Die Nacht über der zentralukrainischen Steppe war ein einziges, ohrenbetäubendes Inferno aus Mündungsfeuer, explodierenden Granaten und dem markerschütternden Schreien verwundeter Männer. Es war die Nacht vom 16. auf den 17.
Februar 1944, und für über 56. 000 eingeschlossene Soldaten der Wehrmacht im sogenannten Tscherkassy-Kessel ging es um die nackte Existenz. Was sich hier an den Ufern des sumpfigen Flusses Hirski Tik ereignete, war kein geordneter Rückzug mehr, sondern ein verzweifelter, blutiger Sprint durch die Hölle, den die Überlebenden später nur als die „Straße des Todes“ bezeichnen sollten.
Der Plan war kühn, die Realität war grausam, und der Ausgang dieser Operation sollte die deutsche Ostfront endgültig ins Wanken bringen.
Bereits seit Ende Januar 1941 hatten die Armeegruppen der Roten Armee unter den Marschällen Schukow und Konew den Ring um die Städte Korsun und Tscherkassy langsam, aber unerbittlich zugezogen. Die Geschichte schien sich zu wiederholen: Wie in Stalingrad ein Jahr zuvor stand ein gewaltiger deutscher Verband kurz vor der Vernichtung durch Hunger, Kälte und feindliche Übermacht. Doch im Gegensatz zur Katastrophe an der Wolga weigerte sich das Oberkommando der Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein, die eingeschlossenen Verbände des 11.
Armeekorps und Teilen des 42. Armeekorps einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Manstein, getrieben von der Angst vor einer weiteren strategischen Katastrophe, befahl einen Ausbruch unter allen Umständen und versprach gleichzeitig massive Entsatzangriffe von außen.
Der Befehlshaber im Kessel, General Wilhelm Stemmermann, stand vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe. Seine Truppen, die Reste von fünf Divisionen und der 5. SS-Panzer-Division „Wiking“, waren ausgezehrt, hatten kaum noch Munition und Treibstoff, und die Versorgung durch die Luftwaffe blieb ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die Temperaturen fielen auf minus 20 Grad, und die Verwundeten froren in ihren provisorischen Feldlazaretten buchstäblich zu Tode. Stemmermann wusste, dass ein Ausbruch in Richtung der erwarteten Entsatzangriffe bei Schwenkorodka ein sinnloses Massaker bedeuten würde, da die Sowjets genau dort ihre schwersten Panzerverbände konzentriert hatten.
Stattdessen traf er eine Entscheidung, die Militärhistoriker bis heute als Geniestreich oder als Wahnsinn bezeichnen. Er wählte den scheinbar unmöglichsten Weg: einen Ausbruch durch das unwegsame, sumpfige Tal des Hirski Tik, ein Gebiet, das die sowjetischen Planer als natürliches Hindernis betrachteten und nur schwach gesichert hatten. Tiefgefrorener Morast, eisige Wasserläufe und undurchdringliche Wälder sollten den Deutschen als Schutz dienen, während sie sich ihren Weg nach Südwesten zu den eigenen Linien bahnten.
Die Vorbereitung war minutiös, aber brutal: Alle schweren Waffen, Panzer und Fahrzeuge mussten zerstört oder zurückgelassen werden. Der Ausbruch sollte zu Fuß erfolgen, nur mit leichten Waffen und dem, was die Soldaten auf dem Rücken tragen konnten.
Schwer verwundete und bewegungsunfähige Soldaten wurden einer Rückhaltetruppe zugeteilt, die im Kessel zurückbleiben und die Stellungen bis zum letzten Atemzug verteidigen sollte, um den Ausbrechern den Rücken freizuhalten. Für diese Männer gab es keine Hoffnung auf Rettung; sie wurden geopfert, um den anderen eine Chance zu geben. Als die Dunkelheit hereinbrach, formierten sich die überlebenden Einheiten in engen, langen Kolonnen.
An der Spitze marschierten Pioniere mit Minensuchgeräten und Sprengladungen, gefolgt von den kampfstärksten Infanteristen der 57. und 72. Infanteriedivision unter General Wolfgang Lange.
General Stemmermann selbst begab sich an die Spitze seiner Truppe, um das Kommando nicht aus der Hand zu geben.
Der Durchbruch durch die vorderste sowjetische Linie bei dem Dorf Lissjanka gelang in den ersten Minuten durch puren Überraschungseffekt und brutale Gewalt. Stoßtrupps durchbrachen Stacheldrahtverhaue und überrannten die Schützengräben, während Maschinengewehrfeuer von den Flanken die Verteidiger niederriss. Doch der Jubel über den ersten Erfolg währte nur kurz.
Das sowjetische Kommando reagierte mit brutaler Effizienz und warf Reserveeinheiten in den Kampf, um den Ausbruchskorridor zu schließen. Aus den Wäldern und von den Höhenrücken eröffneten Artillerie und Katjuscha-Raketenwerfer das Feuer auf die dicht gedrängten, fliehenden Kolonnen. Die Nacht verwandelte sich in ein Schlachtfeld ohne Fronten.
Die deutschen Soldaten, viele ohne Winterausrüstung und völlig entkräftet, wateten durch knietiefen Schlamm und eiskaltes Wasser. Männer brachen ein und ertranken in den Sümpfen, andere erfroren noch im Gehen. Die Drängelei war unbeschreiblich.
Pferde, die noch immer schwere Geschütze zogen, brachen in Panik aus und rissen ganze Kolonnen in den Tod. An den wenigen Übergängen über den Fluss bildeten sich chaotische Trauben, die von den sowjetischen MG-Schützen aus nächster Nähe regelrecht niedergemäht wurden. Der Fluss Hirski Tik wurde zu einem See aus Blut und Leichen; ein Offizier erinnerte sich später, dass man die andere Seite nur erreichen konnte, indem man über die Körper gefallener Kameraden lief, um nicht selbst im Eis zu versinken.
Mitten im Chaos übernahm General Stemmermann die Führung einer Nachhut, um den Rückzug seiner Männer zu decken. Es war eine Entscheidung, die ihn das Leben kosten sollte. Bei einem sowjetischen Artillerieangriff in den Morgenstunden des 17.
Februar wurde er von einer Granatsplitter-Salve tödlich verwundet. Sein Tod, der zunächst geheim gehalten wurde, um die Moral nicht zu zerstören, wurde zum Symbol des gesamten Unternehmens. Das Kommando über die zersprengten Reste übernahm Generalmajor Hans von Mannteufel, der die geschwächten Verbände persönlich zur letzten Verteidigungslinie der Entsatzarmee führte, die bei Lyssjanka auf die Ausbrecher wartete.
Von den ursprünglich 56. 000 Eingeschlossenen erreichten nur etwa 34. 000 bis 36.
000 Soldaten die eigenen Linien. Sie kamen ohne Ausrüstung, ohne schwere Waffen, viele verwundet, erfroren oder in völliger geistiger Ummachtung. Mindestens 20.
000 Männer blieben tot, verwundet oder in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück, wo viele in den folgenden Monaten an Typhus und Misshandlungen starben. Der Preis für den Ausbruch war enorm, und die militärische Bilanz war verheerend: Das 11. Armeekorps hatte seine gesamte Kampfkraft verloren und war für die weitere Verteidigung der Ukraine nicht mehr einsatzfähig.
Das 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶 am Tscherkassy-Kessel markierte einen entscheidenden Wendepunkt. Nicht nur, weil die Deutschen fast alle schweren Geräte verloren hatten, sondern weil der Schock über die hohen Verluste und den Tod eines so hochrangigen Kommandeurs wie Stemmermann die ohnehin bröckelnde Moral der Ostfront weiter zerstörte. Für Manstein war klar, dass die Dnjepr-Linie trotz der Rettungsaktion nicht mehr zu halten war.
Der Rückzug der Heeresgruppe Süd verwandelte sich in eine wilde Flucht nach Westen, die erst im März 1944 am Bug und später am Dnjestr gestoppt werden konnte.
Für das sowjetische Oberkommando war das Ereignis eine wichtige Lektion. Die Unterschätzung der „deutschen Fähigkeit zum Ausbruch“ wurde in internen Analysen scharf kritisiert. Marschall Schukow und General Konew wurden angehalten, ihre Kesseltaktik grundlegend zu ändern.
Künftige Operationen, wie die Proskurow-Czernowitz-Offensive im März, sollten demonstrativ aggressiver geführt werden, um dem eingeschlossenen Gegner gar keine Zeit zur Organisierung eines solchen verzweifelten Ausbruchs zu geben. Die Rote Armee hatte gelernt, den Kessel nicht nur zu schließen, sondern ihn durch sofortige Angriffe mit mehreren Staffeln zu pulverisieren.
Der Ausbruch aus dem Tscherkassy-Kessel bleibt eine der umstrittensten Episoden des Zweiten Weltkriegs. Für die einen war er ein Beispiel für heldenhaften Überlebenswillen und militärische Professionalität, für die anderen ein sinnloses Opfer, das die Niederlage nur um wenige Wochen hinauszögerte. Die Erinnerung der Überlebenden ist geprägt von dem Geruch von Kordit, dem Klang brechenden Eises und dem Anblick Kameraden, die im Schlamm versanken, ohne dass ihnen geholfen werden konnte.
Es war ein Kampf, in dem der Befehl, die Disziplin und die nackte Verzweiflung die letzten Verbündeten waren, und die „Straße des Todes“ zum stillen Mahnmal für die Unmenschlichkeit eines Kriegs werden sollte, der längst entschieden war.