Berlin, 20. April 1939 – Die Bilder, die heute aus der deutschen Hauptstadt um die Welt gehen, sind makellos inszenierte Propaganda. Adolf Hitler, der Diktator, steht im Mittelpunkt seines fünfzigsten Geburtstags, umgeben von den Eliten der NSDAP und der Wehrmacht.
Doch das eigentliche Spektakel findet auf den Prachtstraßen statt: Tausende moderne Panzer, gezogene Haubitzen, Halbkettenfahrzeuge, Jagdflugzeuge und Bomber donnern an der Ehrentribüne vorbei. Es ist eine Machtdemonstration ohnegleichen, ein schimmerndes Arsenal aus Stahl, Gummi und Aluminium. Für die jubelnden Massen ist dies der Beweis für die Überlegenheit des Nazi-Regimes.
Doch der wahre Triumph liegt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den unsichtbaren Finanzströmen und den wirtschaftspolitischen Manövern, die diesen militärischen Aufbau in nur sechs Jahren aus dem Nichts ermöglicht haben. Die Arbeitslosigkeit, die 1933 noch bei über 30 Prozent lag, ist auf ein Minimum gesunken. Die Suppenküchen, die einst das Stadtbild prägten, sind verschwunden.
An ihre Stelle ist eine Kriegsmaschinerie getreten, die Europa in den Abgrund reißen wird.
Die Geschichte dieser atemberaubenden, ja zerstörerischen Transformation beginnt nicht mit Hitler, sondern mit einem Mann, der von seinen Zeitgenossen als „Zauberer” gefeiert und später als „schwarzer Magier der internationalen Finanzwelt” verdammt wurde: Hjalmar Schacht. Dieser brillante, aber skrupellose Ökonom, geboren 1877 in Norddeutschland als Sohn eines Kaufmanns und einer dänischen Baronin, war die treibende Kraft hinter dem, was heute als „nazistisches Wirtschaftswunder” bezeichnet wird. Schacht, einst Gründungsmitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, durchlief eine erstaunliche politische Wandlung.
Sein Aufstieg begann in den Wirren der Weimarer Republik, die er zunächst als Präsident des Reichsbank-Direktoriums vor dem völligen Kollaps bewahrte. Doch seine Methoden, so erfolgreich sie auch sein mochten, legten den Grundstein für eine Diktatur, die ihn letztendlich verschlingen sollte.
Um das Ausmaß dieser Leistung zu verstehen, muss man die wirtschaftliche Katastrophe betrachten, die der NS-Machtübernahme vorausging. Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur militärisch gedemütigt, sondern auch wirtschaftlich am Boden. Der Versailler Vertrag hatte dem Land nicht nur wichtige Rohstoffgebiete entzogen, sondern ihm auch gigantische Reparationszahlungen auferlegt, die in Gold oder Devisen zu leisten waren.
Diese Zahlungen, die jährlich rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschlangen, führten zu einer chronischen Zahlungsbilanzkrise. Das Reichsbank-System basierte auf einem einfachen Mechanismus: Exporte brachten Devisen ein, Importe und Kapitalabflüsse reduzierten sie. Als die Exporte nach dem Krieg einbrachen und die Reparationen die Reserven leerten, stand die Regierung vor einem unlösbaren Dilemma.
Eine Abwertung der Währung war politisch unmöglich, und der Zugang zu internationalen Krediten versiegte mit der Weltwirtschaftskrise 1929.
Die Konsequenz war eine Deflationsspirale, die die Weimarer Republik bewusst in Kauf nahm, um die Importe zu reduzieren und die Devisenreserven zu schonen. Die Regierung unter Heinrich Brüning fuhr einen radikalen Sparkurs, erhöhte die Steuern und kürzte die Ausgaben drastisch. Das Ergebnis war eine Massenverarmung, die die Arbeitslosigkeit auf über sechs Millionen Menschen trieb.
Die berüchtigten Suppenküchen wurden zum Symbol dieser Epoche. Diese Politik der „künstlichen Depression” war ein verzweifelter Versuch, die Zahlungsbilanz zu retten, doch sie zerstörte die politische Mitte und trieb die radikalen Kräfte an den Rand des politischen Spektrums nach vorne. Genau in diesem Chaos, im Jahr 1931, stand Schacht erstmals neben Hitler auf einer Bühne, um die schwache Reparationspolitik der Regierung zu geißeln.
Es war der Beginn einer fatalen Allianz.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Schacht der logische Kandidat für das Amt des Reichsbankpräsidenten und späteren Wirtschaftsministers. Er stand vor drei gewaltigen Herausforderungen: Er musste die Millionen Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot bringen, er musste Hitlers Traum einer gigantischen Aufrüstung finanzieren, und er musste gleichzeitig die chronische Devisenknappheit lösen, die das Land bereits zweimal in den Abgrund getrieben hatte. Die Ausgangslage war düster: Der Reichsbank entgingen jährlich etwa 400 Millionen Reichsmark an Devisen, da die Importe bei 4,2 Milliarden lagen, während die Exporte nur 4,8 Milliarden einbrachten.
Hinzu kamen Schuldenzahlungen an ausländische Investoren in Höhe von einer Milliarde Reichsmark. Ein herkömmlicher Keynesianismus, wie ihn US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal verfolgte, hätte die Devisenlücke weiter vergrößert.
Schacht musste also neue, unorthodoxe Wege gehen.
Sein erstes Instrument war ein massives, aber getarntes Konjunkturprogramm. Die „Neue Plan” genannte Wirtschaftspolitik zielte darauf ab, die brachliegenden Kapazitäten der deutschen Industrie zu aktivieren. Die Regierung gab Schecks aus, die sogenannten „Mefo-Wechsel”, benannt nach der Tarnfirma „Metallurgische Forschungsgesellschaft m.
b. H.” Diese Wechsel wurden von der Industrie als Zahlungsmittel akzeptiert und von der Reichsbank garantiert.
Auf diese Weise umging Schacht die offizielle Staatsverschuldung und die Inflation, da die Wechsel nicht als Gelddrucken in Erscheinung traten. Das Geld floss in den Bau von Autobahnen, öffentliche Gebäude und vor allem in die aufkeimende Rüstungsindustrie. Dieser verdeckte Staatskredit war die finanzielle Grundlage für den Wirtschaftsaufschwung, der die Arbeitslosigkeit innerhalb von zwei Jahren drastisch senkte.
Doch die Kehrseite dieser Politik war die Unterdrückung der Arbeitnehmerrechte. Schacht und die Nazis wussten, dass ein Vollbeschäftigungsgrad zu Lohnsteigerungen und damit zu Inflation führen würde. Um dies zu verhindern, wurden die Gewerkschaften zerschlagen und durch die „Deutsche Arbeitsfront” ersetzt, die weniger eine Interessenvertretung als vielmehr ein Kontrollinstrument war.
Die Löhne wurden eingefroren, und der Staat griff massiv in die Preisbildung ein. Wenn die Nachfrage das Angebot überstieg und die Preise zu steigen drohten, verfügte die Regierung Preisstopps. Diese staatliche Lenkung führte jedoch zu einem grundlegenden Problem: Anstatt Inflation erlebte Deutschland einen zunehmenden Mangel an Konsumgütern wie Textilien und Lebensmitteln.
Die Wirtschaft wurde zu einer Planwirtschaft, in der die bürokratische Zuteilung von Ressourcen wie Stahl und Kohle den Markt ersetzte.
Die entscheidende, aber grausamste Herausforderung war die Devisenbewirtschaftung. Schacht erkannte, dass er die Importe drastisch reduzieren musste, um die Devisenreserven zu schonen. Dazu führte er ein System der „Kapitalverkehrskontrolle” ein, das jeden Importeur zwang, vor jedem Kauf eine Genehmigung bei der Reichsbank zu beantragen.
Diese Bürokratie, die unzählige Formulare und Begründungen verlangte, war ein wirksames Mittel, um den Devisenabfluss zu stoppen. Gleichzeitig ergriff er eine noch radikalere Maßnahme: den selektiven Schuldenschnitt. Im Jahr 1934 verkündete Schacht die einseitige Einstellung der Zahlungen an ausländische Gläubiger, vor allem an die USA.
Diese Konfrontation führte zu internationalen Spannungen, aber Schacht kalkulierte kalt, dass die USA aufgrund ihrer hohen Zollschranken ohnehin kaum Einfluss auf den deutschen Handel hatten.
Diese Politik hatte eine verheerende, menschenverachtende Dimension. Um die Devisenreserven zu schonen, musste die Auswanderung deutscher Juden unterbunden werden. Schacht fürchtete, dass die wohlhabende jüdische Bevölkerung, bedrängt durch die Nazi-Terrorherrschaft, ihr Vermögen in Devisen umwandeln und ins Ausland transferieren würde.
Dies hätte die ohnehin klammen Reserven der Reichsbank gesprengt. Daher initiierte der Finanzminister eine Politik der Kapitalfluchtkontrollen, die es Auswanderern erlaubte, nur einen Bruchteil ihres Vermögens mitzunehmen. Die Konsequenz war, dass viele Juden in Deutschland festsaßen, wo sie später deportiert und ermordet wurden.
Schachts wirtschaftliche Vernunft war eine moralische Bankrotterklärung, die die spätere Katastrophe mit ermöglichte.
Mitte der 1930er Jahre zeigte Schachts „Wirtschaftswunder” seine volle Wirkung. Die Wirtschaft wuchs rasant, die Arbeitslosigkeit sank auf nahezu null, und die Industrie produzierte auf Hochtouren für die Aufrüstung. Doch die Kehrseite war ein zunehmender staatlicher Dirigismus, der an die Planwirtschaft der Sowjetunion erinnerte.
Die Unternehmen wurden nicht enteignet, aber sie wurden gezwungen, in Zwangskartellen zu kooperieren, und verloren ihre unternehmerische Freiheit. Wer sich widersetzte, wie der Flugzeugpionier Hugo Junkers, verlor sein Unternehmen. Diese „Zwangsgemeinschaft” aus Staat und Großindustrie war ein Kennzeichen des Nazi-Regimes, und sie trug paradoxerweise zur Effizienz der Rüstungsproduktion bei.
Der Konflikt zwischen Schacht und Hitler war vorprogrammiert. Während Schacht eine wirtschaftliche Konsolidierung und eine Rückkehr zu einer gewissen Normalität anstrebte, trieb Hitler den Kurs der maximalen Aufrüstung voran. Der Führer träumte von einem Krieg gegen die USA und die Sowjetunion, den er als unvermeidlich ansah.
Um diese gigantische Armee zu finanzieren, verkündete Hitler 1936 den „Vierjahresplan”, der eine autarke Wirtschaft anstrebte. Göring wurde als Wirtschaftsminister eingesetzt, um die Produktion von synthetischem Benzin und Gummi voranzutreiben. Schacht, der diese Überhitzung für gefährlich hielt, sah seine Macht schwinden.
Er warnte vor einer Inflation und einer Zahlungsbilanzkrise, doch Hitler hörte nicht mehr auf ihn. Schacht trat 1937 als Wirtschaftsminister und 1939 auch als Reichsbankpräsident zurück, blieb aber nominell Reichsminister ohne Geschäftsbereich.
Die folgenden Jahre zeigten, dass Schacht nicht komplett ausgeschaltet war. Er nutzte seine verbliebenen Kontakte, um die wirtschaftliche Expansion zu verlangsamen und vor den Gefahren eines großen Krieges zu warnen. Er protestierte gegen die antijüdischen Ausschreitungen der Pogromnacht 1938, die er als wirtschaftlich unsinnig und kontraproduktiv für die Devisenlage betrachtete.
Diese Opposition führte schließlich zu seiner Verhaftung im Jahr 1944 nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler. Der Mann, der das Fundament für Hitlers Kriegsmaschine geschaffen hatte, wurde in einem Konzentrationslager interniert. Die Ironie der Geschichte ist bitter: Schacht, der die deutsche Wirtschaft in die Fänge der Diktatur getrieben hatte, überlebte den Krieg nur knapp und wurde von den Alliierten befreit.
Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde Schacht freigesprochen, da ihm keine direkte Beteiligung an Kriegsverbrechen nachgewiesen werden konnte. Dennoch verbrachte er Jahre in deutschen Gefängnissen, bevor er 1948 freigelassen wurde. Er kehrte in die Privatwirtschaft zurück, gründete eine Bank und veröffentlichte seine Memoiren.
Er starb 1970 im Alter von 93 Jahren als wohlhabender Mann. Doch die Frage bleibt: War dieses „Wirtschaftswunder” wirklich eine Leistung, oder war es ein Fluch? Die Antwort ist eindeutig: Es war eine Tragödie.
Die Vollbeschäftigung wurde erkauft mit der Zerstörung der Demokratie, der Entrechtung von Millionen und der Vorbereitung eines Vernichtungskrieges, der Europa verwüstete und über 60 Millionen Tote forderte.
Die Lektion aus dieser Geschichte ist heute von beunruhigender Aktualität. Die Methoden Schachts – verdeckte Staatsverschuldung, Kapitalkontrollen, Preis- und Lohnkontrollen, dirigistische Eingriffe in den Markt – sind keine Relikte der Vergangenheit. Sie werden in autoritären Regimen und sogar in Demokratien in Krisenzeiten immer wieder angewandt.
Die Gefahr besteht darin, dass solche Maßnahmen zunächst effektiv erscheinen und soziale Stabilität versprechen, aber langfristig die Freiheit des Einzelnen untergraben und in die Katastrophe führen. Die heutige Welt, die in zunehmend feindliche Handelsblöcke zerfällt und mit neuen wirtschaftlichen Verwerfungen kämpft, muss sich die Frage stellen: Wie weit sind wir bereit zu gehen, um Wirtschaftswachstum zu erzwingen, und welchen Preis zahlen wir dafür? Die Geschichte des Hjalmar Schacht ist eine düstere Warnung vor den Verführungen der wirtschaftlichen „Wunder“, die auf Kosten der Menschlichkeit gehen.