Jackson, Mississippi — Ein deutscher Kriegsgefangener weigerte sich nach der Kapitulation des Dritten Reiches, in seine Heimat zurückzukehren, weil er in einem US-Lager in Mississippi besser behandelt wurde als je zuvor in der deutschen Wehrmacht. Der Fall des Gefreiten Hans Veber aus Stuttgart dokumentiert ein bis heute kaum bekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs: Rund 16. 400 deutsche Soldaten lebten während des Krieges in Lagern im Bundesstaat Mississippi – und viele von ihnen wollten bleiben.

Veber war am 8. Juni 1943 mit 217 weiteren Gefangenen der Afrika-Korps in einem Passagierzug nach Camp Clinton bei Jackson gebracht worden. Statt Erschießung, Hunger und Zwangsarbeit, wie es die deutsche Propaganda vorhergesagt hatte, erhielten die Männer drei Mahlzeiten täglich, medizinische Versorgung und Betten mit Matratzen, Laken und Decken.
Das Lager glich einer kleinen deutschen Stadt: Deutsche Ärzte behandelten deutsche Patienten, deutsche Köche bereiteten das Essen zu, deutsche Angestellte erledigten die Büroarbeit. Amerikanische Wachen griffen nur selten ein. Die Verpflegung entsprach den Rationen amerikanischer Soldaten – für Männer, die in Nordafrika monatelang auf halben Rationen gelebt hatten, war dies eine Sensation.

General Hans-Jürgen von Arnim, der ehemalige Oberbefehlshaber in Tunesien, bewohnte ein kleines Haus außerhalb des Lagers, verfügte über einen Wagen mit amerikanischem Fahrer und besuchte laut Zeugenberichten das Paramount-Kino in Jackson – der einzige klimatisierte Ort der Stadt. Die Gefangenen spielten Fußball, sahen zweimal wöchentlich amerikanische Filme und konnten in der Kantine Zigaretten und Schokolade kaufen.
Veber meldete sich freiwillig zur Arbeit auf einer Baumwollfarm acht Meilen westlich von Jackson. Der Farmer James Sutton behandelte ihn wie einen Arbeiter, nicht wie einen Feind. Für 80 Cent pro Tag half Veber bei der Baumwollernte und lernte dabei die englische Sprache.
Sein Lohn war höher als das, was viele amerikanische Bürger in der Kriegswirtschaft verdienten.
Doch die Erfahrung in Mississippi konfrontierte Veber auch mit einer tiefen Widersprüchlichkeit: Die deutschen Gefangenen wurden als Weiße eingestuft und durften Einrichtungen nutzen, die schwarzen Amerikanern verwehrt blieben. Robert Jackson, ein schwarzer Landarbeiter, der Veber Wasser brachte und ihm beibrachte, wie man Baumwolle pflückt, musste einen separaten Trinkbecher benutzen. Seine Söhne dienten in der US-Marine – doch ihr Vater durfte nicht am selben Brunnen trinken wie ein deutscher Kriegsgefangener.

„Das ist hier eben so”, sagte Jackson, als Veber ihn nach den Jim-Crow-Gesetzen fragte. Veber verstand die Antwort nicht, aber er wusste, dass er nicht weiter fragen sollte. Der Widerspruch – amerikanische Demokratie gegen deutsche Diktatur, während im eigenen Land Rassentrennung herrschte – blieb ungelöst.
Nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 blieb Veber zunächst im Lager. Deutschland war zerstört, seine Familie lebte bei Verwandten, es gab keine Arbeit und kein Zuhause.
Im September 1945 beantragte er die Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Sein Antrag wurde im November genehmigt. Am 23.
Dezember 1945 verließ er Camp Clinton als freier Mann – mit Zivilkleidung, einem Visum, einer Sozialversicherungsnummer und 40 Dollar in der Tasche.
Veber arbeitete drei Jahre auf Suttons Farm, heiratete 1948 die Sekretärin Dorothy Mills aus Jackson und wurde 1952 amerikanischer Staatsbürger. Robert Jackson nahm an seiner Hochzeit teil. 1983 besuchte Veber das verfallene Camp Clinton ein letztes Mal.
Er starb 1997 im Alter von 78 Jahren in Jackson. Auf seinem Grabstein stehen nur sein Geburts- und Todesjahr sowie die Worte „geliebter Ehemann und Vater” – kein Hinweis auf Deutschland, den Krieg oder das Lager.
Historiker schätzen, dass rund 5. 000 deutsche Kriegsgefangene nach dem Krieg in die USA einwanderten. Die Strategie der amerikanischen Regierung ging auf: Wer gut behandelt wird, entwickelt Loyalität.
Doch die Geschichte der Mississippi-Lager bleibt zwiespältig – denn dieselbe Nation, die deutschen Kriegsgefangenen demokratische Werte vorlebte, verweigerte ihren eigenen schwarzen Bürgern die grundlegendsten Rechte.