Kurland 1945: 33 sowjetische Großangriffe — und keiner hat den Kessel gebrochen

Kurland 1945: 33 sowjetische Großangriffe — und keiner hat den Kessel gebrochen

Der Kessel von Kurland ist nie militärisch gefallen. Als die Heeresgruppe Kurland am 8. Mai 1945 kapitulierte, geschah dies nicht, weil eine sowjetische Division die Front durchbrochen hätte, sondern weil das Deutsche Reich als Ganzes kapitulierte.

Sechs offizielle Großschlachten und mehr als 30 einzelne Großangriffe hatten den eingeschlossenen Verband zuvor nicht aufbrechen können.

Rund 500. 000 deutsche Soldaten waren seit dem 10. Oktober 1944 auf der Kurlandhalbinsel eingeschlossen, als die Rote Armee bei Memel die deutsche Front bis zur Ostsee durchbrach und die gesamte Heeresgruppe Nord vom übrigen Reichsgebiet abschnitt.

Nicht vorübergehend, nicht taktisch, sondern endgültig für den Rest des Krieges.

Zu den Soldaten kamen seit den ersten Fluchtwellen des Oktober rund 230. 000 einheimische Zivilisten und weitere rund 150. 000 Flüchtlinge aus dem übrigen Baltikum, die vor der heranrückenden Front nach Westen gedrängt worden waren.

Nahezu 900. 000 Menschen insgesamt, Soldaten und Nichtkombattanten zusammengerechnet, auf einer Halbinsel, die niemand von ihnen freiwillig verließ, weil es nichts gab, wohin man freiwillig hätte gehen können.

Kein Landweg führte mehr hinaus, nur das Meer. Die sowjetische Führung rechnete nüchtern. Die Erste Baltische Front unter Iwan Bagramjan trat mit sechs Armeen an, darunter die Sechste Gardearmee, die Vierte Stoßarmee, die Erste Stoßarmee und die Zehnte Gardearmee.

Eine Konzentration von Kräften, die auf dem Papier jeden Widerstand in wenigen Wochen zermürben musste.

Ein von der Heimat abgeschnittener Kessel, ohne Nachschubweg über Land, ohne Aussicht auf Entsatz. Das war rein rechnerisch keine Front mehr. Das war eine Frist.

Die Frage, die sich das sowjetische Oberkommando stellte, war nicht ob, sondern wie schnell.

Was Bagramjans Stab nicht einkalkulierte, war kein Geländevorteil und keine geheime Reserve. Es war ein Kommandeur. Ferdinand Schörner, seit Juli 1944 an der Spitze der Heeresgruppe Nord, hielt seine Truppen nicht durch gewachsenes Vertrauen zwischen Mannschaft und Führung zusammen, sondern durch erzwungene Disziplin, durchgesetzt mit einer Härte, die nach innen gerichtet war.

Schörner entsprach nicht dem Bild des deutschen Generalstabsoffiziers jener Jahre. Kein Mann aus altem Offiziersadel, keine glatte Generalstabskarriere. Was ihn nach oben brachte, war eine Haltung, die er über Jahre konsequent demonstrierte: Härte rücksichtslos genug durchgesetzt, jede Lage stabilisiert, in der Vertrauen fehlte oder keine Zeit hatte zu wachsen.

Seine Führungsphilosophie ließ sich in einem Satz zusammenfassen: Disziplin ist keine Nebenwirkung der Front, sie ist die Waffe selbst. Wer weicht, wird härter bestraft als der Feind, der angreift. In den Quellen zur Heeresgruppe Nord und später Kurland finden sich wiederholte Hinweise auf Standgerichte und Todesurteile gegen Soldaten, die als Deserteure oder Feiglinge vor dem Feind galten.

Ein System, das durch Angst zusammengehalten wird, ist nicht dasselbe wie ein System, das durch Vertrauen zusammengehalten wird. Aber beide können unter Druck halten. Das ist kein moralisches Urteil, das ist ein Befund.

Am 28. August 1944 erhielt Schörner die Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub, Anerkennung für die Operation Doppelkopf. Für Berlin war das der Beweis: ein Kommandeur, der hält, wo andere weichen.

Was diese Auszeichnung nicht zeigte, war der Preis, zu dem dieses Halten erkauft wurde.

Hitler untersagte jeden Gedanken an eine Aufgabe der Halbinsel ausdrücklich und wiederholt. Großadmiral Dönitz stützte dieses Festhalten aus eigenem nüchternen militärischen Kalkül: Die Ostsee vor Kurland diente der Kriegsmarine als eines der letzten intakten Übungsgebiete für die Ausbildung neuer U-Boot-Besatzungen. Zwei Rechnungen führten zur selben Entscheidung.

Der Kessel blieb, koste es, was es wolle.

Der 13. Oktober 1944 brachte den ersten Test. Sowjetische Divisionen traten zum Angriff an mit dem Ziel, in Richtung Libau und Windau durchzubrechen und die Halbinsel in ihrer gesamten Tiefe aufzureißen, noch bevor sich die deutsche Verteidigung setzen konnte.

Es war kein Sondierungsangriff. Es war der Versuch, den frisch geschlossenen Kessel im ersten Anlauf zu entscheiden.

Die 61. und die 11. Infanteriedivision trugen die Hauptlast.

Beide Divisionen waren durch die Kämpfe der vorangegangenen Monate ausgedünnt, ohne die Reserven, die eine Verteidigung dieser Größenordnung unter normalen Umständen verlangt hätte. Was sie hielt, war nicht Überzahl und nicht bessere Ausrüstung. Es war die Struktur, die Schörner in den Wochen zuvor durchgesetzt hatte.

Bis zum 24. Oktober kam der sowjetische Angriff zum Stehen, ohne den angestrebten Durchbruch nach Libau oder Windau erreicht zu haben. Die Linie bog sich an mehreren Stellen, sie brach nicht durch.

Für das sowjetische Oberkommando war das Ergebnis ernüchternd. Der erste Versuch, den Kessel im Sturm zu nehmen, war gescheitert.

Nur drei Tage nach dem Abbruch des ersten Angriffs setzte Bagramjans Front zur zweiten und größten der sechs Kurlandschlachten an. 60 sowjetische Divisionen traten diesmal an, nicht 29. Rund zweitausend Geschütze wurden auf den entscheidenden Abschnitten zusammengezogen, dazu die Fünfte Gardepanzerarmee mit annähernd vierhundert Panzern.

Das war der Versuch, den Kessel nicht zu erschüttern, sondern zu zermalmen.

Was auf deutscher Seite dieser Wucht entgegenstand, war dieselbe Struktur, die sich elf Tage zuvor bewährt hatte. Rückzug nur auf ausdrücklichen Befehl. Jede Lücke sofort gemeldet, sofort geschlossen.

Eigenmächtiges Aufgeben eines Abschnitts blieb die Ausnahme. Die Divisionen im Zentrum des sowjetischen Stoßes waren erschöpft von der ersten Schlacht, ohne Zeit gehabt zu haben, ihre Verluste auszugleichen.

Bis zum 15. Dezember, nach fast sieben Wochen ununterbrochenen Drucks, kam auch dieser Angriff zum Stehen. Rund eintausend sowjetische Panzer und Selbstfahrlafetten wurden in diesen Wochen zerstört oder kampfunfähig geschossen.

Und das Zehnte Korps, das im Zentrum des Angriffs stand, verlor dabei nahezu 50 Prozent seines eigenen Bestands. Beide Zahlen sind wahr zur selben Zeit.

Kaum sechs Tage nach dem Ende der zweiten Schlacht begann am 21. Dezember die dritte. Die sowjetische Führung eröffnete mit 170.

000 Granaten, einer Feuervorbereitung, die den gefrorenen Boden auf den Zielabschnitten in aufgewühlte Erde zurückverwandelte, mit dem Ziel, den Kessel in seiner Tiefe zu spalten und bis zum Hafen von Libau durchzustoßen. Bis zum 23. Dezember zählte die deutsche Seite bereits 2.

714 eigene Verluste. Libau blieb außer Reichweite, der Kessel blieb geschlossen.

Am 1. Januar 1945 erhielt Ferdinand Schörner die Brillanten zum Ritterkreuz. Die offizielle Begründung nannte drei schwere, jeweils rund zweimonatige Abwehrschlachten in Kurland.

Für das Oberkommando war das der endgültige Beweis: Die Methode funktionierte, gemessen am nackten Resultat, dass der Kessel nach drei Großangriffen noch immer stand.

Mitte Januar wurde Schörner von Kurland abgezogen und zur Heeresgruppe Mitte kommandiert. Er wird die vierte, die fünfte und die sechste Kurlandschlacht nicht mehr selbst führen. Was in beiden Fällen gleich blieb, ist die Frage, die sich danach stellte: Trägt eine Struktur, wenn ihr Architekt nicht mehr da ist, sie täglich durchzusetzen?

Am 24. Januar, kaum zwei Wochen nach Schörners Abgang, begann die vierte Kurlandschlacht, der erste Großangriff, den die Heeresgruppe ohne ihren ursprünglichen Architekten bestand. Elf sowjetische Divisionen griffen an, nicht an einem konzentrierten Schwerpunkt wie zuvor, sondern gleichzeitig an mehreren getrennten Punkten der Front: bei Preekuln, bei Frauenburg, bei Tuckum.

Das Ergebnis war kein makelloser Sieg. Die Vataja-Stellungen an einem der bedrängten Abschnitte mussten im Verlauf der Kämpfe aufgegeben werden. Zum ersten Mal bog sich die Linie nicht nur, sie gab an einem konkreten, benennbaren Punkt sichtbar nach.

Eine Struktur, die niemals nachgibt, ist keine Struktur unter realem Druck, sondern eine Behauptung. Was hier sichtbar wurde, war ehrlicher.

Bis zum 3. Februar kam auch dieser Angriff zum Stehen, ohne dass die sowjetische Führung die operative Entscheidung erzwingen konnte, die sie gesucht hatte. Die Struktur hielt dort, wo es zählt, auch ohne den Mann, der sie erzwungen hatte.

Ordnung aus Furcht war an diesem Punkt kein persönliches Charisma mehr, das mit einem einzelnen Kommandeur kommt und geht. Sie war System geworden.

Am 20. Februar trat die fünfte Kurlandschlacht an, unterstützt von sechzehn Panzerbrigaden. Anders als im Januar gab die Front in dieser Schlacht an keiner Stelle sichtbar nach.

Nicht weil der Druck geringer war, sondern weil die Struktur sich seither gefestigt hatte. Was Ordnung aus Furcht an dieser Stelle lieferte, war keine Kreativität, es war Wiederholbarkeit.

Bis zum März, nach knapp drei Wochen, kam der Angriff zum Stehen ohne den angestrebten Durchbruch. Der einzige dauerhafte Geländegewinn war die Einnahme von Jste. Rund 7.

000 sowjetische Verluste standen diesem geringen Ertrag gegenüber. Gemessen am Ertrag war die fünfte Kurlandschlacht die teuerste der sechs für die angreifende Seite.

Am 16. März, zwei Tage bevor die letzte der sechs Kurlandschlachten begann, übernahm Karl Hilpert das Gesamtkommando über die Heeresgruppe. Er war der dritte Name seit Schörners Abgang.

Wie seine beiden Vorgänger trat er ein System an, das er nicht mehr formen musste. Am 18. März begann der letzte der sechs großen sowjetischen Versuche, den Kessel zu brechen.

Bis zum 31. März kam auch dieser Angriff zum Stehen.

Sechs offizielle Schlachten von der ersten im Oktober bis zur sechsten im März, und darin verteilt auf wechselnde Frontabschnitte in Summe weit mehr als 30 einzelne Großangriffe. Keiner dieser Angriffe hat den Kessel militärisch aufgebrochen. Was den Kessel schließlich beendete, war keiner von ihnen.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Heeresgruppe Kurland. Nicht weil eine sowjetische Division an einer der Nahtstellen durchgebrochen wäre, sondern weil das Deutsche Reich als Ganzes kapitulierte.

In den letzten Stunden davor und danach liefen von Libau aus die letzten fünf Konvois aus unter dem Schutz der letzten einsatzfähigen Maschinen des Jagdgeschwaders 54. 2. 700 Soldaten und Zivilisten wurden auf diesem Weg über die Ostsee evakuiert.

Was in Gefangenschaft zurückblieb, ist eine Zahl, die für sich selbst spricht: Generäle, 838 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Das ist der Kessel, wie er am Ende war, nicht zerschlagen, aber vollständig, mit nahezu jedem Mann, der in ihm gestanden hatte, in eine Gefangenschaft übergeben.

Unter den Gefangenen waren auch rund 14. 000 lettische Freiwillige, Männer, deren Heimat der Kessel war, lange bevor er zu einem deutschen Frontabschnitt wurde. Ein Teil von ihnen legte die Waffen nicht nieder.

Sie gingen in die Wälder, aus denen sie gekommen waren, und führten als Waldbrüder einen Widerstand fort, der in manchen Fällen bis in die frühen 50er Jahre reichte.

Die Heeresgruppe Kurland ist der einzige größere Verband der Wehrmacht außerhalb des Reichsgebiets, der bis zum Ende des Krieges in offener Feldschlacht nicht militärisch geschlagen wurde. Das rettet nichts. Es ändert nichts am Ausgang eines Krieges, der zu diesem Zeitpunkt längst entschieden war.

Aber es ist wahr, und es wird nicht kleiner, wenn man es neben den Preis stellt, den es kostete: die zehntausenden Toten und Verwundeten auf beiden Seiten der sechs Schlachten, die rund 190. 000 Mann, die am Ende dieser Geschichte in Gefangenschaft gingen.

Der letzte Blick gehört einem einzelnen ungenannten Soldaten in einer Stellung irgendwo an der kurländischen Ostseeküste in den letzten Tagen vor dem 8. Mai, der ahnte, dass der Krieg an anderer Stelle bereits verloren war und der seinen Posten trotzdem hielt. Er hielt ihn nicht, weil er glaubte, dass sein Kommandeur ihn kannte.

Er hielt ihn, weil der Mann neben ihm hielt und weil die Konsequenz des Nichthaltens schwerer wog als das, was von vorne kam.

Vertrauen hält einen Kessel zusammen. Furcht hält einen Kessel zusammen. Es ist nicht dieselbe Mechanik, und es fühlt sich für den Mann in der Stellung nicht gleich an.

Aber am Ende einer Schlacht, gemessen an der Linie, die nicht bricht, unterscheidet das Gefechtsprotokoll nicht zwischen ihnen. Beide halten aus unterschiedlichen Gründen.