Die Kinder des Dritten Reiches haben ihren Vater nie wieder gesehen – obwohl er nach zwanzig Jahren Haft frei kam. Albert Speer verbrachte seine Freiheit damit, seinen eigenen Mythos zu zementieren. Seine Kinder aber wählten einen anderen Weg: Sie zerlegten das Erbe des Mannes, der Hitlers Architekt war, in seine Einzelteile – und reichten es der Geschichte zurück.
Es war ein sonniger Nachmittag im bayerischen Alpenvorland, als die sechs Speer-Kinder in Hitlers Berghof auf dem Teppich lagen und Mickey-Maus-Filme schauten. Eva Braun lachte neben ihnen, die Berge glitzerten, die Welt schien in Ordnung. 1945.
Ein Jahr später war ihr Vater ein verurteilter Kriegsverbrecher, und die Welt, die ihnen wie ein Märchen vorgekommen war, hatte sich in einen Albtraum verwandelt.
Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt, hatte das „Lichtdom“-Spektakel der Nürnberger-Parteitage entworfen und davon geträumt, Berlin in „Germania“ zu verwandeln, die Welthauptstadt eines tausendjährigen Reiches. Seine Nähe zu Hitler bedeutete Privilegien, die sich kaum ein Deutscher vorstellen konnte: Die Kinder fuhren mit der Seilbahn auf das Kehlsteinhaus, spielten im Schatten des Adlerhorstes, und Margarete Speer, eines der Mädchen, würde später von einer „idealen Kindheit“ sprechen – ein Satz, der heute wie ein Geständnis klingt.
Dann kam der 8. Mai 1945. Amerikanische Truppen durchkämmten das Land.
Das Haus der Familie Speer war kein schützendes Zuhause mehr, sondern ein Ziel. Soldaten plünderten die Villa, nahmen mit, was sie tragen konnten, und die Kinder sahen zu, wie ihr Besitz in Armeebeuteln verschwand. Der Vater, einst einer der mächtigsten Männer Europas, war auf der Flucht und ergab sich den Alliierten.
Wenig später stand er in Nürnberg vor Gericht.
Für die sechs Kinder – Albert Jr. , Hilde, Fritz, Marge, Arnold und Ernst – war der Wandel absolut. Einen Monat waren sie Nazi-Adelige gewesen, den nächsten waren sie die Kinder eines Mannes, dessen Hände in den Verbrechen der Menschlichkeit steckten.
Die Anklage in Nürnberg war vernichtend: Speer hatte Millionen von Sklavenarbeitern in der deutschen Rüstungsproduktion eingesetzt. KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter aus dem ganzen Reich, Kriegsgefangene – alle wurden in die Maschinerie gepresst, die Speer kommandierte. Doch der Angeklagte tat etwas, das keiner der anderen schaffte: Er zeigte Reue.
Er behauptete, vom Holocaust nichts gewusst zu haben. Er spielte die Rolle des unpolitischen Technokraten, der von den Verbrechen um ihn herum nichts mitbekommen hatte.
Der Gerichtshof sprach ihm das Leben: Zwanzig Jahre Spandau statt des Strangs, den Göring, Ribbentrop und andere erhielten. Für seine Frau Margarete war das Urteil kaum zu ertragen – zwanzig Jahre allein mit sechs Kindern, verheiratet mit einem Mann, der lebendig, aber unerreichbar war, prominent, aber zutiefst entehrt.
Die Familie zog nach Heidelberg, wo die soziale Ächtung sie wie eine unsichtbare Mauer umließ. Alte Freunde verschwanden, Türen, die sich einst von selbst öffneten, blieben hartnäckig verschlossen. Die Kinder von Albert Speer wurden zu Unberührbaren in einem Land, das seine eigene Vergangenheit am liebsten vergessen hätte.
Das Überleben kam aus unerwarteter Quelle. Ein Architekt namens Rudolf Wolters, der während des Krieges mit Speer gearbeitet hatte, richtete den „Schulfonds“ ein. Wohlhabende Industrielle – Männer, die von Speers Kriegswirtschaft enorm profitiert hatten – zahlten im Stillen ein.
Über den Fonds flossen 158. 000 D-Mark an die Familie. Es war schmutziges Geld, gefiltert durch Hintertüren, um die Kinder eines Kriegsverbrechers zu ernähren und zu erziehen, während ihr Vater in seiner Zelle die Tage zählte.
Die dunkelste Benennung fielen in den letzten Kriegsjahren. Der jüngste Sohn war am 24. Juli 1940 geboren; seine Eltern nannten ihn Adolf – ein Name, der in jenem Moment Hingabe und Ehrgeiz bedeutete.
Nach 1945 wurde dieser Name zur unerträglichen Last. Per Beschluss und Formular wurde der Junge zwangsweise auf „Arnold“ umbenannt. Eine Bürokratie des Vergessens, die versuchte, die Vergangenheit auszulöschen, aber die Erinnerung an dieses Kinderporträt konnte man nicht umbenennen.
Arnold wuchs auf und wusste, dass er als Adolf geboren worden war, dass seine Eltern diesen Namen bewusst gewählt hatten und was das über sie aussagte.
Hilde, die älteste Tochter, erfuhr früh die Härte der Nachkriegswelt. Als Jugendliche beantragte sie ein Visum für die USA – und wurde abgelehnt, ausdrücklich und unmissverständlich, weil ihr Vater als Kriegsverbrecher verurteilt worden war. Die Ablehnung machte international Schlagzeilen.
Hier war eine junge Frau, die kaum die Schulzeit hinter sich hatte, und sie wurde für Verbrechen haftbar gemacht, die sie nie begangen hatte. Erst nach langem Kampf wurde die Entscheidung endlich rückgängig gemacht. Doch der Schaden war angerichtet: Hilde verstand, dass die Welt sie nie als Individuum sehen würde, sondern immer als Speers Tochter.
Die Jahre im Gefängnis von Spandau waren für die Familie eine Zeit des Wartens. Zwanzig Jahre lang war die einzige Verbindung zwischen Vater und Kindern Papier und Tinte. Offizielle Briefe, zensiert von den Gefängnisbehörden, trafen nur sporadisch ein.
Aber Speer fand einen Weg: Ein holländischer Pfleger mit dem Decknamen Toni P. schmuggelte geheime Briefe und Notizen hinaus. Durch diese Kanäle versuchte Speer, aus dem Gefängnis ein Vater zu sein – er schrieb über ihre Ausbildung, über ihre Zukunft, über seine Hoffnungen.
Die Kinder wuchsen auf mit einem Vater, der nur aus Handschriften auf Papier bestand, einer Stimme ohne Konturen.
Dann kam der 1. Oktober 1966. Speer hatte seine zwanzig Jahre abgesessen.
Als er das Tor von Spandau verließ, hatten sich sein Kinder verändert: Sie waren erwachsen, manche hatten geheiratet, manche waren selbst Eltern. Die Wiedervereinigung, die zwei Jahrzehnte lang ersehnt worden war, hätte stattfinden können. Was dann geschah, sollte jede Chance auf Versöhnung zerstören.
Albert Speer stieg in eine wartende Limousine, umringt von Journalisten. Die Verlage hatten ihn bereits umgarnt, ein Buch vor Augen. Binnen weniger Monate schrieb er „Erinnerungen“, die in Millionenauflage verkauft wurden und ihn als den „guten Nazi“ etablierten – den Technokraten, der von den Gräueltaten nichts wusste, der in den Sog unkontrollierbarer Mächte geraten war.
Seine Kinder mussten zusehen, wie sich der Vater für den Ruhm entschied, nicht für die Familie. Er gab Interviews, konsultierte Historiker, kassierte Honorare – und hielt an seiner zentralen Leugnung fest: Er habe vom Holocaust nichts gewusst.
Die Kinder, da war Hilde später deutlich, gaben einer nach dem anderen auf: „Es bestand keine Kommunikation“. Der Mann, der aus Spandau kam, war nicht der Vater, den sie sich erhofft hatten. Er war eine öffentliche Figur, die vor Publikum Reue inszenierte, ohne der eigenen Familie etwas zu geben.
Albert Speer Junior – der zweite Sohn – fand einen radikalen Ausweg aus dem Schatten. Er wurde einer der gefeiertsten Architekten seiner Generation in Deutschland. Er plante die Ost-West-Achse der Olympischen Spiele 2008 in Peking, entwarf den Masterplan für die Expo 2000 in Hannover, seine Arbeiten wurden mit Preisen überschüttet.
Die Ironie war brutal: Der Sohn errang genau das, was der Vater vergeblich angestrebt hatte – dauerhafte, bleibende Architektur. Er tat es, indem er sich bewusst vom Erbe des Vaters distanzierte. In Interviews sagte er, er habe sein ganzes Leben lang versucht, sich von seinem Vater zu lösen.
Der Sohn baute, was der Vater nur träumte – und auf einem Fundament der Ablehnung.
Hilde ging noch weiter. Sie wurde Politikerin der Grünen und widmete sich Umwelt- und Sozialfragen. 1994 erhielt sie den Moses-Mendelsohn-Preis für ihren Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland.
Die Tochter des Architekten, die von einer jüdischen Gemeinde für ihre Arbeit gegen den Rassenhass des NS-Regimes geehrt wurde, hatte einen Bogen geschlagen, der die NS-Ideologie ihres Vaters in ihr Gegenteil verkehrte. Und dann war da Margarete. Sie erbte mehrere Gemälde aus dem Besitz ihres Vaters – Kunst, deren Provenienz mehr als fraglich war, möglicherweise Raubgut aus jüdischem Besitz.
Sie liquidierte die Sammlung und gründete aus dem Erlös eine Stiftung, die die kreative Arbeit jüdischer Frauen in Deutschland fördert. Die Enkelin des NS-Regimes nutzte das mögliche Beutegut, um jüdischen Künstlerinnen neue Chancen zu eröffnen – ein Akt der Wiedergutmachung, der seinen Vater im Grab hätte erzürnen müssen.
Albert Speer starb am 1. September 1981 in London. Er war berühmt und wohlhabend, seine Memoiren hatten ihm ein Vermächtnis gesichert, das die Historiker noch Jahrzehnte beschäftigen sollte.
Doch seine Kinder hatten den Schatten nie abschütteln können. Fritz, der mittlere Sohn, verschwand fast aus der Öffentlichkeit; nur die leeren Archivseiten zeigen, wie sehr er wünschte, aus der Geschichte zu fallen. Die anderen Kinder lebten verstreut auf drei Kontinenten.
Die Wahrheit aber sickerte Jahre nach seinem Tod an die Oberfläche: Im Jahr 1971 schrieb Speer in einem privaten Brief an eine Holocaust-Überlebende, er habe 1943 die Rede von Heinrich Himmler in Posen gehört, in der der Holocaust unmissverständlich beschrieben und gerechtfertigt wurde – und er habe das Konzentrationslager Mauthausen besucht. Seine Unschuld war lange eine Fassade, und ob seine Kinder diese Fassade je durchschaut hatten, bleibt ihr Geheimnis. Sicher ist: Sie versöhnten sich nie mit ihm.
Die Gefängnismauern fielen 1966. Die Mauern zwischen dem Vater und seinen Kindern jedoch blieben bis über seinen Tod hinaus bestehen. Seine Freiheit brachte keine Rückkehr zur Familie, sie brachte nur die Vollendung eines Mythos.
Die Kinder aber hatten einen anderen Weg gewählt: Sie hatten das schwere Erbe nicht geerbt, sie hatten es abgewählt. Und jeder von ihnen baute in aller Stille ein Leben, das den Entwürfen des Vaters widersprach – durch Kunst, durch Politik, durch Schweigen oder durch offene Ablehnung. Der Mann, der die Welt mit seinen Bauten verändern wollte, hinterließ nichts als Ruinen im eigenen Haus.
