Berlin, 27. Januar 1945 – Die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee liegt nur wenige Stunden zurück, doch die Wahrheit über das Grauen des Nationalsozialismus entfaltet sich erst jetzt in ihrer ganzen, unfassbaren Dimension. Während die Welt mit Entsetzen auf die Befreiung der Konzentrationslager blickt, offenbaren neue Zeugenaussagen und Dokumente, die in den Wirren des Zusammenbruchs des Dritten Reiches ans Licht kommen, ein Verbrechen, das lange im Schatten des Holocaust stand: die systematische, brutale Verfolgung und Folter von Homosexuellen durch das NS-Regime.
Es ist eine Geschichte von beispielloser Grausamkeit, medizinischen Experimenten und tausendfachem Tod, die nun, da die Archive der Gestapo und der Kriminalpolizei teilweise zugänglich werden, in ihrer ganzen Schrecklichkeit rekonstruiert werden kann.
Die nationalsozialistische Ideologie, die seit der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 Deutschland in einen totalitären Staat verwandelte, basierte auf einem rassistischen und völkischen Weltbild, das keinen Raum für Abweichung ließ. Die Verfolgung richtete sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen alle, die als „minderwertig“ oder „Staatsfeinde“ galten.
In diesem Kontext wurden Homosexuelle zu einer der am härtesten getroffenen Gruppen. Schätzungen zufolge verhaftete das Regime etwa 100. 000 Männer aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, von denen rund 53.
000 gerichtlich verurteilt wurden. Diese Verurteilungen basierten auf dem berüchtigten Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1871 unter Strafe stellte und von den Nationalsozialisten im Juni 1935 drastisch verschärft wurde.
Die Verschärfung des Paragraphen 175 war ein entscheidender Schritt in der Eskalation der Verfolgung. Die neue Fassung weitete den Straftatbestand auf ein breites Spektrum sexueller und intimer Handlungen aus, die zuvor nicht strafbar waren. Selbst einvernehmliche Kontakte konnten nun mit bis zu zehn Jahren Zuchthaus bestraft werden.
Diese gesetzliche Änderung gab der Gestapo und der Kriminalpolizei einen nahezu unbeschränkten Freibrief, um gegen die homosexuelle Gemeinschaft vorzugehen. Die Behörden gingen mit beispielloser Brutalität vor, verhörten Verdächtige unter Folter und erpressten Geständnisse, die oft zur Denunziation weiterer Personen führten. Nachbarn, Kollegen und sogar Familienangehörige wurden ermutigt, denunziert zu werden, was zu einer Atmosphäre der Angst und des Misstrauens führte.
Die Einrichtung der „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ im Jahr 1936 durch Heinrich Himmler, den Führer der SS und der deutschen Polizei, institutionalisierte die Verfolgung weiter. Himmler betrachtete Homosexualität als eine Bedrohung für die deutsche Geburtenrate und damit für die Zukunft der „arischen Rasse“. Die Zentrale koordinierte Razzien in bekannten Schwulenlokalen, die oft mit Polizeikordons abgeriegelt wurden, um alle Anwesenden zu verhören.
Diejenigen, die als schuldig befunden wurden, wurden ohne großes Verfahren in eines der neu errichteten Konzentrationslager deportiert, wo sie als „homosexuelle Delinquenten“ kategorisiert wurden.
In den Konzentrationslagern wie Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald und Mauthausen wurden die als homosexuell registrierten Häftlinge einer besonders grausamen Behandlung unterzogen. Sie mussten einen rosa Winkel auf ihrer Kleidung tragen, der sie sofort als Angehörige einer verachteten Gruppe kennzeichnete. Diese Kennzeichnung machte sie zur Zielscheibe für die sadistischen Spiele der SS-Wachmannschaften.
Es gibt dokumentierte Berichte, dass die Wachen die rosa Winkel auf den Brüsten der Häftlinge als Zielscheiben für Schießübungen benutzten. Die homosexuellen Häftlinge wurden oft zu den schwersten und körperlich anstrengendsten Arbeiten im gesamten Zwangsarbeitssystem der Lager herangezogen, was zu einer extrem hohen Sterblichkeitsrate führte.
Die medizinischen Experimente, denen die homosexuellen Häftlinge ausgesetzt waren, stellen einen der dunkelsten Aspekte dieser Verfolgung dar. In Buchenwald führten die Nationalsozialisten Experimente durch, die darauf abzielten, die sexuelle Orientierung der Männer zu verändern. Dazu gehörten groteske chirurgische Eingriffe, bei denen Hormondrüsen implantiert wurden, um die Testosteronproduktion zu steigern.
Viele dieser Opfer starben an den Folgen dieser Eingriffe. Darüber hinaus wurden sie gezwungen, das Aufputschmittel Pervitin einzunehmen, um dessen Wirkung für den Einsatz an der Front zu testen. In Sachsenhausen wurden sie für Experimente zur Behandlung von Phosphorverbrennungen missbraucht, die ebenfalls oft tödlich endeten.
Ab November 1942 wurde die Kastration zu einer offiziell angeordneten Maßnahme, die die Lagerkommandanten gegen Häftlinge mit dem rosa Winkel verhängen konnten.
Die Isolation der homosexuellen Häftlinge innerhalb der Lagerhierarchie war ein weiteres Element ihrer systematischen Vernichtung. Sie erhielten von anderen Häftlingsgruppen kaum Solidarität, da Homophobie in der Gesellschaft weit verbreitet war. Sie wurden von den anderen Gefangenen gemieden, aus Angst, selbst mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden und ähnlichen Misshandlungen ausgesetzt zu sein.
Diese soziale Ausgrenzung führte dazu, dass sie bei der Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung benachteiligt wurden und noch weniger Überlebenschancen hatten. Die SS förderte diese Feindseligkeit, um die Häftlinge zu spalten und ihre Kontrolle zu festigen. Die homosexuellen Häftlinge waren somit nicht nur physischer Gewalt, sondern auch psychischem Terror und sexuellem Missbrauch durch Wachen und Mitgefangene ausgesetzt.
Die Geschichte von Friedrich-Paul von Großheim, der 1937 von der SS verhaftet wurde, illustriert die gnadenlose Logik des Regimes. Er wurde zehn Monate lang in einer unbeheizten Zelle gefangen gehalten, hungerte und durfte keine Toilette benutzen. Nach seiner Freilassung wurde er 1938 erneut verhaftet und gefoltert.
Seine Freilassung war nur unter der Bedingung möglich, dass er sich kastrieren ließ. Er stimmte zu, um zu überleben, und wurde 1943 ein drittes Mal verhaftet und in das Konzentrationslager Neuengamme deportiert. Er überlebte den Krieg, aber die Narben dieser Erfahrung blieben für immer.
Seine Geschichte ist nur eine von Tausenden, die von Überlebenden wie Josef Kohut dokumentiert wurden, der nach dem Krieg von den unmenschlichen Bedingungen in den „rosa Blöcken“ von Sachsenhausen berichtete, wo Männer in dünnen Nachthemden bei eisiger Kälte schlafen mussten und bei jedem Verstoß gegen die Regeln mit 15 bis 20 Peitschenhieben bestraft wurden.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 änderte sich die Situation für einige Verurteilte. Angesichts des kriegsbedingten Personalbedarfs wurden viele Männer, die wegen Verstößen gegen den Paragraphen 175 verurteilt worden waren, aus den Gefängnissen entlassen und zur Wehrmacht eingezogen.
Die Armee benötigte dringend Soldaten und Arbeitskräfte, und die sexuelle Orientierung eines Rekruten schien in diesem Kontext plötzlich eine untergeordnete Rolle zu spielen. Einer dieser Männer war Herbert Becker, ein Designer und Fotograf, der an der Ostfront kämpfen musste, bis er 1944 überlebte. Diese Rekrutierungen waren jedoch keine Gnadenakte, sondern pragmatische Entscheidungen eines Regimes, das in seiner letzten Phase ums Überleben kämpfte.
Die Befreiung der Konzentrationslager im Frühjahr 1945 durch die Alliierten bedeutete für die Häftlinge mit dem rosa Winkel nicht das Ende ihres Leidens. Im Gegensatz zu anderen Opfergruppen wurden sie nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Viele von ihnen blieben auch nach dem Krieg inhaftiert, da der Paragraph 175 in seiner verschärften nationalsozialistischen Fassung in beiden deutschen Staaten weiterhin galt.
Die Bundesrepublik Deutschland übernahm die nationalsozialistische Rechtsprechung nahezu unverändert, und die DDR entkriminalisierte Homosexualität erst 1968, die Bundesrepublik folgte ein Jahr später. Die Männer, die die Konzentrationslager überlebt hatten, wurden weiterhin kriminalisiert und gesellschaftlich geächtet. Sie hatten Angst, über ihre Erlebnisse zu sprechen, aus Furcht vor erneuter Verfolgung und sozialer Ausgrenzung.
Erst in den 1990er Jahren begann die deutsche Regierung, diese Menschen offiziell als Opfer des NS-Regimes anzuerkennen. Im Jahr 2002 wurden die Urteile gegen Homosexuelle aus der NS-Zeit offiziell aufgehoben. Diese späte Anerkennung war ein wichtiger Schritt, aber für viele Überlebende kam sie zu spät.
Die meisten von ihnen hatten den Krieg nicht überlebt, und diejenigen, die überlebt hatten, waren durch jahrzehntelange Diskriminierung und Kriminalisierung gezeichnet. Die finanzielle Entschädigung, die nun gewährt wurde, konnte das erlittene Unrecht nicht wiedergutmachen. Die systematische Vernichtung von Zehntausenden Menschen, die allein wegen ihrer sexuellen Orientierung als „Staatsfeinde“ gebrandmarkt wurden, bleibt eine der dunkelsten und lange verdrängten Kapitel der deutschen Geschichte.
Die Aufarbeitung dieser Verbrechen ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Zerstörung von Akten durch die Nationalsozialisten am Kriegsende erschwert die genaue Rekonstruktion der Opferzahlen. Fachleute schätzen, dass zwischen 5.
000 und 15. 000 Männer in Konzentrationslager deportiert wurden, von denen Tausende starben. Die genaue Zahl der Todesopfer wird jedoch nie ermittelt werden können.
Die Geschichte der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus ist eine Mahnung, dass die Verfolgung von Minderheiten nicht mit dem Ende eines Krieges aufhört, sondern dass die gesellschaftlichen Vorurteile und die rechtlichen Strukturen, die solche Verbrechen ermöglichen, oft noch lange nachwirken. Es ist eine Geschichte, die niemals vergessen werden darf, um sicherzustellen, dass sich solches Unrecht nie wiederholt.



