Es ist der 26. April 1945, irgendwo zwischen Kerich und Groß Eichholz an der Oderfront. Ein Artillerist blickt auf das, was von seiner Batterie übrig geblieben ist – auf zerstampfte Pferde, zerrissene Menschen, Bombentrichter mitten auf der Straße.
„Dieses Elend, dieses Verfluchte“, sagt er leise. Es ist die Stimme eines Mannes, der den Untergang einer ganzen Armee aus nächster Nähe erlebt hat.
Der Bericht, der jetzt aus den letzten Tagen eines deutschen Artilleristen an der Oderfront 1945 bekannt wird, schildert den Zusammenbruch der deutschen Verteidigung zwischen Frankfurt und Berlin in schonungsloser Klarheit. Der anonyme Soldat beschreibt, wie seine Einheit buchstäblich bis zum letzten Schuss kämpfte – und dabei erlebte, wie Befehle, Stumpfsinn und Treibstoffmangel mehr Menschen töteten als der Feind.
„Wir schossen schon auf 1100 Meter. Der Russe kam immer näher. Das war kein Gefecht mehr, das war ein Sterben auf Raten.
“ So beginnt der Bericht, der die letzten Wochen vor dem 28. April 1945 umfasst. Die Finger des Erzählers seien taub gewesen vom vielen Abfeuern.
Der Frühling 1945 habe nicht nach Blumen gerochen, sondern nach Qualm, verbranntem Stahl und Angst.
Im Zentrum der Schilderung steht ein Ereignis, das sich bei der Försterei Buschschleuse zugetragen haben soll. Ein Unteroffizier namens Fairmann sei zur Beobachtung vorgegangen, plötzlich sei der Funkkontakt abgerissen. „Er kam zurückgerannt und hinter ihm die russischen Panzer.
“ Die Batterie habe geschossen, dass die Rohre glühten. 150 Meter vor der Stellung tauchten die T34 auf. Der erste Schuss – ein Treffer.
Ein Panzer brannte lichterloh, doch die Granaten der Russen zerfetzten die Baumkronen der Fichten über den deutschen Stellungen. Splitter pfiffen um die Köpfe. Die Infanterie neben ihnen setzte sich ab und rannte vorbei.
„Wir waren plötzlich ganz allein mit diesen Stahlkolossen. “
Dann zog sich der Russe zurück. Ein einzelner Panzer schoss noch einen RSO-Lastwagen kaputt. Zwei Kameraden fielen.
Danach, so der Erzähler, sei es „totenstill“ gewesen. Ein Ritterkreuzträger der Waffen-SS habe später dem Batteriechef seine Anerkennung ausgesprochen. Nur diese Batterie habe den Rückzug über die Kanalbrücken ermöglicht.
„Das war für uns ein seltsamer Trost. “
In der folgenden Nacht ereignete sich, was den Erzähler bis heute nicht loslässt. Ein Teil der vierten Batterie wollte über die Sandforbrücke. Sie wurden von einem russischen Stoßtrupp überfallen.
Einige Soldaten sprangen mit voller Ausrüstung in den Kanal. „Sie ertranken einer nach dem anderen, weil sie ihre Stiefel und Mäntel nicht mehr ausziehen konnten. “ Ihre Geschütze jedoch brachten sie heil herüber.
Der weitere Rückzug führt über die Buschschleusenbrücke nach Neubrück. Dort fluteten die Straßen von Truppen. Kein Durchkommen.
Die Besatzung von Frankfurt, Frauen, Kinder, Greise, völlig erschöpft mit Kinderwagen und Handkarren voller Habseligkeiten. „Ihr Elend war unbeschreiblich. “ Der Treibstoff war längst knapp.
Bei Rassmannsdorf kamen sie gerade noch in Stellung, dann hatten sie keinen Tropfen Sprit mehr. Nur Diesel war noch da – aber die Motoren fraßen keinen Diesel.
Die Russen hatten den starken Verkehr durch Flieger aufgeklärt und beschossen nun Neubrück mit schwerer Artillerie. Zwei Stunden in Stellung, dann kam der nächste Befehl: weiter nördlich in den Raum Sauen. Der Chef fuhr voraus.
In der Dunkelheit führte der Erzähler die Batterie nach Sauen. Auf einer Lichtung bei einem Försterhaus gingen sie in Stellung. Die ganze Abteilung lag nun versammelt.
Nach einem heißen Kaffee schliefen sie wie die Toten, direkt auf dem Fußboden des Försterhauses. Draußen war es ruhig – „aber wir wussten, es war nur die Ruhe vor dem Sturm“.
Der 23. April 1945 war ruhig. Man erzählte sich, dass der Russe schon in der gestrigen Stellung sei.
Der Erzähler lief etwa fünf Kilometer, um Verbindung mit der Infanterie aufzunehmen. Aber alles war still, fast unheimlich still. Kein Schuss, kein Motorengeräusch.
Die Nacht war eisig kalt. Er schlief in einem behelfsmäßigen Bunker ohne Essen, ohne Trinken. „Ich fror wie ein Schneider.
“
Dann kam der 24. April. Die Sonne brachte endlich Wärme.
Gegen 17 Uhr bekam er den Befehl zum Stellungswechsel. Mit dem Nachrichten-PKW fuhr er zurück in die Feuerstellung. Überall am Weg sah er Flüchtlinge mit Fahrrädern, Handwagen und Pferdewagen, die nach rückwärts strömten.
„Welches Elend dieser Krieg über unser Volk gebracht hat. Ich könnte manchmal heulen, wenn ich die Babys so verkommen auf den Fahrzeugen sehe. “ Die Zivilisten, größtenteils Frauen, warfen alles fort, um nur schnell genug nach hinten zu kommen.
Fotoalben, Kochtöpfe, Bettwäsche – einfach auf die Straße, nur um das Gewicht zu reduzieren.
In der Dunkelheit zogen sie zurück, um der Einkesselung zu entgehen. Südlich des Schamützelsees wollten sie wieder in Stellung gehen. Sie sollten den Russen aufhalten, bis alle Truppen am See versammelt waren.
Die Fahrt ging durch Görzig, Rietsnevendorf, Großriz, Birgholz, Borno, Bucko, Lindenberg, Arensdorf nach Berensdorf. Ein endloser Tross. Am Dorfeingang fuhren sie rechts in einen Waldweg.
Über ihnen brummten die „verdammten Nähmaschinen“, wie sie die russischen Flugzeuge nannten. Sie warfen Bomben, oft dicht und viele. Ein Splitter verwundete den Offizier Quiser am Bein.
Am 25. April blieben sie den ganzen Tag in Stellung. Neben ihnen lag die sechste Batterie.
Der Erzähler brauste auf einem Krad in der Gegend umher, um die Geschütze der Abteilung zu suchen. Sie hatten eines stehen lassen. Die vierte Batterie vier, die sechste keines.
Alles wegen Brennstoffmangels. „Keines hätte stehen bleiben müssen. Aber die Lage war aussichtslos.
“ Starke russische Bomberverbände flogen ständig über sie hinweg und weiter nach Berlin, wo sie inzwischen eingedrungen sein sollten. Der Führer selbst verteidigte Berlin, hieß es. „Aber an diesem Tag erkannte ich, dass der Krieg verloren war.
“
Die folgende Nacht blieben sie noch. Der Erzähler schlief wieder im Freien auf dem kalten Boden mit dem Stahlhelm als Kopfkissen. Am 26.
April räumten sie die Stellung. Zwei Geschütze und alle Fahrzeuge, die sie nicht brauchten, wurden zum Tross geschickt, um Zugmittel für die übrigen zu haben. Die Straße führte nach Kerich und Groß Eichholz.
Dort sahen sie die Zerstörung. Gewaltige Bombentrichter mitten auf der Straße. Die Bomben hatten furchtbar zwischen den zurückflutenden Flüchtlingen und Transportkolonnen gewütet.
Pferde, Kanonen, Menschen und Wagen waren zur Unkenntlichkeit zerstampft worden.
„Dieses Elend, dieses Verfluchte, so etwas hatten wir bisher nur in Russland von eigenen Fliegern gesehen, aber nun waren es die russischen Flieger, die genaue Arbeit gemacht hatten. “ Sie suchten vergeblich nach einer neuen Stellung und blieben schließlich auf der Straße stehen. In der Nacht sollte die Batterie nachziehen.
Die Geschütze trafen in den dunklen Morgenstunden des 27. April ein. Zwei eigene U88 warfen in der Dunkelheit noch Versorgungsbomben ab.
„Was für ein Irrsinn, auf dem eigenen Rückzugsgebiet noch Material abzuwerfen. “
Neben ihnen auf einem Feld lagen etwa 40 Stück Vieh, von Bomben und Bordwaffen der Rotzer getötet. Beine, Köpfe und Eingeweide lagen getrennt und verstreut herum. „Ein grausiges Bild, das ich mir für immer eingebrannt hat.
“ Die Batterien der Abteilung kamen langsam angezuckelt. Kein Sprit, keine Nachrichtenverbindung, keine Geschütze, keine Männer. Nichts war mehr vorhanden.
Hier am Waldrand legten sie sich lang und schliefen sich aus.
Kurz vorm Mittag bekamen sie tatsächlich noch einmal Sprit. Sie fuhren durch Groß Eichholz in den Wald nach Westen. Etwa einen Kilometer westlich des Dorfes gingen sie in Stellung.
Leichte Feldhaubitzen und eine schwere Feldhaubitze bildeten eine riesige Batterie. Der Erzähler wurde als Vorgesetzter für die Nachrichtenverbindung eingeteilt, weil der richtige Mann fehlte. Pausenlos waren die russischen Schlachtflieger über ihnen und suchten und fanden.
Sie fanden sie nicht, aber ihre Panzer. 20 Königstiger standen dort für den Ausbruch aus diesem Kessel bereit. Die Flieger nahmen sich alles vor, was sie sahen.
Jeden Infanteristen, jeden Wagen.
Die Munition war so knapp wie nie zuvor. Sechs Schuss pro Batterie lagen noch da. „Nette Aussichten für den Tag.
“ Gegen 15 Uhr schoss sich eine russische schwere Batterie auf sie ein. Die Granaten lagen immer enger. Auch die Schlachtflieger hämmerten mit ihren Bordkanonen in die Stellung.
Es wurde langsam lebensgefährlich. Der stellvertretende Kommandeur befahl dem Erzähler, weiter rückwärts eine Stellung für die Abteilung zu suchen. Er musste den vielbenutzten Weg entlang.
Mehrmals zischten Granaten und Kugeln so dicht und unerwartet an ihm vorbei, dass er keine Zeit mehr hatte, in Deckung zu gehen.
„Der Schweiß klebte mir die Kleider an den Leib, die Maschinenpistole in der Hand, den Stahlhelm schief auf dem Kopf, eine Zigarette im Mund – war es mir in diesem Moment ganz gleich, ob ich getroffen wurde oder nicht. Eine seltsame Gleichgültigkeit überkam mich. Ich wurde nicht getroffen.
“ Nach einigem Suchen fand er eine wunderbare Stellung und konnte ungefährdet die ganze Abteilung in den Raum zurückziehen. Dort wurden sie nicht mehr behelligt. In der Nacht regnete es sehr stark mit Gewitter.
Sie schliefen recht unbequem, aber wenigstens trocken im Chefwagen.
Am 28. April, in den frühen Morgenstunden, machten sie erneut Stellungswechsel. Sie marschierten etwa sechs Kilometer zur IV.
Abteilung. In einem schmalen Waldweg zogen sie sich seitlich unter. Die Munition wurde an die IV.
Abteilung abgegeben und die Geschütze wurden unbrauchbar gemacht. Die Rundblickfernrohre und Verschlüsse vergruben sie im Waldboden. Die Fahrzeuge wurden ebenfalls zerstört, die Kühler zerhackt, die Reifen zerschnitten, der Sprit lief in den Sand.
Alles außer Verpflegung und Waffen wurde vergraben.
Es regnete, und das war ihr Glück. Jeder Schuss in diesen engen Kessel hätte sie alle getötet. Die Flieger konnten ihnen im dichten Wald nichts anhaben.
Von 17 bis 20 Uhr hämmerten pausenlos die Geschütze der IV. Abteilung und die Nebelwerfer auf die Stellungen der Russen. Der Feind musste allein durch dieses Trommelfeuer weich werden.
Dann fassten sie Verpflegung für vier Tage, und um 22 Uhr ging es los. Über eine Brücke, die die Dame überquerte, schoben sich die Massen der Ausbrechenden, tausende in einem wilden Strom. Jeder wollte nach Westen.
Alles schrie durcheinander, um sich nicht zu verlieren.
Vorn war starker Gefechtslärm. Die Vierlingsflak schoss aus allen Rohren. Die Leuchtspur der Maschinenwaffen erhellte die zwei Stunden vor Mitternacht.
Es war der Beginn des letzten Weges, ein Weg voller Angst, aber auch voller Hoffnung, diesem Kessel zu entkommen. „Und während wir da in der Dunkelheit standen und den Lärm hörten, wusste ich nur eines. Wir waren nicht mehr Teil einer Armee.
Wir waren nur noch Überlebende, die nach Hause wollten. “
Der Bericht endet hier. Er ist ein Zeugnis vom Zusammenbruch der deutschen Oderfront im April 1945, von der Auflösung militärischer Ordnung, vom Leiden der Zivilbevölkerung und von der Gleichgültigkeit, die Menschen in aussichtsloser Lage ergreift. Historiker ordnen die Schilderungen in den Kontext der Kämpfe um den Oderbruch und den Kessel von Halbe ein, wo sich im April 1945 zehntausende deutsche Soldaten und Flüchtlinge befanden.
Die genauen Umstände der Aufzeichnung sind unklar. Die Schilderung selbst aber spricht für sich – in ihrer Nüchternheit, ihrer Verzweiflung und ihrer ungeschönten Erinnerung an das Ende.
