Mein Name ist Georg Steinbach, ich bin vierundsiebzig Jahre alt, pensionierter Major der Bundeswehr und seit vier Jahren Witwer. Meine Frau Elisabeth habe ich nach schwerer Krankheit verloren. Seitdem lebe ich allein in unserem Familienhaus in Lüneburg, jenem Haus, das ich vor fünfunddreißig Jahren fertiggestellt habe, in dem unsere Tochter aufgewachsen ist und das heute gut vierhunderttausend Euro wert ist. Ich erzähle die ganze Geschichte, weil Sie verstehen müssen, dass meine Entscheidung richtig war.

Nicht aus Bitterkeit. Aus Gerechtigkeit. Ich habe mein Leben lang geschuftet. Mit achtzehn ging ich zur Bundeswehr, diente zweiunddreißig Jahre, arbeitete mich vom einfachen Soldaten zum Major hoch.
Nebenbei machte ich eine Elektrikerlehre, besuchte abends Weiterbildungen. Danach arbeitete ich dreizehn Jahre als Sicherheitschef in einem Industrieunternehmen. Ich war niemals arbeitslos, niemals krankgeschrieben ohne triftigen Grund, und ich habe nie einen Cent vom Staat genommen, den ich nicht verdient hatte. Elisabeth und ich lebten bescheiden.
Unser einziger Luxus war eine achttägige Reise an die Ostsee, jedes Jahr derselbe Campingplatz. Neue Möbel gab es nur, wenn die alten vollständig kaputt waren. Mein Auto fuhr ich mindestens zehn Jahre, bis der TÜV mich freundlich bat, endlich ein neues zu kaufen. Aber alles, was wir sparten, investierten wir in unsere Tochter Angelika.
Private Grundschule, achthundert Euro im Monat, weil die staatliche Schule in unserem Viertel nicht gut genug war. Gymnasium mit Französisch und Latein, dazu zweihundert Euro monatlich für Nachhilfe. Klavierunterricht, Reitstunden, Tennisclub. Sie sollte alles haben, was andere Kinder hatten, und noch ein bisschen mehr.
Mit sechzehn wollte sie unbedingt ein eigenes Auto. Alle meine Freundinnen haben eins, Papa. Ich kaufte ihr einen gebrauchten BMW für fünfzehntausend Euro. Den Führerschein bezahlte ich mit zweitausend Euro.
Als sie nach dem Abitur studieren wollte, sagte ich: Such dir aus, was du möchtest, Geld spielt keine Rolle. Sie studierte sechs Jahre Betriebswirtschaft in München, und in diesen sechs Jahren überwies ich ihr monatlich zwölfhundert Euro, dazu Studiengebühren, die Kaution für ihre Wohnung, die komplette Einrichtung und ein Ersatzauto, als ihres in München den Geist aufgab. Sie war endlich fertig, mit mittelmäßigen Noten, aber fertig. Nur fand sie keinen Job.
Der Markt ist schwierig, Papa, ich brauche noch ein bisschen Zeit. Aus einem bisschen Zeit wurden acht Monate, in denen ich weiterzahlte, für eine erwachsene Frau, die ihre Tage mit Netflix und Freunden verbrachte. Dann lernte sie Torsten kennen. Ein netter Kerl, dachte ich damals.
Bankkaufmann, solider Beruf, höflich. Sie verliebten sich, zogen zusammen und heirateten zwei Jahre später. Natürlich bezahlte ich die Hochzeit, achtzehntausend Euro, nur einmal im Leben, Papa. Als sie mir eröffnete, dass sie schwanger war, freute ich mich ehrlich.
Elisabeth hatte davon geträumt, Großmutter zu werden, aber sie starb drei Monate bevor Julian geboren wurde. Wenigstens konnte ich ihr vor ihrem Tod erzählen, dass sie Großmutter werden würde. Es war eines der letzten Male, dass ich sie lächeln sah. Julian ist heute zwölf Jahre alt, ein kluger, aufgeweckter Junge.
Ich liebe ihn über alles. Aber seine Mutter hat sich in ein Monster verwandelt, das ich nicht mehr erkenne. Es begann schleichend. Erst kleine Bemerkungen: Papa, du könntest ruhig mal wieder was für Julian kaufen.
Dann direkte Forderungen: Die Waschmaschine ist kaputt, kannst du uns aushelfen? Dann Erwartungen: Julians Klassenfahrt kostet vierhundert Euro, du überweist das, oder? Nie ein Bitte, nie ein Danke. Nur Forderungen, als wäre ich eine Sparkasse mit Beinen.
Nach Elisabeths Tod wurde es schlimmer. Angelika begann offen zu rechnen. Papa, hast du eigentlich schon ein Testament gemacht? Man weiß ja nie.
Oder: Wie viel ist das Haus eigentlich wert? Rein interessehalber. Ich besitze neben dem Haus noch vierhundertdreißigtausend Euro auf verschiedenen Konten. Geld, das Elisabeth und ich fünfundvierzig Jahre lang zusammengespart hatten, für unseren Lebensabend.
Angelika wusste nicht die genaue Summe, aber sie wusste, dass da einiges zusammenkommen war. Die Besuche wurden seltener, die Anrufe häufiger. Immer ging es um Geld. Julians Nachhilfe, ein neuer Computer, die Autoreparatur, die Nebenkostenabrechnung.
Alles wurde zu meinem Problem. Und wenn ich einmal zögerte oder nachfragte, kam der Standardsatz: Papa, du bist doch reich, für dich ist das Kleingeld. Reich. Ich lebe von 1890 Euro Rente im Monat, in einem Haus, das zwar abbezahlt ist, aber monatlich vierhundert Euro Nebenkosten verschlingt.
Ich fahre einen zwölf Jahre alten Opel, kaufe beim Discounter ein, und mein letzter Urlaub liegt vier Jahre zurück. Aber das interessierte Angelika nicht. Für sie war ich nur noch der Alte mit dem Geld, der zu zahlen hatte und ansonsten nicht zu stören. Letzten Monat kam das Gespräch, das alles veränderte.
Torsten hatte seinen Job verloren. Eigene Schuld, wie ich später erfuhr, zu oft zu spät gekommen, zu oft schlampig gearbeitet. Angelika rief an: Papa, wir brauchen dreitausend Euro, sofort. Wofür denn?
Miete, Nebenkosten, Julians Schulgeld. Torsten sucht einen neuen Job, aber das dauert. Und was ist mit deinem Job? Stille.
Dann: Ich habe gekündigt. Gekündigt? Warum? Der Stress war zu viel.
Und außerdem, Julian braucht mich zu Hause. Julian war zwölf. Er brauchte niemanden zu Hause. Aber seine Mutter brauchte offensichtlich eine Ausrede, nicht arbeiten zu müssen.
Ich sagte, dreitausend Euro seien eine Menge Geld, und ich müsse wissen, wie ihre langfristigen Pläne aussähen. Ihr könnt nicht einfach beide aufhören zu arbeiten und erwarten, dass ich alles finanziere. Das Telefonat endete damit, dass Angelika schrie: Du bist so egoistisch, Mama hätte das verstanden. Dann legte sie auf.
Drei Wochen lang hörte ich nichts. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine Besuche. Als wäre ich gestorben. Bis letzten Sonntag.
Dritter Advent. Ich saß allein im Wohnzimmer, hörte Weihnachtsmusik und dachte an Elisabeth, an die Jahre, in denen wir gemeinsam den Baum geschmückt hatten. Dann klingelte es. Vor der Tür stand Angelika, nicht allein, mit Torsten und Julian.
Mein Herz machte einen Sprung. Vielleicht wollte sie sich entschuldigen. Vielleicht hatten sie endlich gemerkt, wie verletzend ihr Verhalten war. Hallo Papa, sagte sie kühl.
Wir müssen reden. Sie kamen herein, setzten sich ins Wohnzimmer. Julian umarmte mich kurz, aber ich spürte, dass er angespannt war, als hätte man ihm gesagt, er solle sich ordentlich benehmen. Angelika begann ohne Umschweife.
Thorsten und ich haben beschlossen, wir ziehen hier ein. Hier ein? In dein Haus. Es ist groß genug für uns alle.
Julian kann sein eigenes Zimmer haben, Thorsten das Arbeitszimmer als Büro nutzen. Und du brauchst doch sowieso nicht mehr so viel Platz. Ich starrte sie an. Das ist mein Haus.
Natürlich. Aber wir sind Familie, und Familie hilft sich. Torsten nickte eifrig. Wir könnten uns um dich kümmern, Georg.
Du wirst ja auch nicht jünger. Kümmern. Diese Menschen, die mich seit Monaten nur anriefen, wenn sie Geld wollten, wollten sich um mich kümmern. Und wenn ich Nein sage?
Angelika zuckte mit den Schultern. Dann müssen wir wohl oder übel das Haus verkaufen, um unsere Schulden zu begleichen. Wäre schade drum. Welche Schulden?
Torsten räusperte sich. Nun ja, die Kreditkarten sind etwas überzogen, und die Bank hat wegen der Hausrate schon gemahnt. Wie viel? Fünfundvierzigtausend Euro.
Mir wurde schwindelig. Fünfundvierzigtausend Euro, wofür? Ach, das eine und andere. Ein neues Auto, der Urlaub auf Mallorca, die neue Kücheneinrichtung.
Angelika winkte ab, als wäre es völlig normal, sich so zu verschulden. Ich stand auf, ging zum Fenster, atmete tief durch. Diese Leute, meine Tochter und mein Schwiegersohn, hatten fünfundvierzigtausend Euro für Luxus ausgegeben, den sie sich nicht leisten konnten. Und jetzt standen sie in meinem Wohnzimmer und erwarteten, dass ich sie rettete.
Wieder einmal. Wenn du die Schulden bezahlst, können wir hier einziehen und neu anfangen, als Familie. Als Familie. Das Wort kam mir bitter über die Lippen.
Und wo soll ich wohnen? Angelika lächelte kalt. Du kannst gern hier bleiben. Natürlich müssten wir uns das Haus teilen und gewisse Regeln aufstellen.
Was für Regeln? Keine Besucher ohne Absprache, keine laute Musik nach zwanzig Uhr, kein Fernsehen in der Küche während der Mahlzeiten. Und natürlich würdest du dich an den Haushaltskosten beteiligen. Ich drehte mich um und sah in drei Gesichter.
Torsten schaute verlegen auf den Boden. Julian sah aus, als würde er sich schämen. Aber Angelika sah mich an wie einen lästigen alten Mann, den man nur noch duldet. Und wenn ich Nein sage?
Jetzt kam der Moment, der alles veränderte. Angelika stand auf, kam zu mir, legte ihre Hand auf meine Schulter, nicht liebevoll, sondern besitzergreifend, und sagte mit einem Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:
Ach, Papa, seien wir doch ehrlich. Das schönste Geschenk, das du uns allen machen könntest, wäre, wenn du für immer gehst. Dann könnten wir endlich in Frieden leben.
Und Julian müsste sich nicht mehr schämen für seinen griesgrämigen Großvater. Die Welt blieb stehen. Julian riss die Augen auf, blickte zwischen seiner Mutter und mir hin und her. Torsten murmelte: Angelika, das war jetzt …
Aber sie unterbrach ihn.
Was denn? Es ist doch die Wahrheit. Papa hängt sowieso nur noch rum, ist schlecht gelaunt, geizt mit seinem Geld. Wir alle wären glücklicher, wenn er, na ja, ihr wisst schon.
In diesem Moment starb etwas in mir. Nicht mein Körper. Meine Seele. Das kleine Mädchen, das einmal auf meinen Schultern geritten war, das ich tausendmal in den Arm genommen hatte, wenn es Albträume hatte, das Papa ist der Beste gerufen hatte, wenn ich es vom Kindergarten abholte.
Dieses Mädchen war verschwunden. Vor mir stand eine fremde Frau, die mir den Tod wünschte. Ich nickte langsam. Ich verstehe.
Angelika strahlte. Super, dann können wir ja morgen anfangen, die Sachen zu regeln. Torsten hat schon einen Termin bei der Bank gemacht. Nein, sagte ich ruhig.
Das werdet ihr nicht. Wie bitte? Ich sagte, das werdet ihr nicht. Ihr werdet nicht hier einziehen.
Ich werde eure Schulden nicht bezahlen. Und ihr werdet nie wieder einen Cent von mir sehen. Angelika lachte, ein kaltes, spöttisches Lachen. Papa, sei nicht albern.
Du bist alt. Du brauchst uns. Und das Geld, das bekommen wir sowieso, wenn du stirbst. Ich ging zur Haustür.
Werden wir sehen. Ich wusste bereits genau, was ich tun würde. Am nächsten Morgen wachte ich um sechs Uhr auf. Angelikas Worte hallten in meinem Kopf nach.
Ich machte Kaffee und setzte mich an den Küchentisch, denselben Tisch, an dem aus einem süßen kleinen Mädchen eine gierige Frau geworden war, die ihrem eigenen Vater den Tod wünschte. Um acht Uhr rief ich meinen Anwalt an, Dr. Hartmut Weber, alten Freund aus meiner Zeit bei der Bundeswehr. Ich brauche deine Hilfe, sagte ich.
Ich muss mein Testament ändern. Komplett. Eine halbe Stunde später saß ich in seinem Büro und erzählte ihm alles. Wie meine Tochter mich jahrelang ausgebeutet hatte, wie sie mein Geld verschleuderte, und von Angelikas Besuch gestern, von ihren unglaublichen Worten.
Hartmut hörte aufmerksam zu. Als ich fertig war, schüttelte er den Kopf. Georg, es tut mir leid, aber rechtlich ist die Situation klar. Eine vollständige Enterbung ohne Pflichtteil ist nur in Extremfällen möglich.
Was sind Extremfälle? Schwere Beleidigung, Androhung von Gewalt, versuchter Mord. Inhumane Situationen. Ich dachte nach.
Sie hat gesagt, das schönste Geschenk wäre, wenn ich für immer gehe. Das ist doch eine Todesandrohung, oder? Hartmut nickte langsam. Das könnte reichen.
Vor allem, wenn wir Zeugen haben. Julian war dabei, und Torsten. Perfekt. Dann machen wir das so.
Vollständige Enterbung wegen schwerer Beleidigung und versteckter Todesandrohung. Das Erbe geht an Julian, aber erst, wenn er fünfundzwanzig wird. Und nur dann, wenn er bis dahin keinen Kontakt zu seiner Mutter hat. Falls er doch Kontakt hat, geht alles an wohltätige Zwecke.
Zwei Stunden später war alles erledigt. Testament geändert, notariell beglaubigt, hinterlegt. Angelika würde nichts erben. Absolut nichts.
Aber das war erst der Anfang. Als Nächstes fuhr ich zur Bank. Ich möchte alle meine Konten kündigen, sagte ich zu meinem Berater. Die vierhundertdreißigtausend Euro wanderten von der Sparkasse Lüneburg zur Deutschen Bank Hamburg, auf ein Konto, von dem Angelika nichts wissen würde.
Dann rief ich Julian an. Opa, schön, dass du anrufst. Mir tut das von gestern so leid. Ich unterbrach ihn sanft.
Du musst dich nicht entschuldigen. Du kannst nichts dafür, wie deine Mutter sich benommen hat. Aber sie hat so schlimme Sachen gesagt. Das stimmt.
Und deshalb möchte ich mit dir unter vier Augen sprechen, ohne deine Eltern. Könntest du morgen nach der Schule zu mir kommen? Klar, Opa. Aber wird Mama nicht sauer?
Das ist mein Problem, nicht deins. Kommst du? Ja, ich komme. Am nächsten Tag kam Julian nach der Schule.
Wir setzten uns ins Wohnzimmer, ich machte ihm einen Kakao. Dann sagte ich: Julian, ich habe beschlossen, deine Mutter zu enterben. Er wurde blass. Wegen dem, was sie gesagt hat.
Das war der letzte Tropfen. Aber dir zuliebe gebe ich ihr eine Chance. Sie soll sich entschuldigen und einen Job suchen. Das sage ich ihr.
Sie wird sich bestimmt entschuldigen. Falls sie es nicht tut, wirst du mein Alleinerbe. Aber nur unter einer Bedingung. Du darfst bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag keinen Kontakt zu deiner Mutter haben.
Julian schluckte. Aber sie ist meine Mama. Ja, und ich bin ihr Vater. Trotzdem wünscht sie mir den Tod.
Ich ging zum Fenster. Die Entscheidung liegt bei dir. Mein Enkel schwieg lange. Dann sagte er: Opa.
Mama ist nicht mehr wie früher. Sie schreit nur rum, ist immer schlecht gelaunt. Manchmal schäme ich mich für sie. Wo soll ich wohnen, wenn ich mich für das Erbe entscheide?
Bei meinem Bruder Klaus in München. Du könntest dort studieren, ein normales Leben führen. Julian ging an diesem Nachmittag sehr nachdenklich nach Hause. Ich wusste, dass er eine schwere Entscheidung zu treffen hatte.
Aber ich wusste auch, dass er klug genug war, die richtige zu treffen. Drei Tage später klingelte das Telefon. Angelika. Papa, Julian hat mir erzählt, was du vorhast.
Das ist völlig verrückt. Findest du? Du kannst mich nicht enterben. Ich bin deine Tochter.
Du warst meine Tochter, bis du mir den Tod gewünscht hast. Stille. Das war doch nur … Ich war aufgeregt. Das habe ich nicht so gemeint.
Ach nein. Und was hast du gemeint, als du sagtest, Julian müsse sich nicht mehr für seinen griesgrämigen Großvater schämen, wenn ich tot bin? Wieder Stille. Papa, bitte, lass uns reden.
Wie wäre es, wenn wir uns treffen? Gern. Aber nur unter einer Bedingung. Welcher?
Du entschuldigst dich aufrichtig, und du suchst dir einen Job. Angelika lachte bitter. Ein Job? Papa, ich bin fünfunddreißig.
Wer nimmt denn eine fünfunddreißigjährige Frau, die sechs Jahre nicht gearbeitet hat? Das ist dein Problem, nicht meins. Aber Papa …
Die Entscheidung liegt bei dir, Angelika. Entschuldigung und Job, oder kein Erbe.
Du hast eine Woche Zeit. Ich legte auf. Die Woche verging. Kein Anruf, keine Entschuldigung, nichts.
Stattdessen rief Julian an. Opa, Mama sagt, du bluffst nur. Sie sagt, kein Vater würde sein eigenes Kind enterben. Und was denkst du?
Ich denke, Mama kennt dich nicht so gut, wie sie glaubt. Kluger Junge. Am achten Tag rief ich Hartmut an. Es bleibt dabei.
Vollständige Enterbung. Verstanden. Soll ich Angelika schriftlich informieren? Ja, aber erst in drei Monaten.
Ich möchte vorher noch etwas anderes erledigen. Was ich erledigen wollte, war ein Plan, der Angelika zeigen würde, dass Respektlosigkeit Konsequenzen hat. Ich verkaufte das Haus. Vierhundertzwanzigtausend Euro.
Mit dem Geld kaufte ich eine schöne Wohnung in Hamburg für hundertachtzigtausend. Der Rest wanderte auf mein Konto. Insgesamt rund sechshundertsiebzigtausend Euro. Als ich Angelika mitteilte, dass das Haus verkauft war, rastete sie aus.
Du hast was getan? Ich habe mein Haus verkauft. Aber das war unser Erbe. Nein, es war mein Eigentum.
Papa, das kannst du nicht machen. Wir haben auf dieses Haus gezählt. Ihr habt darauf gezählt, dass ich sterbe. Das ist ein Unterschied.
Wo sollen wir denn wohnen? Das ist euer Problem, nicht meins. Angelika heulte, schrie, drohte sogar mit einem Anwalt. Aber was sollte ein Anwalt machen?
Ich hatte nichts Illegales getan. Ein Mann hat das Recht, sein eigenes Haus zu verkaufen. Drei Monate nach dem Hausverkauf erhielt Angelika den Brief von Hartmut. Vollständige Enterbung, notariell beglaubigt, rechtskräftig.
Ihr Schock war hörbar, als sie mich anrief. Papa, das ist nicht dein Ernst, oder? Doch, es ist mein vollster Ernst. Aber ich bin deine Tochter.
Warst du, bis du mir den Tod gewünscht hast. Sie weinte. Echte Tränen, zum ersten Mal seit Jahren. Aber es war zu spät.
Viel zu spät. Julian rief an diesem Abend an. Opa, Mama weint schon stundenlang. Sie tut mir leid.
Mir auch, Julian. Aber sie hat ihre Chance gehabt. Ich weiß. Und Opa, ich habe entschieden.
Ich komme zu dir. Und später zu Onkel Klaus. Bist du sicher? Ja.
Mama liebt nur das Geld. Du liebst mich. Heute, sechs Monate später, lebe ich in meiner schönen Wohnung in Hamburg. Julian besucht mich jeden zweiten Wochenende heimlich.
Seine Mutter weiß nichts davon. Er ist ein kluger Junge und versteht, dass manchmal schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen. Angelika musste ihr Haus verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen. Sie wohnt jetzt in einer kleinen Mietwohnung und arbeitet als Kassiererin im Supermarkt.
Ihr erster Job seit Jahren. Torsten hat endlich wieder Arbeit gefunden, als Lagerarbeiter. Sie leben bescheiden, müssen jeden Cent umdrehen. Genau wie Elisabeth und ich damals, als wir jung waren.
Vielleicht lernt Angelika jetzt endlich den Wert des Geldes kennen. Manchmal denke ich, ich hätte früher härter durchgreifen müssen, schon vor Jahren Grenzen ziehen sollen. Wahrscheinlich ja. Aber man lernt nie aus.
Als Angelika mir den Tod wünschte, dachte sie, sie hätte einen schwachen alten Mann vor sich. Stattdessen traf sie auf einen ehemaligen Bundeswehrmajor, der zweiunddreißig Jahre lang gelernt hat, schwierige Entscheidungen zu treffen. Das schönste Geschenk, das ich mir machen konnte, war nicht zu sterben, sondern zu leben. Ohne gierige, respektlose Menschen, die mich nur ausnutzen wollten, auch wenn es meine eigene Tochter war.
Julian wird mit fünfundzwanzig ein reicher Mann sein. Angelika hat eine Lektion gelernt, die längst überfällig war. Und ich genieße jeden Tag meiner neuen Freiheit.