Die Brille rutschte mir fast von der Nase, und ich griff hastig nach dem Etui, das mir der Verkäufer dazugelegt hatte. Aber als ich es aufklappte, musste ich lachen. Das Ding war riesig, viel zu groß für eine simple Brille. Ich hielt es hoch und grinste in die Kamera.

„Alter, das kann ich ja direkt als Handtasche nehmen. Guck mal, wie hübsch das ist. Coach. Krank, das Teil.
”
Die Zuschauer im Chat amüsierten sich, und jemand schrieb direkt die Preise in den Livechat. Ich lachte und schüttelte den Kopf. „Hört auf damit. Ich will gar nicht wissen, was das gekostet hat.
”
Da fiel mein Blick auf etwas anderes. Ein Schneidebrett. Und sofort kochte die Erinnerung hoch, denn der Chat ließ einfach nicht locker. „Wieso lese ich schon zum zweiten Mal etwas von einem Schneidebrett für sechshundert Euro?
Das hat nicht sechshundert gekostet! Das ist Jahre her, und es waren vielleicht dreihundertvierzig oder so. ”
Ich seufzte. „Ich habe schon gesagt, dass ich damals einen Fehler gemacht habe.
Es tut mir leid. Aber die können einfach nicht aufhören, mich mit diesem Schneidebrett zu nerven. ”
Die Wahrheit war: Ich hatte mich verliebt, total den Kopf verloren und in dem Moment nicht auf die Preise geachtet. Wenn dich etwas glücklich macht, gibst du eben dreihundert Euro für ein Stück Holz aus.
Man muss nicht alles verstehen. „Claudia nennt mich jetzt auch noch eine Sugar Mama”, murmelte ich und verdrehte die Augen. „Was ist an Olivenholz überhaupt so besonders? Ich meine, Holz ist eh nicht optimal, da bleiben Bakterien drin hängen.
”
Aber ich musste grinsen. „Ich hab’s gekauft, also mach ich jetzt auf Spark Joy. Ich sag das nur nicht, weil ich bei Coach war. ”
Jemand im Chat fragte, ob ich das Brett denn noch benutze.
„Ja, tatsächlich. Man müsste es eigentlich regelmäßig ölen, damit es schön bleibt. Habe ich das je gemacht? Der Chat würde sagen ja.
Ich nenne es mal gepflegt. ”
Ein Blick auf meine eigenen Holzbrettchen zu Hause verriet das Gegenteil. Zwei billige Teile von Ikea, die inzwischen aussahen wie einzelne Äste, weil ich sie immer wieder in die Spülmaschine gesteckt hatte. Sie waren kein Brett mehr, sie waren ein Zustand.
Ich hielt inne und betrachtete das Schneidebrett in meinen Händen. „Es ist wirklich hübsch. Und es wurde gepflegt. Mit Öl.
Auf jeden Fall. ”
Der Gedanke an meine Küche ließ mich dann doch etwas zusammenzucken. „Meine Küche ist die günstigste, die ich je gekauft habe. Das war noch aus meiner Studentenzeit.
Sie fällt langsam auseinander, aber in dieser Wohnung lohnt es sich nicht, eine neue einzubauen. ”
Ich wohnte mit meinem Freund zusammen, und wir wollten eigentlich öfter größere Einkäufe machen, um mehr zu Hause zu kochen. Aber unser Kühlschrank war einfach zu klein. Ein halber Kühlschrank, tief unten, in den kaum etwas passte.
Entweder entschied man sich für eine Proteinbox oder für Gemüse, beides ging nicht. „Genau, und das Gefrierfach ist auch winzig. Da passen gerade mal ein, zwei Sachen rein, aber dann ist Schluss. Kein Tiefkühlgemüse, nichts.
”
„Der wahre Schock kommt noch”, warf jemand ein. Ich hob abwehrend die Hände. „Nein, hör auf. Ich will es nicht wissen.
Lass mich erstmal in meiner Glücksphase. ”
Ein Blick nach draußen. Die Straßen von New York dampften, überall stieg Rauch aus den Schächten. Ich saß zwischen den Gebäuden und genoss den Moment.
In der Ferne entdeckte ich ein schönes Geschäft, und die Neugier siegte. Wir liefen hinüber, und ich blieb vor der Auslage stehen. Eine Tasche. Aus Jeansstoff.
„Oh mein Gott, ich wusste gar nicht, dass es die gibt. Die ist wunderschön. Krank schön. Mit den Taschen an der Seite.
Die finde ich richtig gut. ”
Ich kannte nur das normale Modell, aber diese Version hatte etwas Besondereres. „Wenn es den Dino in klein gäbe, würde ich sie sofort nehmen”, sagte ich und deutete auf einen Anhänger in Form eines Dinosauriers. „Ich hoffe, wir dürfen da rein.
”
Die Tür ging auf, und wir schlenderten hinein. Die Verkäufer waren freundlich, und ich konnte mich kaum sattsehen an den Ketten und Anhängern. Eine kleine Brezel aus Metall hing an einer Kette, und ich musste grinsen. „Schau mal, eine Brezel.
Die Amerikaner lieben diese Dinger. ”
Ich drehte mich zu meiner Begleitung um. „Soll ich sie anprobieren? “ Sie nickte, und ich hielt mir die Kette vor die Brust.
„Gefällt mir. Sehr gut sogar. ”
Dann fiel mein Blick auf den Preis der Jeans-Tasche, und ich zog die Augenbrauen hoch. „Die kostet genauso viel wie die, die ich sowieso schon im Auge habe.
Interessant. ”
Ich spielte mit dem Gedanken, wirklich etwas zu kaufen. Eine Kette vielleicht. Oder den Dino.
Aber dann kam der Mitarbeiter auf uns zu und erklärte freundlich, dass wir leider wieder gehen müssten. Rausgeschmissen, kurz nachdem wir reingekommen waren. Ich lachte. „Okay, das war’s dann wohl.
Aber eigentlich ist es ganz gut, dass sie uns rausgeschmissen haben. Ich hätte sonst wirklich noch etwas gekauft, obwohl ich es nicht darf. ”
Draußen blieb ich stehen und deutete auf ein Geschäft in der Nähe. „Oh, das ist der DJI-Store.
Da gibt es die Drohnen. ”
Der Chat amüsierte sich. „Die haben bestimmt gerochen, wie viel du bei WWIN ausgegeben hast. ” Ich grinste.
„Ja, dann hätten sie mich eigentlich drin lassen sollen. Oder sie dachten: Die hat schon genug gekauft, die kauft eh nichts mehr. ”
Ich schüttelte den Kopf. „Dabei hätte ich wirklich gerne eine Drohne, um mal mit dem Setup zu spielen.
Aber wir checken einfach nicht, wie man dieses DJI-Ding verbindet. Kein Geld dafür, keine Ahnung davon. ”
Ich setzte mich kurz auf eine Mauer und zuckte zusammen. Mein Knie.
Es hatte schon den ganzen Tag wehgetan, und jetzt meldete es sich wieder. „Was ist mit deinem Knie? “, fragte meine Begleitung besorgt. „Ich weiß es nicht genau.
Es fühlt sich an wie eine Entzündung, glaube ich. Ich hoffe, die Ärzte können es identifizieren und etwas dagegen tun. Ich hasse es, wenn man zum Arzt geht und der sagt: Könnte dies oder das sein, wir spritzen mal ein bisschen Kortison. ”
„Ist es geschwollen?
“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nicht richtig. Aber es tut weh, wenn ich Druck ausübe.
Und wenn ich es lange angewinkelt halte, wird es steif. Beim Laufen auch, eher an den Seiten. ”
Meine Begleitung überlegte. „Wenn es eine Schleimbeutelentzündung wäre, müsste es eigentlich geschwollen sein.
”
„Ja, das habe ich auch gelesen”, antwortete ich. „Aber es sieht nicht geschwollen aus. Keine Ahnung, was es ist. ”
Ich stützte mich auf und beschloss, durchzuziehen.
Man ist nur einmal in New York, und ich wollte mir den Rest des Tages nicht verderben lassen. Aber sobald ich wieder zu Hause bin, gehe ich direkt zum Arzt. Orthopäde, Knieprobleme, schon gebucht. Das war ein Versprechen an mich selbst.
„Ich hoffe nur, dass es nichts ist, was man nicht behandeln kann”, murmelte ich. „Keine Ferndiagnose, okay? Aber der Gedanke, dass Wasser im Knie punktiert werden muss, hört sich grauenhaft an. ”
Meine Begleitung grinste.
„Du brauchst keinen Arzt. Du brauchst nur Zwiebeln. ”
„Rede mal“, lachte ich. Wir schlenderten weiter, und ich erzählte von dem Typen im WWIN-Store.
Er hatte mir seine persönliche Karte gegeben und gesagt, ich solle mich melden, falls ich irgendwas brauche. „Das ist verrückt. Die arbeiten dort wirklich gerne, glaube ich. Der Typ war komplett ausstaffiert mit WWIN-Kleidung, hatte fünfhundert Ketten um den Hals.
Und die waren nicht gesponsert, die hat er selbst gekauft. Der war wirklich voll dabei. ”
In der Ferne entdeckte ich einen Hund, der gemütlich über den Bürgersteig trottete. Ich zeigte in seine Richtung.
„Süß. Manchmal möchte ich Leute fragen, ob ich ihren Hund streicheln darf. Aber dann denke ich mir: Die werden das ständig gefragt, das nervt sie bestimmt. Also lasse ich es lieber.
”
Ich blieb stehen und sah auf meine Schuhe hinunter. Sie waren nicht besonders hoch, nur ein kleines Plateau. Aber für mein Knie war das heute nicht optimal. Trotzdem wollte ich nicht aufhören.
Nicht jetzt. Vor uns lag eine weitere Straße, gesäumt von Läden und Menschen. Ich holte kurz Luft. „Ja, ich ziehe das jetzt durch.
Und morgen geht’s zum Arzt. Aber erst genieße ich New York noch ein bisschen. ”
Der Schmerz zog leicht, aber ich ignorierte ihn. Der Tag war zu schön, um sich von einem lädierten Knie die Laune verderben zu lassen.
Wir liefen weiter, vorbei an Auslagen und Schaufenstern, und ich ließ den Blick über die Stadt schweifen. Der Dampf stieg weiter aus den Schächten, und die Sonne brach sich in den Fenstern der Hochhäuser. „Weißt du was? “, sagte ich irgendwann.
„Trotz des Knies und trotz der Tatsache, dass sie uns aus dem Laden geschmissen haben, bin ich froh, hier zu sein. Es gibt einfach nichts Vergleichbares. ”
Meine Begleitung nickte und lächelte. Wir gingen noch ein paar Schritte, dann blieb ich wieder stehen und griff nach meiner Tasche, um sicherzugehen, dass der Lipliner, der mir vorhin entfallen war, wieder sicher verstaut war.
Ja, da war er. Zusammen mit dem Dino-Anhänger, den ich mir dann doch gekauft hatte, bevor wir rausgeworfen wurden. Ein kleines Stück New York zum Mitnehmen. Ich grinste und hielt den Dino in die Kamera.
„Guck mal, was ich dabei habe. Den findet ihr bestimmt auch cool. ”
Der Chat tobte, und ich lachte. Das hier war ein guter Tag, trotz allem.
Und morgen, morgen würde ich mich um mein Knie kümmern. Aber heute war noch nicht morgen.