Stalingrad: Das unvorstellbare Leid der Kriegsgefangenen nach der Kapitulation – Von 91.000 Soldaten kehrten nur 6.000 zurück, während Hunger, Kälte und Krankheiten ihre Überlebenschancen auf ein Minimum reduzierten und die Hölle der Gefangenschaft zur grausamen Fortsetzung der Schlacht wurde.

Stalingrad: Das unvorstellbare Leid der Kriegsgefangenen nach der Kapitulation – Von 91.000 Soldaten kehrten nur 6.000 zurück, während Hunger, Kälte und Krankheiten ihre Überlebenschancen auf ein Minimum reduzierten und die Hölle der Gefangenschaft zur grausamen Fortsetzung der Schlacht wurde.

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Es ist eine der dunkelsten und zugleich am wenigsten beachteten Episoden des Zweiten Weltkriegs: Von den 91. 000 deutschen Soldaten, die nach der Kapitulation von Stalingrad im Februar 1943 in sowjetische Gefangenschaft gerieten, kehrten nur etwa 6. 000 in ihre Heimat zurück.

Das entspricht einer Überlebensrate von weniger als sieben Prozent. Während die Schlacht selbst mit ihrer enormen Opferzahl und dem Untergang der 6. Armee in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist, blieb das Schicksal jener Männer, die den Kessel überlebten und anschließend in die Hände der Roten Armee fielen, über Jahrzehnte hinweg weitgehend im Schatten der Geschichte.

Der Kessel von Stalingrad war im Winter 1942/43 geschlossen. Bei Temperaturen von minus 30 Grad und darunter warteten mehr als 270. 000 deutsche und verbündete Soldaten an der Wolga auf das Ende.

Als Generalfeldmarschall Friedrich Paulus am 31. Januar 1943 im Südkessel kapitulierte und zwei Tage später auch der Nordkessel unter General Karl Strecker die Waffen niederlegte, begann für die Überlebenden kein Frieden, sondern ein neues Kapitel des Schreckens.

Der Zustand der deutschen Soldaten bei der Kapitulation war verheerend. Monatelang hatten sie im Kessel ausgeharrt, die Versorgung war vollständig zusammengebrochen. Die tägliche Brotration war auf 200 Gramm gesunken, dazu gab es nur wässrige Suppen aus Schnee und etwas Fett.

Viele litten an schweren Erfrierungen, an unbehandelten Verwundungen und am Fleckfieber, das von Läusen übertragen wurde und sich bereits vor der Kapitulation in den deutschen Stellungen ausgebreitet hatte.

Körperlich waren diese Männer am absoluten Ende. Manche wogen nur noch 40 Kilogramm. In diesem Zustand sollten sie überleben, was nun folgte.

Die Rote Armee war auf diese Masse an Gefangenen überhaupt nicht vorbereitet. Die sowjetische Führung hatte geschätzt, dass vielleicht 90. 000 Mann eingeschlossen waren.

Die tatsächliche Zahl lag mehr als doppelt so hoch. Es fehlte an allem: an Unterkünften, an Nahrung, an medizinischer Versorgung.

Erschwerend kam hinzu, dass die deutsche Luftwaffe im Vorfeld systematisch die Bahnhöfe im sowjetischen Hinterland zerstört hatte. Ausgerechnet die Deutschen selbst hatten damit den Transport von Hilfsgütern erheblich erschwert. Die sowjetischen Truppen ihrerseits kämpften in diesem brutalen Winter mit eigenen Versorgungsengpässen.

Für die Gefangenen begann damit ein Leidensweg, der für die meisten tödlich enden sollte.

Es begannen die Todesmärsche. Die erschöpften Soldaten mussten bis zu 100 Kilometer durch die verschneite Steppe marschieren, ohne ausreichende Verpflegung, ohne Unterkunft für die Nacht. Die Gefangenen selbst nannten diese Märsche nur eines: den Todesweg.

Wer nicht mehr laufen konnte, wer zusammenbrach, wurde erschossen oder blieb einfach im Schnee liegen, bis die Kälte ihr Werk tat. Überlebende berichteten später, wie links und rechts des Weges die Leichen ihrer Kameraden lagen. Von manchen Gruppen, die den Marsch antraten, erreichte nur ein Bruchteil das Ziel.

Das größte Sammellager südlich von Stalingrad war Beketowka. Schätzungsweise 60. 000 bis 70.

000 Gefangene erreichten diesen Lagerkomplex. Die Zustände dort waren katastrophal. Die Männer wurden in halb verfallene Erdbunker und provisorische Unterstände gepfercht.

30 Mann schliefen auf nackten Fußböden, manche mit erfrorenen Füßen, die eigentlich hätten amputiert werden müssen. Es gab kaum zu essen, manchmal nur einen Esslöffel schwarzes Mehl am Tag. Wasser mussten die Gefangenen aus Schnee und Eis lutschen.

Tausende warteten tagelang im Freien auf die versprochenen Brotrationen, die dann nur für einen Bruchteil reichten. In Beketowka wüteten Typhus, Ruhr, Skorbut, Tuberkulose und vor allem das Fleckfieber. Medizinische Versorgung war praktisch nicht vorhanden.

Von den 60. 000 deutschen Gefangenen allein in diesem Lager starben 28. 000 in den ersten Wochen, fast die Hälfte in wenigen Wochen.

Historiker schätzen, dass in den ersten vier Monaten nach der Kapitulation mehr als 60. 000 der Stalingrad-Gefangenen in den verschiedenen Lagern rund um die Stadt starben.

Die katastrophalen hygienischen Zustände, die bereits während der Belagerung im Kessel geherrscht hatten, setzten sich in den Lagern einfach fort. Ein Überlebender schilderte später die Transporte in die tieferen Regionen der Sowjetunion. In überfüllten Güterwaggons wurden die Männer wochenlang durch das Land transportiert.

Als sich nach Tagen in Usbekistan die Türen seines Waggons öffneten, waren von ursprünglich 100 Mann nur noch sechs am Leben. 94 waren während der Fahrt gestorben. In manchen Waggons hatte keiner überlebt.

Da öffnete man die Türen und fand nur noch Leichen.

Die Lager erstreckten sich über das gesamte sowjetische Hinterland, von Sibirien im Norden bis zu den Wüsten Zentralasiens im Süden. Gemeinsam hatten sie alle die unwirtlichen Bedingungen und die völlige Abgeschiedenheit von der Außenwelt. Die Gefangenen, die diese ersten Monate überlebten, wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Sie arbeiteten in Bergwerken, Steinbrüchen, in der Holzfällung an sibirischen Flüssen und beim Wiederaufbau der zerstörten sowjetischen Städte. Die Arbeit war hart, die Verpflegung blieb mangelhaft. Die Arbeitstage dauerten oft 10 bis 12 Stunden und das über Jahre.

Die sowjetische Führung nutzte die Gefangenschaft auch für ihre politischen Ziele. Im Juli 1943 wurde in Krasnogorsk bei Moskau das Nationalkomitee Freies Deutschland gegründet. Diese Organisation vereinte kommunistische Immigranten und deutsche Kriegsgefangene, die bereit waren, gegen das nationalsozialistische Regime zu arbeiten.

Präsident wurde der Schriftsteller Erich Weinert. Deutsche Kommunisten wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, der spätere DDR-Führer, wurden in die Gefangenenlager entsandt, um für diese Volksfront gegen Hitler zu werben.

Zwei Monate später entstand der Bund deutscher Offiziere unter General der Artillerie Walther von Seydlitz-Kurzbach. Mit Flugblättern und Lautsprecherdurchsagen an der Front rief das Nationalkomitee die deutschen Soldaten zur Aufgabe des Kampfes auf. Die Zeitung Freies Deutschland und ein gleichnamiger Radiosender verbreiteten die Botschaften.

Und dann kam der Hammer: Prominentes Mitglied wurde schließlich Generalfeldmarschall Paulus selbst. Im August 1944 erklärte der ehemalige Oberbefehlshaber der 6. Armee seinen Bruch mit Hitler und trat dem Nationalkomitee bei.

Für das NS-Regime waren diese Männer Verräter. Die historische Bewertung ihrer Handlungen bleibt bis heute umstritten.

Für die Generäle und höheren Offiziere gab es besondere Lager. Das Generalslager Woikowo in der Oblast Iwanowo, etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, beherbergte rund 400 deutsche, japanische, ungarische, italienische und rumänische Generäle. Die Bedingungen dort waren deutlich besser als in den Mannschaftslagern.

Die Gefangenen erhielten ausreichende Verpflegung, 3. 500 Kalorien täglich. Sie konnten Bücher aus der Lenin-Bibliothek in Moskau ausleihen.

Ihre Zeit verbrachten sie mit Gartenarbeit, Musik oder dem Erlernen der russischen Sprache. Ein völlig anderes Schicksal als ihre Soldaten.

Paulus selbst blieb bis 1953 in sowjetischer Gefangenschaft. Anschließend lebte er in Dresden, wo er militärhistorische Studien betrieb. Er starb 1957.

Der Mann, der Stalingrad befehligt hatte, überlebte seine 6. Armee um 14 Jahre. Die einfachen Soldaten hatten ein ganz anderes Schicksal.

Viele verbrachten Jahre in den Lagern. Die Arbeit zehrte an ihren Kräften, Krankheiten forderten weitere Opfer. Die psychische Belastung war enorm.

Die Männer wussten oft nicht, ob ihre Familien in der Heimat noch lebten, ob ihre Städte noch standen, ob Deutschland überhaupt noch existierte.

Ab 1946 durften die Gefangenen Postkarten in die Heimat schicken, monatlich eine Karte. Für viele Familien war es das erste Lebenszeichen seit Jahren. Manche erfuhren erst so, dass ihre Angehörigen die Schlacht überhaupt überlebt hatten.

Manche Gefangene berichteten später, dass sich ihre Lage ab 1950 allmählich verbesserte, als die Paketaktionen aus Deutschland begannen. Die Familien in der Heimat schickten Lebensmittel und Kleidung. Diese Pakete bedeuteten für viele den Unterschied zwischen Leben und Tod, buchstäblich.

Die Moskauer Außenministerkonferenz im April 1947 beschloss die Entlassung aller deutschen Kriegsgefangenen bis Ende 1948. Die westlichen Alliierten hielten sich weitgehend an diese Vereinbarung. Die Sowjetunion entließ den Großteil der Gefangenen bis Ende 1949.

Aber dann versiegte der Heimkehrerstrom. Zehntausende blieben weiterhin in den Lagern. Viele waren von sowjetischen Militärgerichten als Kriegsverbrecher zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden, bis zu 25 Jahren Zwangsarbeit.

Die Hoffnung auf Heimkehr schwand.

Im September 1955 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau. Die sowjetische Führung wünschte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Bundesrepublik. Adenauer seinerseits war vor allem an einer Sache interessiert: der Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen.

Deren Schicksal bewegte die deutsche Öffentlichkeit zutiefst. Die Verhandlungen waren schwierig und standen mehrmals vor dem Abbruch. Die Erinnerungen an den Krieg und seine Verbrechen waren noch allzu lebendig.

Erst am vierten Tag gelang beim Festbankett im Kreml der Durchbruch. Ministerpräsident Bulganin und Parteichef Chruschtschow gaben das mündliche Ehrenwort: Alle Kriegsgefangenen und Zivilinternierten werden freigelassen. Am 7.

Oktober 1955 traf im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen der erste Zug mit Heimkehrern ein, 600 Männer. Auf dem Bahnsteig spielten sich erschütternde Szenen des Wiedersehens ab. Frauen, die seit mehr als zehn Jahren auf ihre Männer gewartet hatten, Kinder, die ihre Väter nie gesehen hatten.

Bis Anfang 1956 kehrten insgesamt 9. 626 Kriegsgefangene und mehr als 20. 000 Zivilinternierte aus sowjetischer Gefangenschaft nach Hause zurück.

Sie wurden bekannt als die Heimkehr der 10. 000. Die Rückkehrer waren ausgemergelte Gestalten, traumatisiert von Jahren der Entbehrung.

Noch Jahrzehnte später schreckten viele nachts schreiend aus dem Schlaf, riefen russische Worte, durchlebten im Traum die Schrecken der Gefangenschaft erneut.

Für die Familien der Nichtheimkehrer brachte diese Heimkehr eine traurige Gewissheit. Die Hoffnung, dass die Vermissten noch irgendwo in einem Lager lebten, war endgültig erloschen. Von den nahezu 300.

000 Soldaten, die im November 1942 bei Stalingrad eingeschlossen wurden, überlebte nur ein Bruchteil. Etwa 41. 000 Verwundete wurden ausgeflogen.

Über 100. 000 starben im Kessel. 91.

000 gingen in Gefangenschaft, 6. 000 kehrten heim. Die anderen ruhen in russischer Erde.

Noch heute werden bei Bauarbeiten in der Region um Wolgograd Überreste gefallener Soldaten gefunden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bemüht sich um ihre Identifizierung und würdige Bestattung. Erkennungsmarken, persönliche Gegenstände, manchmal DNA-Analysen helfen dabei, den Familien nach acht Jahrzehnten Gewissheit über den Verbleib ihrer Angehörigen zu geben.

Der deutsche Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd erinnert heute an die Gefallenen. Dort sind die Namen von über 60. 000 deutschen Soldaten verzeichnet.

Für die meisten gibt es kein individuelles Grab.

Ihre Überreste liegen irgendwo in der Steppe verstreut, in Massengräbern verscharrt. Nur ihre Namen auf den Gedenksteinen bezeugen noch, dass sie gelebt haben. Die Gefangenschaft wurde für die Soldaten der 6.

Armee zur Fortsetzung der Hölle von Stalingrad mit anderen Mitteln. Hunger, Kälte, Krankheit und Erschöpfung rafften Zehntausende dahin. Die Überlebenden trugen physische und psychische Narben, die nie ganz verheilten.

Das Schicksal der Soldaten der 6. Armee steht beispielhaft für das Schicksal von Millionen Kriegsgefangenen auf beiden Seiten. Der Zweite Weltkrieg kannte keine Gnade für die Besiegten.

Und es darf nicht vergessen werden: Die deutschen Lager für sowjetische Kriegsgefangene waren Orte des systematischen Massensterbens gewesen. Von etwa 5,7 Millionen sowjetischen Soldaten in deutscher Gefangenschaft starben mehr als drei Millionen. Die Geschichte der Soldaten der 6.

Armee nach der Kapitulation ist eine Geschichte des Leidens, aber sie ist auch eine Geschichte des Überlebens, des Durchhaltens, der Hoffnung. Es ist eine Geschichte, die nicht vergessen werden sollte. Nicht als Heldenverklärung, sondern als Mahnung an die Folgen von Krieg und Gewalt.