Ich saß mit kaltem Kaffee in diesem leeren Café, als mein Vater sagte: „Ich geh dann mal.” Einfach so, wie er es immer tat, wenn es Streit gab. Ich war acht, und er fuhr weg, ohne sich umzudrehen….

Ich saß mit kaltem Kaffee in diesem leeren Café, als mein Vater sagte: „Ich geh dann mal." Einfach so, wie er es immer tat, wenn es Streit gab. Ich war acht, und er fuhr weg, ohne sich umzudrehen....

Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man einfach nur dasitzt und keinen Plan hat, was als Nächstes kommt. Ich meine, wir waren doch gerade noch vor einer Stunde irgendwo und jetzt hängen wir hier rum. Der Kaffee ist kalt geworden, meine Hände auch, und irgendwie will ich einfach nur noch nach Hause. Aber das Wichtigste ist erstmal die Sache mit den Löchern.

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Ich habe meine Jacke angezogen und war kurz verwirrt. So, wo sind meine Ärmel, wo sind meine Finger? Und dann stelle ich fest, es gibt gar keine Löcher für die Hände, sondern nur so eine komische Tasche, über die man die Arme drüberstülpt. Also richtig hochgezogen, wie so ein Kapuzenpulli ohne durchgesteckte Daumen.

Und ich nur so: Das ist einfach nur eine beheizte Decke mit Ärmeln. Mein Leben ist an diesem Punkt angekommen. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um hier in der Stadt einen Kaffee zu holen, aber ehrlich gesagt, der Laden ist komplett leer. Kein Mensch da.

Und ich warte. Ich stehe da, warte und werde einfach nicht bedient. Ich habe schon zwei Leuten irgendwelche Becher in die Hand gedrückt, weil ich dachte, vielleicht brauchen die Hilfe. Aber nein, die schauen mich nur komisch an.

Ich glaube, ich habe da etwas falsch verstanden. Aber ich will einfach nur meinen heißen Kaffee. Muss das so schwer sein? Ich wollte dann auch direkt was Süßes, aber ich muss noch an eine Snackbox für Franzi denken.

Ich habe noch den Sangria von Barcelona zu Hause, den wollte ich ihr eigentlich geben. Aber wir haben nichts auf dem Flohmarkt gekauft. Ich muss noch zu Target oder Walmart, um ein paar Snacks zu holen. Aber hier in der Stadt soll der Target nicht so gut sein, habe ich gehört.

Warum? Keine Ahnung, einfach anders. Vielleicht so ein New-York-Ding. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich auch nicht.

Hauptsache, ich finde Cheetos. Endlich komme ich dran. Ich bestelle einen Toast Coconut Latte und einen Kaffee mit Hafermilch. Der Typ hinter der Theke schaut mich an, so als hätte ich ihn gefragt, ob er mir einen Job geben kann.

Aber egal. Ich nehme mein Getränk, stelle mich etwas abseits hin und wärme mir die Hände daran. Es ist wirklich kalt heute. Ich friere mir einen ab.

Ich habe mich schon wieder falsch angezogen. Es ist so anstrengend, sich hier richtig zu kleiden. Entweder ist es morgens kalt und mittags warm oder andersrum. Ich gebe auf.

Während ich so dastehe, unterhalten wir uns über die Schule. Ich erzähle, dass ich früher in der Schule immer Kopfschmerzen hatte. Und nicht nur ein bisschen, sondern richtig. Fast jeden Tag.

Bei uns in der Schule gab es einen großen Schadstoffvorfall. Das ist zwar schon ewig her, aber damals, als ich in der fünften bis zehnten Klasse war, ist das passiert. Es hat eine Weile gedauert, bis das rauskam, und viele Lehrer sind krank geworden. Krebs.

Einige sind daran gestorben. Ich weiß noch, mein Musiklehrer, bei dem ich Klarinette gelernt habe, konnte ich die Noten nicht richtig lesen, deshalb habe ich aufgehört. Aber der hatte dann irgendwann während des Unterrichts einen Schlaganfall und ist tatsächlich gestorben. Einfach so, im Klassenzimmer.

Das ist so krank. Das ist traumatisierend. Ich meine, wir waren doch noch Schüler, und dann so etwas. Mein Beileid.

Das ist echt traurig. Irgendwann müssen wir ja alle gehen, aber wenn es so plötzlich passiert, ohne dass man sich richtig verabschieden kann, das ist schon heftig. Ich überlege gerade, ob es überhaupt etwas bringt, sich zu verabschieden, wenn jemand stirbt. Ich meine, ich war nicht bei meinem Uropa, als er gegangen ist.

Ich habe mich zwar um ihn gekümmert, als er pflegebedürftig wurde, aber in dem Moment, als es dann soweit war, war ich nicht da. Und das werfe ich mir bis heute vor. Ich weiß, eigentlich sollte ich mir da keinen Vorwurf machen, aber es ist trotzdem schwierig. Ich hasse es, wenn man im Streit auseinandergeht oder einfach geht, ohne sich zu verabschieden.

Früher war mein Vater so. Wenn es Streit gab, ist er einfach weggefahren. Einfach abgehauen. Das war echt beschissen.

Man sollte nie im Streit das Haus verlassen, sage ich immer. Aber manchmal, wenn sich alles so hochschaukelt, muss ich mich auch erstmal aus der Situation entziehen. Nur kurz durchatmen. Aber wichtig ist, dass man danach wieder miteinander redet.

Wir schlendern weiter durch die Straßen. Es schüttet ein bisschen, und die Stadt sieht dadurch irgendwie ein bisschen trostlos aus. Ich bin ja eigentlich kein Fan von solchem Wetter, das macht die ganze Stimmung ein bisschen grau. Aber egal.

Wir haben uns auch schon wieder über das Essen hier unterhalten. Ich meine, schau dir die Farben in diesen ganzen Snacktüten an. Da sind ja mehr Chemikalien als Inhalt. Aber als ich das sage, muss ich selbst lachen, weil ich weiß, wie dumm das klingt.

Ich meine, alles besteht aus Chemie. Wir bestehen auch daraus. Ich will damit nicht das Essen hier in Schutz nehmen, aber du musst dich schon fragen, gegen welche Chemikalie du genau etwas hast. Wenn du mir jetzt sagen würdest, du hast ein Problem mit bestimmten Farbstoffen, okay.

Aber nur zu sagen, da sind Chemikalien drin, das ist eine nichtsaussagende Aussage. Damit will ich sagen, bevor du irgendwas verteufelst, solltest du wissen, wovon du redest. Ich habe gerade an mich gehalten, ich muss langsam weiter. Aber vorher gucke ich noch kurz nach der Jacke, weil ich immer noch verwirrt bin von den Löchern.

Und dann sehe ich, dass da wirklich Kokosmilch in meinem Kaffee ist. Ich rufe laut rüber: Hast du mir Kokosmilch reingemacht? Er so: Nee, ist ein Toasted Coconut Latte. Ach so.

Na gut, dann ist das so. Der ist bestimmt arschsüß, aber egal. Der Kaffee hier schmeckt sowieso immer ein bisschen süß. Eigentlich habe ich es gerne etwas herber, aber heute ist das okay.

Er fühlt sich an wie eine warme Umarmung in einem Becher, und danach habe ich mich jetzt ein bisschen gesehnt. Als ich so dasitze und schlürfe, kommen wir auf den Chat zu sprechen, den ich vorhin bekommen habe. Da war irgendwas mit einer Nachricht von einer fremden Person. Ich habe sie kurz überflogen, aber ich wusste sofort, dass da nichts Gutes bei rumkommen würde.

Es geht ja immer um dasselbe. Du weißt schon, dieses ewige Hin und Her mit den Leuten, die einen nicht in Ruhe lassen können. Voll anstrengend. Manche Leute haben echt nichts Besseres zu tun.

Da grätscht man einmal nett und schon ist man der Depp. Ich halte mich da jetzt raus, sage ich mir, aber irgendwie hat mich das trotzdem beschäftigt. Aber nur kurz, dann ist mir wieder eingefallen, dass ich eigentlich nur meinen Kaffee austrinken will, bevor er kalt wird. Wir quatschen noch ein bisschen weiter, dieses lockere, belanglose Zeug, das man so erzählt, wenn man die Zeit überbrücken will.

Irgendwann fällt mir ein, dass ich diese komische Jacke immer noch anhabe und dass es jetzt doch kuschelig warm ist. Vielleicht ist das ja doch nicht so doof, die ganze Zeit mit diesen beheizten Ärmeln rumzulaufen, wenn man bedenkt, wie kalt es draußen ist. Ich muss ein bisschen lachen, weil ich mich wie ein wandelnder Schlafsack fühle. Aber egal, Hauptsache warm.

Ich überlege, ob ich Franzi noch eine Sprachnachricht schicken soll, um zu fragen, ob wir uns später treffen wollen. Aber ich weiß nicht, ob ich heute noch Nerven für Menschen habe. Eigentlich würde ich mich am liebsten einfach nur hinsetzen und nichts mehr tun. Der Tag war irgendwie komisch.

Nicht schlecht, aber seltsam anstrengend. Und dieser Kaffee, der mir gerade noch so gut getan hat, ist jetzt schon fast leer. Ich nehme noch einen letzten Schluck und schaue dann auf das schmutzige Fenster, an dem der Regen runterläuft. Draußen schreien irgendwelche Leute, aber das ist hier normal.

Ich kenne das schon, diese Stadt ist einfach immer laut. Manchmal frage ich mich, ob die Leute überhaupt merken, wie sie rumschreien. Vielleicht ist das hier einfach deren Art. Ich meine, mir soll es egal sein, aber ich kann es mir nicht abgewöhnen, bei jedem lauten Geräusch aufzuschauen.

Einfach so ein Reflex. Und irgendwie hat mich das an die Geschichte von früher erinnert, als meine Klassenkameradin einen Anfall im Unterricht bekommen hat. Das war schlimm. Sie hatte Epilepsie und keiner wusste sofort, was passiert.

Ich glaube, das war sogar in einer Schule, wo ich später war. Es ist immer wieder schockierend, wenn man so etwas aus der Nähe mitbekommt, vor allem als Kind. Ich halte kurz inne. Meine Freundin sieht mich an und sagt: Okay, ich glaube, wir sollten das Thema wechseln, das ist mir gerade zu traurig.

Stimmt, sage ich, du hast recht. Wir müssen nicht ewig in der Vergangenheit schwelgen. Lieber schaue ich nochmal auf meine Jacke und wundere mich über das Taschen-Design. Ich zeige darauf und sage: Siehst du, deshalb mag ich diese Jacke, die hat diese eingebauten Handschuhe, aber es sind keine Löcher dran, sondern nur dieser Steg, durch den man den Daumen machen kann.

Sie schaut sich das an und nickt. Ja, aber die sind schon praktisch, sagt sie. Ich nicke und überlege, ob das jetzt ein konstruktives Gespräch war. Egal, es ist vorbei.

Ich stehe vom Stuhl auf, drehe mich kurz um und werfe den leeren Becher in den Mülleimer. Ich trete einen Schritt zurück und bemerke, dass ich schon wieder diese bescheuerte Jacke anhabe, die mich wie einen kleinen dicklichen Astronauten aussehen lässt. Ich ziehe den Reißverschluss noch etwas höher und spüre die Wärme an meinem Kinn. Ich glaube, ich umarme mich selbst ein bisschen, ohne dass es jemand merkt.

Vor mir liegt eine lange Straße, aber ich muss jetzt nicht mehr so viel erledigen. Nur noch eine Kleinigkeit zum Mitnehmen für zu Hause, dann bin ich fertig. Ich frage: Soll ich dir noch einen Kaffee auf dem Heimweg mitbringen? Sie schüttelt den Kopf: Ach, ich trink jetzt nichts mehr.

Ich schwöre, mein Kopf ist schon wieder ganz schwer. Ich nicke und denke, ja, das kenne ich. Zu viele Gedanken auf einmal, zu viel Gerede, zu viele Chemikalien im Kopf. Aber wenigstens hatte ich ein paar warme Hände und einen süßen Kaffee, der mich daran erinnert hat, dass dieser Tag vielleicht doch nicht so verloren ist, wie er angefangen hat.

Und dann laufen wir einfach los, in den Regen hinein, weil man irgendwann einfach weiterlaufen muss.