktische Vorteile, sondern auch eine moralische Dimension, die bis heute nachwirkt.

Die Frage, die sich stellt, ist, ob wir heute noch in der Lage wären, eine solche Entscheidung zu treffen. In einer Zeit, in der Feindbilder schnell aufgebaut werden und die Menschlichkeit oft zu kurz kommt, ist die Geschichte der POW-Lager in Minnesota eine Mahnung. Sie zeigt, dass es möglich ist, den Feind zu respektieren, ohne die eigenen Werte zu verraten.

Die Bauern, die die Gefangenen an ihren Tischen fütterten, die Professoren, die ihnen Bildung ermöglichten, und die Gemeinden, die sie als Menschen akzeptierten, haben ein Vermächtnis hinterlassen, das weit über den Krieg hinausreicht. Es ist ein Vermächtnis der Hoffnung, das uns daran erinnert, dass wir immer die Wahl haben, welchen Weg wir gehen – den der Rache oder den der Menschlichkeit.