Es ist eine der letzten erfolgreichen Offensiven der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg – und eine Schlacht, die in der Erinnerung beider Seiten nahezu ausgelöscht wurde. Im Februar 1945, als das Dritte Reich militärisch längst am Abgrund stand, die Ardennenoffensive gescheitert war und die Rote Armee Budapest eingekesselt hatte, befahl Adolf Hitler eine Operation, die strategisch kaum noch Sinn ergab, taktisch aber zu einem der blutigsten und zugleich verdrängtesten Siege des Krieges führen sollte: das Unternehmen Südwind am Fluss Gran in Ungarn.

Ausgangspunkt war ein gewaltiger sowjetischer Brückenkopf westlich des Gran, mitten in Ungarn. Auf einer Tiefe und Breite von jeweils rund zwanzig Kilometern hielten über 60. 000 Soldaten der Roten Armee, hunderte Panzer und eingegrabene T-34 hinter Kanälen und Schützengräben diese Stellung.
Von dort aus hätten sie jederzeit in die Flanke der geplanten deutschen Großoffensive stoßen können. Der deutsche Führungsstab war sich einig: Dieser Brückenkopf musste um jeden Preis beseitigt werden.
Um zu verstehen, warum diese sowjetische Stellung überhaupt existierte, muss man einige Wochen zurückblicken. Zum Jahreswechsel 1944/45 versuchten deutsche Panzerverbände verzweifelt, das eingekesselte Budapest zu entsetzen – das Unternehmen Konrad. Genau in diesem Moment starteten die Sowjets einen Gegenangriff, überquerten den Gran und stießen bis zu fünfzig Kilometer tief in deutsches Gebiet vor.
Das Ziel war klar: die deutschen Entsatzversuche stören und Budapest seinem Untergang überlassen.
Das Vorhaben gelang teilweise. Deutsche Gegenangriffe stoppten den Vormarsch und warfen die Sowjets zurück, doch ein erheblicher Brückenkopf blieb in ihrer Hand. Und dieser Brückenkopf war kein beliebiges Stück Land.
Er galt als perfektes Sprungbrett nach Wien. Die siebte sowjetische Gardearmee unter Generaloberst Schumow grub sich ein: sieben Schützendivisionen, ein mechanisiertes Korps als Reserve. Und die sowjetische Führung wusste, dass die Deutschen kommen würden.
Für die Zerschlagung dieses Brückenkopfes bot die Wehrmacht ihre besten noch verfügbaren Einheiten auf. Die achte Armee unter General Hans Kreysing erhielt zwei Panzerkorps. Die eigentliche Angriffsspitze aber bildete das erste SS-Panzerkorps unter Hermann Priess – bestehend aus zwei Divisionen, die jedem Geschichtsinteressierten ein Begriff sind: der Leibstandarte SS Adolf Hitler und der 12.
SS-Panzerdivision Hitlerjugend.
Beide Divisionen hatten gerade erst die Ardennen hinter sich, schwere Kämpfe und hohe Verluste erlitten, waren aber neu aufgefrischt und kampfbereit. Unter ihrem Kommando standen über 200 Panzer und Sturmgeschütze, darunter die gefürchteten Königstiger. Die schwere SS-Panzerabteilung 501 mit ihren Tiger II war der Leibstandarte zugeteilt: siebzig Tonnen Stahl, eine 88-Millimeter-Kanone.
Kein sowjetischer Panzer dieser Zeit konnte sie frontal durchschlagen. Diese Maschinen sollten in den kommenden Tagen eine entscheidende Rolle spielen.
Die Kampfgruppe, die den Hauptstoß führen sollte, stand unter dem Kommando eines Mannes mit zweifelhaftem Ruf: Jochen Peiper. Am 17. Februar 1945, um vier Uhr morgens, bei minus fünf Grad und klarem Himmel, eröffneten die deutschen Geschütze das Feuer.
Zwei Stunden lang hämmerte die Artillerie auf die sowjetischen Stellungen, dann rückte die Infanterie vor.
Die 44. Division Hoch- und Deutschmeister griff die Dörfer Für und Kürt an. Die sowjetische sechste Garde-Luftlandedivision hielt verbissen.
Anfangs lief es schlecht: Die deutschen Grenadiere gerieten unter vernichtendes Artilleriefeuer und erlitten schwere Verluste. Dann griffen die Königstiger ein. Was danach geschah, ist bezeichnend für diese ganze Operation.
Die sowjetischen 76-Millimeter-Geschosse prallten wirkungslos von der Frontpanzerung ab. Die Tiger rollten vor und neutralisierten eine Stellung nach der anderen.
Am Nachmittag erreichte die Division den Pariskanal, das erste große Wasserhindernis. Parallel dazu stieß die Kampfgruppe Hansen auf einen verstärkten Panzerabwehrriegel. Peiper befahl fünf Königstigern, auf einer Anhöhe Stellung zu beziehen.
Unter schwerem Beschuss, aber ohne einen einzigen Verlust, räumten sie den Weg frei.
Der zweite Tag brachte die Entscheidung am Pariskanal. Die Kampfgruppe Hansen erweiterte ihren kleinen Brückenkopf. Pioniere der Leibstandarte arbeiteten unter Feuer und schafften das Unmögliche: eine Brücke über den Kanal.
Bei den Kämpfen um den Übergang vernichtete allein die sechste SS-Panzergrenadierkompanie vier T-34. Minen verzögerten den Vormarsch, sowjetische Schlachtflugzeuge griffen an, aber nichts konnte die Deutschen aufhalten.
Am frühen Abend erreichte Peipers Kampfgruppe die Bahnlinie Gebelsche Nana, drei Kilometer nördlich von Muzsla. Das bedeutete: Der Brückenkopf war durchstoßen. Zeitgleich erzwang die 44.
Division einen weiteren Übergang weiter südlich. Die Hitlerjugend eroberte das Dorf Bart nach erbitterten Kämpfen. SS-Sturmbannführer Hermann Brand führte einen blutigen Sturmangriff.
Die Verteidiger der 72. Gardeschützendivision kämpften bis zuletzt, dann zogen sie sich zurück. Die Deutschen erbeuteten zwei kampffähige T-34, sechs schwere Haubitzen, dutzende Geschütze und achtzig Gefangene, darunter ein Oberst.
Die sowjetische Front begann zu bröckeln.
Am 19. Februar 1945 setzten die gepanzerten Kampfgruppen beider SS-Divisionen zum entscheidenden Stoß an. Sie wandten die Panzerkeiltaktik an: Königstiger und Panther an der Spitze, dahinter die Panzergrenadiere in ihren Schützenpanzern.
Alles, was sich in den Weg stellte – T-34, Pak-Stellungen, eingegrabene Infanterie –, wurde niedergewalzt. Am frühen Nachmittag erreichten die Waffen-SS-Panzerbesatzungen die Donau. Die südöstliche Ecke des Brückenkopfes war erreicht.
Die Männer in den Panzern blickten auf die Kathedrale von Esztergom am gegenüberliegenden Ufer. Es war ein psychologisch wichtiger Moment. Sie wussten: Der schwierigste Teil war geschafft.
Die Sowjets saßen jetzt in der Falle. Gleichzeitig überquerte eine Kampfgruppe der 711. Division die Donau von Esztergom aus und drang in Parkn ein.
Schwere Straßenkämpfe folgten, Panzer gegen Panzer in engen Gassen. Aber am Ende des Tages war der wichtigste Ort im Süden des Brückenkopfes in deutscher Hand. Für die Sowjets gab es nur noch einen Ausweg: die Brücken über den Gran.

Am 20. Februar lautete der Befehl: Vorstoß nach Norden. Dort hielt das vierte Garde-mechanisierte Korps noch immer Stellungen am Westufer des Gran.
Doch Peiper hatte ein Problem. Auf dem Ostufer stand eine gewaltige sowjetische Artilleriekonzentration. Ein Tagesangriff mit den leichter gepanzerten Panzer IV wäre Selbstmord gewesen.
Seine Lösung: Angriff in der Dunkelheit. Die Panzer rollten los, beleuchtet nur von Leuchtraketen und brennenden Fahrzeugen. Es war ein Höllenritt durch die Nacht.
Mehrere deutsche Panzer gingen verloren, aber der Weg nach Norden wurde geöffnet.
Die folgenden Tage brachten Nachschubprobleme und Umgruppierungen. Die Leibstandarte musste auftanken und nachmunitionieren. Das 25.
Panzergrenadierregiment der Hitlerjugend erhielt den Befehl, die Nordflanke anzugreifen. Doch in der Nacht vom 22. auf den 23.
Februar ging alles schief. Deutsche Einheiten erkannten einander nicht in der Dunkelheit und eröffneten gegenseitig das Feuer. Das zog sowjetische Artillerie auf sich.
Der Angriff steckte stundenlang im Niemandsland fest. Es war ein blutiger Fehler, aber er änderte nichts am Ausgang.
Am 24. Februar, zwei Uhr morgens, begann der finale Angriff. Die Deutschen wussten genau, was sie erwartete: Reste von zwei motorisierten Brigaden im Brückenkopf, erschöpfte, dezimierte Truppen, abgeschnitten vom Nachschub.
Ihr einziger Rückzugsweg führte über die Brücken bei Kamenín und Bíňa. Beide SS-Divisionen starteten einen konzentrischen Nachtangriff. Königstiger und Panther führten den Vormarsch an.
Im Sektor der Hitlerjugend kam es zu den härtesten Kämpfen entlang der Bahnlinie westlich von Bíňa. Die Sowjets hatten die Stellung massiv befestigt, aber die Panzer und Panzergrenadiere nutzten die Hauptstraße als Angriffsachse. Das Gelände fiel sanft zum Dorf ab – ein Vorteil für die Angreifer.
Bald war aller Widerstand gebrochen. Die Leibstandarte und die 46. Division stürmten auf Kamenín.
Heftige Kämpfe, dann fiel das Dorf. Die Sowjets sprengten die Brücke während ihres Rückzugs. Parallel eroberte das 25.
SS-Regiment Bíňa. Um zwölf Uhr mittags war das Dorf in deutscher Hand. Auch hier: Brücke gesprengt.
Um 8:30 Uhr hatte die Rote Armee ihre letzte Brücke über den Gran zerstört. Nach nur sechs Stunden schwerer Kämpfe war der Brückenkopf liquidiert. Um 17:20 Uhr sendete die achte Armee ihren Bericht an die Heeresgruppe Süd: Brückenkopf vollständig vernichtet.
Operation Südwind beendet.
Die Bilanz nach acht Tagen war für beide Seiten blutig. Die Sowjets verloren nach eigenen Angaben 8. 194 Mann an Toten, Verwundeten und Vermissten.
54 Panzer und Sturmgeschütze wurden zerstört, 459 Geschütze gingen verloren, davon 374 vom Kaliber 76 Millimeter oder größer. Die deutschen Verluste waren ebenfalls erheblich: 6. 471 Mann fielen, wurden verwundet oder gelten als vermisst.
Allein das erste SS-Panzerkorps verzeichnete fast 3. 000 Ausfälle. Etwa 130 Panzer und Jagdpanzer gingen verloren, die Mehrheit allerdings reparierbar.
Auf dem Papier war es ein Erfolg. Das operative Ziel – die Beseitigung der Bedrohung für die Flanke des Unternehmens Frühlingserwachen – war erreicht. Es war eine der letzten erfolgreichen deutschen Offensivoperationen des gesamten Krieges.
Doch der Sieg hatte einen Preis, der über die reinen Zahlen hinausging.
Die Sowjets hatten bemerkt, dass die SS-Panzerdivisionen in Ungarn waren. Kriegsgefangene bestätigten: Die Deutschen bereiteten eine große Offensive vor. Die sowjetische Führung passte ihre Verteidigung an.
Als das Unternehmen Frühlingserwachen wenige Tage später startete, traf es auf eine viel besser vorbereitete Verteidigung. Die Offensive scheiterte. Das erste SS-Panzerkorps wurde zurückgeworfen.
Der Rückzug führte über Österreich bis zur Kapitulation im Mai.
Der Sieg am Gran ist vergessen, überschattet von der Niederlage bei Frühlingserwachen und dem anschließenden Zusammenbruch. Die sowjetische Geschichtsschreibung ignorierte diese Niederlage. Die deutsche konzentrierte sich auf die größeren Katastrophen.
Dabei zeigt das Unternehmen Südwind die taktische Kompetenz der deutschen Panzerverbände selbst in der Endphase des Krieges: die Koordination zwischen Infanterie und Panzern, der geschickte Einsatz der Königstiger, die Überwindung zahlreicher Wasserhindernisse. Es war Führungskunst auf hohem Niveau.
Gleichzeitig offenbart diese Operation die tragische Sinnlosigkeit der letzten deutschen Offensiven. Die Verluste konnten nicht ersetzt werden. Die Ölfelder bei Nagykanizsa fielen trotzdem.
Tausende starben für Ziele, die innerhalb weniger Wochen bedeutungslos wurden.
Der Gran fließt heute friedlich durch die slowakisch-ungarische Grenzregion. Park heißt jetzt Štúrovo. Die Veteranen beider Seiten sind gestorben.
Was bleibt, sind die Dokumente und die Erkenntnis, dass auch in den letzten Monaten eines verlorenen Krieges tausende Männer mit äußerster Entschlossenheit für Ziele kämpften, die längst unerreichbar waren.
