Es war die letzte Meldung des Oberkommandos der Wehrmacht, verlesen am 9. Mai 1945 über den Reichssender Flensburg und die angeschlossenen Sender – doch auf einer Halbinsel im Baltikum kämpften zu diesem Zeitpunkt noch immer deutsche Soldaten. Eingekesselt, aber nicht besiegt.
Rund 203. 000 Männer der Heeresgruppe Kurland marschierten erst einen Tag später, am 10. Mai 1945, in sowjetische Gefangenschaft – ausgemergelt, zerlumpt und unterernährt.
Es ist eine der am wenigsten bekannten Episoden des Zweiten Weltkriegs, und sie verdient es, erzählt zu werden.
Kurland, lettisch Kurzeme, eine der vier historischen Landschaften Lettlands, eingeklemmt zwischen der Ostsee und dem Rigaer Meerbusen, war über Jahrhunderte hinweg Spielball der Großmächte. Schon im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt, nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 aus dem russischen Staatsverband herausgelöst, rief der lettische Volksrat im November 1918 die unabhängige Republik Lettland aus. Doch schon im Dezember marschierten bolschewistische Truppen ein und riefen eine Räterepublik aus.
Es folgten Kämpfe, Gegenoffensiven, Jahre der Unsicherheit.
Bis 1940 existierte die erste Republik Lettland – zwanzig Jahre relativer Stabilität, zwanzig Jahre, in denen die Menschen dort hofften, ihr eigenes Schicksal bestimmen zu können. Dann kam der 17. Juni 1940.
Die Sowjetunion marschierte ein, trotz scharfer Proteste der Westmächte. Vier Tage später wurde die Lettische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen, am 5. August trat Lettland der UdSSR bei.
Hitler hatte zuvor den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt unterzeichnet, das Baltikum war Teil des geheimen Zusatzprotokolls und damit Stalins Interessensphäre.
Die Balten deutschen Familien, die seit Generationen dort gelebt hatten, wurden umgesiedelt in den Reichsgau Wartheland – auf Kosten der dort ansässigen polnischen Bevölkerung. Eine Tragödie löste die nächste ab. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde Lettland erneut besetzt, diesmal von der Wehrmacht.
Das Land wurde dem Reichskommissariat Ostland zugeschlagen, aber für die Menschen dort bedeutete das keine Befreiung. Es bedeutete nur einen neuen Besatzer, neue Regeln, neue Leiden.
Unter der deutschen Besatzung entstand eine Partisanenbewegung, auf der anderen Seite wurden lettische Verbände aufgestellt, die auf deutscher Seite kämpften. Eine gespaltene Gesellschaft, zerrissen zwischen zwei totalitären Systemen. Und dann kam der Herbst 1944.
Die Rote Armee drängte die deutschen Truppen immer weiter nach Westen. Am 10. Oktober war es so weit: Die Heeresgruppe Nord unter Generaloberst Ferdinand Schörner wurde auf der Halbinsel Kurland eingeschlossen.
Die Front erstreckte sich über 160 Kilometer von südlich Libau an der Ostsee bis nach Tukums und im Osten bis zum Rigaer Meerbusen. Alles südlich davon war bereits in sowjetischer Hand. 400.
000 deutsche Soldaten saßen fest – die 16. Armee, die 18. Armee, die Luftflotte 1, Marineeinheiten und mittendrin auch lettische Verbände, die ihr eigenes Schicksal an das der Wehrmacht geknüpft hatten.
Generaloberst Schörner erkannte die Lage sofort: Nur ein Ausbruch nach Süden in Richtung Memel konnte die Heeresgruppe retten.
Er plante das Unternehmen Geier für den 17. Oktober, einen gewagten Ausbruchsversuch entlang der Ostseeküste. Doch einen Tag vorher, am 16.
Oktober, schlug die Rote Armee zu. Mitten in den deutschen Vorbereitungen begann der sowjetische Großangriff. Hitler hatte Kurland zur Festung erklärt, und eine Festung gibt man nicht auf.
Die erste Kurlandschlacht hatte begonnen. Was folgte, waren sieben Monate des Ringens, sechs große Schlachten, hunderttausende von Soldaten auf beiden Seiten, die in Eis und Schlamm kämpften, hungerten, starben.
Warum hielt man diese Stellung, die strategisch kaum noch Bedeutung hatte? Hitler glaubte, die östliche Ostsee sei unverzichtbar als Übungsgebiet für die neuen U-Boot-Typen, mit denen er den Krieg noch wenden wollte. Großadmiral Dönitz unterstützte diese Ansicht.
Die Realität sah anders aus: Die Soldaten im Kessel waren Geiseln einer Illusion. Am 16. Oktober 1944 begann die erste Kurlandschlacht.
2000 sowjetische Geschütze beschossen 90 Minuten lang die deutschen Stellungen, dann griffen 60 Divisionen an.
Im Abschnitt zwischen Schaulen und Weinoden wurden die deutschen Infanteriedivisionen von 400 Panzern der 6. Gardepanzerarmee unterstützt angegriffen. Es war ein Sturm aus Stahl und Feuer, aber die deutschen Verbände hielten stand.
Die 30. und 563. Infanteriedivision, verstärkt durch die 11.
SS-Division Nordland und die 12. und 14. Panzerdivision, blockierten den sowjetischen Vormarsch.
Nach fünf Tagen erbitterter Kämpfe stellte die Rote Armee am 21. Oktober ihre Angriffe ein. Sie hatte ihre Ziele nicht erreicht, aber sie hatte auch das deutsche Unternehmen Geier vereitelt.
Der Ausbruch nach Memel war nun unmöglich geworden. Für die deutschen Soldaten war damit klar: Sie saßen fest. Generaloberst Schörner, der berüchtigte „blutige Ferdinand”, verbot sogar das Wort Kessel.
Man sprach jetzt vom „Kurland-Brückenkopf”. Gerüchte machten die Runde, dass Soldaten, die von einer Kessellage sprachen, hingerichtet würden. Ob das stimmte, weiß niemand genau – aber bei Schörners Ruf traute man ihm alles zu.
Am 22. Oktober bombardierte die sowjetische Luftwaffe den Hafen von Libau, in dem 50. 000 Einwohner lebten.
Die Hafenanlagen wurden schwer beschädigt.
Libau und Windau waren die einzigen Verbindungen der Heeresgruppe zur Außenwelt. Über diese Häfen kam der Nachschub – Munition, Verpflegung, Verstärkung. Und über diese Häfen sollten eines Tages vielleicht die Überlebenden evakuiert werden, wenn Hitler es denn zulassen würde.
Am 27. Oktober begann die zweite Kurlandschlacht. Wieder beschossen 2000 sowjetische Geschütze die deutschen Linien, wieder griffen Welle um Welle sowjetische Infanteristen und Panzer an, und wieder hielten die deutschen Verbände – aber zu einem furchtbaren Preis.

Die Kämpfe nahmen teilweise den Charakter des Ersten Weltkriegs an: Schützengräben, Stacheldraht, Nahkämpfe, im eisigen Regen, im Schlamm. Südlich von Frauenburg schlug die 205. Infanteriedivision sechs sowjetische Divisionen zurück.
Als die Kampftruppen erschöpft waren, wurden Alarmeinheiten nach vorne geschickt – Schreiber, Funker, Fahrer, Sanitäter, Männer, die nie für den Fronteinsatz ausgebildet worden waren. Sie überlebten nur, weil ein plötzlicher Wolkenbruch die sowjetischen Panzer im Morast festsetzte.
Die Rote Armee hatte rund 1000 gepanzerte Fahrzeuge verloren, aber auch die deutschen Divisionen waren ausgeblutet. Die 4. und 14.
Panzerdivision, die 30. , 316. und 563.
Infanteriedivision hatten die Hälfte ihrer Kampfkraft eingebüßt. 44. 000 deutsche Soldaten waren ausgefallen – gefallen, verwundet, vermisst.
Und der Winter hatte noch nicht einmal richtig begonnen. Am 21. Dezember eröffnete die Rote Armee die dritte Schlacht um Kurland.
170. 000 Granaten schlugen in einem 35 Kilometer breiten Frontabschnitt ein. Die Erde bebte, die Stellungen wurden umgepflügt.
Das Ziel der Sowjets war klar: Frauenburg einnehmen und damit die 16. und 18. deutsche Armee voneinander trennen.
Die abgekämpfte 30. Infanteriedivision musste zurückweichen, ebenso die 205. und die 2.
Division. Selbst die Panzergrenadiere der 4. Panzerdivision konnten die Wellen der angreifenden Rotarmisten nicht aufhalten.
Erst als die Sturmgeschützbrigade 912 mit ihren Sturmgeschützen herangebracht wurde, stabilisierte sich die Front wieder – vorübergehend. Dann kam der 24. Dezember, Heiligabend.
Gegen 17 Uhr verstummten die Waffen auf beiden Seiten.
Für ein paar Stunden herrschte Stille über der Front. Die Gläubigen auf beiden Seiten – Deutsche, Russen, Letten – hatten für einen kurzen Moment die Möglichkeit, an etwas anderes zu denken als an den Tod. Aber kaum war es am nächsten Morgen hell geworden, ging das Sterben weiter.
Am ersten Weihnachtstag griff die 6. Gardearmee die Stellungen der 126. und 31.
Infanteriedivision an. Im Raum Zirau erzwangen sowjetische Panzer unter schweren Verlusten einen Durchbruch. Die dort eingesetzte lettische 19.
Waffengrenadierdivision und die deutsche 205. Division zahlten einen hohen Preis.
Bemerkenswert dabei ist, dass im Vorfeld der 205. Division sowjetische Soldaten in deutschen Uniformen angriffen und die Feldposten überrannten. Den Durchbruch verhinderte schließlich ein Verband, der kaum noch kampffähig schien: das Waffengrenadierregiment 42, ursprünglich 2000 Mann stark, jetzt nur noch 300, hielt seine Stellung unter dem Kommando von Oberstleutnant Nikolajs Galdins.
Für diese Leistung wurde Galdins am 25. Januar 1945 mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Nach der Kapitulation geriet er in sowjetische Gefangenschaft.
Am 5. Oktober 1945 wurde er in Leningrad hingerichtet.
Am 31. Dezember endete die dritte Kurlandschlacht. Die deutschen Linien hatten gehalten – aber zu welchem Preis?
27. 000 weitere Ausfälle. Männer, die nie wieder nach Hause kommen würden.
Generaloberst Guderian, der Chef des Generalstabes, versuchte erneut, Hitler zur Evakuierung der Heeresgruppe zu bewegen. Die Antwort war immer dieselbe: Nein. Hitler glaubte noch immer an seine neuen U-Boote, die östliche Ostsee müsse gehalten werden, und Großadmiral Dönitz stimmte ihm zu.
Die 400. 000 Mann im Kessel waren Geiseln einer Strategie, die längst keine Grundlage mehr hatte.
Immerhin genehmigte Hitler die Evakuierung von sechs Divisionen über den Hafen Libau. Auch die lettische 15. SS-Division wurde herausgebracht und in Westpreußen eingesetzt, aber das änderte nichts am Grundproblem.
Die Masse der Soldaten blieb gefangen auf der Halbinsel. Ende Januar zählte die Heeresgruppe noch 350. 000 Mann vom Heer, 21.
000 von der Luftwaffe, 12. 000 von der Waffen-SS und 12. 600 vom Reichsarbeitsdienst.
Insgesamt fast 400. 000 Menschen, die auf engem Raum zusammengepfercht waren.
Am 24. Januar 1945 begann die vierte Kurlandschlacht. Wieder traf der erste schwere Stoß auf die Kampfgruppe der 30.
Infanteriedivision und die SS-Division Nordland. Beide Verbände mussten bis zur zweiten Verteidigungslinie zurückweichen. Dann aber gelang der 14.
Panzerdivision mit Unterstützung der schweren Panzerabteilung 510 ein Gegenstoß. 63 sowjetische Panzer wurden vernichtet, die alte Kampflinie zurückerobert. Doch der Erfolg war nur vorübergehend.
Schweres Mörserfeuer zwang die deutschen Verbände erneut zum Rückzug.
Ende Januar wurde die SS-Division Nordland aus der Front gezogen und von Libau aus per Schiff nach Stettin gebracht, aber die Verbände, die zurückblieben, mussten die Lücke schließen. Nördlich von Priekule fingen Kampfgruppen der 21. und 126.
Infanteriedivision sowjetische Vorstöße ab. Die Kämpfe gingen weiter, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Als die vierte Kurlandschlacht endete, hatte die Rote Armee 40.
000 Mann verloren, 541 Panzer waren zerstört, 98 Flugzeuge abgeschossen. Aber auch die deutschen Verluste waren enorm, und jeder wusste, dass das nicht das Ende war.
Am 14. Februar gelang Oberleutnant Otto Kittel vom Jagdgeschwader 54 sein 207. Luftsieg gegen einen schwer gepanzerten sowjetischen Schlachtflieger vom Typ Iljuschin Il-2.
Es sollte sein letzter Sieg sein. Auf dem Rückflug wurde er südwestlich von Džūkste getroffen und stürzte ab. Der 27-jährige Pilot aus dem Sudetenland war einer der erfolgreichsten Jagdflieger der Luftkriegsgeschichte.
Ob er von Flugabwehr oder einem feindlichen Flugzeug getroffen wurde, ist bis heute nicht geklärt.
Am 20. Februar begann die fünfte Kurlandschlacht. Starkes Artillerie- und Mörserfeuer traf den Raum zwischen Zuxst und Priekule.
Dann griffen 21 sowjetische Schützendivisionen fünf deutsche Divisionen an. Die vorderen Stellungen wurden überrannt, aber im Abwehrfeuer der 22. , 132.
und 225. Infanteriedivision sowie der 14. Panzerdivision blieben die Angreifer liegen.
Am 1. März verlagerte die Rote Armee ihren Schwerpunkt zurück in das bewaldete Gebiet um Frauenburg. Dort hielten die lettische 19.
Waffengrenadierdivision und eine neu aufgestellte Kampfgruppe namens „Kurland-Panzerbrigade”, bestehend aus den Resten der 12. und 14. Panzerdivision, so lange durch, bis ein frühes Tauwetter alle Bewegungen im Schlamm erstickte.
Nach dem Verlust von 7000 Mann, 608 Panzern und 178 Flugzeugen stellte die Rote Armee weitere Großangriffe vorübergehend ein. Sie begann stattdessen, ihre Kräfte für die entscheidende sechste Schlacht zu sammeln. In der deutschen Führung gab es inzwischen mehrere Wechsel.
Generaloberst von Vietinghoff, seit Ende Januar Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, hatte einen Plan zur Evakuierung entwickelt. Großadmiral Dönitz bestätigte, dass genügend Schiffe zur Verfügung stünden. Selbst Guderian sprach sich dafür aus – aber Hitler lehnte ab, wieder einmal.
Am 10. März übernahm Vietinghoff die Heeresgruppe C in Italien. Generaloberst Rendulic führte die Heeresgruppe Kurland für fünf Tage, bevor er das Kommando am 15.
März an General der Infanterie Carl Hilpert übergab. Die Versorgungslage war inzwischen katastrophal. Die Kriegsmarine brachte zwar weiterhin Nachschub in wasserdichten Fässern an die Küste, aber es reichte hinten und vorne nicht.
Maschinengewehrmunition und Artilleriegranaten wurden knapp. Die Soldaten litten unter hygienischen Bedingungen, die unbeschreiblich waren. Hunger war allgegenwärtig.
Die abgemagerten Pferde, die nicht mehr gefüttert werden konnten, wurden geschlachtet.
Am 18. März 1945 begann die sechste und letzte Kurlandschlacht. Die 10.
Gardearmee griff im Abschnitt Frauenburg und Libau an. Diesmal waren die deutschen Verteidiger am Ende ihrer Kräfte. Die 11.
Infanteriedivision wurde regelrecht überrollt. 92 sowjetische Panzer konnten zwar vernichtet werden, aber die Reste der 12. und 14.
Panzerdivision schafften es nicht mehr, die Gardearmee aufzuhalten. Was folgte, waren außergewöhnlich harte Kämpfe. Die Männer kämpften mit allem, was sie hatten.
Die Verluste auf beiden Seiten waren enorm. Die Soldaten waren physisch und psychisch am Ende.
In Berlin stellte Guderian seinen 17. Antrag auf Evakuierung der Heeresgruppe. Hitler lehnte ab.
Am 31. März brach die Rote Armee die Schlacht ab. Das Kriegsende war absehbar, und sie musste jetzt nur noch warten.
Warum kämpften diese Männer bis zuletzt? Trotz der Hoffnungslosigkeit, trotz der Entbehrungen, trotz des absehbaren Endes? Die Antworten sind kompliziert.
Manche kämpften aus Pflichtgefühl, weil sie ihre Kameraden nicht im Stich lassen wollten. Manche aus Angst vor sowjetischer Gefangenschaft – eine Angst, die oft berechtigt war. Manche, weil sie nichts anderes mehr kannten.
Die Bilanz der sechs Kurlandschlachten ist erschütternd. Die deutschen Verbände hatten jeden sowjetischen Angriff zurückgeschlagen. Sie hatten sich zeitweise mit zwei Armeen gegen 16 sowjetische Armeen verteidigt.
Die sowjetischen Verluste waren immens: über 90. 000 Gefallene, 300. 000 Verwundete, 2650 Panzer und 72 Flugzeuge zerstört.
Aber auch die Deutschen hatten rund 100. 000 Gefallene und Verwundete zu beklagen. Und am Ende stand doch die Niederlage.
Nach der sechsten Schlacht herrschte relative Ruhe an der Front. Die Rote Armee hatte die meisten ihrer Kurlandverbände für den entscheidenden Sturm auf Berlin abgezogen. Nur noch schwache sowjetische Kräfte blieben zurück, gerade genug, um die deutschen Verbände zu binden.
Für die Soldaten im Kessel begann eine merkwürdige Zeit des Wartens. Sie wussten, dass das Ende nahe war, aber sie wussten nicht, wie es aussehen würde. Am 1.
Mai 1945 verkündeten sowjetische Lautsprechereinheiten den deutschen Soldaten eine Nachricht: Adolf Hitler war tot.
Einen Tag später kam die nächste Meldung: Berlin hatte kapituliert. Das Reich, für das sie lange gekämpft hatten, existierte nicht mehr. Am 8.
Mai unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die bedingungslose Gesamtkapitulation der Wehrmacht. Großadmiral Dönitz, der als Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Kriegsminister und Reichspräsident fungierte, befahl daraufhin Generaloberst Hilpert, die Kapitulation der Heeresgruppe Kurland durchzuführen. Mit den Verhandlungen wurde Generalmajor Otto Friedrich Rauser beauftragt.
Er versuchte, durch Verzögerungen Zeit zu gewinnen. Vielleicht ließen sich günstigere Kapitulationsbedingungen aushandeln. Aber alle Versprechen des sowjetischen Marshalls Govorov waren nur heiße Luft.
Rauser selbst wurde erst am 7. Januar 1957 aus sowjetischer Gefangenschaft nach Deutschland entlassen. Während Rauser noch verhandelte, hatten die letzten Schiffe der Kriegsmarine den Hafen Libau verlassen.
In fünf Geleitzügen wurden noch etwa 27. 000 Mann nach Deutschland evakuiert, darunter die angeschlagene 14. Panzerdivision und die 11.
Infanteriedivision.
Begleitet wurden sie von den letzten Jagdflugzeugen des Jagdgeschwaders. Kurz zuvor hatte jede Division noch 125 Mann für den letzten Transport melden können – zumeist kinderreiche Väter, die mit 35 Transportflugzeugen vom Typ Junkers Ju 52 ausgeflogen werden sollten. Aber ohne wirksamen Jagdschutz hatten die langsamen und überladenen Maschinen keine Chance.
Bis auf drei wurden alle anderen über der Ostsee abgeschossen. Wie immer in aussichtslosen Lagen machten Gerüchte die Runde, etwa über ein deutsch-britisches Bündnis gegen den Kommunismus. Aber das war nur eine naive Illusion.
Am 10. Mai kapitulierte Generaloberst Hilpert gegenüber dem Befehlshaber der 2. Baltischen Front, Marshall Govorov.
Die Heeresgruppe Kurland bestand zu diesem Zeitpunkt nur noch aus den Überresten von 27 Divisionen und einer Brigade. Dann marschierten rund 203. 000 deutsche Soldaten in sowjetische Gefangenschaft – ausgemergelt, zerlumpt und unterernährt.
Von den rund 50. 000 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratenen lettischen Wehrmachtsangehörigen wurden etwa 25 Prozent hingerichtet oder kamen infolge der Haftbedingungen um.
Den Überlebenden wurde nach Amnestie oder Absitzen einer Strafe die Rückkehr nach Lettland erlaubt. Allerdings hatten auch viele ehemalige lettische Soldaten, die nicht in sowjetische Gefangenschaft geraten waren, als Partisanen weitergekämpft. Die sogenannten Waldbrüder bekämpften teilweise bis Anfang der 1950er Jahre sowjetische Besatzungstruppen.
Von den deutschen Soldaten der Heeresgruppe Nord beziehungsweise Heeresgruppe Kurland gelten heute noch bis zu 50. 000 als vermisst. Generaloberst Hilpert, der letzte Oberbefehlshaber, wurde am 1.
Februar 1947 in Moskau hingerichtet.
Was bleibt von dieser Geschichte? Sechs Schlachten in sieben Monaten, hunderttausende von Soldaten auf beiden Seiten, die kämpften, litten und starben. Eine Festung, die nie eine sein sollte, und am Ende eine Gefangenschaft, aus der viele nie zurückkehrten.
Die Männer im Kurlandkessel waren keine Helden im klassischen Sinne. Sie waren Soldaten, die in einer aussichtslosen Lage das taten, was man von ihnen verlangte oder was sie glaubten, tun zu müssen. Ihre Geschichte ist eine Mahnung daran, was passiert, wenn politische Entscheidungen über das Schicksal von Hunderttausenden bestimmen, ohne Rücksicht auf die Realität.
Ein kaum bekanntes Detail am Rande zeigt, wie verworren die Geschichte manchmal sein kann: Im Kurlandkessel kämpften nicht nur deutsche Soldaten, dort standen auch lettische Verbände – Männer, die für ein Deutschland kämpften, das ihr eigenes Land besetzt hatte. Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad brauchte das Reich dringend neue Soldaten. Hitler befahl am 10.
Februar 1943 die Aufstellung einer lettischen SS-Freiwilligen-Legion. Das Wort „freiwillig” muss man dabei mit Vorsicht genießen. Viele Letten wurden eingezogen, andere meldeten sich tatsächlich aus Überzeugung, aus Opportunismus oder weil sie nach der sowjetischen Besatzung von 1940 bis 1941 die Rote Armee mehr fürchteten als die Wehrmacht.
Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr wurde das 6. SS-Freiwilligen-Armeekorps aufgestellt, darunter die 15. und die 19.
Waffengrenadierdivision der SS, beide bestehend überwiegend aus Letten. Nach dem Krieg erklärte das Nürnberger Tribunal die Waffen-SS zur verbrecherischen Organisation. Aber dann geschah etwas Bemerkenswertes: Von den bis zu 30.
000 lettischen Soldaten, die in amerikanische Gefangenschaft geraten waren, wurden rund 1000 von ihnen 1946 in Nürnberg eingesetzt – zur Bewachung der inhaftierten Angeklagten. Ehemalige SS-Soldaten bewachten die Nürnberger Prozesse.
Die meisten wurden dann 1946 entlassen und wanderten in die USA, nach Großbritannien oder Australien aus. Während der Berlin-Blockade 1948 bewachten einige von ihnen sogar alliierte Einrichtungen in Berlin. Wie war das möglich?
Am 13. April 1950 gab der amerikanische Hochkommissar John McCloy eine Erklärung ab. Demnach seien die baltischen Soldaten nicht als freiwillige oder echte SS-Mitglieder anzusehen gewesen.
Sie hätten nicht die übliche Ausbildung und Indoktrination erhalten. Ob das historisch korrekt ist, darüber streiten Historiker bis heute. Aber es zeigt, wie schnell sich Feindbilder ändern können, wenn sich die politische Lage ändert.
Die Geschichte der Heeresgruppe Kurland endet nicht mit der Kapitulation vom 10. Mai 1945. Sie endet in den Gefangenenlagern Sibiriens, in den Wäldern Lettlands, wo die Waldbrüder noch Jahre gegen die sowjetische Besatzung kämpften, und in den Familien, die bis heute auf die Rückkehr von bis zu 50.
000 Vermissten warten. Es ist eine Geschichte, die viele wahrscheinlich so noch nie gehört haben – und die es verdient, erzählt zu werden.
