Oben auf dem Gipfel angekommen, musste ich erstmal scharf einatmen. Da vorne lag er, der berühmte Aussichtspunkt, und mein erster Gedanke war: Er sieht irgendwie kleiner aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Von hier oben sollte das alles viel krasser wirken, fand ich. Stattdessen roch es hier oben irgendwie komisch, so ein bisschen nach altem Urin und verschwitztem Asphalt.

New York stank bis jetzt, das musste ich einfach so sagen. Ja, das war irgendwie auch zu erwarten, meinte ich zu Kim, die neben mir stand und auf ihr Handy schaute. Die App zeigte an, dass wir schon vier Kilometer gelaufen waren, und ich konnte kaum glauben, dass das stimmen sollte. Mein Knie zwickte schon seit einer Weile, vielleicht lag es daran, dass meine Beine einfach unterschiedlich lang waren, so fühlte es sich zumindest an.
Kim sah mich kurz an und meinte dann, das sei schon okay, das Knie sei wahrscheinlich einfach von der ganzen Lauferei hier. Wir standen vor dem Plaza Hotel, diesem riesigen weißen Gebäudeblock, der genauso aussah wie in den Filmen. Es gab sogar ein Stück echte Natur zu sehen, ein paar grüne Bäume zwischen all dem Beton, was mich ehrlich überraschte. Schon schön, sagten wir beide gleichzeitig, aber irgendwie auch laut und hektisch.
Überall um uns herum strömten Menschen an uns vorbei, Taxen hupten, und irgendwo zischte Dampf aus einem Schacht, dass es nur so qualmte. Der ganze Boden hier dampfte gewaltig, das sah schon spektakulär aus, wenn man auf Großstädte stand. Ich hatte mir das alles aber trotzdem anders vorgestellt, irgendwie hektischer, größer, wilder. New York war bisher eher anstrengend als überwältigend.
Wir schlenderten weiter Richtung Fifth Avenue, an riesigen Geschäften vorbei, und ich bekam richtig Lust, mir beim Louis Vuitton einen neuen Koffer zu holen. Kim sah mich an und meinte trocken, dass das genauso klinge wie ich. Sie hatte sich gerade überlegt, sich ein neues Armband für ihre Apple Watch zu holen, weil das alte schon ziemlich mitgenommen aussah. Eigentlich bräuchte ich auch eins, sagte ich, aber wir konnten ja schauen.
Kurz darauf standen wir vor diesem gigantischen Louis-Koffer, der halb so groß war wie ich, und ich konnte den Blick einfach nicht davon lassen. Holy shit, murmelte ich, das Teil ist ja verrückt. Kim fragte mich, ob ich mir wirklich so einen riesigen Koffer holen wollte, und ich meinte nur, dass ich nicht unbedingt müsse, aber irgendwie schon. Also gingen wir weiter Richtung Apple Store, denn da sollte es die Armbänder geben.
Unterwegs kamen wir an einem riesigen Blaser vorbei, so einem Wolkenkratzer, dessen Spitze sich da oben in den Himmel bohrte. Ich hatte keine Ahnung, was genau das Gebäude eigentlich sein sollte, ein Hotel vielleicht, oder ein Bürohaus. Kim zuckte nur mit den Schultern, irgendwo dort oben war wohl auch ein Frauenhaus untergebracht, sagte sie, was mich kurz schmunzeln ließ. Hier war wirklich alles riesig und teuer, das konnte man schon an den Leuten sehen, die an uns vorbeiströmten.
Die Krankenwagen fuhren hier wohl nur wegen Atemproblemen durch die Gegend, scherzte ich. Unfälle zu Hause wären ja wohl die gefährlichsten, und ich hatte noch nie einen gehabt, weil ich schlicht keinen Haushalt machte, das musste ich laut loslachen. Ich hatte meine App auf dem privaten Handy gar nicht richtig öffnen können, weil die Verbindung einfach zu schlecht war. Kim meinte, wir könnten es ja oben im Apple Store versuchen, der hatte sicher gutes WLAN.
Also liefen wir die Stufen hoch, die hier überhaupt nicht genormt waren und meinem Knie gar nicht guttaten, wie ich stöhnte. Oben angekommen, ließ ich mich erstmal auf einen Stuhl fallen, der noch warm war von jemand anderem, und tippte auf meinem Handy herum. Die Verbindung lud ewig, ich checkte die ganze Zeit, ob das Internet endlich funktionierte. Kim war währenddessen irgendwo unten im Store verschwunden, weil sie sich doch das Armband holen wollte, und ich saß einfach da und wartete.
Ich schaute aus dem großen Fenster und betrachtete das ganze Treiben unten auf der Straße. Es war super viel Polizei hier in New York, überall sah man blaue Uniformen und Streifenwagen, das war mir sofort aufgefallen. Dafür fühlte ich mich hier irgendwie wohl, auch wenn der Lärmpegel schon nerven konnte. Ich war ja schon öfter in großen Städten gewesen, hatte sogar mehrere Monate in Hongkong gelebt und es geliebt.
New York war anders, hektischer vielleicht, aber auch irgendwie spannend. Ich hatte schon immer gemerkt, dass viele Leute Großstädte nicht so interessant fanden, aber ich war einfach ein Großstadtmensch. Ich konnte das gut abschalten, den ganzen Trubel, das brauchte ich wohl auch, um mich wohlzufühlen. Kim kam irgendwann wieder hoch und hielt ein silbernes Armband in der Hand.
Wow, das sieht gut aus, sagte ich, und sie meinte, sie würde es gleich direkt ummachen. Ich half ihr dabei, das Ding richtig anzulegen, man musste es erst reindrücken und dann schieben, bis es einrastete. Dabei mussten wir beide grinsen, weil es so fummelig war. Wir standen dann noch eine Weile in dem riesigen Store herum, der aussah wie eine Kathedrale aus Glas und Stahl, und ich erzählte Kim von meinem Plan.
Ich hatte nämlich beschlossen, länger in den USA zu bleiben, als ursprünglich geplant war. Als ich gefragt wurde, ob ich nach Anaheim bei LA wollte, hatte ich direkt gesagt, dass ich wahrscheinlich verlängern würde, weil man nicht wusste, wann man das nächste Mal hierherkommen konnte, gerade wegen der ganzen politischen Lage. Kim hatte mich irgendwann gefragt, was mein Plan sei, ob ich länger bleibe, und ich hatte gesagt, dass ich unbedingt New York und LA sehen wollte. Sie hatte mich dann einfach gefragt: Willst du mitkommen?
Und ich hatte nur gesagt: Okay, let’s go. Und so waren wir hier. Ich erzählte ihr, dass ich mit einer eher negativen Einstellung hergekommen war, weil meine Managerin eine richtige New-York-Haterin ist und immer meinte, die Stadt sei gar nicht so geil. Aber bis jetzt fand ich sie schon ziemlich beeindruckend, auch wenn ich wahrscheinlich trotzdem lieber wieder nach LA gehen würde.
New York reichte mir dann irgendwann, glaube ich, während LA ein Ort war, an dem ich mich richtig zuhause fühlte. Kim nickte, sie kannte das schon von mir, dass ich immer zwischen zwei Welten hin- und hergerissen war. Wir redeten über Wohnungen, über diese kleinen Einzimmerwohnungen in Manhattan, die trotzdem über 1,5 bis 2 Riesen im Monat kosteten, und ich schüttelte den Kopf. Ich hatte früher immer gerne Videos über die teuersten Wohnungen in New York geschaut, dieser ganze Wahnsinn mit den Preisen fasziniert mich einfach.
Wir setzten uns noch kurz auf eine Bank und genossen die Sonne, die jetzt durch die Wolken brach. Ich sagte Kim, dass ich mich freute, dass die Zuschauer den USA-Content so feierten, vor allem die Sachen aus LA, und dass ich wirklich dankbar war für all die Unterstützung. Sie lächelte und meinte, sie hätte mir ja gesagt, dass das gut ankommen würde. Dann fragte sie, ob ich jemals nach Miami wollte, und ich schüttelte den Kopf.
Miami hatte mich irgendwie nie wirklich fasziniert, keine Ahnung warum. Wir waren zwar mit Square Enix und Final Fantasy in LA gewesen, aber Miami hatte einfach nie dieses Gefühl in mir ausgelöst, dass ich unbedingt hinmusste. Es lag ja auch nicht weit von Jamaica entfernt, wo ich schon mal war, und trotzdem war da kein Bedürfnis. San Francisco stand eher auf meiner Liste, und ich hatte Kim schon vorgewarnt, dass ich gerne mal mit Phil und einem Kaffee in der Hand durch die Straßen schlendern wollte.
Kim zeigte mir dann ihr neues Armband nochmal, das schon viel besser aussah als das alte, und ich sagte ihr, dass es richtig schön aussah. Sie fragte, ob es in Ordnung wäre, wenn wir ein Bild davon posten, und ich meinte, das würde schon passen, auch wenn es vielleicht ein bisschen Rage-Bait wäre, weil wir ja nicht wirklich so der Luxus-Typ waren. Wir mussten beide lachen, weil es schon irgendwie komisch war, in so einem riesigen Apple Store zu sitzen und über Koffer für tausende Dollar zu reden. Aber das war eben New York, alles war hier ein bisschen übertrieben, ein bisschen lauter, ein bisschen größer, ein bisschen teurer.
Und irgendwie, sagte ich zu Kim, während wir aufstanden und uns auf den Weg nach draußen machten, irgendwie war genau das der Reiz dieser Stadt. Man konnte sie hassen, und man konnte sie lieben, aber man konnte nicht so tun, als wäre sie egal. Und ich glaube, ich würde sie noch eine Weile aushalten, zumindest bis der Koffer voll war.